„Geld treibt alles an“

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Der Ökonom / Öl-Analyst Maarten van Mourik untersucht in diesem exklusiven Interview die Verbindung zwischen Gold und Öl; wichtige Tabus der Wirtschaftslehre; die USA kontra Europa; das Dilemma mit unserem von Energie angetriebenen Geldsystem; und nicht zuletzt den Grund, warum „Peak Oil hier sein wird, egal, wie viel von dem Zeug im Boden ist.“

Von Lars Schall

Maarten van Mourik (geboren 1967 in den Niederlanden) studierte zwischen 1988 und 1991 Mikroökonomie / Industrieökonomik und Seeverkehrswirtschaft an der Erasmus-Universität in Rotterdam, Niederlande. Danach arbeitete er am Niederländischen Wirtschaftsinstitut in der Verkehrspolitikforschung, vor allem im Bereich des Seeverkehrs. Für Petrodata Ltd of Scotland hat er Marktprognosen für Offshore-Bohranlagen und Versorgungsschiffe erstellt. Ab 2000 machte er in seinem eigenen Unternehmen Öl-Marktanalysen und Prognosen für den Markt von Offshore-Anlagen. Diese Arbeiten wurden von der OPEC und Investmentfonds gekauft. Als Ökonom hat er an Machbarkeitsstudien für Hafenbauprojekte auf der ganzen Welt gearbeitet. Heute arbeitet Herr van Mourik unter anderem als Ökonom für die North Sea Group in Holland. Er favorisiert zur Vorhersage von Marktverhalten unabhängige Analysen, die Österreichische Schule der Ökonomie und einen eklektischen Ansatz. Er lebt derzeit in Frankreich.

Herr van Mourik, Sie haben meinen Artikel “Germany should end the secrecy and bring its gold home” („Deutschland sollte die Geheimhaltung beenden und sein Gold heimbringen“) auf der GATA-Website und den darin von mir vorgebrachten Hinweis auf die Entwicklung von Gold als Währung für Rohstoffe statt Dollar gelesen. (1) Sie fanden dies bemerkenswert. Warum?

Maarten van Mourik: Nun, ich bin zufällig ein Ökonom und arbeite seit langer Zeit im Öl-Analyse-Geschäft. In der Tat war ich einer der Allerersten, die mit einem speziellen Ölproduktionsmodell aufwarteten, das auf tatsächlichen Ölfeld-Investitionen basierte. Und auf dem Rücken dieses Modells baute ich ein kleines Preismodell auf, dass einen Ölpreis von 100 + Dollar voraussagte, als er noch bei circa 30 bis 40 Dollar steckte, und jeder dachte, ich sei ein Verrückter. Ich entwickelte es weiter, und irgendwann im letzten Jahr sah ich ein Diagramm im „The Economist“, das darstellte, dass der Dollarpreis für Gold invertierte, was schön anzeigt, wie schnell der wahre Wert des Dollar seit 1971 zusammengebrochen ist, und auch den weiteren Zusammenbruch seit den späten 1990er Jahren. Dies ließ mich darüber nachdenken, dass ich den Ölpreis in Gold statt in Dollar ausdrücken sollte, weil, wie Sie geschrieben haben, die Produzenten lieber einen echten Wert als ein wertloses Stück Papier haben möchten. Tatsächlich hat die OPEC gegen die Dollar-Abwertung seit Mitte der 1970er Jahre argumentiert, und dies ist einer der Gründe dafür, warum sie einen Warenkorbpreis verwenden, um ihren Verkaufspreis festzulegen.

Aber abgesehen davon, wo ich zunächst etwas gut Passendes zwischen dem Engpass im globalen Erdöl-Markt und dem Ölpreis in Dollar hatte, habe ich jetzt etwas absolut brillant Passendes mit dem Ölpreis in Gold. Das Ergebnis legt für mich nahe, dass der Prozess bereits viel weiter gediehen ist als Sie vielleicht denken, und wir sind tatsächlich Zeuge des Zusammenbruchs des Dollar. Die USA wissen es, Europa weiß es. Aber ich glaube, dass Europa stärker ist als die USA, und die USA haben alles zu verlieren, wenn der Dollar als Reservewährung passé ist. Daher werden sie alles tun, damit Europa zuerst zusammenbricht, bevor sie es tun. Es geschieht nicht umsonst, dass die Medien weiter über Europa streiten, während das Chaos in den USA mit Staaten und Landkreisen, die bereits zahlungsunfähig geworden sind, viel größer ist.

Müssen Sie dieses Gold-Öl-Modell noch weiter entwickeln?

Maarten van Mourik: Ja, es ist fortschreitend in Arbeit. Ich versuche immer noch herauszufinden, wie die Grundlagen funktionieren und welche Auswirkungen das auf die Preise hat. Ich befinde mich in der Diskussion mit einigen Mathematikern, um die verschiedenen Prozesse zu modellieren, und ich weiß von meiner eigenen Arbeit, dass diese grundlegenden Prozesse tatsächlich die Wendepunkte bestimmen, die schwer zu modellieren sind. Von daher ist es am besten ein Verständnis dessen zu haben, was vor sich geht, dieses dann explizit zu machen und es dann als Indikatoren für Wendepunkte zu benutzen. Ich lese die Gold-Problematik als eine Flucht in einen realen Wert (den Anker, gegen den gemessen wird) und als die Tatsache, dass die westlichen Regierungen die Kontrolle verlieren. Sobald sie sie verlieren, wird es einen freien Fall geben und Gold wird sprunghaft ansteigen.

Ihre Arbeit und die von GATA legt nahe, dass sie dieses Spiel seit vielen Jahre vorsätzlich betrieben haben, bis ihnen die Feuerkraft ausging. Also müssen daraus dann die Schlüsse gezogen werden. Was wird als nächstes passieren? Bürgerunruhen? Wahrscheinlich. Prüfen Sie die Bundeswehr-Website und Der Spiegel bezüglich der Studie der Bundeswehr über die Auswirkungen von Peak Oil. Sie insistierten darauf, dass sich die Armee auf große Unruhen der Bürger statt auf einen Krieg im Ausland vorbereiten muss. (2) Ich weiß, Sie haben über Peak Oil gehört. Ich bin kein Geologe, aber ich weiß von den Daten, die ich über Ölfelder habe, dass Geld alles antreibt.

