Erst Krise, dann Krieg?

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Ist das, was wir derzeit erleben nur ein Vorspiel auf eine noch viel größere, weltumfassende Krise? Könnte die Geldsystemkrise zu einem Auslöser für einen Krieg werden? Ist der Kampf um Ressourcen, Öl und Gold bereits jetzt voll entbrannt? – Die Welt der Finanzen, der Wirtschaft und der Politik ist aus den Fugen geraten.

Betrachten wir es ehrlich und nüchtern: die Dinge stehen nicht gut. Sie scheinen schon seit längerem einen sehr grimmigen Zustand erreicht zu haben, wie wir einer Warnung entnehmen, die der Internationale Währungsfonds (IWF) vor zwei Monaten abgab. Damals sprach der IWF davon, dass die globale Finanzkrise, die sich immer mehr Richtung Große Depression 2.0 bewegt, zu sozialen Unruhen und sogar zu Krieg führen könnte.[1]

Die Märkte und der Finanzkrieg

Dominique Strauss-Kahn, der Vorsitzende des IWF, sagte seinerzeit, dass die Milliarden, die bereits in die Weltwirtschaft gepumpt worden seien, sich in Luft aufzulösen drohten, es sei denn, es gäbe eine radikale Reform des Finanzsektors. Wortwörtlich teilte Strauss-Kahn mit:

“’Bluntly the situation is dire. All this will affect dramatically unemployment and beyond unemployment for many countries it will be at the roots of social unrest, some threat to democracy, and maybe for some cases it can also end in war”‘[2]

Wohlgemerkt, diese Aussagen wurden verlautbart, bevor die Griechenlandkrise vollends durchschlug, Frau Merkel tagein, tagaus als „Madame Non“ auf der europäischen Bühne auftrat, und das Wort vom durch „Spekulanten und Zockerbanden“ entfachten „Finanzkrieg“ die Runde machte, unter dessen Druck sich die Politik gedrängt sah, das Vertragswerk der Europäischen Währungsunion auszuhebeln, um angeblich „die Märkte zu beruhigen.“ Doch exakt diese Aktivitäten verbreiteten von psychologischer Seite gesehen eher den Eindruck wachsender Hilflosigkeit. Wer soll davor auch nur eine Spur an Respekt aufbringen können? Seit wann stellt Gesetzesbruch einen Ausdruck der Stärke dar?

Das Wall Street Journal kommentierte denn auch unlängst den Gesamteindruck der letzten Wochen, der ein wenig an die Duelle von Elmar Fudd vs. Bugs Bunny erinnert, demgemäß:

“Feeding the financial panic is the policy panic, especially in Europe. Instead of keeping cool, political leaders are restricting short sales, banning hedge funds, and proposing to raise taxes on any euro that moves somewhere that politicians don’t like. All of this only speeds the flight our of euro assets. German Finance Minister Wolfgang Schauble should try not speaking for a day, and see if the euro rises.”[3]

Kann es da wundernehmen, wenn schon die nächsten Wetten gesetzt wurden, dass die in Gang gebrachte Euro-Rettungsaktion noch nicht die letzte gewesen sein wird?

Ein weiteres Ergebnis der Eurokrise ist, dass inzwischen der IWF am griechischen Schuldentisch – und damit gleichsam am europäischen – sitzt. Grund zur Freude oder Beunruhigung für die betroffenen Bürger?

Man frage die Völker in Mittel- und Lateinamerika, auf dem afrikanischen Kontinent und in Ostasien zu ihren Erfahrungen mit dem Internationalen Währungsfonds. Spontane Verzückung bei Erwähnung des IWF wird man wohl kaum antreffen.

Außerdem wird nun verstärkt von einer einheitlichen Finanz- und Wirtschaftspolitik innerhalb der EU gesprochen. Auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise hieß es dazu beispielsweise von der Jahrestagung der Trilateralen Kommission (TK), die zwischen dem 7. bis 9. Mai in Dublin stattfand: „Die Antwort auf die Krise heißt mehr Integration und eine Föderalisierung der Finanzpolitik“, wie sich der frühere EU-Wettbewerbskommissar und ehemalige Welthandelsorganisations-Direktor Peter Sutherland vernehmen ließ. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Bericht von dem TK-Treffen in Dublin, der nur Berücksichtigung in der Druckversion der FAZ fand:

„Das Plädoyer für eine ,Vertiefung’ der Europäischen Union im Allgemeinen und der Euro-Zone im Besonderen war ein Spiegelbild seiner Vermutung, dass ein Scheitern des Euro verheerende Konsequenzen hätte. So wie es auch die führenden Leute der EU-Kommission sehen: Der Euro werde verteidigt, koste es, was es wolle.

