9/11: Wer auch immer dahintersteckt

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Im folgenden Interview beantwortet Paul Schreyer, der Autor des Buches “Inside 9/11“, unter anderem Fragen zu den Kriegsübungen am Morgen des 11. September 2001, der systematischen Verhinderung der ordnungsgemäßen Luftabwehr, und der Verwendung des Begriffs vom “Verschwörungstheoretiker“, der „vor allem benutzt wird, um eine konkrete inhaltliche Debatte vermeiden zu können. Bisher sehr erfolgreich.“

Von Lars Schall

Paul Schreyer, 1977 in Ahrenshoop an der Ostseeküste geboren, ist freier Journalist und Buchautor. Er schreibt für Telepolis / Heise, Ossietzky und Der Hintergrund. Zusammen mit seinem Vater, dem Schriftsteller Wolfgang Schreyer, veröffentlichte er 2006 den Tatsachenroman “Die Legende – Was am 11. September geschah“, der im Verlag „Das Neue Berlin“ erschien. Im Februar 2011 publizierte Schreyer im Kai Homilius Verlag das Sachbuch “Inside 9/11. Neue Fakten und Hintergründe zehn Jahre danach“, in dem er sich insbesondere im Detail der diversen Kriegsübungen der US Air Force, die am Morgen des 11. September stattfanden, und der Unregelmäßigkeiten bezüglich der Luftabwehr am selben Morgen annimmt. Zu diesen beiden Themenkomplexen ist Schreyers Werk das bislang beste im deutschsprachigen Raum.

Paul Schreyers persönliche Website ist zu finden unter: http://www.paul-schreyer.de/.

Das nachfolgende Interview ist in Auszügen Teil des Buches “Mordanschlag 9/11. Eine kriminalistische Recherche zu Finanzen, Energie und Drogen“, das demnächst im Schild Verlag erscheint.

Herr Schreyer, stimmen sie dem Eindruck zu, dass über manche der 9/11-Attentäter eine schützende Hand gehalten wurde, damit sie zum Zeitpunkt der Angriffe überhaupt noch als Akteure auf dem Spielfeld verblieben?

Dass einige der mutmaßlichen Attentäter durch Geheimdienste geschützt wurden, ist mittlerweile so gut wie erwiesen. Nicht zuletzt durch das im Sommer 2011 erschienene Buch „Disconnecting the Dots“ des britischen Autors Kevin Fenton sind viele neue Fakten auf den Tisch gekommen, die diese These untermauern. (i) Offenbar gab es ein kleines Netzwerk von Leuten innerhalb der CIA – Fenton nennt hier sogar Namen -, das zwei der Leute, die offiziell als Täter benannt wurden, Khalid Al-Midhar und Nawaf Al-Hazmi, gezielt vor dem Zugriff anderer Behörden wie dem FBI schützte. Zu welchem Zweck dies geschah, ist bisher völlig offen. Einige Ermittler des FBI vermuten, dass die CIA diese Leute als Doppelagenten anwerben wollte. (ii)

Am Tag des 11. September kam es zu Kriegsübungen der US Air Force, die verblüffende Ähnlichkeiten mit den 9/11-Terrorangriffen aufwiesen. Zunächst: was haben Sie gedacht, als sie erfuhren, dass hierbei womöglich tatsächliche Passagiermaschinen zum Einsatz kamen, um entführte Flugzeuge zu simulieren? (iii)

Das reale Passagiermaschinen Teil der Militärübungen am Morgen von 9/11 waren, ist bisher nicht erwiesen. Nach allem was man heute weiß, wurde allerdings zumindest ein Szenario durchgespielt, bei dem es um die Entführung eines Flugzeuges ging. Deshalb reagierten einige der Offiziere der Luftabwehr ja auch so konsterniert. Überliefert ist ja die spontane Reaktion eines zuständigen Majors auf den ersten Alarm: „Da hat jemand etwas vorverlegt. Das Hijacking soll doch erst in einer Stunde sein.“

Es gab ja durchaus deutliche Warnhinweise für die Woche des 11. September und der möglichen Angriffsziele. Hätten die Kriegsübungen in Anbetracht dessen abgesagt werden müssen, um Konfusionen zu vermeiden?

