Der weltweite Kampf um natürliche Ressourcen

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Indem sich der Wettbewerb für Öl, Wasser und andere Ressourcen auf blutige Weise intensiviert, verschieben sich die weltweiten Machtverhältnisse. Hierdurch bieten sich die Kulissen für eine Reihe von Konflikten, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinen, im Mittleren Osten und Zentralasien. Lars Schall sprach für “Cashkurs“ exklusiv mit dem brasilianischen Investigativjournalisten Pepe Escobar, einem der scharfsinnigsten internationalen Analysten solcher geopolitischen Trends.

Von Lars Schall

Zum Interview Teil 1:

Im nachfolgenden ersten Teil des Interviews mit Pepe Escobar, das für “Cashkurs“ exklusiv in die deutsche Sprache übersetzt wurde, geht es zunächst um die versteckte Agenda hinter dem “Krieg gegen den Terror“, der allmählich von dem abgelöst wird, was das Pentagon der USA “Full Spectrum Dominance“ nennt. Unter diesem Deckmantel, so Escobar, war “al-Qaida“ ein nützliches, gar zu perfektes Werkzeug der US-amerikanischen Außenpolitik. Gleichwohl hätten sich die USA im Mittleren Osten und in Zentralasien kolossal verschätzt. Russland und China machten immer mehr Boden gut, hinter dem Gelingen eines zentralen Pipeline-Projektes des Westens stünden große Fragezeichen, und die BRICS-Staaten fänden in verstärkter Weise zu einer gemeinsamen politischen Linie zueinander.  Zudem versucht sich Escobar an der Erklärung von ein paar wesentlichen Grundzügen des Drogengeschäfts in Afghanistan/Pakistan sowie Südamerika.

Zur Person des Interviewten:

https://lh4.googleusercontent.com/-qK_RefjQ2s4/AAAAAAAAAAI/AAAAAAAAACs/eRF_wi8q208/s250-c-k/photo.jpgPepe Escobar, der im Oktober 1954 in Brasilien geboren wurde, ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit mit drei Jahrzehnten Erfahrung in den Bereichen der Politik und geopolitischen Konflikte rund um den Globus. Er arbeitet für die in Hong Kong erscheinende Asia Times als „The Roving Eye“ und ist ein Analyst von “The Real News“ in Washington DC sowie für Russia Today und Al Jazeera. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War“, “Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge“ und “Obama does Globalistan“. Ferner ist er verbunden mit der in Paris ansässigen Europäischen Akademie für Geopolitik.

Herr Escobar war als Auslandskorrespondent seit 1985 in London, Mailand, Los Angeles, Paris, Singapur und Bangkok tätig. Seit den späten 1990er Jahren hat er sich auf die Berichterstattung von geopolitischen Geschichten aus dem Nahen Osten und Zentralasien spezialisiert. In diesem Rahmen hat er im letzten Jahrzehnt aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, den zentralasiatischen Republiken, China und den USA berichtet. Im Frühjahr/Sommer 2001 war er in Afghanistan / Pakistan, hat den militärischen Führer der Anti-Taliban-Nordallianz, Ahmad Shah Massud, nur wenige Wochen vor dessen Ermordung interviewt, und erreichte als einer der ersten Journalisten die afghanische Hauptstadt Kabul nach dem Rückzug der Taliban. Er ist ein ausgewiesener Experte für das  Netzwerk von Pipelines, das die Länder des Nahen und Mittleren Ostens, Zentralasiens, Russlands und Europas umgibt. Pepe Escobar lebt in Sao Paulo und Bangkok.

Herr Escobar, angesichts Ihrer Erfahrung in diesem Bereich, was würden Sie als das wichtigste Missverständnis der breiten Öffentlichkeit im Zusammenhang mit der so genannten „Krieg gegen den Terror“ hervorheben?

Pepe Escobar: Dies ist die Titelgeschichte eines “Clash of Civilizations“ und eines Undercover-Kalten Krieges, der vielleicht zu einem heißen Krieg zwischen den USA und den beiden strategischen Konkurrenten, China und Russland, werden wird. Sie konnten nicht direkt gegen diese beiden BRICS-Mitglieder vorgehen. [BRICS ist eine Organisation von Schwellenländern, bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika].

Erinnern Sie sich, vor dem „Krieg gegen den Terror“ und nach dem Fall der Berliner Mauer versuchten die Amerikaner herauszufinden, wer wird unser nächster Gegner sein. Man brauchte  einen vorgefertigten äußeren Feind – vorher gab es die Sowjetunion, den Eisernen Vorhang und das Übel des Kommunismus. Nachdem dieses Übel durch Realpolitik besiegt worden war – okay, wer ist als nächstes dran?

Zuerst haben sie über China nachgedacht, aber sie sagten, nein, wir können nicht China nehmen, das ist eine große Macht, sie ist nuklear bewaffnet. Dasselbe galt für Russland – und sie hatten es nett, sie besaßen eine Marionette im Kreml, Boris Jelzin, der alles wie verrückt privatisierte und Russlands Ressourcen zum Nutzen westlicher Konzerne plünderte. Dann stellte Putin die ganze Sache auf den Kopf.

Der „Krieg gegen den Terror“ war perfekt, da der Islam als Feind gebrandmarkt wurde, und 9/11, es hätte nicht günstiger sein können, weil dann das, was zuvor konzeptioniert worden war, hinzu kam: das Pearl Harbor-Element – man konnte es nicht nur der amerikanischen Öffentlichkeit verkaufen, sondern der Weltöffentlichkeit. Aber unter der Oberfläche ist die wirkliche Agenda des globalen „Kriegs gegen den Terror“, den das Pentagon als “Den Langen Krieg“ („The Long War“) bezeichnet – das bedeutet: unendlicher Krieg -, in der Tat die, dass es zwei aufstrebende Mächte gibt, die eine wirklich ernste Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellen.

Russland im Grunde deshalb, weil es atomar bewaffnet ist. Damals dachten sie über Russland nicht als einen wichtigen Öl- und Gas-Exporteur nach – das war, bevor [Wladimir] Putin Gazprom neu organisierte, so dass Gazprom der internationale Top-Major in Öl und Gas wurde. Und auf China schauten die Amerikaner zu der Zeit damals, vor zehn Jahren, als etwas, das noch immer mit sich zu kämpfen hatte, vielleicht würde es einen Bauernaufstand geben, was auch immer, sie hätten jedenfalls nicht gedacht, dass China der große Konkurrent sein würde. Und nun haben sie natürlich  $ 3.2 Billionen in Währungsreserven und US-Staatsanleihen etc. (lacht.)

Der perfekte Vorwand war 9/11, aber unterhalb der Oberfläche verstärkte sich der Krieg um die Energieressourcen im Persischen Golf und in Zentralasien, und sie hatten den Neocon-Masterplan, der unglaublicher Weise nunmehr umgesetzt wird, und der sieht vor, diesen „Bogen der Instabilität“ (“Arc of Instability“), wie ihn das Pentagon nennt, zu destabilisieren – vom Maghreb durch Nordafrika rüber zum Nahen Osten und den ganzen Weg bis nach Zentralasien über Afghanistan / Pakistan – das ist die Schnittstelle zwischen Zentralasien und Südasien – bis zur chinesischen Grenze bei Xinjiang

Sie mussten also ihre Strategie implementieren, die schließlich nach 9/11 konzeptioniert worden war – das ist die „Full Spectrum Dominance“-Doktrin des Pentagon, die etwas darstellt, von dem Sie niemals etwas in der US-Mainstream-Presse oder in der europäischen Mainstream-Presse lesen werden. Seit 2002 ist die „Full Spectrum Dominance“-Doktrin die offizielle Pentagon-Lehre. Sie ist untrennbar mit der nationalen Sicherheit Amerikas verbunden – wir haben nicht nur die vorherrschende Macht zu Lande, zu Wasser und in der Luft zu sein, sondern auch im Cyberspace und im Weltraum. Das ist das Wesen der „Full Spectrum Dominance“-Doktrin. (1)

Diese wird nun nach dem “Arabischen Frühling“ angewandt, und das ist unglaublich, weil auch niemand darüber redet. Jeder sagte am Anfang: Wow, endlich “erwachen“ die Araber, aber das ist ein zu harter Begriff, da er bedeutet, dass die Araber in den vergangenen 100 Jahren geschlafen hätten – das ist nicht wahr.

„Frühling“ ist auch nicht wirklich das richtige Wort, ich würde sagen, dass es ein Prozess des verstärkten Bewusstseins der Arbeiterklassen und der Mittelschichten in Tunesien, in Ägypten, in Bahrain und anderen Teilen des Nahen Ostens ist. Und dann kam die Konterrevolution, und dieser Prozess der Konterrevolution führt direkt zur Umsetzung weiterer Schritte der „Full Spectrum Dominance“-Doktrin.

Wir können darauf später wieder zurückkommen, aber was ich im Grunde zu sagen versuche ist, dass die Konterrevolution, die von den USA und vor allem durch das Haus Saud durchgeführt wird, das re-instrumentalisiert, was in Tunesien und in Ägypten passiert ist – sie lösten die  Konterrevolution im Persischen Golf aus, sie versuchen die Militärdiktatur in Ägypten zu bestechen, damit sie eine Militärdiktatur bleibt (sie gaben bereits $ 4 Milliarden an die Tantawi-Junta, und noch mehr wird aus Saudi-Arabien kommen), und in der Zwischenzeit versuchen sich die Vereinigten Staaten in Zentralasien neu zu organisieren, weil sie plötzlich bemerkt haben, dass sie an wen sonst noch Terrain verlieren? An China und Russland.

Dies bezieht sich auf Öl- und Gas-Geschäfte zwischen China und Russland selbst, zwischen Turkmenistan und China, zwischen all diesen Akteuren und auch den Iran – Russland und China pflegen eine sehr enge Zusammenarbeit mit dem Iran in dessen Öl- und Gasfeldern.

Die Amerikaner sagen sich also: Okay, wie reorganisieren wir das Ganze? Der „Krieg gegen den Terror“ ist in der Sicht, wie das Pentagon die Welt betrachtet, für alle praktischen Zwecke mehr oder weniger vorüber. Jetzt geht es zurück zu „Full Spectrum Dominance“ – wir müssen die ganze Sache kontrollieren. Das heißt also, die Kontrolle über das Mittelmeer als NATO-See, was das ist,  was sie in Libyen implementiert haben, und nun versuchen werden in Syrien zu implementieren; die Kontrolle über das restliche Afrika, die Entsendung von Truppen nach Uganda, was Obama vor ein paar Wochen getan hat, das ist nicht nur Uganda, sondern das Herz von Zentralafrika, es ist Uganda, Süd-Sudan, die Zentralafrikanische Republik und der Kongo – viel Öl, viel Mineralien, viele Seltene Erden, alles extrem wertvoll.

Der Westen hat also dort zu sein und die USA müssen die Kontrolle erhalten, man vergesse China. Dies bedeutet, dass AFRICOM stärker gemacht wird, das Afrika-Kommando, das derzeit in Stuttgart, Deutschland sitzt, und bald wahrscheinlich in Benghazi, Libyen.

Ich habe vor ein paar Tagen mit Leuten von der Europäischen Union in Brüssel geredet, einige intelligente Dissidenten, die nicht mit dem, was sie tun, einverstanden sind, und sie erzählten mir  off the record: Schauen Sie, es wird dort eine Militärbasis in Libyen geben, dies war das Projekt von Anfang an.

Es wird nicht viel europäische Soldaten geben, es werden Soldaten aus der Türkei, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten sein, die Söldner, die von Blackwater – jetzt Xe – in den Vereinigten Arabischen Emiraten trainiert werden, diese Leute werden Teil dieser Basis sein, und es wird die Basis werden, die die NATO und AFRICOM im nordafrikanischen Gebiet haben wollten.

Für mich lautet die oberste Antwort auf Ihre Frage so: der „Krieg gegen den Terror“ war eine Ablenkung, die mehr oder weniger 10 Jahre andauerte. Jetzt sagen selbst das Pentagon, die CIA, das FBI, die National Security Agency, die Obama-Regierung, alle sprechen es laut aus: „al-Qaida ist operativ unwirksam“ – das sind ihre eigenen Worte.