Auffallenderweise erhielt Sutherland Unterstützung von dem früheren amerikanischen Notenbankchef Paul Volcker. Die Europäer, so riet der Ratgeber des Präsidenten Obama, sollten die Euro-Krise zum Anlass nehmen, die um den Euro herum gebaute Einheit zu stärken und die „Regierungsstrukturen“ zu verbessern. Der Rat war pragmatisch gemeint, nicht ,eurotheologisch’ begründet. Aber es war offensichtlich, dass Volcker die ,lose Konföderation’ der Gegenwart für stärkungsbedürftig hielt.“[4]

Die Trilaterale Kommission zählt seit Gründung im Jahre 1973 zu den einflussreichsten informellen „Round-Table“-Gruppen des Globus. Dies wurde unterstrichen, als wenig später EU-Kommissar Olli Rehn den aus Dublin zugespielten Ball gerne aufnahm: Konsequenz der Griechenlandkrise könne doch nur sein, dribbelte Rehn den Ball weiter, dass sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Währungsunion ihre nationalen Haushalte zukünftig aus Brüssel autorisieren lassen müssen. In Deutschland wurde der Ball einer „gemeinsamen europäischen Wirtschaftspolitik“, die koordiniert, prüft und genehmigt, von den „Oppositionellen“ Oskar Lafontaine und Jürgen Trittin hochgehalten. Schön zu sehen, dass man sich im Prinzip durch die Bank einig ist.

In Deutschland fand derweilen ein doppeltes „Ermächtigungsgesetz“ statt,[5] das nationales wie europäisches Recht außer Kraft setzt. Zur „föderalen Wirkung“ zählt, dass es gegen den vernehmbaren Willen der Deutschen nun „doch eine Transferunion gibt, wie immer deren offizieller Titel lautet, in der natürlich sie selbst den größten Teil zu stemmen haben.“[6] In Zahlen ausgedrückt bedeutet das doppelte „Ermächtigungsgesetz“:

- ein Rettungsschirm für Griechenland im Umfang von 110 Milliarden Euro mit einem deutschen Anteil von über 22 Milliarden Euro,

- ein Euro-Rettungspaket im Umfang von 750 Milliarden Euro mit einem deutschen Beitrag von über 148 Milliarden Euro.

Zu den oben angemerkten Milliarden, von den Strauss-Kahn beklagte, dass sie sich in Luft aufzulösen drohen, kommen ergo noch einmal etliche hinzu, „um sicherzustellen, dass die EWU noch eine Weile herumhumpeln kann“, wie Investment Manager Marshall Auerback den Sinn und Zweck der europäischen „Rettungsmaßnahmen“ kommentierte.[7]

„Täuschungen durch Auslassungen“

Überhaupt scheinen viele Dinge nur noch herumzuhumpeln und mit Hilfe von Lügen, Manipulationen und „Täuschungen durch Auslassungen“ halbwegs aufrecht gehalten zu werden. Einen falschen Anschein der wirtschaftlichen Erholung wird beispielsweise tagtäglich durch den US-Aktienmarkt gegeben. Tatsächlich ist aber erheblicher Zweifel angebracht, ob der amerikanischen Börse allzu sehr getraut werden darf.[8] Inflationsbereinigt steht der Dow Jones-Index wesentlich weniger beeindruckend da als allgemein wahrgenommen.

E.S. Browning schrieb zu diesem Sachverhalt, den die Medien gerne unerwähnt lassen, um so ihren Teil bei den „Täuschungen durch Auslassungen“ zu erbringen:

“Despite its 2009 rebound, the Dow Jones Industrial Average today stands at just 10520.10, no higher than in 1999. And that is without counting consumer-price inflation. In 1999 dollars, the Dow is only at about 8200 and would have to rise another 28% or so to return to 1999 levels. Using today’s dollars and starting at 10520.10, the Dow would have to surpass 13460 to get back to its 1999 level in real, inflation-adjusted terms.”[9]

Browning erwähnte des Weiteren:

“Prof. William Hausman at the College of William & Mary long has urged the media to offer people inflation-adjusted stock charts. He says newspapers and analysts frequently point to the Dow’s 2007 record of 14164.53 and talk about how far the Dow would need to climb to return to that level. In inflation-adjusted terms, however, the Dow in 2007 never quite surpassed its 2000 record, Prof. Hausman calculates. To return to an inflation-adjusted record now, he adds, the Dow would need to break 15000.