Die vielleicht noch wichtigere Frage lautet meiner Meinung nach: Zu welcher Uhrzeit wurden diese Übungen am Morgen von 9/11 überhaupt abgebrochen? Offiziellen Tonbändern des Militärs zufolge wurden noch um 9.30 Uhr simulierte Signale auf den Radarschirmen angezeigt – also über eine Stunde nach Beginn der Entführungen und lange nach den beiden Einschlägen im World Trade Center. Die konkreten Umstände dieser Manöver wurden nie aufgeklärt.

Welche Konfusionen gab es?

Eines der Hauptprobleme habe ich gerade erwähnt. Die Übung ermöglichte die Anzeige von fiktiven Signalen auf den Radarschirmen, die von echten Flugzeugen auf dem Display nicht zu unterscheiden waren. Trotz dieser Schwierigkeit hätte die Luftabwehr aber die entführten Flugzeuge rechtzeitig mit Abfangjägern erreichen können, was, wie man weiß, in keinem einzigen Fall geschah. Auch dieser Sachverhalt wurde bisher nicht schlüssig aufgeklärt.

Ein Mann, dem Sie viel Aufmerksamkeit widmen, ist Col. Robert Marr. Weshalb ist dieser Mensch so wichtig?

Colonel Robert Marr war Befehlshaber der Luftabwehr für den Nordosten der USA. In seiner direkten Verantwortung lag es, die Abfangjäger rechtzeitig aufsteigen zu lassen. Wie kürzlich freigegebene Dokumente jedoch zeigen, verzögerte er allem Anschein nach diese Reaktion in mehreren Fällen aktiv. Marr wurde außerdem der Lüge überführt, was öffentliche Aussagen von ihm zum Abschussbefehl an diesem Morgen angeht. Diese Person verdient daher sicher größere Aufmerksamkeit, als ihr bisher zu Teil geworden ist.

Wurde Marr nach den Anschlägen degradiert oder befördert?

Ich fand zu diesem Thema nur einen einzigen Pressebericht aus dem Jahr 2005, als Marr aus dem Militärdienst ausschied. Bis dahin hatte er seine Kommandeursposition behalten.

Was ist das für Sie verblüffendste Ergebnis ihrer Recherchen zu den Kriegsübungen?

Das offensichtliche: dass die Übungen parallel zu den Anschlägen stattfanden. Ähnliches ist ja übrigens auch 2005 bei den Anschlägen auf das Londoner U-Bahn-System passiert: am Morgen des 7. Juli fand zeitgleich zu den realen Attacken eine Übung statt, in der es, so wörtlich, um „simultane Bombenanschläge auf U-Bahn-Stationen“ ging. In meinen Augen reicht Zufall als Erklärung da nicht mehr aus.

Weshalb wäre Richard Cheney in der perfekten Ausgangslage gewesen, um einen so genannten Inside-Job zu koordinieren?

Eine Suggestivfrage…Cheney war in der perfekten Ausgangslage für sehr vieles. Er war 2001 de facto der Präsident der USA. Viele erfahrene politische Beobachter schätzten das schon vor 9/11 so ein. Cheney koordinierte außerdem in den Monaten vor den Anschlägen parallel eine Arbeitsgruppe zur nationalen Energiepolitik, sowie ein neugeschaffenes Büro, das Pläne für den Fall eines Terroranschlags entwickeln sollte – das sogenannte „Office of National Preparedness“. Diese Verknüpfung nahm im Grunde die Politik nach 9/11 vorweg, welche ja darin bestand, auf der Grundlage eines Terroranschlags die Macht der Exekutive auszuweiten, Krieg zu führen, und dabei energiepolitisch wichtige Regionen der Welt unter Kontrolle zu bringen. Falls 9/11 also ein Inside-Job war, wofür immerhin viele Indizien sprechen, dann wird das Ganze schwerlich ohne Wissen und Zutun Cheneys abgelaufen sein.

Was lesen sie aus den Aussagen heraus, die Norman Mineta bezüglich Cheney machte?