Und wenn das Geld wertlos wird, werden die Investitionen stoppen. Dann wird Peak Oil hier sein, egal, wie viel von dem Zeug im Boden ist. Der Preis von Rohstoffen wird nominal sprunghaft ansteigen, nicht so sehr in Gold (obwohl ich Anstoß an dem Zitat nehme, dass es im Durchschnitt 15 bis 16 Barrel pro Feinunze sind – ich habe die Daten, die zurück bis 1971 reichen, was die am meisten unkontrollierte Serie ist, da Gold und Öl vor dem Jahre 1971 mehr oder weniger fixiert waren), es springt zwischen etwa 6 und 24 Barrel pro Feinunze rauf und runter. Ein Großteil dieser Bewegung, insbesondere in den letzten Jahren, steht genau im Einklang mit den Entwicklungen zum physischen Engpass in den Märkten, als ob die OPEC die Preisgestaltung in Gold statt in Dollar vornehmen würde.

Was wäre der nächste Effekt?

Maarten van Mourik: Wahrscheinlich eine Stilllegung der Liquidität. Was zu kollabierenden Rohstoffpreisen führen wird, so wie in 2008/09. Nur um sich erneut nach oben zu bewegen, sobald die Handelskredite wieder zurück sind. Uns steht etwas sehr, sehr Volatiles bevor. Und die letzten paar Jahren sind die Frühwarnbeben gewesen.

Ist es schwierig, derlei Dinge anerkannt zu bekommen?

Maarten van Mourik: Na ja, Dr. Birol von der International Energie Agentur (IEA) in Paris kam mit einer Erklärung vor der Veröffentlichung des neuen World Economic Outlook heraus, um zu sagen, dass die Ölpreise in den kommenden 25 Jahren hoch und volatil sein werden. Nun, das konnte jeder kommen sehen, der sich die Mühe machte, hinzusehen. Aber nicht so die großen Agenturen. Als solches ist das nicht wichtig, aber sie liegen abermals falsch, abermals zeigen sie, dass sie keine Vorstellung oder kein Verständnis von den Prozessen besitzen, die am Werke sind. Wir sind inmitten eines Anpassungsprozesses, gehen von einem Grundlastbrennstoff zum nächsten über, und zugleich kommt das ganze Gebäude der Fiat-Währung zum Einsturz.

Dies ist ein großes wirtschaftliche Erdbeben und die akzeptablen Agenturen reden von hohen und volatilen Preisen für 25 Jahre. Offensichtlich haben sie keine Ahnung davon, wie Preisgestaltung funktioniert. Der Preis wird steigen, um die Nachfrage zu beseitigen. Das haben sie verstanden, da es aber Öl ist, werden wir fast alles andere aufgeben, bevor wir beginnen werden, weniger zu verwenden. Im Wesentlichen müssen wir unsere Volkswirtschaften auf ein nachhaltiges Niveau hinunter schrumpfen, und dann werden wir wieder wachsen mit neuen Industrien. Ich bin furchtbar optimistisch in dieser Hinsicht. Es hätte durch eine bescheidene Industriepolitik getan werden können, aber das ist etwas, das vor langer Zeit aufgegeben wurde, und Industrieökonomik ist ein Thema, das Tabu ist.

Aus welchem Grund?

Maarten van Mourik: Der Grund ist simpel, es passt nicht zur traditionellen Ökonomie, weil es eklektisch ist. Da es eklektisch ist, ist keine hedonistische Modellierung möglich, der rationalistische Mensch ist nicht da, und natürlich besitzt es dann keine Meriten. Leider sind wir nicht so rational. Oder wir sind es doch, aber nicht in der Weise, wie uns die ökonomische Theorie haben will. Vielleicht sollten ein paar Leute Mises und Hayek und vorzugsweise Joseph Schumpeter zu den Themen lesen.

Letzterer, der von meinem Lieblings-Ökonomen John Kenneth Galbraith als „der vornehmste Konservative“ des 20. Jahrhunderts gelobt wurde, ist der Theoretiker der „Kreativen Zerstörung“ als treibende Kraft des Kapitalismus. (3)

Maarten van Mourik: Ja, da haben Sie Recht. – Die Folge der Analyse ist in meinen Augen, dass wir in den kommenden 6 bis 12 Monaten oder so gegen die Wand stoßen, beginnend mit Öl. Einfach ausgedrückt, sind die physischen Lagerbestände sehr niedrig, die Produktion hinkt und keine Raffinerie läuft auf Hochtouren. Der Preis wird sprunghaft ansteigen, die Nachfrage wird schwanken, da die Wirtschaft hohe Preise nicht unterstützen kann. Rezession folgt, die Nachfrage fällt ein wenig, die Preise kommen runter und Investitionen in neues Öl stehen still. Das Angebot an Öl fällt rasch ab, die Nachfrage stabilisiert sich und wir sind in kürzester Zeit wieder am Punkt des Marktgleichgewichts, jedoch auf einem niedrigeren Niveau.

Der Prozess wiederholt sich noch zwei oder drei Mal, und dann wird es vorbei sein. Dies ist ein Szenario von maximal 5 bis 10 Jahren. Die volatile Preisgestaltung wird bis dahin verschwunden sein, da sich die Prozesse weg vom Öl Fuß gefasst haben werden. Der Prozess begann vor 10 Jahren in den Finanzmärkten, die Druck auf Big Oil ausübten. Sie reagierten, und jetzt wird aus Big Oil Big Gas. Shell hat es so bei Veröffentlichung des 3. Quartalsberichts gesagt: „Wir werden als ein großer internationaler Ölkonzern angesehen, aber wir produzieren mehr Gas als Öl.“ Allzu richtig. In dem Moment, da sich diese Kerle vollkommen vom Öl weg bewegen können, ohne ihre Bilanz aufgrund von Reserven zu beschädigen, deren Preis niedriger gesetzt werden müsste, werden sie es tun. Und an dem Punkt wird das Spiel für Öl als primärer Treiber vorbei sein. Ganz einfach, weil sich der Umfang des Geldes wegbewegt haben wird. Ich kann nicht verstehen, warum die IEA es nicht schafft, dieses Phänomen erkennen zu können.