‘It really puts in perspective how stocks are doing,’ he says.”

Zu dieser „Täuschung durch Auslassung“ kommt erschwerend hinzu, dass der US-Aktienmarkt künstlichen Eingriffen von der “Working Group on Financial Markets“ unterworfen scheint.[10] Auf meine Frage, wie die „indirekten Beweise“ beschaffen seien, die auf Manipulationen des Marktgeschehens durch das umgangssprachliche Plunge Protection Team (PPT) hindeuten, antworte der Investmentberater J.S. Kim in einem Interview mit mir:

“It’s actually everywhere, you just have to dig to find it. At least in US-markets, we’ve had enormous rallies in finance stocks in the last ten minutes of trading on numerous days, enormous spikes in volume in the last half hour of trading when volume has been flat for the whole trading session, and so on. These types of actions indicate that someone wants to prime the marks higher for the following day.

During the rally of US markets for the first half of 2010, almost every single dip below technically important support points, which technical traders follow like the Bible, were bought to push indexes back above certain important technical points that would have triggered the black boxes and automatic selling. For the first six months of 2010, almost every single important failure in technical support levels were immediately reversed. I’ve never seen that happen before in 20 years of following the markets. Furthermore, at times during this rally, there were enormous amounts of S&P 500 futures contracts purchased by unknown entities after market close and before market open the next day. The only institution being capable of this kind of enormous buying is the Plunge Protection Team directed by the Fed and the US Treasury. Whether or not Goldman Sachs and JP Morgan were involved in this activity remains unknown.

Even last year, between September 14, 2009 and January 2010, 100% of the gains of the US-market basically occurred in after hours trading when markets are illiquid and very easy to manipulate.”[11]

Da zu den bevorzugten Instrumenten des PPT das stete Senken der Zinssätze zählt, die vom Federal Reserve System durchgeführt werden, diese aber nach wie vor nahezu Null Prozent betragen, dürfte die Magie der „unsichtbaren Hand” des PPT allmählich an seine Grenzen stoßen, so Herr Kim aus den USA. Sollte die Federal Reserve überdies gezwungen sein, die Zinsen zu heben, dürfte die derzeitige deflationäre Phase enden und stattdessen das eintreten, was die Auguren seit Jahr und Tag für die Vereinigten Staaten vorhersehen: eine ausgeprägt inflationäre Phase.

Gold- und Ölpreis

Nutznießer einer inflationären Entwicklung würden eindeutig die Edelmetalle sein, während Anlagegüter wie Aktien und Anleihen an Wert verlören. Die Preise für Nahrungsmittel und Energien dürften ebenso stark anziehen.

Die Aussichten für Gold und Silber stehen langfristig äußerst gut. Vergleiche mit der Überhitzungsperiode 1979/80 treffen nicht zu, von einer Blase kann kaum die Rede sein (auch hier scheint eine Betrachtung der inflationsbereinigten Preise nicht ganz unangebracht), und es gibt mindestens zwei formidable Gründe, weshalb ein Anstieg des Goldpreises weiterhin sehr wahrscheinlich dünkt: Zum einen nimmt die weltweite Goldproduktion nicht zu, sondern ab, ja, womöglich ist sogar der „peak gold“ überschritten; und zum anderen dürfte es der New Yorker Terminbörse und den Bullion-Banken, wenn es hart auf hart kommt, unmöglich fallen, das physische Gold, für das offene Kontrakte bestehen, auch tatsächlich auszuliefern.