Praktisch jeder ist tot, abgesehen von al-Zawahiri und dem neuen Mann, den sie als ihren militärischen Befehlshaber benannt haben, aber ich kann mich nicht einmal an seinen Namen erinnern, sie haben einen neuen jede Woche oder so. Alle sind tot, sie sind nicht mehr in Afghanistan, sie haben ein paar Trainer in den Stammesgebieten in den Waziristans, sie sind im Rest der Welt unwirksam, aber natürlich sind sie jetzt in Tripolis an der Macht, weil der Westen sie genutzt hat. Diese Kerle wurden in einem Militärlager nördlich von Kabul ausgebildet.

Ich war dort an diesem Ort im Frühjahr 2001, und mir wurde gesagt, dass sie eine Menge Libyer dort gehabt hätten. Und ja, diese Libyer waren die Typen von der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (Libyan Islamic Fighting Group, LIFG), und sie wurden in diesem Lager nördlich von Kabul ausgebildet, es war sehr einfach, dorthin zu gehen. Nun sind sie also in Libyen, der Militärkommandant von Tripolis, Abdelhakim Belhadj, mit seinen Kohorten, sie sind sehr gut bewaffnet, sehr gut ausgebildet, sie werden nicht weggehen, und diese mit al-Qaida verbundenen  Dschihadisten wurden durch den Westen ohne jedwede Bedenken benutzt.

Würden Sie sagen, dass al-Qaida, nun als Phantom und in der „guten alten Zeit“ als eine echte Kraft, ein nützliches Werkzeug der Außenpolitik der USA war?

Pepe Escobar: Ja, selbstverständlich war es das! Es war die perfekte Ausrede, weil sie ihnen die Gelegenheit gab zu versuchen, die „Full Spectrum Dominance“-Doktrin überall umzusetzen. In Zentralasien waren sie – bis vielleicht vor zwei Jahren – während der Bush-Administration sehr aktiv.

Denken Sie daran, dass Cheney zu dieser Zeit alle zwei bis drei Monaten nach Zentralasien ging.  Die USA versuchten, mit den Kasachen, Turkmenen, und vor allem mit den Aserbaidschanern direkte Geschäfte abzuschließen – die aserbaidschanische Elite steht den Republikanern in den USA sehr nah. Dick Cheney war also die ganze Zeit dort.

Und ihr Sonderbotschafter, der noch immer für die Obama-Regierung arbeitet, Richard Morningstar, ist der Öl-Gesandte von Washington in Zentralasien, er kennt die Gegend gut, er kennt alle Akteure. Die Amerikaner versuchten, sie unter Druck zu setzen: trefft keine Abkommen mit Russland, trefft keine Abkommen mit China, umgeht den Iran, und macht Geschäfte mit uns. Was passiert jetzt? Sie treffen Abkommen mit Russland, sie treffen Abkommen mit China, sie umgehen den Iran nicht, und sie machen keine Geschäfte mit den Amerikanern. (lacht.)

Normalerweise erwarten die Leute, dass man einen Krieg gewinnen will, wenn man einen unternimmt. Aber ist es nicht der Fall in Zentralasien, dass ein verewigter Kriegsschauplatz einige Vorteile für den „militärischen Erdöl-Komplex“ (“military petroleum complex”, wie ihn der Ökonom James K. Galbraith bezeichnete) vis-à-vis China und Russland hat? (2)

Pepe Escobar: Ja, aber das Problem ist, dass sie nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. Sie vergessen kulturelle Faktoren, sie vergessen, dass beispielsweise die Turkmenen sehr unabhängig sind und es vorziehen, mit Menschen Geschäfte zu machen, die die gleiche Sprache sprechen, und das ist Russisch. Wenn der Mittelsmann Medwedew nach Aschgabat geht, um mit Präsident Berdimuhamedov zu reden, ist es in Russisch viel einfacher, einen Handel abzuschließen.

Oder wenn die Chinesen nach Aschgabat gehen, sagen sie: Seht, wir bauen alles, was Ihr wollt, und wir bauen sogar eine Pipeline selbst. Gebt uns einen guten Preis für Euer Gas und wir bauen diese Pipeline morgen vom östlichen Turkmenistan bis zum Westen Chinas. Das ist genau das, was sie taten, vor zwei Jahren wurde die Pipeline eröffnet. Und dies gilt auch für die Afrikaner: Es gibt keine Auflagen und keine Einmischung in die innere Politik.

Die Amerikaner haben das eine Weile versucht, wie mit Usbekistan und diesem Kerl, der sein eigenes Volk kocht, Islam Karimov. Sie hatten eine sehr enge Verständigung mit der Regierung Bush und die USA hatten einen Militärstützpunkt in Karimabad nahe der afghanischen Grenze während der Bush-Jahre, die sehr hilfreich für die Amerikaner war, aber danach begannen sie, die Menschenrechte in Usbekistan zu kritisieren – was haben also die Usbeken gesagt? Es gibt keine Basis mehr, bye bye! Und sie sind ein Teil dieser Pipeline, die von Turkmenistan nach China über Usbekistan führt. Sie veränderten die Taktik ein wenig, aber am Ende haben die Amerikaner den Faden verloren.

Nun realisieren die Amerikaner, dass sie Terrain an Russland und China in Zentralasien verloren haben, also haben sie sich im Persischen Golf, in Nordafrika und im Innern von Afrika neu organisiert. Libyen wird sehr hilfreich für neue Öl- und Gas-Explorationen sein. Die Libyer sagen, dass sie die Verträge, die sie mit den Italienern haben, beibehalten werden – es gibt diese Gas-Pipeline, die vom nördlichen Libyen nach Sizilien geht, und die Lieferungen nach Italien. Aber die neuen Verträge werden an Total, BP und die Amerikaner gehen, nicht an die Russen und die Chinesen.

Libyen war, ist und wird für die westlichen Energie-Majors profitabel sein. In Zentralasien ist ihre einzige Hoffnung Aserbaidschan, weil sie mehr oder weniger die Energiewirtschaft in Aserbaidschan kontrollieren, und wie ich gesagt habe, die Eliten dort arbeiten im Wesentlichen als eine Satrapie von Washington. Aber das Problem ist, dass sie Turkmenistan nicht kontrollieren können. Sie haben Druck auf Turkmenistan ausgeübt, um Nabucco, die Pipeline, zu bauen. Nabucco wird ein Vermögen kosten, es wird rund € 20 Milliarden kosten, aber niemand weiß, wo dieses Geld herkommt,  vor allem in einer europäischen Krise.

Die Turkmenen sagen, dass sie genug Gas bereitstellen können, niemand weiß jedoch, ob sie tatsächlich diese Art von Gas haben, da sie Gas mit dem Iran tauschen, eine Menge Gas an China verkaufen, und noch immer Gas über die alten sowjetische Pipeline verkaufen. Nabucco wird eine Menge an Gas benötigen, und niemand weiß, ob Turkmenistan es hat. Und die Turkmenen sagen immer noch: Ihr müsst uns beweisen, dass Ihr die Investitionsgelder für die Pipeline, die wir innerhalb der nächsten drei bis vier Jahren bauen können, damit wir unsere Gas-Reserven für diese Pipeline binden.

Das heißt aber, wenn Turkmenistan nicht genug Gas hat, müssen die Europäer es woanders finden, und es sollte nicht in Aserbaidschan sein, es sei denn, sie wollen über $ 22 Milliarden an neue Investitionen ausgeben.

Während somit alle festsitzen, bauten die Russen zwei Pipelines: North Stream und South Stream. Putin gewinnt den Krieg gegen Nabucco, weil er zuerst anfing und Geschäfte direkt mit Regierungen machte, mit Gerhard Schröder in Deutschland für North Stream und mit Silvio Berlusconi in Italien für South Stream. North und South Stream gewinnen also gegen Nabucco, weil die immer noch nicht wissen, wo das Geld herkommt, die wissen nicht, ob sie genug Gas haben werden, und die wissen nicht, wo sie das Gas finden, wenn es nicht in Turkmenistan oder Aserbaidschan ist.

Die Türkei will eine Menge des Gases für sich selbst haben, zuzüglich der Gebühren für den Transfer, es ist ein absolutes Chaos. Ich lese diese offiziellen Verlautbarungen von Nabucco mit Sitz in Wien, und jeden Monat oder so gibt es eine offizielle Mitteilung: Es wird alles funktionieren, wir  haben die € 20 Milliarden, im Jahr 2017 wird sie fertig sein, wir werden nächstes Jahr beginnen – aber das hören wir seit den letzten fünf Jahren, wenn ich mich nicht irre.

Ein weiteres zentrales Problem ist der Opium-/Heroin-Handel in Afghanistan. Was sind Ihre Beobachtungen in Bezug auf dieses Problem? Wer sind die Hauptakteure in diesem Geschäft? Und würden Sie sagen, dass diese ganze Sache eine Schande für den Westen ist?

Pepe Escobar: Oh, ja. Einer der Hauptakteure war schon immer Ahmed Ali Karzai gewesen, Hamid Karzais Bruder. Ich traf ihn nach 9/11 in Quetta, er lebte stets in Quetta, denn es war sein perfekter Stützpunkt. Quetta ist ein faszinierender Ort. Ich würde sagen, es ist die Schmuggel-Hauptstadt des Ostens – und das ist keine Kleinigkeit, da man mit Hongkong konkurriert, man steht im Wettbewerb tatsächlich mit allen, mit den Russen, mit der ukrainischen Mafia.

In Quetta hat man eine Transport-Mafia, man hat eine Heroin-Mafia, und von Quetta aus beginnen sich all diese Netzwerke zu diversifizieren. Es gibt ein Netzwerk, das durch das nördliche Pakistan rüber nach Tadschikistan geht, es gibt ein anderes, das sich in Tadschikistan gabelt, in Richtung Zentralasien geht, und von Zentralasien aus in die Türkei.

Es gibt also diese pakistanisch/afghanischen Opium-Netzwerke, es gibt ein weiteres tadschikischen Netzwerk, das im Grunde die Verarbeitung übernimmt. Jeder weiß, es gibt ein CIA-Netzwerk, was wir nicht wissen ist, welchen Verlauf sie genau verfolgen. Wahrscheinlich ist es ein Verlauf von  Afghanistan über Usbekistan in die Türkei, und wahrscheinlich von Usbekistan per Flugzeug. Jeder hat ein Netzwerk.

Soweit ich weiß, haben die chinesische Mafiosi kein Netzwerk in Afghanistan, aber vielleicht werden sie bald eines haben. Und das ist das Hauptproblem für Russland. Wenn Sie mit russischen Beamten darüber reden, was die große Sache in Afghanistan ist, sagen sie sofort: Es gibt einen Drogenkrieg gegen uns, und die Quelle ist afghanisches Opium.

Sie haben jetzt jedes Jahr mehr Opfer im Zusammenhang mit Heroin, als sie in den 1980er Jahren mit dem Krieg in Afghanistan hatten.

Pepe Escobar: Sie haben vollkommen Recht, exakt. Dies ist einer der Schlüsselschwerpunkte für die Russen innerhalb der Shanghai Cooperation Organization. Es geht nicht nur darum,  amerikanische Militärstützpunkte außerhalb der Region zu halten, genauso wie die Chinesen es auch wollen. Es geht darum zu versuchen, einen Weg zu finden, um diese Drogen- und Opium-Mafiosi zu bekämpfen. Es ist ein großes Problem für Russland, und es ist auch ein großes Problem für den Iran.

Für den Iran wegen der afghanischen Flüchtlinge. Die afghanischen Flüchtlinge sind im Grunde  nach Ost-Iran gezogen. Wenn Sie also nach Mashhad im Osten des Iran hingehen, wenn Sie zu den Vororten von Mashhad hingehen, dann ist dies das Opium-Zentrum, das Schmuggel-Zentrum. Sie überqueren Afghanistan über Herat, und von Herat nach Mashhad sind es jetzt mit sehr guten Straßen maximal 7 Stunden, und von Mashhad verteilen sie das Opium in ganz Iran, es gibt auch für den Iran ein riesiges Drogen-Problem, und Iran ist ein beobachtendes Mitglied der Shanghai Cooperation Organization (SCO), und einer der wichtigsten Gründe für sie, um der SCO beizutreten, ist der, um zu versuchen, einen regionalen Mechanismus zur Organisation eines echten Drogenkriegs zu finden, weil diese Länder schrecklich darunter leiden.

