Reden wir über Öl

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Thomas Bachheimer, Geschäftsführer der in Zürich ansässigen Commodity Advisors AG, teilt in diesem Kurzinterview als international gefragter Energieanalyst seine Einschätzungen zu Aspekten des Erdölmarkts mit. So sagt er zum Beispiel: “Die Angebot- und Nachfragesituation spielt überhaupt keine Rolle.“

Von Lars Schall

Thomas Bachheimer, 1966 in Österreich geboren, ist Fondsmanager mit annähernd 20 Jahren Erfahrung als Börsen- und Anleihehändler. Er arbeitete unter anderem für Greenhouse Plc in Dublin und Altea LLC in Wien. Seit dem Jahr 2000 fokussiert er sich auf Terminwarengeschäfte, insbesondere im Energie- und Goldmarkt, wozu er ein eigenes automatisiertes Handelssystem aufbaute. Er ist gern gesehener Interviewpartner auf TV-Sendern wie Bloomberg, CNBC und n-tv, aber auch Redner auf zahlreichen Wirtschaftskonferenzen. Zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Commodity Advisors AG ist Bachheimer ferner der Europa-Präsident des Gold Standard Institute.

Herr Bachheimer, wie bewerten Sie die diesjährige Preisdarbietung beim Öl?

Thomas Bachheimer: Im Prinzip als Konsument ist die Preisdarbietung zufriedenstellend, all zumal ich als Geldmengen- und Energieanalyst viel stärkere Preise für das Jahr 2011, aber auch schon für 2010 erwartet gehabt hatte. Insofern bin ich positiv überrascht. Als Ölinvestor, der beim Öl long geht, bin ich dagegen etwas enttäuscht ob der Performance des Öls.

Ist der Ölmarkt ein Markt, der sich dadurch auszeichnet, von Angebot und Nachfrage bestimmt zu sein, oder geht es dort doch noch um ein paar andere Dinge?

Thomas Bachheimer: Die Angebot- und Nachfragesituation spielt im Ölmarkt überhaupt keine Rolle. Man hat das in den 1970er Jahren bereits gesehen, als 1971 das Goldfenster geschlossen wurde – schon hatten wir zwei Jahre später flugs die größte Ölkrise der Welt an der Hand. Es wurde damals natürlich erzählt, dass das Angebot zurückgeht, ich möchte dies aber zutiefst bezweifeln. Es war auch jetzt wieder so, dass derart argumentiert wurde. Für mich ist der Hauptfaktor bei der Preisermittlung beim Ölgeschäft der, dass es eine Funktion aus dem Geldmengenwachstum im US-Dollarbereich darstellt – mit einer Prise Politik als Salz obendrauf hinzugefügt.

Wie wichtig sind Terminwarenbörsen wie die ICE Futures in London für die Ölpreisfindung?

Thomas Bachheimer: Da muss ich ehrlich gestehen, dass ich dazu nur eine subjektive Meinung besitze. Ich betrachte, wenn ich über den Ölpreis spreche, hauptsächlich den WTI und die NYMEX-Produkte. Bei allem anderen bin ich furchtbar unbedarft.

Gut, aber zwischen WTI und Brent hat sich eine Lücke aufgetan, die historisch gesehen einmalig ist. Wie analysieren Sie diese Lücke?

Thomas Bachheimer: Nun, es wird gesagt, dass diese Lücke durch Sonderlagerungen und irgendwelche Engpässe beim Transport von Kisch aus entsteht, und dadurch würde WTI billiger als Brent, was historisch, wie Sie zurecht sagen, einmalig ist, wenn nicht sogar äußerst unwahrscheinlich. Ich kann nicht nachprüfen, wo welche Sonderlagerbestände vorhanden sind, ich kann mich im Prinzip nur auf das verlassen, was jeder erfahren kann. Allerdings sage ich, dass es einen anderen Grund geben muss. Da liegt etwas dahinter, das wir alle zusammen nicht wissen können oder auch dürfen. Es wird schon seine Gründe haben, die wir nicht erfahren werden. Es gibt hier mächtige Profite einzufahren. Ich kenne Menschen, die schon beim Spread von 6 Dollar dagegen gewettet haben, und seitdem hat sich der Dollar-Spread an der Spitze teilweise vervierfacht – und irgendwer kassiert denen das selbstverständlich auch ab.

