Die Zukunft des Silbers

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Thorsten Schulte, Chefredakteur von „Silberjunge“, empfiehlt seit Jahren den Kauf physischen Silbers. In dem nachfolgenden Interview mit Lars Schall zeigt er en detail auf, warum das so ist, und erklärt: „Silber ist das bessere Gold!“


Thorsten Schulte, geboren 1973, ist ein Finanzexperte, der vor allem in einen besonderen Rohstoff investiert: physisches Silber. Von 1999 bis Mitte 2008 war er im Bereich Investmentbanking engagiert, so beispielsweise im Frankfurter Handel der Deutschen Bank sowie als stellvertretender Abteilungsdirektor der Deutschen-Zentral Genossenschaftsbank. Für die DZ Bank hat er die allerersten Rohstoffinvestments deutscher Volksbanken initiiert und rät seit Jahren mit Entschiedenheit zum Einstieg in langfristige Gold- und Silberinvestments, um sich so gegen die Unbilden des US-zentrischen Weltfinanzsystems abzusichern, das er dem Untergang geweiht sieht. Seine Expertise teilt er insbesondere als Chefredakteur des Börsenbriefs „Silberjunge“ auf http://www.silberjunge.de/ mit.

Herr Schulte, Ihre Person ist in der Öffentlichkeit untrennbar mit dem Thema Silber verbunden. Könnten Sie zu Beginn für unsere Leser nachzeichnen, wie Sie dazu gekommen sind?

Anfang des Jahrtausends war ich als Investmentbanker im Anleihengeschäft tätig. Damals sah ich zwar noch historische Zinstiefs voraus und durfte dies vor hunderten Bankvorständen predigen, aber tief in mir wusste ich, dass danach eine neue Zeit anbrechen würde. Schon damals machten mich die weltweiten Verschuldungsentwicklungen unglaublich besorgt. Ich werde nicht müde, auf die Anleihenschwemme hinzuweisen. Ende der 80er Jahre gab es Anleihen der Staaten, Banken und Unternehmen, die einen jährlichen Zins zahlen, in einer Größenordnung von rund 15.000 Milliarden Dollar. Ende 2009 waren es über 91.000 Milliarden. Damals entsprach die Summe 78 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, heute sind es über 157 Prozent. Reden wir Klartext: Diese Schuldverhältnisse leben nur vom Vertrauen der Menschen.

Ich suchte damals also nach einem Wertspeicher für mein Vermögen, der mir Schutz gegen die Anleihenblase bietet. Gold hat für mich nur einen ideellen Wert. Es ist mehr eine Glaubensfrage, denn rund 90 Prozent der jährlichen Goldnachfrage entfallen auf Schmuck und Investments. Nur ein Zehntel wird von der Industrie nachgefragt. Das alles hören die eingefleischten Goldbugs natürlich gar nicht gern. Aber bei Silber werden in den letzten Jahren rund 60 bis 70 Prozent von Industrie, Photographie und Tafelsilber verbraucht. Silber hat die höchste Leitfähigkeit an Wärme und Energie. Es verfügt zudem über ein hervorragendes Reflexionsvermögen und über eine antibakterielle Wirkung. In meinem Kühlschrank, in meinem Mobilfunktelefon, in meinem Auto und in vielen anderen Dingen steckt Silber. Der „kleine Bruder“ des Goldes ist von großer realwirtschaftlicher Bedeutung. Das alles machte mich zu einem glühenden Anhänger des Silbers.

 

Sie selber investieren in Silber seit 2002. Wie lauten seither Ihre wichtigsten Erfahrungen in diesem Marktsegment?

Erstens habe ich seit 2001 gelernt, dass man als Silberfan unsagbar viel Geduld braucht. Besonders habe ich das Ende 2004 und 2005 gelernt, als man jede Woche aufs Neue den großen Ausbruch aus der damaligen Dreiecksformation erwartete. Das Warten wurde aber belohnt und im März 2006 waren wir sogar bei über 15 Dollar. Zweitens ist es in keinem anderen Markt so wichtig, antizyklisch zu investieren. Sagen mir die Chartisten, wir sind nun aus einem Dreieck ausgebrochen, so warne ich stets vor Rückschlägen.