In der Zwischenzeit kaufen die Öl produzierenden Länder Gold, um sich zu schützen. Die USA weisen die Europäische Union zurecht und spannen Wall Street vor den Karren, um gegen uns zu spekulieren, wobei die Kern-Medien als voreingenommene Kanäle alles verzerren. Nieder mit dem Euro, um die einzige glaubwürdige Alternative zur Leitwährung abzuschaffen. Das Problem, das noch vorhanden ist, besteht darin, dass Deutschland tatsächlich Dinge produziert, die jeder haben will. Im Gegensatz zu den USA können sie sich den Weg aus dem Schlamassel durch den Export bahnen.

Daher gibt es eine wirklich produktive Rückabsicherung für eine solide Währung, darunter die Standhaftigkeit der Bundesbank. Alles Zutaten, die die Fiat-Währung in den USA in Gefahr bringen. Die einzige Lösung für die Amerikaner ist es, die EU auseinanderzureißen. Sie werden dies meiner Ansicht nach versuchen, da ihr Zeithorizont nur sehr kurz ist. Werfen Sie einen Blick auf die Sparquoten in den USA im Vergleich zu den europäischen Ländern. Mit Ausnahme der Griechen und Engländer sind die meisten sehr starke Sparer. Während das Bankenproblem massiv ist, geht zumindest Sparen vor sich. Das Kernproblem ist in den USA und Großbritannien. Was immer sie Reuters sagen lassen. (Werfen Sie einen Blick auf den Artikel vor ein paar Wochen auf Reuters, der besagte, dass MF Global das erste Opfer der Euro-Krise war, weil das Unternehmen gegen die Eurobonds gewettet hatte und dann hatten die Eurobondpreise die Kühnheit, den umgekehrten Weg zu gehen … die Argumentationslinie ist widerlich, aber die Überschrift ist da. (4) Es ist Europas Schuld.)

Was ist Ihre ausführlichere Sicht im Zusammenhang mit den neuen langfristigen Prognosen sowohl der IEA als auch der OPEC?

Marten van Mourik: Ich denke, dass ihre langfristigen Projektionen schön den ständig steigenden Bedarf nach Öl zeigen, da die Weltbevölkerung wächst. Sie kommunizieren auch diplomatisch miteinander in einer Art, wie sie es aus meiner Sicht seit vielen Jahren getan haben. Die IEA sagt, dass ausreichende Investitionen durch die OPEC unternommen werden müssen, damit das Versorgungssystem am Laufen gehalten wird. Die OPEC sagt, sie wolle Nachfrage-Garantien, um das Geld in den Boden zu stecken, damit das Öl produziert werde. Im Endeffekt glaube ich nicht, dass es eine Langzeit gibt. Es gibt nur eine Reihe von kürzeren Etappen, aus denen sich im Nachhinein ein langfristiger Pfad ergibt. Denn während es schön ist zu zeigen, dass die Ölnachfrage bis zum Jahre 2035 auf 100 Millionen Barrel pro Tag wachsen wird, ist die Situation doch die, dass die Ölindustrie derzeitig Schwierigkeiten bei der Bereitstellung dessen hat, was jetzt gewünscht wird.

Es gibt viele Gründe dafür, warum Schwierigkeiten vorhanden sind. Begrenzte Ressourcen und schwierige und raue Bedingungen des Umfelds kommen einem in den Sinn. Aber ein anderer, viel wichtigerer aus meiner Sicht ist der unmittelbare Geschäftshorizont. Dieser Geschäftshorizont ist nicht viel länger als 3 bis 5 Jahre. Alles, was länger ist, kann vernünftigerweise einfach geändert werden. In einer volatilen Preis-Umgebung werden Unternehmen zunehmend zurückhaltend gegenüber Ausgaben sein. Der Grund ist einfach der, dass auch die Wirtschaftlichkeitsberechnung volatil wird. In den letzten Jahren haben sich die Kosten vergrößert, während der Preis herum gesprungen ist. Gleichzeitig ist die Nachfrage zurückgegangen und dann gestiegen und zeigt jetzt in einigen Bereichen Anzeichen von Stillstand.

Wie kann man von Ölgesellschaften erwarten, ausreichend zu investieren, um das Öl zu liefern? Wie kann man von der OPEC erwarten, dies zu tun? Denn was ist der Geschäftsvorschlag für ein Projekt, das entworfen ist, um mehr Ölproduktionskapazität bereitzustellen, wenn diese seit Jahren für die Tage stillgelegt wurde, wo es Knappheiten geben könnte, und diese Kapazität ebenso den Preis für die bestehende Produktion senkt? Es dauerte nicht lange, ehe von den Saudis in der Presse berichtet wurde, dass ihre Ölentwicklungspläne von 100 Milliarden USD eingefroren wurden, nachdem die IEA ihre langfristigen Aussichten veröffentlichte. Damit fiel auf einen Schlag der Boden unterhalb der langfristigen Aussichten weg.