Mineta war am 11. September 2001 als Verkehrsminister Mitglied der Bush-Regierung. Er befand sich während der Anschläge zusammen mit Cheney im Bunker unter dem Weißen Haus und bezeugte vor der 9/11 Commission, dass Cheney bei seinem Eintreffen um 9.20 Uhr schon dort gewesen sei. Offiziell hingegen heißt es, Cheney sei erst um 9.58 Uhr im Bunker eingetroffen. Bei dieser Kontroverse geht es letztlich um mehrere sehr weit reichende Dinge. Wann gab Cheney den Abschussbefehl an die Kampfjets? Holte er das Einverständnis des Präsidenten dazu ein? Wusste er vom ankommenden Flugzeug, das auf das Pentagon zusteuerte? Die Antworten auf all diese hochsensiblen Fragen hängen davon ab, wann Cheney den Bunker betrat. Man kann vermuten, dass dies der Grund dafür ist, weshalb die 9/11 Commission Minetas Aussage in ihrem Abschlussbericht unter den Teppich kehrte. (iv)

Der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld legte ein bemerkenswertes Verhalten in Anbetracht dessen an den Tag, dass sein Land angegriffen wurde, oder?

Rumsfeld war nach offiziellen Aussagen während der Anschläge zeitweise abgetaucht. Jedenfalls konnte ihn angeblich niemand erreichen. Das ist für einen Verteidigungsminister in so einer Situation natürlich erklärungsbedürftig. Es wurde aber nie erklärt, sondern nur erwähnt – zum Beispiel im ersten Kapitel des 9/11 Commission Report.

Bezüglich der Planungen des “Continuity of Government“ sind Cheney und Rumsfeld ohnehin ein beachtliches Duo, korrekt?

Das ist ein komplexes Thema und schwer in ein paar Worten zusammenzufassen. Der amerikanische Autor Peter Dale Scott ist vielleicht zu Recht der Ansicht, das die Pläne für „Continuity of Government“ ein Schlüssel zum Verständnis von 9/11 sein können. (v) Kurz gesagt: Es gibt die Geheimpläne zur Fortführung der Regierungsgeschäfte im Katastrophenfall in den USA schon seit langem. Sie sind ein Kind des Kalten Krieges. Präsident Reagan weitete die Direktive dann dergestalt aus, dass nicht mehr nur bei einem Atomkrieg, sondern auch bei einem – ich zitiere – „Notfall, der die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten bedroht“, im Grunde die Verfassung außer Kraft gesetzt werden konnte. Cheney und Rumsfeld hatten beide in den 80er Jahren an den Übungen und der Entwicklung dieser Geheimpläne mitgewirkt. Bekannt ist auch, dass Cheney am Morgen des 11. September, noch während die Anschläge im Gange waren, diesen sogenannten COG-Plan erstmals startete. In der Folge wurde dadurch eine Schattenregierung aktiviert, die monatelang im Verborgenen tätig war. Erst im Frühjahr 2002 drangen erste Berichte dazu über die „Washington Post“ an die Öffentlichkeit. (vi)

Sie sprechen in ihrem Buch davon, dass 9/11 als möglicher Inside-Job betrachtet kein voller Erfolg war. Weshalb das?

Zunächst einmal: die These vom Inside-Job gilt ja vielen immer noch als eine absurde „Verschwörungstheorie“. In der Regel wird dann argumentiert, dass eine so komplexe Operation im echten Leben nie völlig glatt laufen würde. Hier setze ich an: Falls 9/11 ein „Inside Job“ war, dann ist er wahrscheinlich tatsächlich teilweise schief gelaufen. Das vierte Flugzeug hat sein Ziel nicht erreicht. Wahrscheinlich hätte es das Weiße Haus oder das Capitol, also den Sitz des Parlaments, treffen sollen. Weiterhin gibt es Indizien dafür, dass am Morgen von 9/11 ein Mordanschlag auf Präsident Bush geplant war. Der wäre dann auch gescheitert. Hieße im Umkehrschluss: Der Plan sah möglicherweise vor, auch den Staatschefs und führende Politiker im Parlament zu ermorden. Wenn das gelungen wäre, hätte Cheney sofort den Ausnahmezustand ausrufen können, der COG-Plan sah das so vor, und er wäre umgehend selbst zum Präsidenten aufgerückt. Und hätte sodann, mit einem völlig geschockten amerikanischen Volk im Rücken, politisch komplett freie Hand gehabt. Im Oktober 2001 wäre es mit Soldaten dann nicht nur nach Afghanistan gegangen, sondern vielleicht auch gleich direkt in den Irak… Doch wie wir erlebt haben, war die 9/11-Verschwörung eben nur teilweise erfolgreich – wer auch immer dahintersteckt.