Bei der Euro-Krise im Mai warnte ich beispielsweise davor, dass wir nochmals auf die obere Begrenzung des Dreiecks zurückfallen könnten und warnte vor Kaufpanik. Bei dem Rutsch des Silbers auf unter 15 Dollar am 05. Februar hatte ich beherzt meine Investments hochgefahren. Viele fragten mich dann aber Wochen später bei über 18 Dollar, ob sie denn jetzt noch kaufen sollen. Auch ich mache Fehler und treffe nicht exakt Hochs und Tiefs, aber ich stelle bei den meisten Investoren fest, dass sie Herdentiere sind.

Das verschafft disziplinierten „Contrarians“ große Opportunitäten und das will ich gar nicht beklagen. Aber in keinem Markt ist es so wichtig wie im Silber. Der Markt ist winzig im Vergleich zu anderen Märkten. Die Leser kennen sicher schon die Vergleiche, dass die Minenproduktion des Jahres 2009 selbst bei 20 Dollar je Feinunze gerade einmal einen Wert von 14,2 Milliarden Dollar hat. Das Gold kommt auf 104 Milliarden gegenwärtig. Die Anleihenblase vergrößerte sich allein im letzten Jahr um fast 8.300 Milliarden Dollar auf bereits erwähnte 91.234 Milliarden. Verbreiten wir gemeinsam diese Vergleiche.

Wie würden Sie den derzeitigen Ist-Zustand beim Silber und den weiteren Edelmetallen beschreiben? Manche Auguren befürchten einen Einbruch bei den Edelmetallpreisen – teilen Sie diese Ansicht?

Also ich bin gewiss nicht auf dem Deflationsauge blind und riet ja Mitte 2008 meinen Lesern zum Kauf langlaufender deutscher Staatsanleihen, weil ich damals vor Deflation warnte. Aber das ganze Jahr 2010 bis zum heutigen Tage versuche ich, den „Deflationisten“ Wind aus den Segeln zu nehmen und den Investoren den dringenden Rat zu geben, jede Schwäche bei den Edelmetallen zum Kauf zu nutzen.

Der Zeitraum September bis Januar ist doch recht stark, wenn wir die Seasonalcharts meines Freundes Dimitri Speck betrachten (www.seasonalcharts.com). Weltwirtschaftlich zeigen mir die globalen Einkaufsmanagerindizes und der Frühindikator für die 31 OECD Mitgliedsstaaten plus 6 BRIICS – Brasilien, Russland, Indien, Indonesien, China und Südafrika – weiterhin Wachstum an. Das Ende des Rohstoffbooms heute auszurufen, ist aus meiner Sicht daher jetzt (!) nicht berechtigt. Die deutsche Wirtschaft ist ja besonders mit der Weltwirtschaft vernetzt. Schauen wir uns hier doch meinen Lieblings-Deflations-Warnindikator an. Gemeint ist das Ifo-Geschäftsklima der chemischen Industrie. Bereits im Januar 2008 rutschte dieses bekanntlich in den negativen Bereich und signalisierte nichts Gutes. Im August stieg der Wert auf 37,1 und liegt damit nur geringfügig unter dem historischen Hoch von 42,2 im Januar 2010.

Das Geschäftsklima der Chemie ist also prächtig und die Branche steht in den Produktionsabläufen am Anfang. Sie ist und bleibt für mich ein guter Frühindikator. Es mag ja sein, dass uns die vielen ständig von mir beobachteten Indikatoren in einigen Monaten Ungemach signalisieren und wir umdenken müssen. Momentan bleibe ich meiner Linie allerdings treu. Rückenwind für Silber daher von der industriellen Seite und die Investmentnachfrage sieht auch wieder gut aus. Anfang September sind in den börsengehandelten Fonds (i-Shares, ZKB, Julius Bär, ETF-Securities) 417 Mio. Unzen angelegt und die Absatzzahlen der US Mint sind hervorragend. Die hervorragende Silberstory verbreitet sich und die Menschen entdecken wieder die Funktion als Wertspeicher. Hier stehen wir noch immer am Anfang und es gibt noch nicht einmal eine Unze Silber je Erdenbürger!