Wenn es stimmt, dann wird in Afghanistan Heroin verarbeitet, nicht bloß das Opium angebaut. Und eine Frage, die ich mir immerzu stelle, ist die, wer die Chemikalien, die für die Herstellung benötigt werden, bereitstellt? Ich denke, die Afghanen haben keine Fabriken zur Produktion von Essigsäure-Chlorid, nicht wahr?

Pepe Escobar: Ehrlich gesagt, diese Frage kann ich nicht beantworten, aber ich würde sagen, dass es Hilfe von außen geben muss, das ist wahr. In Afghanistan können sie es nicht einfach so verarbeiten. In der Tat wurden die Raffinerien in Tadschikistan genutzt oder in Pakistan, in Quetta, zum Beispiel, oder in Duschanbe in Tadschikistan. Die Leute aus dem Panschirtal, die an dem Handel beteiligt sind, von denen ist alles in Duschanbe konzentriert, mit dem Hubschrauber 40 Minuten vom Norden Afghanistans entfernt – und sie haben ihre eigenen privaten Hubschrauber. Also ich würde sagen ja, es gibt Hilfe von außen, und dann ist es natürlich Spekulation: ist es westliche Hilfe von außen? (lacht.)

Ist es nur Zufall, dass man den Eindruck haben kann: Wo immer es Energie-Ressourcen und/oder illegale Drogen gibt (zum Beispiel in Südamerika, Zentralasien, Südostasien), sind die Militärs und Geheimdienste der USA nie wirklich weit entfernt?

Pepe Escobar: Sind sie, sie sind überall. Obwohl sie im Moment nicht in Südamerika sein können wegen dem, was in Südamerika seit, würde ich sagen, 2002 los ist. Es ist tatsächlich ein geopolitisches Erdbeben, denn die Südamerikaner haben zum ersten Mal in ihrer Geschichte mit den Wahlen von zuerst Chavez, dann Lula in Brasilien im Jahr 2002, dann in Ecuador, in Uruguay, und auch als Kirschner in Argentinien gewann, zueinander gefunden – sie beschlossen: Okay, lasst uns uns gemeinsam handeln, jetzt, da die meisten unserer Regierungen Mitte-Links oder zumindest nominell progressiv  sind.

Lasst uns unseren Hinterhof in Ordnung bringen, lasst uns zum Beispiel über die Unasur organisieren, der Union südamerikanischer Staaten, aber auch über die Mercosur, die eine Handelsgewerkschaft ist. Und lasst uns versuchen, die amerikanische Einmischung direkt zu bekämpfen. Und das ist das, was passiert ist. Erinnern Sie sich an den gescheiterten Putsch gegen Chavez im Jahr 2002, der direkt von Washington organisiert wurde, dafür gibt es umfangreiche Beweise, Sie finden sie im Internet, Eva Golinger, eine venezolanische-amerikanische Anwältin hat  gute Bücher darüber geschrieben. Okay, und sie versuchten auch im Jahr 2007 Bolivien zu destabilisieren, und dann noch der Putschversuch in Ecuador vor über einem Jahr. Also, warum  geschieht es nicht mehr in Südamerika? Aufgrund der politischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Einheit.

Aber zweifeln Sie nicht daran, wenn das Pentagon eine Möglichkeit findet, um wieder direkt in Venezuela eingreifen zu können, wird es das tun. Das Problem ist, dass es jetzt dort drüben  russische Berater gibt, es gibt chinesische Händler in Venezuela, der Iran hat auch kommerziellen Interessen. Venezuela treibt nicht nur Handel mit Südamerika und es ist jetzt auch ein Mitglied der Mercosur, so dass es sehr viel Handel mit Brasilien und Argentinien et cetera unterhält, sondern es treibt ebenso Handel mit der anderen Seite der Welt – und mit zwei von Amerikas strategischen Konkurrenten sowie seinem Erzfeind, dem Iran. Damit erklärt sich eine Menge.

Seit 2002 ist Südamerika für das Pentagon ein großes, großes Problem, und kein Wunder, dass diese republikanischen Schwachsinnskandidaten in ihrer letzten außenpolitischen Debatte sagten, dass die Hamas und die Hisbollah in ganz Südamerika sind, dass man Lateinamerika Aufmerksamkeit schenken müsse, weil man vergessen habe, dass es eine Menge von Kommunisten und Terroristen dort drüben gäbe. Es ist kein Wunder.

Aber würden Sie sagen, dass es ein Zufall ist, diese historische Verbindung zwischen Energieressourcen und illegalen Drogen? Zum Beispiel im Vietnamkrieg.

Pepe Escobar: Stimmt, mit Air America. Man erinnere sich, Air America verteidigte nicht nur Zivilisten in Laos und Vietnam, im Grunde war dies natürlich eine CIA-Heroinschmuggel-Operation. – Aber die Sache ist, dass es ist nicht notwendigerweise so sein muss. Ich würde Kolumbien erwähnen. Kolumbien war ein ganz anderer Fall. Kolumbien war ein Fall von  indigenen Kartellen, die untereinander kämpften, um zu sehen, wer das Monopol des Exports von Kokain in die USA inne haben würde. Ich würde sagen, es gab nur wenige amerikanische Interessen hier – der Verkauf von Ausrüstung und Waffen, ja, aber die Amerikaner waren nicht an vorderster Front im Kampf gegen die Kartelle.

Als sie auseinandergingen, zogen die Kartelle überall hin. Jetzt sind es in den letzten drei oder vier Jahren die Peruaner, die die Verteilung von Kokain in Südamerika steuern, es sind nicht mehr die Kolumbianer.

Sie zogen zum Beispiel nach Brasilien als ein Raffinerie-Zentrum, aber auch als ein Export-Zentrum. Ich würde sagen, jede Woche gibt es beispielsweise eine große Beschlagnahmung von Koks im internationalen Flughafen von Sao Paulo. Wenn man das also mit dem hochrechnet, was wirklich durchgeht, ist es erstaunlich. Der Flughafen in Sao Paulo ist jetzt eine der wichtigsten Verteilungsrouten von Kokain nach Nordamerika oder Europa. Früher kam Heroin aus Zentralasien über Europa, das auch in Brasilien landete. Es war lustig, es gab eine Zeit in den 80er Jahren, ich erinnere mich, da gab es eine italienische Connection: Leute brachten Heroin von Mailand nach Sao Paulo und nahmen Kokain aus Sao Paulo nach Mailand mit. (lacht) Das war vor fast dreißig Jahren.

Im kolumbianischen Fall ist es ganz anders. Es gibt keine direkte Beziehung zwischen Drogen und Energie. Im Fall von Venezuela auch: das einzige Spiel, das es dort gibt, ist Energie, es ist ein Kampf um die Energie. Hugo Chavez, was immer man über ihn denken mag, war sehr klug, denn: Okay, wie sieht mein Ausweg aus, um mit den anderen Spielern umzugehen? Er machte also ein gigantisches Geschäft mit China, und jetzt sind sie einer der führenden Anbieter von Öl nach China.

Bald werden sie China eine Million Barrel Öl pro Tag verkaufen, und sie könnten recht einfach auf zwei Millionen hochgehen, wenn die Chinesen in der Orinoco-Region investieren sollten, um die neuen Felder dort zu nutzen. Das werden tun, im Moment gehört es nicht zu ihren Prioritäten, denn jetzt konzentrieren sich die Chinesen in Sibirien, Zentralasien und Afrika, aber sie haben immer noch diesen Plan C oder Plan D für sich, und das ist Venezuela.

Rechnen sie auch mit Brasilien als ein Öl-Exporteur?

Pepe Escobar: Auf jeden Fall, und zwar wegen der Vorkommen in den Salzablagerungen in Brasilien, die in Wirklichkeit eine Art zweischneidiges Schwert sind. Petrobras wird in der ganzen Welt als eine der kompetentesten nationalen Ölfirmen betrachtet. Das Problem ist, dass sie diese spezielle Technologie entwickeln müssen, um diese Salzschicht zu perforieren, damit sie das Öl extrahieren können. Es ist eine äußerst komplexe und äußerst teure Operation. Sie sagen, dass sie 2017 beginnen werden, aber ich bezweifle es.

Die letzte Zahl, die ich in Bezug auf Investitionen gesehen habe, die sie bräuchten, und das war vor ein paar Monaten, da sprachen sie über etwa $ 220 bis 240 Milliarden an Investitionen über die nächsten Jahre, um mit der Gewinnung von Öl aus der Salzschicht beginnen zu können. Jeder will ein Teil davon sein. Chevron ist bereits hier, Exxon Mobil will hier sein, Gazprom will hier sein, und natürlich die Chinesen. Und ich bin sicher, wenn die Brasilianer die Ausschreibung beginnen, werden die Chinesen an der Spitze sein, und zwar all ihre Unternehmen, CNPC, CNOOC, alle von ihnen.

Aber dies ist ein langfristiges Projekt für die Chinesen, denn in einer realistischen Einschätzung wird es kein Öl aus der Salzablagerungsschicht vor 2019/2020 geben. Die Chinesen denken also voraus.

Wir hören eine Menge über die BRICS. Würden Sie sagen, dies ist nur ein schöner Name, der einst von Goldman Sachs gegeben wurde, oder steckt mehr dahinter, eine umfassende Strategie zum Beispiel?

Pepe Escobar: Sie haben immer noch keine umfassende Strategie. Früher war es nur ein schöner Name, in den Jahren 2001/2002; das ist nun nicht mehr der Fall. Denn jetzt treffen sie sich regelmäßig, nicht nur zu einem offizielle Jahrestreffen, sondern auch ihre Außenminister treffen sich, genauso wie sich ihre stellvertretenden Außenminister treffen, beispielsweise vor kurzem in St. Petersburg. Ihre Interessen sind mehr oder weniger dieselben in Bezug auf: für Russland und China, um die USA aus ihrem Hinterhof herauszuhalten, und das ist im Grunde Zentralasien und die ehemaligen Sowjetrepubliken.

Für Brasilien geht es darum, die Amerikaner in Südamerika so gut wie irgend möglich herauszuhalten, da man bedenken muss, dass die Beziehungen zwischen Brasilien und den USA sehr, sehr eng sind, und die Vereinigten Staaten betrachten Brasilien immer noch als einen der wichtigsten Verbündeten in Lateinamerika. Es ist ein sehr kompliziertes außenpolitisches Spiel zwischen Brasilien und den USA.

Für Indien geht es darum, dass sie in der gleichen Gruppe von allen Schwellenländern sein wollen, aber ohne die USA allzu sehr zu verärgern, sie haben also auch eine schwierige Partie zu spielen. Südafrika wurde im Grunde aufgenommen, um eine kontinentale Spanne zu haben, so dass drei Kontinenten vertreten sein würden.

Aus der Sicht der BRICS würde ich sagen, und in der Tat hatten sie dies vor über einem Jahr in Brasilia diskutiert – das fünfte Mitglied der BRIC wäre eigentlich die Türkei, es wäre also eigentlich BRICT, aber in letzter Minute entschieden sie sich dann dazu, Südafrika aufzunehmen, denn sie sagten: Wir brauchen auch die größte Volkswirtschaft in Afrika, und weil Brasilien und Südafrika und Indien damit begonnen hatten, in den letzten 4 Jahren untereinander viel mehr Handel als in den letzten 400 Jahren zu treiben. Brasilien und Südafrika sind sehr eng miteinander integriert, und Südafrika ist die Brücke zwischen Brasilien und Indien.

Es kam somit all diesen drei Akteuren gut zupass. Doch bald schon könnten die BRICS auch diese Länder umfassen – und ich sage bewusst „könnten“, weil sie die Diskussion darüber begonnen haben, aber noch nicht wissen, wie man es als einen formalen Mechanismus tun kann – : die Türkei, Indonesien und Südkorea, die natürliche Kandidaten darstellen, daran gibt es keinen Zweifel. Zwei in Asien und einer im Nahen Osten, dem Schnittpunkt zwischen Europa und Asien.