Sollte der zweite Grund richtig zum Tragen kommen, wird der Goldpreis auf eine Art und Weise ansteigen, wie es noch nie zuvor erlebt wurde. Wie es Dr. Bernd Heim auf den Punkt brachte: „Die Schlacht um das Gold wird physisch entschieden.“[12]

Insgesamt dürfte Bob Chapman richtig liegen, der in der jüngsten Ausgabe des “International Forecaster“ (www.theinternationalforecaster.com) vom 26. Mai zu Gold und Silber schreibt:

“We believe the rallies you are seeing in gold and silver will continue through the summer and well into the fall. We have seen aggressive short covering by bank trading desks. The fraud created by central banks and others could blow sky high. The LBMA (The London Bullion Market Association) and Comex could be in very serious trouble. We also see more and more investors switching from GLD and SLV and buying shares and bullion. The sovereign debt crisis, in spite of a $1 trillion TARP, is spreading. We warned of this long ago. Next is England followed by the US. Those who believe that the US dollar and Treasuries are a safe haven are sadly mistaken. US swap spreads are the widest in 13 months. Three-month Libor rates are moving up strongly, as banks refuse to lend to each other. That means the Fed has to move in as they did before and take over the market. These events and those manufactured by elitists to force the market down to scare Congress into passing legislation, will eventually lead to more massive liquidity injections, which in turn will lead to higher inflation.”

Auf einen sehr viel höheren Ölpreis, mit entsprechendem Negativ-Echo für die Goldproduktion, können wir uns gleichfalls gefasst machen, einerlei der Tatsache, dass er derzeit in seinem Aufwärtsimpuls gehemmt wird. Nach dem Scheitern an der Marke von 85 US-Dollar pro Barrel, hat der Ölpreis inzwischen die 200-Tages-Linie, die aktuell bei 79,5 US-Dollar steht, unterschritten, was wir als ein Anzeichen dafür werten können, dass die Konjunktur rückläufig ist. Des Weiteren dürften die nach wie vor hohen Lagerbestände Druck auf den Ölpreis ausüben. Soweit das kurzfristige Bild des Ölpreises in diesem Monat.

Denn dann gibt es ja noch die übergeordnete Rechnung, wonach wir berücksichtigen müssen, dass die Internationale Energieagentur (IEA) Ende 2008 davon sprach, dass in den großen Ölfeldern, von der die weltweite Produktion maßgeblich abhängt, die jährliche Produktion über 9% abnimmt. Allein wenn erkleckliche Kapitalsummen freigesetzt würden, um massiv in „Enhanced Oil Recovery“-Technologien zu investieren, könnte der Rückgang eventuell auf 6,4% gedrückt werden, so die IEA. [13] Die Betonung liegt auf eventuell. Ganz zu schweigen von der berechtigten Frage: „Wo sollen denn diese Kapitalspritzen in Zeiten einer ausgeprägten Finanz- und Wirtschaftskrise herkommen?“

Insgesamt ist zu verzeichnen, dass die Quote der Entdeckungen neuer Ölfelder seit den frühen 1960er Jahren rückläufig ist. Damals wurde viermal soviel Öl gefunden als verbraucht wurde. Dieser Trend hat sich dramatisch umgekehrt: trotz all der neuen Technologie, die zur Verfügung steht, werden per Annum nur noch 1/10 des Öls im Vergleich zu damals entdeckt, während der Verbrauch fünfmal höher liegt im Vergleich zur Produktion. Sollte es nicht gelingen, diese Entwicklung zu stoppen, wird das nur bedeuten können, dass das Ölangebot nicht länger mit der Nachfrage Schritt halten kann und dass es zu neuerlichen Preisdurchbrüchen nach oben kommt, die eine Reihe von Abschwüngen der weltweiten Wirtschaftsleistung nach sich ziehen werden.

In diesem Kontext offenbart die Ölpest im Golf von Mexiko ein wachsendes Problem der Industrienationen: Bohrungen in der Tiefsee sind hochriskant, irgendwoher muss das benötigte Öl jedoch besorgt werden. Wohl auch aus diesem Grund tun die Medien ihr Möglichstes, zu verschweigen, dass das Leck der „Deepwater Horizon“-Ölplattform von BP sehr viel größer sein könnte, nämlich bis zu 19 mal so hoch, als ursprünglich angenommen.[14]

Statt 5000 Barrel pro Tag, wären das dann bis zu 100.000 Barrel pro Tag, die ins Meer gelangen. Der Gründer der Energie-Investmentbank Simmons & Company International, Matthew Simmons, schätzte den Vorgang vor der Südküste der USA so ein: “I don’t think they’re going to be able to put the leak out until the reservoir depletes. It’s just too technically challenging.”[15] Behält Herr Simmons recht, würden 50 Millionen Barrel Öl austreten. Überdies steht jetzt schon zu erwarten, dass die Reinigungskosten und Schadensersatzansprüche BP in den Ruin treiben werden.