Wie schaut’s aus mit der Gretchenfrage unserer Zeit: Wie hält’s der Herr Bachheimer mit Peak Oil?

Thomas Bachheimer: Alle wichtigen Dinge auf diesem Planeten, die fast alle Menschen gerne hätten oder brauchen, werden bewusst knapp gehalten. Mir ist absolut klar, dass uns irgendwann einmal das Öl ausgehen wird. Das verstehe ich schon. Aber ich glaube, dass dieses akute Gerede vom Peak Oil etwas übertrieben erscheint, um die Menschen aufgrund vermeintlicher Knappheit ordentlich ausnehmen zu können.

Haben wir demnach den Höhepunkt zumindest des billigen Öls erreicht, sprich auf Englisch “Peak Cheap Oil“?

Thomas Bachheimer: Das ist eine wirklich interessante Frage. Vom Geldmengenstudium haben wir diesen Höhepunkt tatsächlich erreicht. Allein schon wenn man misst, wie viel Öl man mit einer Unze Gold kaufen kann – im Moment sind es 18 Barrel, vor einigen Wochen noch 24 Barrel, aber 18 Barrel ist historisch auch schon ziemlich hoch. So betrachtet sind wir momentan in einem Stadium von sehr, sehr billigem Öl, und wir werden dieses Stadium verlassen in ganz andere Sphären.

Sind Gold und Silber im Moment billig gemessen am Öl?

Thomas Bachheimer: Auch das ist eine gute Frage. Ich nehme das herkömmliche Währungssystem als Wertmessung nicht ernst. Wieso sollte ich auch? Was ich sagen kann, ist, dass Gold in der Tat billig ist gemessen am Öl. Ob Gold dagegen gemessen in US-Dollar billig ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich würde jedoch behaupten wollen, dass der US-Dollar zu teuer ist. Gemessen am Geldmengenwachstum und verglichen mit dem Goldmengenwachstum haben wir gerade ein sehr niedriges Preisniveau für Gold.

Derzeit steht wieder der Iran im Fokus der Weltöffentlichkeit. Einige Leute im Publikum des Welttheaters wissen, dass der Iran eine Ölbörse einrichten wollte, die ohne den US-Dollar auskommen sollte. Welche interessanten Entwicklungen haben Sie diesbezüglich beobachtet?

Thomas Bachheimer: Das war eine extrem spannende Angelegenheit. Begonnen hatte das im November 2005, als der Iran bekannt gegeben hatte, dass sie dort mit dem 20. März 2006 eine Ölbörse auf der Insel Kisch installieren wollten, wo kasachisches Öl gehandelt werden sollte, und zwar in einem Währungskorb. Amerika reagierte, zufällig oder nicht, denn einige Tage später im November 2005 wurde publiziert, dass die USA die Geldmenge M3 fortan nicht mehr veröffentlicht. Das erschien völlig logisch, da eine Ölbörse im Nicht-Dollarbereich ein Angriff auf die Dollar-Hegemonie gewesen wäre. Mit Spannung erwartete ich dann den 20. März 2006, und plötzlich hat man dann am 20. März, als zuvor nichts in den Medien darüber berichtet worden war, über dem Ticker die Nachricht bekommen, dass der Iran auf die Eröffnung der Ölbörse verzichtet. Was sich hier hinterrücks in der Politik an Druckerzeugung abgespielt haben muss, erscheint mir schier unglaublich. Das müssen für die gesamte Welt, ohne dass darüber berichtet wurde, sehr spannende Tage gewesen sein, denn das hätte der Anfang von einem wirklich sehr großen Ereignis sein können, wenn die Iraner diese Ölbörse tatsächlich eingerichtet hätten.i

Jetzt will ich nicht zu viel Krisengerede heraufbeschwören, aber wenn über derlei Dinge partout nicht breitgefächert berichtet wird, befindet sich dann dementsprechend nicht eventuell auch der Journalismus in der Krise?