Sie hatten also über eine stärkere Integration in Bezug auf die Wirtschaft, den kulturellen Austausch, all dieses Bla-bla-bla begonnen…und jetzt denken sie: Okay, wir müssen geopolitisch mit unserer Faust auf den Tisch hauen, wenn auch am Anfang ganz leise. Das begann also mit Libyen, sie stimmten der Resolution 1973 der Vereinten Nationen nicht zu, was bereits ein großer Schritt bedeutete. Sie wurden dafür leicht von den Europäern und den Amerikanern verurteilt. Aber sie sagten, dies sei noch nicht eine rote Linie, das sei eine sehr, sehr gelbe Linie, aber wir können es uns nicht leisten, die Amerikaner an dieser Stelle gegen uns aufzubringen.

Und dann kam der jüngste Vorschlag für eine UN-Sicherheitsrat-Abstimmung über Syrien und die BRICS sagten sofort: Auf keinen Fall, das ist die rote Linie. Aus vielerlei Gründen, weil Russland und China sehr gute Abkommen mit Syrien haben. Brasilien und Syrien stehen sehr eng zueinander. Es gibt Millionen von Syrern, die in Brasilien leben, und syrische Libanesen, die in Brasilien leben, so dass die Leute in Brasilien sie syrische Libanesen nennen, für die meisten Menschen hier ist das nicht zu unterscheiden, weil sie in den 1920er Jahren, den 1930er und auch nach dem Zweiten Weltkrieg hierher zu kommen begannen, sie sind sehr gut in der brasilianischen Gesellschaft integriert, und es gibt viele kommerzielle Beziehungen zwischen Brasilien und Syrien. Dies sind einige der Gründe, warum sie hierfür ebenfalls eine gemeinsame Position haben.

Was Südafrika betrifft, ist es offensichtlich. Als sie das erste Mal für die UN-Resolution 1973 gestimmt haben, wurden sie von Obama unter Druck gesetzt, Obama hatte Präsident Zuma angerufen, sie saßen zwei Stunden oder so miteinander am Telefon, und Obama sagte: Schau, du hast für uns zu stimmen, sonst wirst du in Schwierigkeiten geraten. Also stimmte Zuma entgegen seinen Willen. Und später war er Teil der Delegation der Afrikanischen Union, die ein Friedensabkommen zwischen den Rebellen und Gaddafi organisieren wollte. Und das Gaddafi-Regime sagte ja, die Rebellen sagten nein. Warum? Weil die NATO ihnen sagte, nein sagen zu müssen.

Südafrika hatte also seine Gründe. Syrien ist die rote Linie. Sie beginnen somit nunmehr, ihren geopolitischen Ansatz vis-à-vis des atlantischen Westens in weitaus koordinierter Weise zu organisieren. Und in wirtschaftlicher Hinsicht üben sie Druck auf den IWF aus, um mehr Stimmrechte für Brasilien und China zu bekommen.

Es gibt drei Leute als regionale Vorstandsdirektoren des IWF, und die Chinesen und die Brasilianer sagen seit Jahren: Wir brauchen mehr Direktoren und wir brauchen mehr Stimmrechte. Das war Teil der Diskussion, als der brasilianische Finanzminister sagte: Schaut, vielleicht können wir einen Mechanismus entwickeln, um den europäischen Volkswirtschaften zu helfen, die in Schwierigkeiten stecken. Das war ihre Botschaft, um zu sagen: Die Sache geht an den IWF, und wir wollen dabei sein, aber wir wollen mehr Stimmrechte, und dann werden wir entscheiden, ob wir helfen können oder nicht, aber dies muss im Rahmen des IWF-Mechanismus geschehen.

Ja, sie koordinieren definitiv viel mehr als sie es noch vor zwei Jahren taten. Bald werden die BRICS zu BRICTS, BRICTIISS, zu einer erweiterten BRIC-Organisation werden. Aber jetzt konfiguriert sie als eine Gegenmacht in geopolitischer Hinsicht bezüglich der Attraktivität für die Entwicklungsländer, denn die Ausstrahlung der BRICS gegenüber beispielsweise der Bewegung der blockfreien Staaten (Non-Aligned Movement, NAM)  gegenüber anderen Ländern in Südamerika,  vielen Länder im Nahen Osten, vielen Länder in Südostasien ist riesig gegenüber dem, was eine Atlantiker US-NATO ist, und das ist im Grunde dasselbe, weil die USA die NATO kontrollieren.

Die NATO tut sich mit den ultra-reaktionärsten und repressivsten Monarchien am Persischen Golf zusammen. Die Neuausrichtung des Schachbretts ist etwas sehr Schwieriges, weil jetzt diese Länder, vor allem Katar und die Emirate, Subabteilungen der NATO sind. In einem meiner letzten Artikel schrieb ich vor kurzem über die Möglichkeit, dass wir bald über eine NATO-GCC oder GCC-NATO reden könnten, nach dem GCC, Gulf Cooperation Council – ich nenne ihn in der Regel Golf-Konterrevolutions-Club (Gulf Counterrevolutionary Club), denn das ist das, was er ist.

Die Verschmelzung zwischen der NATO und der GCC ist jetzt eine absolute. Und wenn wir die Fusion zwischen dem westlichen militärisch-industriellen Komplex in den USA und dem  Abwehrsystem der Saudis hinzunehmen, die ebenfalls absolut ist, können wir sagen, dass das Pentagon und der GCC das Gleiche sind.

Die BRICS schauen sich das an und für einige von ihnen ist dies äußerst kompliziert, für China zum Beispiel, weil sein Nummer Eins-Öllieferant immer noch Saudi-Arabien ist. Derzeit überflügelt  Saudi-Arabien in dieser Hinsicht Angola. Venezuela ist bereits unter den Top Fünf. Libyen war nicht unter den Top Fünf, deshalb sagten sie: Okay, nicht jetzt, vielleicht später. Aber wie soll man  die Beziehung zwischen Peking und Riad organisieren, denn in Peking sieht man, dass sich Riad  völlig an der Pentagon-Agenda ausgerichtet, und gleichzeitig hängen sie von ihrem Öl ab, und das erklärt unter anderem, warum die Chinesen so eifrig sind, weniger und weniger abhängig von dem Öl des Mittleren Ostens sein zu wollen.

Dies bedeutet also mehr Geschäfte mit dem Iran. Meine Vermutung, meine mehr oder weniger informierte Vermutung ist, dass die Chinesen bald in den Iran gehen werden und sagen: Wie viel Geld braucht Ihr, um Eure Öl- und Gasanlagen völlig zu modernisieren? Hier habt ihr’s, aber macht die Geschäfte mit uns.

Dies erklärt die Pipeline von Turkmenistan nach China, dies erklärt die zwei Pipelines von Sibirien nach China, und dies erklärt, warum China in Angola und in Zentralafrika ist, und dies erklärt auch, weshalb China so schnell wie möglich nach Brasilien kommen wird, und zwar mit den Worten: Wie viel Geld wollt Ihr? Die Beziehungen zwischen den Saudis und China sind für Peking sehr kompliziert, und das bedeutet, dass sie derzeit Saudi-Arabien wegen nichts reizen können.

Quellen Teil 1:

(1) Vgl. beispielsweise Jim Garamone (American Forces Press Service): “Joint Vision 2020 Emphazises Full Spectrum Dominance“, vröffentlicht am 2. Juni 2000 auf der Website des U.S. Department of Defense unter: http://www.defense.gov/news/newsarticle.aspx?id=45289

(2) Für den Begriff „military-petroleum complex“ siehe James K. Galbraith: „Unbearable Costs of Empire“, im Original veröffentlicht von The American Prospect Magazine, November 2002, republiziert auf Third World Traveler unter:

http://www.thirdworldtraveler.com/American_Empire/Unbearable_Costs_Empire.html

 

Der weltweite Kampf um natürliche Ressourcen, Teil 2

Indem sich der Wettbewerb für Öl, Wasser und andere Ressourcen auf blutige Weise intensiviert, verschieben sich die weltweiten Machtverhältnisse. Hierdurch bieten sich die Kulissen für eine Reihe von Konflikten, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinen, im Mittleren Osten und Zentralasien. Lars Schall sprach für “Cashkurs“ exklusiv mit dem brasilianischen Investigativjournalisten Pepe Escobar, einem der scharfsinnigsten internationalen Analysten solcher geopolitischen Trends.

Von Lars Schall

Zum Interview Teil 2:

Im nachfolgenden zweiten Teil des Interviews mit Pepe Escobar, das für “Cashkurs“ exklusiv in die deutsche Sprache übersetzt wurde, dreht sich die Diskussion zunächst um geopolitische Verbindungen zwischen Gold und Öl sowie ein etwaiges Ende des Petrodollar. Sodann wird die fehlgeschlagene Strategie der USA in “Pipelineistan“ zur Sprache gebracht und die eigentliche Finanzierung des “Kriegs gegen den Terror“ durch chinesische Käufe von US-Staatsanleihen erörtert. Danach wird der Libyen-Krieg als ein Ressourcenkrieg eingeordnet – laut Pepe Escobar handelte es sich um den ersten großen Wasser-Krieg (Stichwort: Great Man Made River-Projekt). Nachdem er sich den Herausforderungen des Westens im Iran, in Afghanistan und Pakistan zugewendet hat, schaut er auf die geopolitischen Optionen Deutschlands. Abschließend verliert er ein paar Worte zur tiefen Krise des Journalismus.

Zur Person des Interviewten:

Pepe Escobar, der im Oktober 1954 in Brasilien geboren wurde, ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit mit drei Jahrzehnten Erfahrung in den Bereichen der Politik und geopolitischen Konflikte rund um den Globus. Er arbeitet für die in Hong Kong erscheinende Asia Times als „The Roving Eye“ und ist ein Analyst von “The Real News“ in Washington DC sowie für Russia Today und Al Jazeera. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War“, “Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge“ und “Obama does Globalistan“. Ferner ist er verbunden mit der in Paris ansässigen Europäischen Akademie für Geopolitik.

Herr Escobar war als Auslandskorrespondent seit 1985 in London, Mailand, Los Angeles, Paris, Singapur und Bangkok tätig. Seit den späten 1990er Jahren hat er sich auf die Berichterstattung von geopolitischen Geschichten aus dem Nahen Osten und Zentralasien spezialisiert. In diesem Rahmen hat er im letzten Jahrzehnt aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, den zentralasiatischen Republiken, China und den USA berichtet. Im Frühjahr/Sommer 2001 war er in Afghanistan / Pakistan, hat den militärischen Führer der Anti-Taliban-Nordallianz, Ahmad Shah Massud, nur wenige Wochen vor dessen Ermordung interviewt, und erreichte als einer der ersten Journalisten die afghanische Hauptstadt Kabul nach dem Rückzug der Taliban. Er ist ein ausgewiesener Experte für das  Netzwerk von Pipelines, das die Länder des Nahen und Mittleren Ostens, Zentralasiens, Russlands und Europas umgibt. Pepe Escobar lebt in Sao Paulo und Bangkok.

Schenken Sie bezogen auf die BRICS der Tatsache Aufmerksamkeit, dass die Zentralbanken von Russland, China und Indien und auch südamerikanische Zentralbanken Gold in großen Mengen kaufen?

Pepe Escobar: Oh, ja! Im Moment kaufen sie Gold, und sie haben immer noch auf der langen Bank den Plan B, einen Korb von Währungen bezüglich eines internationale Währungssystems. Die Russen und die Chinesen wollen es, die Brasilianer wollen es auch, wahrscheinlich würde es den  US-Dollar beinhalten, den Euro, den Yuan, vielleicht den Rubel, vielleicht auch den Real, vielleicht den Yen, wiewohl die Japaner nicht Teil dieser Debatte sind, und für den Moment ist es natürlich der Kauf von Gold, einschließlich durch jene, die zwar nicht zu dieser Schleife gehören, aber mit der Schleife verbunden sind, und zwar Venezuela. Denken Sie daran, Venezuela hat vor kurzem all sein Gold, dass es in europäischen Banken hatte, zurückgeführt, die erste Lieferung ist bereits in Caracas eingetroffen.