Ferner können die Öltanker, die aus dem Mittleren Osten die USA ansteuern, nicht mehr allzu lange den Offshore-Ölhafen an der Küste Louisianas benutzen, um ihre Ölimporte abzuliefern. Die Fischindustrie steht vor dem Aus. Tausende Geschäfte müssen schließen. Lokale Banken werden folgen. Wasser auf jene Mühlen, die höhere Zinssätze und damit die Inflation begünstigen.

Doch das Bohren in der Tiefsee wird weitergehen. Wie Michael T. Klare, ein Professor am Hampshire College in Amherst, erklärt:

“The Deepwater Horizon explosion, we assuredly will be told, was an unfortunate fluke: a confluence of improper management and faulty equipment. With tightened oversight, it will be said, such accidents can be averted — and so it will be safe to go back into the deep waters again and drill for oil a mile or more beneath the ocean’s surface.

Don’t believe it. While poor oversight and faulty equipment may have played a critical role in BP’s catastrophe in the Gulf, the ultimate source of the disaster is big oil’s compulsive drive to compensate for the decline in its conventional oil reserves by seeking supplies in inherently hazardous areas — risks be damned.

So long as this compulsion prevails, more such disasters will follow. Bet on it.”[16]

In der Tat haben die USA unlängst angekündigt, sehr viel mehr Gebiete für die Ölsuche freizugeben, um zu versuchen, ihre Abhängigkeit von Ölimporten zu reduzieren.[17] Die Absicht, weiterhin vor der Küste des Golfs von Mexiko aktiv zu bleiben, wurde dieser Tage ausdrücklich von Präsident Barack Obama bestätigt.[18]

Zwar gehören die Vereinigten Staaten immer noch zu den größten Produzenten von Erdöl auf der Welt, jedoch müssen sie beinah 57% des Guts importieren, damit der tägliche Bedarf von 18,7 Millionen Barrel gesättigt werden kann. Diese Importe stammen hauptsächlich, der Reihenfolge nach, aus Kanada, Mexiko, Nigeria, Saudi Arabien, Venezuela, Algerien, Irak, Angola, Brasilien, Kolumbien, Russland, Kuwait, Aserbaidschan, Kongo und Ekuador.

China und das Erdöl

Es lohnt, das Thema Öl besonders auch in Bezug auf China anzureißen, nachdem wir en passent erwähnen möchten, dass die dortige Finanzblase vorm Bersten steht. Jedenfalls hat der chinesische Aktienmarkt seit Jahresbeginn über 20% abgegeben. Solch ein Rückgang wird gemeinhin schon mal als Baisse tituliert.

De facto ist China der Produkthersteller Nummer Eins auf der Welt, so dass es zunehmend schwerer fällt, eine Handelsware zu finden, die nicht wenigstens teilweise in China zusammengesetzt wurde. Etwas mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Chinesen gehen aufs Konto der Industrieproduktion. Die Leistung des Industriesektors und das Wirtschaftswachstum Chinas insgesamt sind allerdings unmöglich ohne Zugang zu billigem Öl. Anders gewendet: im Jahr 2000 lag der chinesische Anteil an der weltweiten Gesamtnachfrage für Öl bei 5,6%, mittlerweile sind es 9,3%. Da kann es nicht verwundern, dass China eine zunehmend gewichtigere Rolle auf dem globalen Ölmarkt einzunehmen versucht.

Ähnlich wie die USA, gehört auch die Volksrepublik China zu den größten Erdölproduzenten der Welt. Genauso wie die Vereinigten Staaten, kann sie ihren Bedarf von derzeit 8,7 Millionen Barrel pro Tag aber nur durch Importe decken. Der Ölverbrauch übersteigt die heimische Produktionsfähigkeit bei weitem. Der Importanteil beträgt circa 52 Prozent. Nach 2020 wird der eigene Ölausstoß wohl rückläufig sein. Es wird gemutmaßt, dass dann nahezu 65 Prozent des anvisierten Ölverbrauchs Chinas von Importen abhängt. Die IEA schätzt, dass 75 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs im Jahre 2030 allein auf China entfallen könnten.

Was also macht China? Vor allem investiert es in die Ölsuche und in den Abschluss von langfristigen Förderrechten auf der ganzen Welt – von Südamerika über Afrika bis hin in den asiatisch-pazifischen Raum.