Der kurzfristige Spezialfall in der IEA-Prognose wurde aktiviert, der zu einem sprunghaften Anstieg des Ölpreises führen sollte. Eine scharfer Anstieg des Ölpreises, vielleicht in Kombination mit Anzeichen physischer Knappheit, würde die langfristigen Aussichten völlig ändern. Die physische Knappheit würde die Denkweise der westlichen Konsumenten dramatisch verändern. Und dann muss womöglich alles bezüglich der Nachfrage neu überdacht werden. Kurzum, während ich die langfristigen Prognosen zu schätzen weiß, sind sie ebenso eine diplomatische Waffe, wie sie die Projektionen einer langfristige Zukunft sind. Sie sind auch gemacht worden, damit die Politiker die umgebende Welt betrachten. Aber es ist schwer in aller Klarheit zu buchstabieren, dass Ölschocks hier sind, und dass sie nicht einfach weggehen werden. (5)

Sie sind also äußerst skeptisch, dass die Welt genug Öl im Inventar oder als freie Kapazitäten hat? Darüber hinaus schrieb Gregor Macdonald in einem Artikel mit der Überschrift „Freie Kapazitäten-Theorie“ das Folgende:

In Wahrheit sind die ungenutzten Kapazitäten, die die Welt – die die Öl-Terminmärkte – interessiert, nicht die Lagerbestände. Sondern die tatsächliche Produktionskapazität, die sofort erbracht werden kann.” (6)

Ist diese Beobachtung von Herrn Macdonald zutreffend?

Maarten van Mourik: Ich würde empfehlen, eine Präsentation zu lesen, die ich im Jahr 2005 zu ungenutzten Kapazitäten und den Ölpreis gegeben habe: “Back to fundamentals: Oil price forecasting in a new oil market(“Zurück zu den Grundlagen: Ölpreisprognose in einem neuen Öl-Markt“). Dies war die Formalisierung des Ölpreis-Modells, über das wir gesprochen haben. Tatsache ist, dass die ungenutzte Produktionskapazität bis irgendwann im Frühjahr 2008 kein Problem in irgendjemandes Kopf gewesen ist. Um das Problem ins Verhältnis zu setzen: die IEA gab in diesem Sommer Öl wegen der Angst vor einer Versorgungskrise frei (die ohnehin kommen wird). Dieser Schachzug kann auch als Erlaubnis für die Saudi ausgelegt werden, als diejenigen zu posieren, die immer noch freie Kapazitäten haben. Denn die Saudis können sagen, nun ja, wir haben die Produktion erhöht (wenngleich kaum jemand ihren libyschen Doppelgänger genommen hat), aber diese imperialistischen westlichen Regierungen sind unseren guten Absichten, um auszuhelfen, zuvorgekommen, indem sie ihre Sicherheitsvorräte freigaben, und so waren wir nicht verpflichtet, von all unseren teuren Überkapazitäten Gebrauch zu machen.

Zugleich erhöhten die Saudis das Produktionsniveau in diesem Sommer auf bis zu 10 Millionen Barrel pro Tag, 1 Million Barrel pro Tag über dem Niveau der Frühjahrssaison, offenbar alles für den inländischen Verbrauch erforderlich, da kein einziges Barrel zusätzlich exportiert wurde. Wer weiß, ob sie ehrlich sind, wenn sie sagen, dass sie mehr gepumpt haben? Wer überprüft die Installationen? Jeder ist also glücklich, denn es ist auch im Interesse der westlichen Regierungen, dass die Fata Morgana der freien Kapazitäten aufrecht gehalten wird – denn wenn diese Fata Morgana in Rauch aufgeht, wird volle Panik ausbrechen und ein Gerangel um die letzten Fässer beginnen.

Von daher unterstützte ich also Macdonalds Ansicht, gleichwohl die Lagerbestände kurzfristige Konjunkturindikatoren des Marktes sind. Ich bleibe bei der Ansicht, dass es in niemandes Interesse auf der Produzenten- oder Konsumenten-Seite ist, die Produktion zu steigern. Warum sollte man die Gans mit den goldenen Eiern töten?

Für Ihre und der Leser Information, der Co-Autor der Präsentation war mein damaliger Geschäftspartner, und er war der vorherige Besitzer einer Firma namens Petrodata, die Informationen zu Bohrinseln und Offshore-Feldern sammelte (und dies immer noch tut). Das Unternehmen gehört heute IHSEnergy (unter anderem Eigentümer von CERA), das sowohl die Öl- und Gasfeld-Datenbank von Petroconsultants als auch Informationskanäle wie Fairplay kontrolliert. Zum Teil gehört es einem Finanzinstitut. Ich denke, das ergibt Sinn, weil die Kontrolle über die Informationen es einem erlaubt, sich Vorteile in den Märkten zu verschaffen. Was aus meiner Sicht OK ist. Es ist nur schade, dass die Regierungen nicht damit belästigt werden können, sich ein richtiges Bild zu machen und die Rahmenbedingungen zu setzen, wie sie es tun sollten. Das ist deren Job.

Hinsichtlich der saudischen Ölförderung sagte mir Marshall Auerback vor nicht allzu langer Zeit:

„Wenn Saudi-Arabien der Swing-Producer ist, müssten sie ihre Produktion um 4 Millionen Barrel pro Tag senken.“ (7)

In Anbetracht der kompletten Begründung dieser Aussage, stimmen Sie ihm zu?

Maarten van Mourik: Nein, ich stimme nicht zu, außer vielleicht, wenn es einen plötzlichen Zusammenbruch gäbe. Wir sind am Rande der Kapazität und wir werden es bleiben, bis wir eine andere Möglichkeit finden, um Öl oder andere Ressourcen für die gleichen Zwecke zu verwenden. Wenn die Nachfrage um die Hälfte der aktuellen Rate wächst, wo käme der Anreiz zu Investitionen her? Die Schritte zur Produktion im großem Maßstab kommen von den Nicht-OPEC-Ländern. 2010 war eine Ausnahmeerscheinung. Während große Dinge im Onshore-Bereich in den USA geschehen können, ist es unwahrscheinlich, dass sie jemals im großen Stil geschehen werden. Damit meine ich etwas, das sehr niedrige Import-Quoten in den USA ermöglichen würde. Peak Oil ist passiert, nicht in allen Flüssigkeiten, aber im Rohöl sieht es sicherlich so aus. Massive Investitionen sind unternommen worden, doch die Erdölförderung hat damit zu kämpfen, auch nur flach zu bleiben. Wenn die Nicht-OPEC-Länder nicht liefern, wird es die OPEC tun müssen. Aber die OPEC hat bei jeder Gelegenheit gesagt, dass sie nicht einschreiten wird, wenn die Nachfrage nicht gegeben ist.