Müssten, um die Wahrheit über 9/11 zu erfahren, die Herren Cheney und Rumsfeld unter Eid aussagen, was sie an dem Tag wann und weshalb machten?

Der wichtigste Schritt wäre auf jeden Fall die Einrichtung einer neuen und unabhängigen öffentlichen Untersuchung der Anschläge. Dort sollten dann selbstverständlich alle maßgeblichen Personen unter Eid aussagen müssen.

Was ist ihr Gesamteindruck der 9/11-Kommission und ihres Abschlussberichts?

In der Commission gab es viele Leute, die an echter Aufklärung interessiert waren. Aber es gab eben auch – wie in jeder Behörde und in jedem Betrieb – Mitarbeiter, die nicht sehr mutig waren und die ahnten, welche Ergebnisse politisch gewünscht waren. Und dann gab es eine Leitungsebene mit Philip Zelikow an der Spitze, die nachweislich unbequeme Ermittlungsergebnisse vertuscht hat. Diese Mischung spiegelt der Abschlussbericht von 2004 wieder. Es ist, wie gesagt, höchste Zeit für eine neue und mutigere Untersuchung.

Wie gehen sie als Journalist damit um, dass Menschen, die unbeantwortete Fragen zu 9/11 aufwerfen und ihnen nachgehen, per se als Verschwörungstheoretiker abgetan werden?

Dieses Argument wird vor allem benutzt, um eine konkrete inhaltliche Debatte vermeiden zu können. Bisher sehr erfolgreich. Doch je mehr Menschen über die ungeklärten Widersprüche rund um 9/11 erfahren, desto weniger wird diese Strategie fruchten. Ich glaube, dass viele Mainstream-Journalisten das inzwischen spüren und selbst noch nicht genau wissen, wie sie sich in dieser Frage nun verhalten sollen.

Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Herr Schreyer!

Quellen:

i Kevin Fenton: „Disconnecting the Dots: How 9/11 Was Allowed To Happen „, Trine Day, Juni 2011.

ii Vgl. Lawrence Wright: “The Looming Tower: Al-Qaeda and the Road to 9/11“, Alfred A. Knopf, August 2006.

iii Vgl. Michael C. Ruppert: ”Crossing the Rubicon“, New Society Publishers, 2004, Seite 368. Hierbei geht es um eine Übung des militärischen Luftverteidigungskommandos der USA, North American Aerospace Defense Command (NORAD), namens “Vigilant Warrior”, von der auch Richard Clarke, der damalige Anti-Terror-Beauftragte der US-Regierung, in seinem Buch “Against all Enemies” berichtet. Laut einem Schriftverkehr zwischen Mike Ruppert und einem Pressesprecher von NORAD, Major Donald Arias, war “Vigilant Warrior” (Wachsamer Krieger) aufgrund der Bezeichnung “Warrior“ per Definition eine “Live Fly“-Übung, was bedeutet, dass dabei reale Flugzeuge zum Einsatz kommen. Für diese Information gibt es bislang weder eine offizielle Bestätigung noch eine Entkräftigung bzw. ein Dementi.

iv Vgl. Peter Dale Scott: “Road to 9/11. Wealth, Empire, and the Future of America“, University of California Press, 2007, Seiten 212 – 235.

v Vgl. beispielsweise Lars Schall: “Amerika, würdest du bitte aufwachen!“, ein Interview mit Peter Dale Scott, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 12. August 2011 unter:

http://www.larsschall.com/2011/08/12/amerika-wurdest-du-bitte-aufwachen/.

vi Vgl. Barton Gellman / Susan Schmidt: “Shadow Government Is at Work in Secret“, veröffentlicht am 1. März 2002 in The Washington Post unter:

http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2006/06/09/AR2006060900891.html.

 

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