Die größten Importressourcen stellen Angola, Saudi Arabien, Nigeria und der Iran. Was Saudi Arabien angeht, gemessen an den Ölreserven das größte Mitglied der OPEC, so bezieht China von dort mittlerweile mehr Öl als der wichtigste saudische Verbündete von ehedem, die USA.[19] Zudem versteht sich China zunehmend besser mit Russland, dem aktuell größten Erdölexporteur der Welt. Diese neue Nähe zwischen China und Russland darf man als ein Ergebnis des US-amerikanischen “Global War on Terror“ ansehen, das so bestimmt nicht beabsichtigt war. Hinzu kommt die Kooperation chinesischer Firmen mit Energie-Unternehmen aus Turkmenistan, Kasachstan und Usbekistan – zum Beispiel bei Ölförderprojekten im Irak, aber auch Pipelineprojekten in Zentralasien, die allesamt “will undercut the geopolitical significance of the Washington-backed Baku-Tbilisi-Ceyhan (BTC) oil pipeline“, die seit 2006 im Betrieb ist.[20]

Chinas Energiepolitik ist vor allem extrem wichtig im Hinblick auf den Iran. Ohne den „großen Bruder“ im Rücken, würde es die iranische Führung kaum wagen, dem US-Dollar sowohl für die Abwicklung der Import- als auch der Exportgeschäfte zunehmend den Laufpass zu geben. Ein ähnlicher Schritt hat bereits dem Regime von Saddam Hussein im benachbarten Irak nicht sonderlich gut getan. Dabei ist ein Augenmerk darauf zu werfen, dass die Chinesen vor der US-amerikanischen Invasion langfristige Verträge mit dem Irak abgeschlossen hatten. China hat inzwischen im Irak erneut auf bedeutende Weise Fuß gefasst und ist somit zu keinem Verlierer der Invasion per se geworden (Halliburton und Bechtel sind hier nicht die einzigen Gewinner, sondern auch ein Unternehmen wie Sinopec); nichtsdestoweniger dürfte es erpicht sein, seine langjährigen Bemühungen nicht abermals über den Haufen geworfen zu sehen.

Iran trägt zu sechs Prozent der chinesischen Ölversorgung bei (circa 500.000 Barrel pro Tag). Damit ist China nach Japan der zweitgrößte Abnehmer iranischen Öls. Pro Tag pumpt der vorderasiatische Staat rund 4,5 Prozent des täglichen globalen Angebots aus der Erde. Der größte Anteil davon geht an Asien, der Rest an Europa. Von daher ist der Iran “a place of enormous strategic importance to China, to Japan, to Russia, to the European Union, and for all these reasons, to Washington as well.”[21]

Jenseits der Debatte, ob einem die iranische Führung gefällt und ob diese beabsichtigt, eine Atombombe zu bauen, sollten auch nicht die diversen Pipelines übersehen werden, die im “Greater Middle East“ entweder geplant werden und unter Konstruktion stehen oder aber bereits im Betrieb sind. Andernfalls könnte man leicht Gefahr laufen, den eigentlichen Kern, um den es bei der „Iran-Frage“ geht, zu verpassen. Iran nimmt bei diesen Pipelineprojekten eine zentrale Stellung ein, wie die nachfolgende Karte hervorhebt[22]:

http://leftwrite.files.wordpress.com/2008/08/oil-pipelines-east-and-west.jpg

Eine wichtige Pipeline, nicht sosehr für die USA, aber für Europa, ist die Erdgas-Pipeline Nabucco. Mit ihr möchte sich Kontinentaleuropa unabhängiger von russischen Erdgaslieferungen machen. Der mehrmals verschobene Baubeginn ist für 2011 vorgesehen. Nach der Fertigstellung durch das Betreiberkonsortium unter – man muss wohl sagen: bisheriger – Führung von BP, soll Europa mit den Erdgasvorkommen am Kaspischen Meer verbunden sein. Da sich jedoch die zentralasiatischen Republiken zunehmend in Richtung China und Russland umorientieren, stellt sich die Frage, ob nicht auch irakisches und iranisches Erdgas für Nabucco in Frage käme. Im Irak sind allerdings Russland, China und Japan bedeutend besser positioniert als die Europäer. Bliebe noch der Iran. Daher die europäische Zurückhaltung beim Rühren der Kriegstrommeln gegen das persische Reich in den letzten Jahren.