 

Wie verhalten sich Edelmetalle bei Inflation und Deflation? Anders gefragt: Wohin geht die Reise Ihrer Einschätzung nach langfristig?

Was bei einem allgemeinen Deflationsschock passiert, haben wir ja 2008 gesehen. Silber wird dann natürlich mehr verlieren als Gold. Wer am 17. März 2008 beim Goldhoch von 657 Euro investierte, der hatte am 12. September beim Tief des Goldpreises in Euro rund 20 Prozent verloren. Das Silber sah am 17. März 2008 bei 12,82 Euro sein Hoch und fiel dann am 27. Oktober 2008 auf sein Tief von 7,26 Euro. Ein Minus von 43,4 Prozent. Aber dies war bekanntlich nur von sehr kurzer Dauer.

Seit der Reflation 1.0 2003 und infolge der viel größeren Reflation 2.0 ab 2009 hat Silber derzeit deutlich die Nase vorn. Ehrlich gesagt, halte ich nichts von einem globalen Deflationsszenario. Obama wird nicht der große Sparkommissar. Die Chinesen haben auch kein Interesse an einem deflationären Kollaps, denn politische und soziale Spannungen drohen auch dort.

Ich setze langfristig klar auf die Dynamik der Schwellenländer. Die weltweiten Exporte haben nahezu ihre alten Hochs aus dem Jahre 2008 erreicht. Nicht in Europa und den USA. Diese Blasenwirtschaften werden es schwer haben. Aber der asiatisch-pazifische Raum und Lateinamerika ziehen uns aus dem Sumpf.

Sie gehen davon aus, dass die Preiszuwächse bei Silber diejenigen bei Gold übertrumpfen werden. Welche Gründe können Sie dafür vorbringen?

In meiner Studie habe ich herausgearbeitet, dass die gesamte Silberförderung in der Menschheitsgeschichte ungefähr beim 8fachen der Goldförderung liegt. Die Silberressourcen, die den technologischen Fortschritt und Preissteigerungen berücksichtigen, liegen noch nicht einmal beim 6fachen des Goldes. Es kann also im Vergleich zu Gold noch nicht einmal das 6fache an Silber aus dem Boden geholt werden.

Hinzu kommt, dass beim Silber anders als beim Gold rund die Hälfte in der Industrie verbraucht wurde oder verloren gegangen ist. Das historische Gold-Silber-Wertverhältnis lag zwischen 450 vor Christus und 1871/73 bei rund 15 zu 1. Heute kostet eine Unze Gold noch immer das 63fache einer Unze Silber. Dies ist eine massive Überbewertung des Goldes und kann nur erklärt werden, weil die Menschen Gold als Wertspeicher benutzen und nicht Silber. Aber warum sollte ich das tun? Die Mehrwertsteuerbefreiung von Gold wird die meisten ins Gold treiben. Aber können denn 7 Prozent ermäßigte Mehrwertsteuer bei einer wunderschönen 1-Kilogramm-Silbermünze den Blick auf die viel besseren Chancen verstellen?

60 bis 70 Prozent werden von der Realwirtschaft gebraucht und nur rund 30 Prozent bedienen die Schmuckindustrie und die Investmentnachfrage. Beim Gold sind es 90 Prozent. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sich das viel bessere Chance/Risiko-Verhältnis von Silber herumsprechen wird. Wir brauchen nur Geduld wie bei einer guten Aktie. Bei Apple vergingen auch Jahre, bis sich die Innovationskraft unaufhaltsam die mediale Präsens erkämpfte. Bei Silber wird dies ähnlich sein, dessen bin ich mir sicher.

Eine weitere Grundsatzfrage: Wie schaut es bei der Silbernachfrage in der Industrie aus?

Also die verfügbaren Silberlagerbestände belaufen sich auf rund 800 Mio. Unzen. Dies entspricht nicht einmal der Gesamtnachfrage eines Jahres. Wenn ich alle produzierten Silbermünzen und –barren ins Verhältnis zur Gesamtnachfrage setze, komme ich auf rund eineinhalb Jahre. Die Goldbestände betragen fast das 40fache der Nachfrage. Was ist also knapper?