Glauben Sie, es könnte irgendeine Art von Verbindung in der Preisgestaltung von Öl mit Gold in der Zukunft geben?

Pepe Escobar: Ich weiß nicht, Lars, ehrliche Antwort. Ich weiß nicht. Wissen Sie warum? Ich würde sagen, es hängt von einem Schritt ab, der mit der Umgehung des Petrodollar verbunden ist. Und dieser Schritt begann bereits vor einigen Jahren. Iran will ihn dringend machen, besser gestern als heute. Russland hat schon gesagt: Ja, wir wollen es. Venezuela in Südamerika hat bereits gesagt: Ja, wir wollen es auch. Aber ich denke, das ist die nukleare Option. Können Sie sich den Tag vorstellen, an dem die großen Ölproduzenten innerhalb der OPEC sagen: Es wird nicht mehr den Petrodollar geben, es wird in unseren eigenen Währungen oder in einem Korb von Währungen bezahlt werden. Das ist im Grunde das Ende der amerikanischen Hegemonie für immer.

Das ganze Land würde im Grunde brennen.

Pepe Escobar: Genau. Die ganze Welt würde brennen. Ich sehe dies als die nukleare Option. Vor ein paar Jahren, als der Iran eine Energie-Börse etablieren wollte, in der Tat, sie haben sie, sie ist schon da.

Seit 2008. (3)

Pepe Escobar: Ich erinnere mich, 2005 interviewte ich den Kerl, der die Verantwortung für die Einrichtung dieser Börse in Teheran trug. Wir hatten ein fantastisches Gespräch, und dann hatte ich einen großen Kampf mit dem Herausgeber zu jener Zeit von der Asia Times, weil er sagte: Wenn wir diese Geschichte veröffentlichen, werden die Amerikaner unsere Website morgen bombardieren.

Die Iraner sagten: Dies ist unser erster Schritt, um Leute dazu zu bringen, von uns direkt Öl-Verträge auf unserer Börse zu kaufen und nicht in New York oder in London. Und dann sagte ich diesem Kerl: Sie wissen, was Sie tun, wenn diese Sache voranschreitet? Sie werden von den USA morgen bombardiert werden. Sie sagten: Ja, wir kennen die Risiken. Aber der Kerl, der die Umsetzung dieses Mechanismus für uns entwickelte, war ein ehemaliger Händler in London. Es war eine sehr komplizierte Angelegenheit.

Nach meinem Interview brauchten sie drei Jahre, wie Sie gesagt haben, sie haben sie erst im Jahr 2008 gegründet. Es ist eine sehr kleine Börse, aber soweit die Iraner es sehen, ist das nur der Anfang. Sie mögen diese Börse. Sie begannen zuerst mit der Petrochemie. Sie beginnen mit der Petrochemie, mit Öl und Gas für die Zukunft zu handeln, und sie waren vor allem daran interessiert, Käufer aus der Dritten Welt sowie Russland und China anzuziehen, so dass sie iranische Energieprodukte direkt im Iran kaufen können. Ich bin mir sicher, dass Russland und China die Idee ebenfalls mögen, aber für den Moment ist es ein Embryo von etwas sehr viel Größerem, das später kommen wird.

Sie nennen das „Great Game 2.0“ in Zentralasien / im Größeren Mittleren Osten  als „Pipelineistan.“ Ist es von Vorteil, mit dem guten alten Halford Mackinder (ein britischer Geograph, der als Vater der Geopolitik bezeichnet wird) in „Pipelineistan“ vertraut zu sein?

Pepe Escobar: Nein, die Sache ist, die Menschen, die sich mit Mackinder auskennen, sind die Brzeziński-Leute und Menschen in den nationalen Sicherheitsbehörden in Washington. Sie glauben, sie können Mackinder anwenden und gewinnen. (lacht.) Die Russen und die Chinesen würden sagen: Nicht in unserer Region, Jungs, hier ist es anders. Wir haben die Ressourcen. Russland ist eine kontinentale Macht. China ist ein Königreich und eine Zivilisation in sich selbst. Wir lassen keine ausländische Einmischung zu, Ihr werdet nie unseren Teil Eurasiens kontrollieren, Ihr könnt den europäischen Teil von Eurasien kontrollieren, aber der hört am Bosporus auf.

Rechts vom Bosporus hat die Türkei regionale Ambitionen, der Iran hat regionale Ambitionen, wir haben unsere ehemaligen Sowjetrepubliken, die wir immer noch als unsere Satelliten sehen, Südostasien ist jetzt mit China in Bezug auf Handel und Gewerbe verbunden verbunden, und ich würde sagen, dass Teile von Südostasien tatsächlich zu einer Unterabteilung von China werden.

Denken Sie daran, während des asiatischen Wunders, als die Weltbank dieses berühmte Buch im Jahr 1993 veröffentlichte, „The Asian Miracle“ (“Das asiatische Wunder“), war Japan die führende Gans, dann kamen die anderen vier Tigern gleich dahinter, dann die Mini-Tiger, und China war weit dahinter –  und jetzt im Jahr 2011 ist das Ganze auf den Kopf gestellt, weil China die übergroße  Gans ist, und dann haben wir all diese Mini-Gänse, die hinter China Schritt zu halten versuchen und Abkommen schließen wollen, weil die chinesische Diaspora in all diesen Ländern von wesentlicher Bedeutung ist.

Sie kontrollieren den größten Teil der Wirtschaft in Indonesien, sie kontrollieren den größten Teil der Wirtschaft in Thailand, nicht zuletzt der Mischehen zwischen Thais und Chinesen, sie kontrollieren den größten Teil der Wirtschaft auf den Philippinen, sie kontrollieren einen großen Teil der Wirtschaft in Malaysia, sie kontrollieren die gesamte Wirtschaft in Singapur. Tiger? Nicht wirklich. Mini-Gänse. Das Ganze ist auf den Kopf gestellt.

Ich sehe also nicht, dass Mackinder angewendet wird. Sie dachten während die Bush-Regierung, dass sie es könnten, und zwar aufgrund von Hybris, und weil sie damals praktisch jeden Tag sagten: Wir schaffen unsere eigene Realität, und dann könnt Ihr Leute im Rest der Welt zusehen, wie ihr da  mithaltet. Sie dachten, sie könnten ihre neue Great Game-Strategie in Zentralasien durch den Bau  dieser Pipeline in Afghanistan implementieren – die TAPI-Pipeline: Turkmenistan, Afghanistan, Pakistan, Indien, unter Umgehung  des Iran und unter Umgehung Russlands und Chinas.

Sie dachten, sie könnten die Turkmenen dazu zwingen, ihr Gas an westliche Unternehmen zu verkaufen und nicht nach China oder ans russische Pipeline-Netzwerk angeschlossen. Sie waren immer noch betrunken von ihrem Erfolg mit der BTC, der Baku-Tiblis-Ceyhan-Pipeline, indem sie sagten, dass dies der Beginn von vielen weiteren Pipelines unter Umgehung des Iran sei.

Aber das war am Anfang der Bush-Regierung bis 2003/2004, nach dem „Erfolg“ des Irak-Krieges. Jetzt, nur wenige Jahre später, wie wir vorhin beredet haben, haben sie nichts gewonnen. Tatsächlich wird die Shanghai Cooperation Organization, die einen Mechanismus zum Kontern der Verbreitung von amerikanischen Initiativen in Zentralasien darstellt, immer stärker und stärker.

In Bezug auf Energie-Abkommen handeln Russland, Iran, China, Turkmenistan alle untereinander.  Offensichtlich gibt es Spielraum mit Europa, aber sie können nicht mit Europa im Fall von Iran wegen der Sanktionen handeln, und nicht im Fall von Turkmenistan, weil der Bau einer Pipeline wie Nabucco, die über € 20 Milliarden kostet, nicht machbar ist. Um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben: BTC kostete $ 4.5 Milliarden zu dieser Zeit, und damals sagte jeder: es ist lächerlich eine solch Pipeline zu bauen, wenn wir einen kürzeren Weg durch den Iran hätten haben können, die  wahrscheinlich zehnmal weniger als dieses Pipeline gekostet hätte. Sie bauten sie trotzdem. Und jetzt sind es ungefähr 500 Prozent mehr als BTC kostete.

Die Amerikaner gewinnen also rein gar nicht, in Wirklichkeit schießen sie sich in Afghanistan selbst in den Fuß, weil sie jetzt nicht nur Pakistan gegen sich aufbringen, was sie taten, als sie das Land in den letzten Jahren durch den Drohnen-Krieg zu bombardieren begannen, sondern sie verärgern auch die Afghanen selbst, die wirklich bereit waren, einen Deal mit den Amerikanern zu schließen. Die Stammesführer sagten, lasst uns mit den Amerikanern darüber reden, was für einen Militärstützpunkt-Komplex sie nach ihrem Rückzug im Jahr 2014 wünschen. Sie waren bereit, darüber zu diskutieren.

Heutzutage, vergessen Sie’s, weil Pakistan das nicht länger diskutieren will, sie haben die Nase gestrichen voll, und Pakistan und China rücken immer näher aneinander, die Chinesen werden diese Kluft zwischen Washington und Islamabad ausnutzen. In Afghanistan wird es eine totale Katastrophe geben, sie wollen keine amerikanischen Basen nach 2014, da bin ich mir sicher, so dass das Pentagon diese Basen an afghanische Kontrollen übergeben muss, wobei wir noch nicht den Fahrplan dafür wissen. Also, wenn man die Erfolge bezüglich des neuen Great Game im amerikanischen Stil in Eurasien in den letzten vier oder fünf Jahren analysiert, gibt es nicht viel herzuzeigen. (lacht.)

Falls man die Frage adressieren würde: “Warum geschehen Kriege überhaupt?“, würden Sie sagen, dass die Tatsache dass Banker ganz oben auf der Liste der Begünstigten von Kriegen sind, Teil der Antwort ist, insofern zum Beispiel:

“Die US-Notenbank Federal Reserve erschafft Geld, um den Krieg zu finanzieren, und verleiht es an die amerikanische Regierung. Die amerikanische Regierung wiederum muss auf das Geld, das sie sich von der Zentralbank ausgeliehen hat, um den Krieg zu finanzieren, Zinsen zahlen. Je größer die Aufwendungen für den Krieg sind, desto größer fallen die Gewinne für die Banker aus.“ (4)

Pepe Escobar: Ich stimme zu, wenn es eine Menge von Kriegsaufwendungen gibt und wenn die Plünderung förderlich ist. Im Irak ist das nicht geschehen. Das zu plündernde Gut im Irak sollte  angeblich das Öl sein, das nicht nur für den Krieg bezahlen sollte, sondern für Amerikas Ölversorgung der nächsten 1000 Jahre oder so. Das neue Amerikanische Reich sollte auf irakischem Öl aufgebaut werden. Hat nicht funktioniert.

Wir haben einen faszinierenden historische Unterricht durch das erhalten, was im Irak passiert ist. Die Neocons dachten am Anfang, offensichtlich, weil sie absolut nichts über den Nahen Osten wussten, sie reisten nicht einmal dorthin – sie dachten: Okay, das kostet uns fast nichts, wir werden die Iraker später für das Ganze zahlen lassen, und dann, wenn das Öl kommt, ist es das. Erinnern Sie sich an das, was sie zu sagen pflegten: Wir sind die neuen OPEC, das war Ende 2002/03.

Hat nicht funktioniert. Und jetzt haben wir eine andere, sagen wir, Variante des Modells, dass Sie gerade erklärt haben: Kriege, die von fremden Mächten bezahlt werden. China finanziert die Kriege im Irak, in Afghanistan, Teile des Krieges in Libyen, der hat zwar nicht viel gekostet, aber trotzdem den Krieg in Libyen, den Krieg in Somalia, den Krieg im Jemen, den nächsten Krieg in Uganda und Sudan, wo immer die USA entscheiden werden, einen zu starten. Dies wird im Wesentlichen durch den chinesischen Kauf von US-Staatsanleihen finanziert. Es ist eine Variante des Modells. (5)

In einem Artikel für al-Jazeera haben Sie einmal eine Studie bezüglich der Kosten des “Krieges gegen den Terror“ zitiert, die vom Eisenhower-Projekt an der Brown University veröffentlicht wurde. (6) Erinnern Sie sich?