Zwei Folgen eines US-amerikanischen Militärschlags auf den Iran könnten sein:

- der Ölpreis würde auf das drei- bis vierfache seines jetzigen Niveaus katapultiert werden. Dazu bedürfte es von iranischer Seite lediglich der Blockierung der Straße von Hormuz. Durch diese Meeresenge laufen circa 40 Prozent der Gesamtproduktion im Persischen Golf, der ölreichsten Region der Welt.

- wie Antal E. Fakete, Professor of Money and Banking an der San Francisco School of Economics, darlegt: „Nach anfänglicher Euphorie könnte das amerikanische Militär Rückschläge zu Boden, zu See und zu Luft erleiden –  ganz einfach wegen der längeren Kommunikationswege zur Heimatbasis und auch weil der Aggressor den Nachteil hat, dass ihm der patriotische Eifer der Verteidiger entgegenschlägt (siehe Vietnam). In diesem Szenario wäre eine Hyperinflation ein möglicher Ausgang.“[23]

Es ist davon auszugehen, dass der US-amerikanischen Führung diese Dinge beim Abwägen des Pro und Contra eines Angriffs auf den Iran bekannt sind. Im Hintergrund steht dabei ein Kalter Krieg mit China um die Kontrolle der Erdöl- und Gasversorgung der Zukunft.

Und das US-Militär?

Wenn wir uns mit Fragen beschäftigen, die soziale Unruhen und Kriege entfachen können, darf das US-Militär nicht außen vor bleiben. Bezogen auf Öl macht das umso mehr Sinn, so wir uns vor Augen halten, dass das Pentagon der größte einzelne Energieverbraucher der Welt ist.[24] Dementsprechend sollte zur Kenntnis genommen werden, dass das US-Militär in einem “Joint Operating Environment Report“, der im April vom US-Joint Forces Command unter Federführung von General James N. Mattis veröffentlicht wurde, das folgende Szenario ausbreitet:

“By 2012, surplus oil production capacity could entirely disappear, and as early as 2015, the shortfall in output could reach nearly 10 million barrels per day.”[25]

Der Report hält ebenso fest:

“While it is difficult to predict precisely what economic, political, and strategic effects such a shortfall might produce, it surely would reduce the prospects for growth in both the developing and developed worlds. Such an economic slowdown would exacerbate other unresolved tensions, push fragile and failing states further down the path toward collapse, and perhaps have serious economic impact on both China and India.”

Es wurde zwar offiziell verlautbart, dass die Sicht des US-Militärs nicht als Richtlinie für die Politik der US-Regierung genommen werden könne; gleichwohl wurde betont, dass der Report die Joint Forces mit “an intellectual foundation“ versorgen soll, “upon which we will construct the concept to guide out future force developments.”

Ein Punkt sticht in dem Report extra hervor, wenn es darum dreht, was wirtschaftlich unruhige Zeiten zu bewerkstelligen vermögen:

“One should not forget that the Great Depression spawned a number of totalitarian regimes that sought economic prosperity for their nations by ruthless conquest.”

Die Zeichen der Zeit stehen, ehrlich und nüchtern besehen, zunehmend auf „ungemütlich“.

QUELLEN:

[1] Kirsty Walker: “Finance crisis ‘could lead to war’, IMF warns”, veröffentlicht in Daily Mail am 24. März 2010 unter: http://www.dailymail.co.uk

[2] ebd.

[3] “The Fear Returns. Europe’s policy panic is feeding another financial panic”, veröffentlicht auf Wall Street Journal am 21. Mai 2010 unter: http://online.wsj.com

[4] siehe Klaus-Dieter Frankenberger: „Euroföderalismus. Die Krise der europäischen Währung hat Konsequenzen für die Integration“, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 12. Mai 2010.

[5] vgl. John Ryskamp: „German Greek Bailout Legislation as an Enabling Act“, veröffentlicht von MMNews am 5. Mai 2010 unter:  http://www.mmnews.de

[6] Siehe Endnote 4.