Thomas Bachheimer: In der Krise vielleicht nicht. Damals war die Problematik der Geldentwertung noch nicht so ein Thema wie heute. Ebenso war die Dollar-Öl-Relation nicht so wichtig wie heute. In den vergangenen fünf Jahren hat sich sehr viel getan, das muss man wirklich sagen. Ich möchte dem Journalismus keine schwarze Kappe zuspielen, es war eben damals nicht auf der Karte verzeichnet.

Glauben Sie denn, dass die Exporteure von Erdöl und überhaupt von natürlichen Ressourcen dermaleinst sagen werden: Jetzt haben wir jahrzehntelang den US-Dollar als Bezahlung gehabt, wir gehen nunmehr auf Gold?

Thomas Bachheimer: Da muss man zunächst einmal strikt unterscheiden: die Ölexporteure im Golf, die am Gängelband der Amerikaner hängen, würden das nicht wagen. Die würden das nicht einmal wagen, auch nur anzudenken. Aber aus Russland kamen einige Initiativen, wenngleich sich ein ansonsten doch recht forsch auftretender Vladimir Putin das bisher nicht getraut hat. Das Interessanteste war 2006/07, als das auch Gesprächsthema bei einer OPEC-Konferenz in Wien darstellte, und zwar hatte Venezuelas Hugo Chavez rund um diese iranische Ölbörse vor, mit kasachischem Öl und mit China als Abnehmer ein eigenes Kartell aufzubauen. Dieses Kartell ist ganz offensichtlich auch nicht zustande gekommen. Das dürfte wahrscheinlich mit den gleichen Mitteln verhindert worden sein, wie die iranische Ölbörse selbst.

Über welche Mittel sprechen wir da?

Thomas Bachheimer: Man kann Handelsselektionen vornehmen, man kann einen Handelskrieg eröffnen, man kann zunächst diplomatisch und dann militärisch drohen. Ich glaube, der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, und die US-amerikanische Verwaltung ist sowieso wesentlich phantasievoller in diesem Bereich als wir uns das allgemein ausmalen, was die Druckmittel angeht, die dort zur Anwendung kommen. Die müssen jedenfalls keineswegs gewalttätig sein.

Ist denn das Gerede vom Währungs- und Handelskrieg, der primär von den USA ausgeht, Ihrer Ansicht nach gerechtfertigt?

Thomas Bachheimer: Ich finde das auf alle Fälle gerechtfertigt.

Und zwar wieso?

Thomas Bachheimer: Nun, hätten wir eine andere Währung als Verrechnungseinheit für den wichtigsten Grundstoff der Welt, das ist das Öl, hätten wir definitiv ganz andere Preise. Die Welt zahlt für den am meisten benötigten Grundstoff auf der Erde mit der am wenigsten in Form gehaltenen Währung auf der Erde, und das ist nicht nur eine interessante Sache, sondern ist für sich schon ein Währungs- und Handelskrieg, vor allem deshalb, weil es jeden einzelnen Menschen auf diesem Globus betrifft.

Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Herr Bachheimer!

Anmerkung des Interviewers:

i Nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur IRNA (“1st phase of Iran oil stock inaugurated on Kish island“) wurde die Iranische Ölbörse (Kish Stock Exchange) am 17. Februar 2008 eröffnet. Siehe hierzu unter anderem “Oil Bourse Opens in Kish“, veröffentlicht auf Fars News Agency am 18. Februar 2008 unter: http://english.farsnews.com/newstext.php?nn=8611290655. Darin hieß es bezüglich einer Stellungnahme des iranischen Ölministeriums: “100 tons of polyethylene consignment was traded at the market’s opening on the island, which houses the offices of about 100 Iranian and foreign oil companies. Oil and petrochemical products will be traded in Iranian Rials, as well as all other hard currencies, the statement quoted Iranian Oil Minister Gholam Hossein Nozari as saying. … Iran has already registered for another oil bourse, in which it has said it hopes to trade oil in Euros instead of dollars, to reduce any American influence over the Islamic Republic’s economy.“

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