Pepe Escobar: Ja, das tue ich.

Und die Kosten waren vier Milliarden?

Pepe Escobar: Ja, abhängig von der Variablen, abhängig von den medizinischen Kosten für die verletzten Veteranen in den USA, die eskalieren und ewig weitergehen, denn sie haben immer noch die Renten für diese Leute zu bezahlen, könnten es zwischen vier und sechs Billionen US-Dollar werden. Und was haben die USA für diese 4 bis 6 Billionen Dollar bislang bekommen? Wir können sagen, bislang nur Libyen, und das ist nicht gerade eine Priorität für sie.

Es war Teil der ursprünglichen neokonservativen Plan – es beginnt mit dem Irak, dem Libanon, Syrien, und vor allem der Iran. Für den Moment ist das einzige, was sie bekommen haben, Libyen. Deshalb ist Syrien ist so wichtig, weil Syrien der Weg in den Iran ist, und es ist immer noch dasselbe, was die Neokonservativen im Jahr 2002 gesagt haben, es ist immer noch Teil der “Full Spectrum Dominance“-Doktrin. Wir kommen immer wieder auf die gleichen Themen zurück, weil diese Themen die Grundlage dessen sind, was wir heutzutage beobachten.

Denken Sie, dass sich der Krieg in Libyen als ein Ressourcenkrieg qualifiziert, nicht nur im Zusammenhang mit Erdöl und vielleicht auch die Goldwährung, die Gaddafi herausgeben wollte, sondern auch bezogen auf das Great Man Made River-Projekt?

Pepe Escobar: Ja, das wollte ich gerade sagen, Lars, absolut, es ist bereits ein Wasser-Krieg. Ich habe vor ein paar Monaten eine lange Geschichte über kommende Wasser Kriege geschrieben – nein, sie kommen nicht erst, sie sind schon da. Dies war der erste große Wasser-Krieg, wenn man darüber nachdenkt. Es wird viele Wasser-Kriege im Nahen Osten geben, im Süden der Türkei, in Israel und Palästina, aber dieser ist groß wegen des Great Man Made River-Projekts – über $ 20 Milliarden US-Dollar hat es gekostet, die von der libyschen Regierung und Gaddafi finanziert wurden, mit der Beteiligung von viel kanadischer Expertise.

Und keinem Geld vom Internationalen Währungsfonds.

Pepe Escobar: Gerade das! Kein Geld vom IWF und von diesen Regelungen bei der Weltbank, wo man Zinsen zahlen muss, bis man drei Mal gestorben ist. Sie bauten das durch sich selbst und sie importierten die Technologie, die sie brauchten, und sie bauten ein einheimisches Rohrleitungssystem unterhalb der südlichen Wüste, um Wasser an die Küste von Libyen zu bringen. Es ist absolut fantastisch, weil sie ein Reservoir von Süßwasser in der südlichen Wüste haben, das  nach den besten Schätzungen für tausend Jahre reicht. Tausend Jahre an Süßwasser.

Können Sie sich das vorstellen, das Projekt ist noch nicht einmal ganz abgeschlossen, ich glaube, 80 Prozent sind abgeschlossen worden. Offensichtlich sind die drei größten Wasser-Unternehmen der Welt französische Firmen, und meiner Meinung nach erklärt dies 99 Prozent der französischen Begründung für den Krieg. Sie wollen diese 1000 Jahre mit frischem Wasser privatisieren und sie an den ganzen Planeten verkaufen. Und dann haben wir Sarkozy und die Interessen des militärisch-industriellen Komplexes in Frankreich, wir brauchen mehr Gas und Öl für Total, sie wollten schon  immer den Löwenanteil der libyschen Energieexporte.

Es gibt eine Allianz zwischen Katar, dem industriell-militärischen Komplex in Frankreich und Sarkozy, der im Grunde ein Lakai von diesen Leuten ist, und die Katarer wollten am Handel und dem Gewerbe in Nordafrika beteiligt sein. Dann gab es die NATO- und AFRICOM-Interessen an der Schaffung eines Brückenkopfes. Es waren so viele Interessen. Gaddafi konnte von Anfang an nicht gewinnen, und zwar aufgrund all dieser Interessen in der Achse des Pentagon, der NATO, wichtiger europäischer Länder wie Frankreich und England, und der Monarchien von Katar, der Vereinigten Arabischen Emirate und auch dem Haus Saud, denn sie wollten Gaddafi gestürzt sehen, da es einen bösen Streit zwischen König Abdullah und Gaddafi seit 2002 gab, vor der Invasion des Irak.

Gaddafi konnte das unmöglich überstehen, zu viele mächtige Interessen waren dahinter. Sie wollten die Verträge neu verhandeln, sie wollten, dass die neuen Öl- und Gas-Verträge nur an europäische und amerikanische Firmen gehen würden, vielleicht noch an türkische Unternehmen, aber nicht an die BRICS-Staaten, und Gaddafi wurde von deutschen Journalisten interviewt, zwei oder drei Tage vor der UN-Beschlussfassung, und er sagte ausdrücklich: Wenn Sie uns angreifen, werden die nächsten Verträge an die BRIC-Länder gehen – drei Tage später wurde er also angegriffen. (lacht.) Absolut offensichtlich.

Und was Sie erwähnt haben, ist auch sehr wichtig: der Gold-Dinar, weil der Gold-Dinar eine afrikanische Währung hätte werden können, Gaddafi hätte Entwicklungsprojekte in Afrika südlich der Sahara finanzieren können, tatsächlich hatte er dies bereits getan, er hat viele Projekte in den Sub-Sahara-Ländern Afrikas finanziert, und er umging vollkommen das Bretton-Woods-System, und das ist aus der Sicht von Washington, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und dieser ganzen Bande ein Tabu, ein absolutes Tabu. Und denken Sie daran, als Saddam den Verkauf von irakischem Öl in Euro Ende 2002 begonnen hatte, war das auch ein Hauptgrund für die Invasion.

Glauben Sie, es war gut für die „Rebellen“ in Benghazi, eine Zentralbank zu etablieren, die sich im Bett mit den westlichen Zentralbanken befindet?

Pepe Escobar: Das ist, was sie wollten. Diese Leute im Nationalen Übergangsrat, der ein Sack zwielichtiger Katzen ist – Opportunisten, ehemalige Gaddafi-Beamte, Islamisten, die mit der al-Qaida aus der Cyrenaika verbunden sind, Exilanten, die in Virginia, USA lebten, ich bitte Sie! Dies ist in Wirklichkeit ein schlechter tragischer Witz. Und diese Leute hatten natürlich von Anfang an  eine Katar-Verbindung: einer der Berater von Sheika Moza, der Ehefrau des Emirs von Katar, war der Verbindungsmann zwischen Katar und dem Nationalen Übergangsrat.

Weshalb Katar diese unabhängige Zentralbank in Benghazi bekam, geht offensichtlich auf den Einfluss von Katar zurück, sie wollten am Finanz- und Handelssystem in Nordafrika beteiligt werden. Sie expandieren. Katar ist ein schnell wachsendes Mini-Imperium. Es ist sehr, sehr beeindruckend. Ich erinnere mich noch: Doha vor zehn Jahren war es ein Nebengewässer. Ich erinnere mich wirklich noch sehr gut daran. Ich ging früher in den Irak über Katar. Ich sah es von Jahr zu Jahr wachsen, und heute, wenn Sie in Doha anreisen, denken Sie, Sie seien bereits in einem Mini-Hongkong.

Und ihre Tentakel sind überall: in Europa, in den USA, natürlich im Nahen Osten, im nördlichen Afrika, sie unterhalten starke Handelsbeziehungen mit Asien, sie nehmen Brasilien ins Visier. Also es ist sehr beeindruckend. Und ihr Schachzug in Nordafrika war sehr klug, weil sie jetzt in Nordafrika vor Ort sind, und wie sie hoffen, auch im Rest von Afrika: Wir wollen mit jedem Handel treiben, wir haben ein sehr gutes Banksystem, wir verkaufen jedem Gas, der es kaufen will. Ein Mini-Imperium im Aufbau.

Was müssen wir in diesem Jahr bezüglich Syrien und Iran erwarten? Diese sind Verbündete, nicht wahr?

Pepe Escobar: Ja. Nun, dies ist die Multi-Billionen-Dollar-Frage. Ich würde so schnell wie es geht nach Iran gehen, das Problem für uns ist an ein Presse-Visum für den Iran heranzukommen, nach der Grünen Bewegung im Jahr 2009 ist es sehr schwierig geworden. Man benötigt ein Presse-Visum, um in den Iran zu gehen, denn wenn man zum Beispiel mit dem IRGC (Islamic Revolution Guards Corps, Iranische Revolutionsgarde – Anm. d. Übersetzers) reden möchte, mit Beamten, mit Leuten aus der Regierung, braucht man diese Art von Visum. Ich werde es wieder versuchen, genau um von diesen Leuten ihre Sichtweise zu erfahren, und ich spreche hier besonders über die IRGC-Kommandeure, die Menschen in der Ölindustrie, und natürlich auch, um mit den durchschnittlichen Bürgern in Teheran zu reden, was etwas ist, das mir schon immer Vergnügen bereitet hat.

Im Norden von Teheran glaubt man, man sei in Kalifornien. In Süd-Teheran weiß man, dass man im harten Kern des Herzens des Mittleren Ostens ist. Es gibt zwei Universen in einer Stadt, und das Spektrum an Meinungen, das man nur durch eine 40 Minuten-Fahrt mit dem Taxi erhält, ist absolut herausragend. Sie sieht Leute, die Rafsanjani töten wollen, sobald er ihnen begegnen würde, man sieht Leute, die die Ayatollahs streng verteidigen, man sieht Leute, die sagen, ohne die Grüne Bewegung sind wir verloren. Es ist ein Universum für sich.

Und die Echos, die ich von meinen Freunden bekomme, die dort leben, oder von Iranern, die mir eine Menge Sachen schicken, sind: die Leute konsumieren, sie leben ihr Leben, es gibt viel an  Inflation, die Preise sind erheblich gestiegen, aber sie wollen ausgehen, ein iPad zu kaufen versuchen, das aus China hineingeschmuggelt wurde, sie wollen ein neues europäisches Auto kaufen, das sie sich leisten können, sie wollen Fleisch essen, was sehr lustig ist, denn das brasilianische Fleisch, das sie importieren, ist billiger als das im Iran hergestellte Fleisch. Gehen Sie hin, um es herauszufinden! Solche Sachen gehen dort vor sich.

Und gleichzeitig wissen sie, dass sich etwas zusammenbraut. Es könnte ein israelischer Angriff sein, es könnte ein US-israelischer Angriff sein, es könnte ein Militärschlag nur auf die  Atomanlagen sein, aber viele Leute haben Angst vor einem Militärschlag auf die zivile Infrastruktur. Sie sagen immer: Schau, was passiert im Irak passiert ist. Sie griffen zivile Gebäude an – ja, das ist wahr, ich habe es selbst gesehen.

Die Menschen erwarten das Schlimmste. Sie versuchen, ein tapferes Gesicht zu behalten, aber sie erkennen sofort, dass es einen Machtkampf innerhalb des Regimes zwischen der Ahmadinejad-Fraktion und der Ultra-Hardliner-Fraktion der Revolutionsgarden gibt, die gegen Ahmadinejad sind, weil er so etwas wie einen Kompromiss mit dem Westen will. Diese IRGC-Jungs wollen die Konfrontation.

Das ist sehr gefährlich. Warum? Weil der oberste Führer, Ayatollah Khamenei, diese Fraktion gegen Ahmadinejad unterstützt. Er will, dass der Iran für das respektiert wird, was er ist, und wir können davon ausgehen, dass er diese Konfrontation begrüßt. Dies ist extrem gefährlich, weil wir einen Vorfall bekommen können, der als Casus Belli für einen Angriff dient, für einen ein israelisch-britisch-amerikanischen Angriff, sagen wir es auf diese Weise.