[7] vgl. Marshall Auerback: “Explosion beim Goldpreis? Fiat Money am Ende?“, veröffentlicht auf MMNews am 17. Mai 2010 unter: http://www.mmnews.de

[8] vgl. Edwin Hamilton: „Real Dow January 1924 – now“, veröffentlicht unter: http://homepage.mac.com

[9] siehe Ryan Chittum: “The Real Dow”, veroffentlicht vom Columbia Journalism Review am 5. Januar 2010 unter: http://www.cjr.org/the_audit/the_real_dow.php

[10] vgl. Lars Schall: „Bis hierher lief’s noch ganz gut…“, veröffentlicht auf MMNews am 31. Januar 2010 unter: http://www.mmnews.de. Siehe hierzu auch Joe Weisenthal: “TrimTabs CEO Biderman: I Think The Government Is Buying Up The Stock Market, Though I Have No Evidence”, veröffentlicht auf Business Insider am 4. Februar 2010 unter: http://www.businessinsider.com

[11] vgl. Lars Schall: “We Don’t Need Central Banks”, Interview mit J.S. Kim, veröffentlicht auf MMNews am 15. Mai 2010 unter: http://www.mmnews.de
[12] Bernd Heim: „Die Schlacht um das Gold wird physisch entschieden“, veröffentlicht auf Rohstoffe GeVestor am 28. April. 2010 unter: http://rohstoffe.gevestor.de

[13] vgl. Carola Hoyos and Javier Blas: “World will struggle to meet oil demand”, veröffentlicht in der Financial Times am 28. Oktober 2008.
[14] Renee Schoof / Lauren French: „Gulf oil spill may be 19 times bigger than originally thought“, veröffentlicht auf McClatchy am 19. Mai 2010 unter: http://www.mcclatchydc.com/

Siehe ferner Stephen Lendman: “BP and Administration Lies, Deceit, and Coverup in the Gulf”, published under: http://sjlendman.blogspot.com

[15] vgl. Joel Achenbach: “After Gulf Coast oil spill, scientists envision devastation for region”, veröffentlicht in der Washington Post am 5. Mai 2010 unter: http://www.washingtonpost.com

[16] siehe Michael T. Klare: “The Oil Rush to Hell / The Relentless Pursuit of Extreme Energy. A New Oil Rush Endangers the Gulf of Mexico and the Planet”, veröffentlicht auf Tom Dispatch am 18. Mai 2010 unter: http://www.tomdispatch.com

[17] vgl. Merlin Flower: “US opens more areas for oil exploration”, veröffentlicht auf Oil Price Net am 7. April 2010 unter: http://www.oil-price.net

[18] Matt Spetalnick: “Obama: Gulf drilling only if ensure no more spills”, veröffentlicht auf Reuters am 22. Mai 2010 unter: http://www.reuters.com

US-Präsident Obama wird darin wie folgt zitiert: “We must … pursue domestic sources of oil and gas. Because it represents 30 percent of our oil production, the Gulf of Mexico can play an important part in securing our energy future. But we can only pursue offshore oil drilling if we have assurances that a disaster like the BP oil spill will not happen again.”

[19] vgl. Jad Mouawad: “China’s Growth Shifts the Geopolitics of Oil”, veröffentlicht in New York Times am 19. März 2010 unter: http://www.nytimes.com

Darin heißt es: “Last year, Saudi exports to the United States fell to 989,000 barrels a day, the lowest level in 22 years, from 1.5 million barrels a day the previous year, according to the Energy Information Administration.

Meanwhile, Saudi sales to China surged above a million barrels a day last year, nearly doubling from the previous year. The kingdom now accounts for a quarter of Chinese oil imports.”

[20] siehe F William Engdahl: “China lays down gauntlet in energy war”, veröffentlicht auf Asia Times am 21. Dezember 2005 unter:http://www.atimes.com

[21] ebd.

[22] Für mehr Karten der diversen Pipelinerouten siehe Nima Maleki: “Energy pipelines in Eurasia: maps of the New Silk Road“, veröffentlicht am 21. April 2009 unter: http://positivity.wordpress.com

[23] Antal E. Fakete: „Hyperinflation oder Hyperdeflation?“, veröffentlicht auf Goldseiten am 15. Mai 2010 unter: http://www.goldseiten.de

[24] Sohbet Karbuz: “US Military Oil Pains”, veröffentlicht auf Energy Bulletin am 17. Februar 2007 unter: http://www.energybulletin.net/node/26194

In diesem Artikel schreibt Karbuz: “Yes, the US military is completely addicted to oil. Unsurprisingly, its oil consumption for aircraft, ships, ground vehicles and facilities makes the Pentagon the single largest oil consumer in the world. By the way, according to the 2006 CIA World Factbook rankings there are only 35 countries (out of 210) in the world that consume more oil per day than the Pentagon.”

[25] Terry MacAlister: “US military warns oil output may dip causing massive shortages by 2015”, veröffentlicht in The Guardian am 11. April 2010 unter: http://www.guardian.co.uk

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