Würden Sie lediglich zum Erwerb physischen Silbers raten oder auch zum Kauf von Aktien der Silberhersteller?

Ich empfehle zunächst einen Löwenanteil wirklich physisch anzulegen. Einen durchaus größeren Teil kann man dann in ETFs der ZKB, in Hebelprodukten wie Optionsscheinen etc. anlegen. Und natürlich auch einen Teil je nach individuellen Bedürfnissen in den primären Silberproduzenten anlegen. Von Explorern bin ich persönlich kein großer Fan, wobei ich in meinem Investmentkompass beispielsweise auch auf Sabina Gold & Silver gesetzt habe. Der Wert ist ja prächtig gelaufen.

Ansonsten sind für mich beispielsweise Werte wie Fresnillo oder Silver Wheaton die Lieblingswerte, aber auch eine Reihe anderer. Man muss sich dabei stets neben den normalen unternehmerischen Risiken auch der Länderrisiken bewusst sein. In Bolivien drohen beispielsweise Enteignungen, aber zukünftig werden sich die Staaten bei steigenden Gold- und Silberpreisen auf die Profite der Minengesellschaften stürzen. Wichtig sind nicht nur Produktionsziffern, sondern auch Förderkosten sowie Reserven und Ressourcen. Jeden Moment stelle ich meinen Lesern zu den wichtigsten primären Silberproduzenten entsprechendes Datenmaterial zur Verfügung.

Wie beim Gold, so gibt es auch bei Silber Gerüchte, die sich hartnäckig halten, dass der diesbezügliche Markt mannigfaltigen Manipulationen unterworfen ist. Teilen Sie diesen Ansichten, die beispielsweise von Theodore Butler vertreten werden? Und könnten Sie bitte die Manipulationsmechanismen für den Laien erklären?

Immer wieder weise ich auf der Grundlage offiziellen Datenmaterials darauf hin, dass Anfang August 2008 zwei US-Banken netto Leerverkäufe über 169 Millionen Unzen Silber tätigten. Dies entspricht immerhin rund 25 Prozent der Minenproduktion des Jahres 2008. Wie machen sie das? Sie verkaufen Silber-Futures an der New York Commodities Exchange (Comex). 5.000 Unzen Silber umfasst ein Kontrakt. Sie können ihn kaufen und damit auf steigende Notierungen setzen. Oder eben verkaufen und damit an fallen Silberpreisen gewinnen. Verkaufen wir beispielsweise einen Silber-Future bei 20 Dollar und der Preis fällt auf 19 Dollar, gewinnen wir 5.000 Dollar. Sie müssen ja dabei nicht nachweisen, dass sie das Silber im Keller liegen haben. Leerverkäufe sind also möglich.

Mit der entsprechenden Größe und Marktmacht können sie natürlich Einfluss auf die Preisfindung nehmen. Derzeit sind die 4 größten Spieler im Silbermarkt an der Comex mit Netto-Leerverkäufen über sage und schreibe 256 Millionen Unzen dabei. Für mich klare Indizien für manipulative Markteingriffe. Bankanalysten werden dies aber selbstredend verneinen.

 

Sehen Sie die Gefahr, dass „wahre Werte“ wie Gold und Silber von Staatswegen verboten werden könnten?

Bei Gold will ich es nicht ausschließen, da die Mehrwertsteuerbefreiung viele Investoren ja in den Goldmarkt lockt. Silber führt als Investment ein Schattendasein gegenüber Gold, ist also viel weniger verbreitet. Die große realwirtschaftliche Bedeutung macht die Umsetzung eines Silberverbotes ohnehin schwierig. Gerade für Deutschland halte ich aus vielerlei Gründen ein Silberverbot für höchst unwahrscheinlich.

Herr Schulte, eine letzte Frage. Ist das ungefähr die Gleichung unserer Zeit: Wer Vermögen retten will, der kauft Gold; wer in der Not flüssig sein will, der kauft Silber?

Silber ist für mich das bessere Gold!

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Herr Schulte!

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