Im Jahre 2003, als die Welt alle 12 Tage eine Milliarde Barrel Öl verbrauchte, haben Sie bezüglich neuer Explorationen gesagt: „Es ist viel zu teuer. Die Kosten betragen 50 bis 60 Millionen pro Bohrinsel und es gibt wenig garantierte Rendite.“ Sie sagten weiterhin etwas ziemlich Ernüchterndes im Zusammenhang mit Peak Oil: „Es könnte vielleicht nicht rentabel sein, den Rückgang zu verlangsamen.“ (8) Was bedeutet das, wenn man das miteinander zusammensetzt?

Maarten van Mourik: Nun, ohne Zugang zu einfachem, billig fließendem Öl sind die Kosten für das inkrementelle Barrel hoch und steigend für die kommerziellen Ölgesellschaften. Hohe und steigende Kosten bedeuten, dass der Gewinn und das Gewinnwachstum unter Druck stehen, wenn der Ölpreis nicht gleichzeitig auch steigt. Das wiederum bedeutet, dass die Attraktivität der Aktie reduziert wird und damit der Wert der Unternehmen. Die großen Ölgesellschaften haben viel Geld für die Exploration und Produktion ausgegeben. Aber sie haben auch große Mengen für den Rückkauf eigener Aktien verwendet, was definitiv kein Öl produziert.

Darüber hinaus sind die privaten Unternehmen in einem kontinuierlichen Modus der Aufwertung ihrer Portfolios begriffen. Das heißt, finanzielle Aufwertung, denn dies sind Unternehmen und sie pumpen Geld, nicht Öl um des Öls willen. Die Aufwertung bedeutet für alle praktischen Zwecke den Verkauf von Anlagen, seien dies Zukunftsaussichten oder Produktionen. Also werden diese Unternehmen ihr Geschäft nicht im Sinne der Mengengröße wachsen lassen. Ganz im Gegenteil, was Flüssigkeiten angeht. Dies ist ein Phänomen, das es entlang des gesamten Spektrums der Ölkonzerne gibt, seien es riesige, große oder kleine. Anlagen können nicht einfach von der nächsten Öl-Firma übernommen werden, die daherkommt. Entwicklung braucht Größenumfang in Organisation, Erfahrung und Zugang zu Geld.

Die Auswirkungen des Prozesses und dessen, was ich im Jahr 2003 sagte, sind für jeden in der Nordsee-Offshore-Öl-Produktion zu sehen. Vermögenswerte sind an kleinere Ölgesellschaften verkauft worden, die in neue und ältere Felder investiert haben. Der Produktionsrückgang wurde bekämpft, aber nicht mit Zähnen und Klauen. Denn im Jahr 2003 war die Nordsee-Produktion bereits seit vier Jahren im Rückgang. Die Nordsee hatte mit rund 6 Millionen Barrel pro Tag ihren Höhepunkt der Ölförderung. Acht Jahre später hat sich der Rückgang fast unvermindert fortgesetzt. Die Produktion liegt derzeit bei rund 3,4 Millionen Barrel pro Tag. Die Untätigkeit besteht nicht aus Mangel an Reserven. Es ist viel Öl übrig. Das Gebiet kann ebenso als mit geringem politischen Risiko angesehen werden. Es ist nur so, dass das Öl einfach zu teuer ist, um ausreichende Gewinne in einem ausreichend großen Maßstab machen zu können.

Glauben Sie, dass Gold in der Tat in der Zukunft als Preismechanismus für Öl und andere natürliche Ressourcen genutzt werden wird?

Maarten van Mourik: Ich glaube schon, ja. Ehrlich gesagt, ich glaube, es passiert bereits, wenngleich in einer Art von versteckten Weise. Die OPEC hat gegen die Auswirkungen der Dollar-Abwertung auf ihre Erdöl-Einnahmen seit den 70er Jahren argumentiert. Es scheint nunmehr, dass Ölpreis effektiv gegen Gold berechnet wird oder zumindest einen Korb, der eine enge Korrelation zu Gold besitzt. Die Korrelationen sind nicht kontinuierlich stark, aber manchmal sind sie sehr hoch. Für mich ist es nur logisch, dass Gold oder etwas Gleichwertiges (gibt es irgendetwas?) für das Angebot von realen Produkten verwendet werden würde.

Es wäre für die Wirtschaft gut, das zu tun, da der tatsächliche Preis die Knappheit besser widerspiegeln und damit Entscheidungen besser informieren würde, wie die Produkte zu verwenden sind. Zwar gibt es immer noch reichlich Öl, aber das billigste Barrel Öl ist jenes, das nicht verbraucht wird. Wenn Öl ständig real stiege oder sogar sprunghaft hochschnellte, würden Anpassungsprozesse in vielerlei Hinsicht viel effizienter beginnen. Denn bis zu vor kurzem war Energie spottbillig. Und mit einem Preis, der lächerlich gering war, wurde sie verschwendet und wir sind in eine Art von Selbstgewissheit eingelullt worden, dass das Öl immer da sein würde.

Dies ermöglichte es uns auch, Geld für Dinge auszugeben, die außer Reichweite gewesen wären, wenn Energie teurer gewesen wäre und den langfristig durchschnittlichen Wiederbeschaffungswert widergespiegelt hätte. Es ist denkbar, dass der finanzielle Überschwang einen anderen Maßstab gehabt hätte, da die Budgets der privaten Haushalte einfach nicht groß genug gewesen sein würden. Außerdem, wenn Öl und andere natürliche Ressourcen in Gold berechnet würden, wären sie noch einen Schritt weiter außerhalb der Reichweite von Währungsmanipulationen, die die nominalen Preise erhöhen. Das würde die Volatilität senken und so das zukünftige Geschäftsumfeld stabilisieren.