Die Leute sind sich dessen sehr bewusst, und sie fürchten sich vor diesem Machtkampf an der Spitze des Regimes sehr. Gleichzeitig werden sie dieses Jahr Parlamentswahlen haben, und sie werden Präsidentschaftswahlen im Jahr 2013 haben, für die der Favorit, zumindest im Moment, Larijani heißt, er ist ein ehemaliger Atom-Unterhändler und ein enger Freund und Schützling von Khamenei. Dies bedeutet, dass die Hardliner sehr viel Macht und Kontrolle haben, und so unglaublich, wie es erscheinen mag, Ahmadinejad wird im Moment mehr oder weniger ins Abseits gedrängt, und er wird von diesen Hardlinern als Beschwichtiger (Appeaser) vis-à-vis dem Westen betrachtet.

Die interne Situation im Iran ist also äußerst besorgniserregend. Und sie wissen, was möglicherweise in Syrien passieren wird, sie wissen, dass Syrien die Abkürzung ist, um zu ihnen zu kommen. Zur gleichen Zeit erwarten die Hardliner jedoch gar keinen Angriff auf Syrien, tatsächlich sagen sie sich: vielleicht werden sie die Abkürzung überhaupt nicht benutzen, vielleicht werden sie uns direkt angreifen. Sie bereitet ich also auch darauf vor. Alles sehr beunruhigend.

Nehmen Sie eine ähnliche Stimmung in Israel wahr?

Pepe Escobar: Ich weiß nicht. Ich habe viele jüdische Freunde in Südamerika, in den USA und in Europa, die nach Israel gehen, und wenn sie zurückkommen, sagen sie: Schau, die Menschen in Israel sind verloren, sie wissen nicht, wie sie mit dem arabischen Frühling umgehen sollen, das Regime weiß nicht, wie es mit dem arabischen Frühling umgehen soll, sie wissen nicht einmal, wie sie mit dem Nicht-Frühling in Syrien umgehen sollen, weil sie erwarten, dass das, was als nächstes kommt, noch schlimmer sein könnte, wie eine Regierung der Muslimbruderschaft in Damaskus. Das ist ein Tabu für Israel.

Sie ziehen es vor, es mit dem Teufel zu tun zu haben, den sie kennen, und das ist ein unwirksamer Teufel, das Assad-Regime. Es gibt eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die sehr stark in Israel ist, gegen die Korruption, Inflation und steigenden Lebenshaltungskosten, sie sind gegen den Krieg und gegen die Regierung.

Und dann haben wir eine Regierung, die eine Geisel dieser absolut widerlichen Siedler-Lobby ist. Rechtsextreme, ukrainische Immigranten à la Lieberman. Es ist schrecklich, weil die progressiven Linken in Israel, von denen lesen Sie ab und zu mal in der israelischen Presse, aber sie sind an den Rand gedrängt worden. Auch innerhalb der USA: die progressiven Juden in den USA sind mehr oder weniger ausgegrenzt, weil AIPAC den Diskurs steuert.

Wenn Sie Radio hören, die Mainstream-Presse lesen, die großen TV-Netzwerke schauen, ist es wie eine AIPAC-Pressemitteilung nach der anderen. Sie sehen keine jüdischen Progressiven, die sagen: Es ist verrückt, was wir tun, wir müssen uns hinzusetzen und über Palästina sprechen, wir müssen uns hinsetzen und über die Golan-Höhen reden, über den Iran. Dies ist eine Minderheitenposition.

Wohingegen die Mehrheit von den Evangelikalen und neu geborenen Christen in den USA unterstützt wird, die an Armaggedon glauben.

Pepe Escobar. Genau. Es gibt die Mehrheit des Establishments, die ein Eretz Israel haben will, ein größeres Israel, und die religiösen Durchgeknallten, die sagen: Okay, der beste Weg, um Armaggedon zu beschleunigen, ist ein Krieg gegen unsere Nachbarn.

Die Verrückten beherrschen die Irrenanstalt.

Pepe Escobar: Ja, es ist verrückt. Ich würde sagen, seit dem Beginn des arabischen Frühling, seit 2011 haben die Verrückten die Anstalt vollständig übernommen. Und das ist der Grund, warum 2012 ein solch wirklich schreckliches Jahr werden könnte, und zwar, wie ich denke, für diesen ganzen Bogen: Nordafrika, Mittlerer Osten und Zentralasien. In Zentralasien grundsätzlich wegen Afghanistan / Pakistan, weil die Situation in Afghanistan / Pakistan dazu neigt, ganz schnell den Bach runterzugehen.

Was ist Ihre Einschätzung des jüngsten Angriffs von NATO-Truppen in Pakistan? (6)

Pepe Escobar: Dies ist eine sehr komplexe Sache, denn vielleicht gibt es ein verstecktes Motiv dahinter, und wir wissen noch nicht, was es sein könnte. Es könnte sein, dass einige Pakistaner es provoziert haben, es könnte sein, dass die NATO es selber provozierte, um eine bessere Entschuldigung dafür zu haben, um die Kampagne zur Dämonisierung von Pakistan anzuheizen, oder um einen Militärputsch zu provozieren, so dass die Fraktionen innerhalb des pakistanischen Militärs, die mehr pro-amerikanisch eingestellt sind, die Show übernehmen. Es ist immer noch sehr trübe.

Aber es gibt etwas hinter diesem Angriff, das keinen Sinn ergibt: Die NATO weiß, wo all die pakistanische Checkpoints in den Stammesgebieten sind, sie haben die Karten und die Koordinaten, sie können nicht einfach einen pakistanischen Militär-Checkpoint bombardieren, weil sie wissen, dass es ein freundlich Ort ist, es ist nicht so, als ob sie eines paschtunische Hochzeit in Waziristan in einem Lehmhaus bombardiert hätten, von dem der Satellit sagte: Dieses Haus ist voll von al-Qaida-Leuten, bombt sie – boom! Das ist anders. Unsere Autoren in Indien und Pakistan sind nicht von der offiziellen Geschichte überzeugt. Kurz davor stehend, es eine Lüge zu nennen, ist es eine Geschichte, die noch erzählt werden muss.

Aber es ist ein Problem, weil Pakistan und China die engsten möglichen Beziehungen zu einander unterhalten.

Pepe Escobar: Ja, und alles, was von nun an in Pakistan geschieht, wird Islamabad näher und näher an Peking rücken, es ist absolut unvermeidlich. Die öffentliche Meinung in Pakistan hat die amerikanische Einmischung satt, mit dem unerbittlichen Drohnen-Krieg und dem Verlust ihrer Souveränität, wenn sie jemals eine gehabt haben, am Rande gesagt.

Und die Chinesen reagieren selbstverständlich typisch, sie sind sehr leise, sie machen keinerlei Bewegung, sie warten bloß darauf, dass die Führung in Islamabad zu ihnen nach Peking angerannt kommt und sagt: Kümmert euch um uns, bitte. Und das ist nicht sonderlich schwer angesichts der Art und Weise, wie die Amerikaner handeln. Die einzigen beiden Dinge, die für Washington wichtig sind – sie geben einen Scheißdreck darauf – entschuldigen Sie mich für den Ausdruck -, was das pakistanische Volk angeht. Woran sie interessiert waren, war der „Krieg gegen den Terror“, um al-Qaida zu vernichten.

Jetzt geben sie offen zu Protokoll, dass al-Qaida unwirksam ist, seit dem Tod von bin Laden – ob es bin Laden war oder nicht, ist noch offen für Spekulationen, aber sie töteten al-Kaida. Was tun sie also in Afghanistan / Pakistan? Oh, jetzt haben wir ein Problem, denn Pakistan ist ein sehr instabiles Land, sie sind jetzt der Herzschlag der terroristischen Bewegung in der Welt, es ist nicht mehr Aghanistan, und können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn diese Atomwaffen in die Hände der Terroristen fallen.

Das ist das einzige, was zählt. Sie wollen einen Vorwand, um in Pakistan einzugreifen, damit sie eine Einfluss auf die Atomwaffen von Pakistans ausüben können. Es ist ein extrem langer Weg dorthin, klar, aber das ist es, was das Pentagon gerne tun würde. Das ist ihre Agenda.

Die politische Elite in Pakistan ist, abgesehen von Imran Khan, würde ich sagen, korrupt. Imran Khan selbst ist kein korrupter Mann, er bekommt jedes Mal, wenn er in der Öffentlichkeit in Pakistan spricht, immer hunderttausend Menschen zusammen, weil sie ihn als Alternative zu sehen beginnen. Er sagt: Lasst uns die Amerikaner loswerden, lasst uns die korrupte politische Elite loswerden, lasst uns das Militär dahin bekommen, dass es in ihren Kasernen bleibt, lasst uns eine echte zivile Regierung haben, lasst uns versuchen, das Land zu entwickeln und die Ungleichheit zu überbrücken. Darum ist er derzeit so beliebt, er könnte die nächsten Wahlen gewinnen.

Aber im Grunde hat die pakistanische Zivilgesellschaft die Nase voll vom Stand der Dinge. Und für die Amerikaner ist das eine wirklich schlechte Nachricht, weil sie seit Zia immer wollten, dass im Grunde das Militär die Kontrolle innehat und das tut, was ihm das Pentagon sagt. Und in den  vergangenen Jahren führten sie ihren „Krieg gegen den Terror“ nach ihrem Gutdünken von ihren Basen in Pakistan aus, wie von dieser Basis in Belutschistan, Samsi, und den Drohnen-Krieg in Waziristan, aber dies wird nicht mehr länger geschehen, ich sehe es jedenfalls nicht. Die Chinesen  warten nur. Ich denke, sie werden Pakistan in die SCO beitreten lassen, und das ist etwas, das schon dieses Jahr passieren könnte, womit Pakistan in einem Mechanismus sein würde, der die militärische Zusammenarbeit mit den Chinesischen impliziert.

Das Problem ist, dass das pakistanische Militär keine monolithische Organisation darstellt, es gibt dort verschiedene Schichten, es gibt Leute, die von Musharraf ernannt wurden, es gibt Leute, wie einige Paschtunen im mittleren Offiziersrang, die für die Taliban in Pakistan oder sogar für al- Qaida Sympathien hegen, und es gibt Risse in dem Arrangement. Ich bin mir sicher, dass die  Beziehung der Armeeführer mit dem Pentagon derzeitig mehr als schwierig ist, vor allem nach dem letzten Angriff, der ein Angriff gegen ihre eigenen Leute war, dies war ein Angriff gegen einen Armeeposten. Dies ist ein bisschen zu viel für sie.

Anti-Amerikanismus ist überall in der Welt auf dem Vormarsch.

Pepe Escobar: Außer im Persischen Golf. (lacht.)

Würden Sie sagen, dass das ein wenig tragisch ist angesichts der Freundlichkeit des gewöhnlichen amerikanischen Volks?

Pepe Escobar: Das ist wahr. Ich bin in die USA gegangen, seit ich ein Kind war, ich habe  mindestens 40 Staaten bereist, ich lebte an beiden Küsten, ich habe Freunde in den USA, eine Menge Leute, die meine Sachen lesen, wissen, wo ich herkomme, aber ich habe auch eine Menge Leser, die sagen: Du bist ein kommunistischer-apokalyptischer-anti-amerikanischer Taliban, Bla-bla-bla – die volle Ladung. Sie begreifen es noch immer nicht.

Es ist eine Sache, das Land lieb zu haben und die amerikanische Pop-Kultur, das amerikanische Entertainment, die amerikanischen Ikonen in der Musik, der Literatur, im Kino, in der Architektur, der Kunst usw., und es ist eine andere Sache, ihre Außenpolitik zu kritisieren. Wenn man wie ich aufwuchs, ich wuchs in Brasilien und Europa während der 1960er/70er auf – die Militärdiktatur, die in Brasilien im Jahr 1964 errichtet wurde, als ich zehn Jahre alt war, war ein amerikanischer Putsch.

Ja.