Was würde mit der US-Wirtschaft passieren, wenn das „Petrodollar-System“ endgültig zusammenbräche?

Maarten van Mourik: Sie meinen, wenn Öl und so in Gold berechnet werden würde?

Ja.

Maarten van Mourik: Sofern das Petrodollar-System ist noch voll in Kraft ist, würde ich schätzen, dass die USA einen heftigen Schlag abbekämen.

Eine andere Sache, dass ich kommen sehe, ist die Notwendigkeit für Kontinentaleuropa zur Entwicklung einer Energie-Allianz mit den östlichen Teilen Eurasiens. Habe ich Recht?

Maarten van Mourik: Ja, ich würde denken, dass Sie da richtig liegen. Einfach ausgedrückt, große Ressourcen sind im östlichen Eurasien vorhanden. Während der Westen die Politik nicht sonderlich mögen mag, befinden sich die Ressourcen innerhalb einfachen Transports. Europa würde ich für diese Ressourcen-Eigentümer auch zu einem netten Kunden rechnen, der ihnen die Möglichkeit gibt, einen diversifizierten Kundenstamm zu halten.

Wie bewerten Sie als Ökonom die Arbeit, die von GATA getan wurde? Glauben Sie, dass sie vor ähnlichen Problemen wie die Peak Oil-Advokaten stehen?

Maarten van Mourik: Haben Sie den Artikel in der Financial Times gelesen, der kürzlich GATA diskutierte? Sie wurden nicht vollständig verhöhnt, was ich interessant fand, da die Mainstream-Medien typischerweise alles verlachen, was außerhalb der Box klingt. (9)

Ist es in Ihrer Einschätzung Zufall, dass die globale Schuldenblase gerade jetzt platzt, da die natürlichen Ressourcen und Kredite an ihre Grenzen stoßen?

Maarten van Mourik: Ich verweise auf meinen zuvor geäußerten Punkt mit den Haushaltsbudgets. Aber das gleiche gilt auch für die öffentlichen Haushalte. Ich denke nicht, dass es ein Zufall ist. Zu viel Platz des Budget-Raums, der durch zu niedrige Preise für natürliche Ressourcen geschaffen wurde, ist dafür verwendet worden, um eine erhöhte Schuldenlast zu bedienen. In dem Moment, da der Haushalt durch wirkliche, notwendige Dinge wie Energie ausgepresst wurde, war der Raum, um den Schuldendienst beizubehalten, verloren. Letztlich hat der Preis für Energie eine lange Zeit nicht die langfristig durchschnittlichen Kosten wiedergegeben, sondern die kurzfristigen Grenzkosten. In einer Situation erheblicher Überkapazitäten sind die kurzfristigen Kosten in der Tat sehr gering. Aber sobald die Überkapazitäten weg sind, muss der Preis steigen, um die notwendigen Investitionen zum Aufbau neuer Kapazitäten zu reflektieren. Und dann gehen die Preise plötzlich durch die Decke. Dies ist beim Gas passiert, es ist in bestimmten Märkten beim Strom passiert, es ist beim Öl passiert. Vielleicht muss man sich die Frage stellen, ob diese Produkte wirklich dem freien Markt in der Weise überlassen werden sollen, wie er jetzt funktioniert.

Richard Heinberg erzählte mir in einem Interview das Folgende:

„Unser derzeitiges Geldsystem benötigt stetiges Wachstum, so dass die Rückzahlung der Zinsen auf die Schulden ermöglicht wird, durch die das Geld überhaupt zu Beginn geschaffen wurde, und so kann es im Kontext der allgemeinen Ressourcenknappheit und des wirtschaftlichen Abschwungs nicht gut funktionieren.“ (10)

Ist dies das Schlüssel-Dilemma unserer Zeit? Und wie würden Sie sagen, passt Gold in dieses monetäre Energie-Bild?

Maarten van Mourik: Nun, das ist gewiss eine zentrale Thematik. Ich würde erwarten, dass die aktuellen Beben an den Märkten zu mehreren Preisspitzen führen, um zu signalisieren, dass die Ressourcen knapp sind und dass der Mensch mit dem nächsten Plan ankommen muss. Letztlich muss der Mensch sich zur nächsten Energiequelle bewegen, die relativ häufig vorhanden ist. Die Tatsache, dass das Wachstum nicht vom aktuellen Ressourcen-Mix aufrechterhalten werden kann, erfordert einen Schock, um einen Wandel zu ermöglichen. Sehen Sie es als eine Art technologische Hürde, die genommen werden muss, oder vielleicht eine Geistesrichtung, die uns dahintreibt, die Dinge tatsächlich anders zu machen. Um über die Hürde zu kommen, müssen erhebliche Investitionen geschehen, örtliche Verrückungen von Menschen und Neuordnungen von Industrien und Dienstleistungen. Das bedeutet eine Phase der Stagnation oder des Rückgangs, wonach in einem neu-arrangierten System das Geld-System wieder abheben könnte. Gold würde helfen, den Übergang zu schaffen, weil es als Anker funktionieren würde. Bei allem, was sich während einer Mega-Rundumüberholung im Fluss befindet, muss irgendetwas irgendwo stabil sein.

Warum gibt es einen einzigartigen Spread zwischen dem Rohöl der Marken WTI und Brent, der gerade wirklich zum ersten Mal stattfindet?

Maarten van Mourik: Soweit ich das verfolgt habe, ist das in erster Linie ein logistisches Problem innerhalb der USA. Zuviel Rohöl fließt in den Preisgestaltungspunkt von WTI, wobei zu wenig davon an Orte geht, wo das Rohöl in Kontakt mit anderen Rohölen kommen würde, das heißt die Golfküste der USA. Als solches hat es einen Zusammenbruch des Systems kommunizierender Barrel gegeben, und der besteht fort. Er wird nicht lange andauern. Pipelines werden umgekehrt und gebaut, die Schienen-Infrastruktur wird aufgebaut. Mit ein wenig Zeit ist die Kommunikation wieder hergestellt.

Eine letzte Frage. Können wir die gleiche Menge an Produktivität und Wohlstand mit weniger natürlichen Ressourcen erreichen?

Maarten van Mourik: Ja, das glaube ich. Sonst wären wir nicht als Mensch dort angekommen, wo wir jetzt sind. Es hat mehr von diesen Geld/Ressourcen-Umwälzungen in der Vergangenheit auf niedrigeren Ebenen der Entwicklung gegeben. Wir sind durchgekommen und fanden uns mit einer Ressource mit mehr Energieinhalt wieder. Außerdem gibt es sicherlich große Chancen, um viel, viel weniger verschwenderisch und somit wesentlich effizienter zu sein, als wir es bisher gewesen sind. Es erfordert nur den Willen zur Veränderung und Anpassung.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Herr van Mourik!

QUELLEN:

(1) Lars Schall: “Germany should end the secrecy and bring its gold home”, veröffentlicht auf GATA.org am 10. Oktober 2011 unter: http://www.gata.org/node/10550

(2) Vgl. beispielsweise Lars Schall: “Die schwelenden politischen Risiken sind nicht vollständig im Öl-Preis diskontiert”, Interview mit Ronald Stöferle, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 17. März 2011 unter:

http://www.larsschall.com/2011/03/17/%E2%80%9Edie-schwelenden-politischen-risiken-sind-nicht-vollstandig-im-ol-preis-diskontiert/.

Stoeferle fasste die Stdie wie folgt zusammen:

Die Studie “Peak Oil – Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen”, die vom Zentrum für Transformation der Bundeswehr, einem Think Tank der deutschen Bundeswehr, durchgeführt wurde, ist besonders interessant und delikat.(i) Die Studie, die wirklich lesenswert ist, beschreibt, wie infolge der sinkenden Ölproduktion ein Wendepunkt erreicht werden könnte, von dem an das  Wirtschaftssystem umkippen wurde und die folgenden Konsequenzen möglich sind:

– Die westlichen Industriestaaten verlieren ihren Einfluss
– Dramatische Verschiebungen der politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse
– Massive Reduktion der Mobilität
– Weitere Erosion des Vertrauens in staatliche Institutionen und Politik
– Negative Auswirkungen auf die Demokratie, da eine systemische Krise “Raum für ideologische und extremistische Alternativen zu bestehenden Formen der Regierung” schaffen würde
– Ein möglicher teilweiser oder vollständiger Ausfall der Märkte, der in einen Rückfall zum Tauschhandel resultieren könnte
– Versorgungsmangel mit essentiell wichtigen Gütern wie Nahrung, und Hungersnot als dessen Folge
– Preisschocks in praktisch allen Bereichen der Industrie und in fast allen Stufen der Wertschöpfungskette
– Banken würden ihre Geschäftsgrundlage zu verlieren, da die Unternehmen mit geringer Bonität nicht überleben würden
– Verlust von Vertrauen in Währungen infolge der Hyperinflation und Rückkehr zum Tauschhandel auf lokaler Ebene
– Massenarbeitslosigkeit und Staatspleiten.

Das ist wirklich ernsthafter Stoff, und mir scheint, dass öffentliche Institutionen endlich realisieren, dass Peak Oil eine große Bedrohung ist. Ich denke, dass dieses wunderbare Wort von Jean Monnet die Mentalität am besten beschreibt: “Die Leute akzeptieren Wandel nur dann, wenn sie mit der Notwendigkeit konfrontiert sind, und die Notwendigkeit nur dann, wenn sie vor einer Krise stehen.”

(3) Vgl. Joseph A. Schumpeter: “Capitalism, Socialism and Democracy”, Harper, New York, 1975 [orig. pub. 1942]. Siehe auch Thomas K. McCraw: “Prophet of Innovation: Joseph Schumpeter and Creative Destruction”, Harvard University Press, Cambridge, 2007.

(4) Edward Krudy: “Wall St down as MF Global falls victim to Europe”, veröffentlicht auf Reuters am 31. Oktober 2011 unter:

http://www.reuters.com/article/2011/10/31/us-markets-stocks-idUSTRE79U1RB20111031

(5) Siehe auch Maarten van Mourik: “Langfristige Voraussagen mit kurzfristigen Auswirkungen”, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 26. November 2011 unter:

http://www.larsschall.com/2011/11/26/langfristige-voraussagen-mit-kurzfristigen-auswirkungen/

(6) Vgl. Gregor Macdonald: “Spare Capacity Theory“, veröffentlicht auf Gregor.us am 21. Februar 2010 unter: http://gregor.us/oil/spare-capacity-theory/.

Macdonald definierte die “Spare Capacity Theory“ dergestalt: “the assumption among western bankers, policy makers, economists, and stock markets that OPEC producers can lift oil production at will, and, export all of that spare production to world consumers.“

(7) Lars Schall: “Die ‚Straße zur Erholung‘ ist eine Sackgasse”, Interview mit Marshall Auerback, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 29. Mai 2011 unter:

http://www.larsschall.com/2011/05/29/die-strase-zur-erholung-ist-eine-sackgasse/

Die Frage und gesamte Antwort von Marshall Auerback war:

Was schiebt die Preis-Dynamik beim Öl an?

Marshall Auerback: Ich denke, es gab einen grundlegend engen Markt, der wahrscheinlich einen Erdölpreis von etwa $ 80 bis $ 85 pro Barrel rechtfertigte, aber ich denke, dass der jüngste Anstieg vor allem durch Spekulation angetrieben wurde. Wenn Sie sich die neuesten Commitment-of-Traders-Daten ansehen, dann ist die Netto-Spekulations-Long-Position beim Rohöl kaum nach unten gegangen, und das trotz eines Zwanzig-Dollar-Rückgangs von der Spitze. Ich bin erstaunt. Das bedeutet zweierlei Dinge. Die Long-Positionierten sind weniger technisch als ich dachte und wirklich glaube. Und der Ölpreis gehört wirklich viel niedriger, weil er selbst im hohen 90er-Bereich im Wesentlichen durch rekordartige Spekulations- und Investitions-Long-Positionen hochgehalten wird. Es sagt mir auch, dass ich vielleicht konservativ gewesen bin, als ich nahelegte, dass $ 85 die Zielmarke auf der Unterseite sei. Eine Zeitlang könnte das leicht übertroffen werden.