Pepe Escobar: Wir hier in Südamerika haben selber gelernt, was es heißt, unter einer Militärdiktatur zu leben, die von den USA gesponsert wird. Wir wissen also, worüber wir reden.Offensichtlich wissen die Menschen im Nahen Osten ebenfalls, worüber sie reden. Einige Menschen in Asien wissen auch, worüber sie reden, wie die Südkoreaner zum Beispiel, sie lebten sie unter einem von den USA unterstützten Militärregime, bevor sie zu einer Demokratie geworden sind.

Es ist somit sehr tragisch, dass nach dem Beginn des arabischen Frühlings eine Menge Leute im Persischen Golf noch nicht bereits gesehen hatten, dass sie in sehr autokratischen Regimen leben, dass sie Vasallen und Satrapien des US-Imperiums sind, und dass sie schlicht nicht darauf zählen können, dass ihre eigenen Regierungen ein Minimum an Souveränität erhalten.

Wenn man also einheimische Pro-Demokratie-Bewegungen in Bahrain oder in Ost-Saudi-Arabien sieht, sieht man, wie die Reaktion ausfällt. Sogar in Ägypten, wo sie sagten: Lasst uns endlich das System ein für alle Mal loswerden – sie sind es nicht losgeworden, die Schlange ist immer noch da, und die Schlange wird von Saudi-Arabien finanziert.

Es hat keine Revolution in Ägypten gegeben, die Revolution wird vielleicht beginnen, wenn sie  Tantawi-Junta beseitigen, was das ist, was die Massen auf dem Tahrir-Platz, die Google-Generation und die arbeitende Klasse in Ägypten will. Aber das Problem ist, dass die Armee in Ägypten – es gibt unterschiedliche Schätzungen darüber – 25 bis 40 Prozent der ägyptischen Wirtschaft kontrolliert, das wird sie nicht aufgeben. Es muss eine echte blutige Revolution werden, damit  diese Menschen gehen werden, und natürlich wollen die USA das nicht.

Würden Sie als geopolitischer Analyst sagen, dass die Zukunft von Deutschland viel mehr im Osten Eurasiens (Russland, China) als in New York und London ist?

Pepe Escobar: Ich würde diese Frage liebend gerne an Sie stellen. Meine vielleicht wilde Vermutung ist, dass Deutschland mehr mit Russland integrieren will.

Ja. Nun, die wirtschaftlichen und politischen Eliten in diesem Land sind noch immer sehr an die USA ausgerichtet

Pepe Escobar: Genau.

Wie man sehen konnte, als Angela Merkel als Kanzlerin von Deutschland letztes Jahr den höchste zivile Orden in Washington DC erhielt, die „Medal of Freedom.“ Sie hat jetzt etwas gemeinsam mit Duke Ellington, weil der sie auch erhielt (im Jahr 1969 ). Aber die Sache ist, dass ich denke, dass das bezeichnend ist.

Pepe Escobar: Ist es. Das ist das Problem mit Deutschland, weil es eine Atlantiker-Sache ist, aber sie wissen, dass sie in der Zukunft alle Rohstoffe und Waren, die sie benötigen, aus Russland beziehen können. Sie können den Rest der Welt als ihren Markt haben, sie haben ihn bereits. Es ist eine fabelhafte Export-Macht. Sie brauchen nicht diesem atlantischen Link unterworfen sein, definitiv nicht. Aber wie Sie richtig gesagt haben: die Eliten in Berlin und Frankfurt sind immer noch sehr amerikanisiert.

Für mich ist es als Journalist und aus meiner Perspektive als Deutscher interessant, dass Sie mit meinem Lieblings-Deutschen aller Zeiten vertraut sind, Heinrich Heine…

Pepe Escobar: Heine!

…der auch ein Journalist war.

Pepe Escobar: Leider habe ich ihn nur in der Übersetzung gelesen. Wunderbare Übersetzungen in Englisch und in Spanisch. Ich habe ihn nie in Deutsch gelesen, aber deutschen Freunde sagen mir, dass sein Deutsch absolut herausragend ist.

Ja, zusammen mit Leuten wie Nietzsche, Schopenhauer und Goethe befindet er sich an der obersten Spitze.

Pepe Escobar: Ich war für einige Jahre ein großer Fan von Nietzsche. Einer meiner besten Philosophie-Professoren war ein Nietzsche-Spezialist, ein Franzose namens Gerard Lebrun, er war  einer der besten Nietzsche-Forscher in Frankreich. Ich habe viel von ihm gelernt. Und Nietzsche ist immer noch einer meiner “Go-to-guys“.

Und er war auch ein Fan von Heines Gedichten.

Pepe Escobar: Ja, er war auch ein Fan von Heines Gedichten, genau.

Aus journalistischer Sicht, denken Sie, dass der Journalismus im Westen in einer tiefen Krise steckt?

Pepe Escobar: Oh ja. Ich gebe Ihnen zwei persönliche Beispiele. Einer der Gründe, warum ich Journalistin werden wollte, war Watergate. Ich war zu dieser Zeit im College, ich war 19 Jahre alt, und ich hatte damals noch nicht entschieden, was ich tun wollte. Ich dachte, vielleicht Bildende Kunst, und ich war immer ein großer Fan von Literatur gewesen, aber ich dachte, mit der Literatur kann ich kein Leben bestreiten.

Dann wollte ich Journalist werden, und Watergate war mein Vorbild in dem Beruf. Später, vor dem digitalen Journalismus, habe ich für große nationale Zeitungen gearbeitet, ich bekam Einsichten, wie die Branche funktioniert. Eine große überregionale Zeitung ist im Grunde eine Unternehmensinstitution, sie arbeiten mehr oder weniger überall auf der ganzen Welt gleich.

Dann bin ich ernsthaft enttäuscht darüber geworden, ich würde nicht angewidert sagen, noch nicht. Angewidert haben mich die Mainstream-Medien schließlich mit dem Beginn des „Kriegs gegen den  Terror“ und vor dem Krieg im Irak, weil damit das Meiste an Glaubwürdigkeit der Mainstream-Presse in der Welt verschwunden ist.

Wenn man sieht, wie die New York Times täglich monatelang auf ihrer Titelseite Lügen abdruckt – das war für mich das Ende des respektablen Mainstream-Journalismus. Und Zeitungen wie Le Monde, die ich zu lesen pflegte, seit ich in der High-School gewesen war, sie wurden zu einem amerikanisierten Schundblatt wie eine schlechte Kopie der New York Times, und manchmal sogar noch reaktionärer. Es ist ein bisschen traurig, dass ich keine deutschen Zeitungen lese, weil zumindest ihre kulturellen Sparten immer noch die besten der Welt sind.

Und das moderne deutsche „Feuilleton“ ist mehr oder weniger eine Erfindung von Heinrich Heine…

Pepe Escobar: Früher habe ich viele von den englischen Zeitungen gelesen, aber manchmal kann man nicht einmal mehr dem Goldstandard der englischen Medien trauen, wie dem Guardian oder dem Independent, die historisch gesehen sehr stark dem Zentrum und der Linken zugehörten. Also die Entzauberung ist im vergangenen Jahrzehnt absolut geworden, kann ich sagen. Sie müssen ins Internet gehen, wenn Sie Informationen finden wollen, die die Punkte miteinander verbinden. Das ist im Netz, in den Mainstream-Medien gibt es das nicht mehr. Und meine Freunde, die noch in großen Zeitungen arbeiten, sagen mir: Schau, es ist unmöglich, mit unseren Redakteuren zu diskutieren, was gedruckt und nicht gedruckt werden sollte. Es ist vorbei.

 

Würden Sie sagen, dass die gesamte Handhabung der Angelegenheiten im Zusammenhang mit 9/11 ein großer Schub für alternative Medien war?

 

Pepe Escobar: War es, denn wenn Sie nach 9/11 wissen wollten, was wirklich los war, konnte man  die Mainstream-Medien überall auf der Welt vergessen. Der einzige Ort, wo Sie es finden konnten, war im Netz – unabhängige Beobachter und Analysten, die sich die Mühe machten, sich durch Dokumente zu lesen, in den Mainstream-Medien war es unmöglich.

Heutzutage filtern sie diese Jungs manchmal rein, man sieht sie ab und zu mal, aber das sind nur flüchtige Eindrücke. Der Mainstream-Diskurs selbst ist monolithisch. Es gibt keine Alternative. Und es gibt wirklich keine Alternative, weil man nur diese Leuten zuhört, die seit Jahrzehnten alle nur dasselbe reden.

Ja, und die meisten dieser Experten und großen Nachrichten-Medien sind mit den Round Tables verbunden, wie dem Royal Institute of International Affairs, dem Council on Foreign Relations, der Trilateralen Kommission, dem Bilderberg Club…

Pepe Escobar: Genau, sie alle arbeiten für den gleichen Think Tanks. Und andere Medienunternehmen haben auch Glaubwürdigkeitsprobleme. Der internationale chinesische TV-Kanal in Englisch, CCTV9, weil man zumindest ein Minimum an Debatten bräuchte, aber es gibt keine Debatten dort. Ich mag das, was RT, Russia Today, tut, ich steuere Beiträge bei, aber sie kritisieren Russland nicht. Großes Problem.

Ich arbeite auch für al-Jazeera, was toll ist,  weil ich so Menschen erreichen kann und Reaktionen erhalte, die ich sonst nicht haben würde, zum Beispiel von Menschen in Afrika. Aber sie haben ein enormes Problem der Glaubwürdigkeit wegen ihrer Berichterstattung über Tunesien, Ägypten und Libyen im Vergleich zu ihrer Berichterstattung über das Geschehen im Persischen Golf, sie können einfach nicht sich selbst kritisieren und sie können nicht – vergessen Sie’s – das Haus Saud kritisieren, und zwar aufgrund der engen Beziehungen zwischen dem Haus Saud und dem Emir von Katar. Es ist sehr kompliziert, wenn man in diesem Universum navigiert.

Wir freuen uns sehr, alle von uns, die für Asia Times arbeiten und schreiben, weil sie wirklich unabhängig ist, und wir werden dafür respektiert. Wir haben Zionisten-Meinungen in ihr, wir haben rechtsextreme Meinungen, linksextreme Meinungen,  wir haben die Mitte, wir haben die Iraner, die Pakistaner, die Russen, die Chinesen, wir haben sogar einen Nordkoreaner, der für uns schreibt, es ist also alles da.

Wir haben keine spezifische redaktionelle Linie, nein, es ist für jedermann offen. Das ist das, wofür uns die Leute Respekt zollen. Aber das ist etwas, das schwer zu finden ist. Wir haben zum Beispiel große Probleme mit der Finanzierung. Ich war damit in den letzten paar Monaten beschäftigt, und es bereitet wirklich Kopfschmerzen: Wir wollen expandieren, aber wir wollen nicht unsere redaktionellen Kontrolle verlieren. Sehr schwierige Gleichung.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg damit!

Pepe Escobar: Danke schön!

Quellen Teil 2:

(3) Vgl. “Oil Bourse Opens in Kish“, veröffentlicht auf Fars News Agency am 18. Februar 2008 unter: http://english.farsnews.com/newstext.php?nn=8611290655.

(4) Vgl. J.S. Kim: „Im Innern des illusorischen Reiches des Banken- und Waren-Schwindels“, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 28. November 2010 unter:

http://www.larsschall.com/2010/11/28/im-innern-des-illusorischen-reiches-des-banken-und-waren-schwindels/.

(5) Siehe beispielsweise Michael Hudson: “America’s Military Expansion Funded by Foreign Central Banks“, veröffentlicht auf Global Research am 12. April 2011 unter:

http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=24267

(6) Vgl. Pepe Escobar: „Warum die USA Afghanistan nicht verlassen werden“,  veröffentlicht auf LarsSchall.com am 14. Juli 2011 unter:

http://www.larsschall.com/2011/07/14/warum-die-usa-afghanistan-nicht-verlassen-werden/

(7) Vgl. “’Mistakes made‘: Pentagon ‚regrets‘ slaughter of 24 Pakistani troops“, veröffentlicht auf  Russia Today am 22. Dezember 2011 unter:

https://rt.com/news/us-regret-pakistan-airstrike-drone-449/

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