Ich denke, die Saudis realisieren, dass die Welt im Laufe der nächsten Jahre nicht mehr als neun Millionen Barrel pro Tag von ihnen braucht. Warum? Weil das Wachstum der globalen Ölnachfrage seit dem Zusammenbruch des Ölpreises im Jahr 1985 immer 1.7% pro Jahr gewesen ist. Der Zusammenbruch hat die Nachfrage nicht angeregt: das ist ein Wachstum von der Hälfte des weltweiten BIP auf Basis von Wechselkursen berechnet.

Die Saudis wissen, als der Ölpreis in den 1970er Jahren stieg, verursachte das eine riesige Nachfrage-Zerstörung. Die Intensität der Nutzung fiel fünf Jahre lang in Folge um sechs Prozent pro Jahr von 1981 bis 1985, bis der Ölpreis kollabierte und sich die Senkung der Nutzung verlangsamte. Sie wissen, dass der Anstieg des realen Ölpreises im vergangenen Jahrzehnt so groß war wie der in den 1970er Jahren, also besteht die Gefahr eines Sturzes in der Intensität der Nutzung. Gleichzeitig wissen sie, dass der Irak in den nächsten drei Jahren der Produktion wahrscheinlich drei Millionen Barrel pro Tag hinzufügen wird, und die Produktion in den USA steigt nunmehr, sie fällt nicht.

In den USA betreiben wir jetzt dreimal so viele horizontale Bohrungen, die nach Flüssigkeiten suchen, als wir in den letzten Jahren hatten. Mit den unteren Ebenen solcher Bohrplattformen im Betrieb haben wir unsere Produktion um eine halbe Million Barrel innerhalb von zwei Jahren erhöht. Falls wir wieder Bohrungen vor der Küste zulassen und den Offshore-Rückgang seit Macondo beenden, könnten die USA der inländischen Produktion sehr einfach mehr als eine halbe Million Barrel pro Tag in den nächsten drei Jahren hinzufügen. Brasilien und Kolumbien haben jetzt steile Förderkurven. Ghana betritt den Markt als Produzent.

Sie können also die Arithmetik anstellen. Wenn die weltweite Nachfrage zum 25-Jahres-Durchschnitt ansteigt, ist das eine Erhöhung von fünf Prozent auf einem Sockel von 87 Millionen Barrel über drei Jahre oder 4,4 Millionen Barrel pro Tag. Die irakischen und anderen Produktionssteigerungen, die ich erwähnt habe, werden mehr als das bereitstellen. Ja, es wird einige Rückgänge anderswo geben. Aber die USA sind nicht der einzige Ort, wo höhere Preise in einer Umkehrung der Rückgänge resultieren werden. Einige Bereiche der Erschöpfung werden durch einige Erhöhungen ausgeglichen werden. Die Nordseeförderung wird sinken, aber die Ölsand-Produktion in Kanada wird weiter steigen und das Alberta Bakken wird zu einer neuen Quelle der Produktion werden.

Was Russland betrifft, so habe ich von Henry Groppe gehört, dass die russische Produktion für acht Jahre fallen würde und stattdessen stieg sie. Also vielleicht müssen die Saudis ihre Produktion um eine halbe Million Barrel pro Tag auf 8,7 erhöhen. Aber es passt zu allen anderen Zahlen.

Worüber die Saudis besorgt sind, ist die Möglichkeit eines Bruchteils der Nachfrage-Zerstörung der Periode von 1980 bis 1985. Ein saudischer Experte, mit dem kürzlich sprach, denkt, dass es zu gegebener Zeit zu diesen Preisen geschehen wird. Falls er Recht hat, dann kann man nicht davon ausgehen, dass die weltweite Nachfrage um die 1,7% pro Jahr im Durchschnitt der letzten 25 Jahre ansteigt. Und wenn Saudi-Arabien der Swing-Producer ist, dann haben sie ein großes Problem. Machen Sie die Mathematik. Nehmen Sie an, die Nachfrage wächst um .7%. Denken Sie daran, sie fiel um drei Prozent für fünf Jahre in der ersten Hälfte der achtziger Jahre. Das ist jedes Jahr ein Verlust der Nachfrage von 900.000 Barrel pro Tag. In fünf Jahren wäre das ein Verlust von 4,5 Millionen Barrel pro Tag. Wenn Saudi-Arabien der Swing-Producer ist, müssten sie ihre Produktion auf 4 Millionen Barrel pro Tag drosseln. Das können sie nicht. Ich denke, dass Peak Oil das Problemthema des letzten Jahrzehnts war.

(8) Vgl. Michael C. Ruppert: “Paris Peak Oil Conference Reveals Deepening Crisis“, veröffentlicht auf From the Wilderness am 30. Mai 2003 unter:

http://www.fromthewilderness.com/free/ww3/053103_aspo.html

(9) Vgl. Gillian Tett: “Is there a shadowy plot behind gold?”, veröffentlicht auf Financial Times am 21. Oktober 2011 unter:

http://www.ft.com/intl/cms/s/2/90effa18-faa3-11e0-8fe7-00144feab49a.html

Tett schrieb:

„It would be foolish simply to deride or ignore GATA. … Some of its points have at least a grain of truth. Even if you find it hard to believe that central bankers would be dastardly enough to create a plot — or competent enough to do what GATA claims — the fact is that global commodity markets are pretty murky, central banks are often opaque, and Western rhetoric about ‚free‘ markets is often hypocritical. Those issues merit far more debate, not just among journalists but central bankers too.“

(10) Vgl. Lars Schall: “How much oil is left?”, Interview mit Richard Heinberg, veröffentlicht auf Energy Bulletin am 8. April 2010 unter:

http://www.energybulletin.net/node/52361

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