Sibel Edmonds gewinnt endlich

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“Classified Woman“ ist der Titel eines Buches von Sibel Edmonds, dem man eine breite Leserschaft wünscht. Es ist “wie eine FBI-Akte über das FBI, lediglich ohne die Inkompetenz“, dafür aber voller Enthüllungen über den Nexus 9/11, die bislang als “Staatsgeheimnisse“ behandelt wurden.

Von David Swanson, Übersetzung Lars Schall

Die nachfolgende Buchbesprechung von David Swanson erschien im englischen Original unter:

http://davidswanson.org/node/3665,

und erscheint exklusiv in deutscher Sprache mit persönlicher Genehmigung von David Swanson.

David Swanson ist der Autor mehrerer Bücher, darunter zuletzt “Daybreak: Undoing the Imperial Presidency and Forming a More Perfect Union”, erschienen bei Seven Stories Press.

Sibel Edmonds gewinnt endlich

von David Swanson

Sibel Edmonds‘ neues Buch „Classified Woman“ ist wie eine FBI-Akte über das FBI, lediglich ohne die Inkompetenz.

Die Erfahrungen, von denen sie erzählt, ähneln K.’s Reise zum Schloss, wie sie von Franz Kafka erzählt wurde, lediglich ohne die Freundlichkeit und Menschlichkeit.

Ich habe Millionen von Besprechungen von Sachbüchern über unsere Regierung gelesen, die diese als “fesselnde Bücher“ und „packende Dramen“ bezeichneten, aber ich hatte bis jetzt noch nie ein Buch gelesen, das zu dieser Beschreibung wirklich passte.

Das FBI,  das Justizministerium, das Weiße Haus, der Kongress, die Gerichte, die Medien, und der industrielle Non-Profit-Komplex haben Sibel Edmonds durch die Hölle geschickt. Dieses Buch ist ihr Triumph über sie alle zusammen und ein Teil ihres Beitrags zur Reparation der Probleme, die sie aufgedeckt und durchlebt hat.

Edmonds nahm einen Job als Übersetzerin beim FBI kurz nach 9/11 an. Sie sah es als ihre Pflicht an. Ihr Ziel war es, mögliche weitere Terroranschläge zu verhindern. Das ist, wo sich ihr Denken zu dieser Zeit befand, obwohl es sich jetzt dramatisch verändert hat. Es sind selten die Menschen, die sich für einen Gehaltsscheck und Gesundheitsvorsorge eintragen, die am Ende Widerstand leisten oder Fehlverhalten offenlegen.

Edmonds fand an der FBI-Übersetzungseinheit fast ausschließlich zwei Arten von Menschen vor. Die erste Gruppe waren korrupte Soziopathen, ausländische Spione, Betrüger und Intriganten, die gegenüber der  nationalen Sicherheit der USA gleichgültig waren oder gegen diese arbeiteten. Die zweite Gruppe waren ängstliche Bürokraten, die nicht willens waren, für hohe Wellen zu sorgen. Die gewöhnliche und  kompetente Person mit guten Absichten, die ihren Job riskiert, um „etwas zu sagen, wenn sie etwas sieht“, ist das seltenste Gut. Daher kommt die Elite-Kategorie, in der sich Edmonds fast alleine wiederfand: die der Whistleblower (Hinweisgeber auf Fehlverhalten – Anm. d. Übersetzers).

Unzählige Dokumente und Audio-Dateien aus der Zeit vor 9/11 waren nie übersetzt worden. Viele mehr waren nie kompetent oder ehrlich übersetzt worden. An einem Nachmittag im Oktober 2001 wurde Edmonds gebeten, eine Audio-Datei vom Juli 2001 wörtlich zu übersetzen, die nur in zusammengefasster Form übersetzt worden war. Sie entdeckte, dass die Datei eine Diskussion über Hochhauskonstruktion enthielt und in einem Abschnitt vom 12. September die Feier über eine erfolgreiche Mission. Es gab auch eine Diskussion über mögliche künftige Angriffe. Edmonds war erpicht darauf,  die beteiligten Agenten zu informieren, aber ihr Vorgesetzter Mike Feghali setzte dem Projekt ein sofortiges Ende.

Zwei andere Übersetzer, Behrooz Sarshar und Amin (kein Nachname wird angegeben), sagten Edmonds, dass dies typisch war. Sie erzählten ihr von einem iranischen Informanten, einem ehemaligen Leiter der SAVAK, der iranischen Geheimdienstbehörde, der vom FBI Anfang der 1990er Jahre angeworben worden war. Er hatte diese beiden Dolmetscher persönlich im April 2001 davor gewarnt, dass Osama bin Laden Angriffe auf US-Städte mit Flugzeugen plante, und hatte des Weiteren davor gewarnt, dass einige der Verschwörer bereits in den Vereinigten Staaten waren. Sarshar und Amin hatten einen Bericht, der mit SEHR DRINGEND markiert war, beim verantwortlichen Special Agent Thomas Frields eingereicht, ohne erkennbare Wirkung. Ende Juni hatten sie sich wieder mit dem gleichen Informanten getroffen und für die FBI-Agenten übersetzt, die sich mit ihm trafen. Er hatte nachdrücklich davor gewarnt, dass der Angriff innerhalb der nächsten zwei Monate kommen würde, und forderte sie auf, dem Weißen Haus und der CIA davon zu erzählen. Aber die FBI-Agenten, als sie darauf gedrängt wurden, erzählten ihren Übersetzern, dass Frields verpflichtet war, über alles zu berichten, so dass das Weiße Haus und andere Behörden zweifelsohne bereits davon wissen würden.

Man muss sich fragen, was die US-Öffentlichkeit aus einem Iraner machen würde, der versuchte, 9/11 zu verhindern.

Als nächstes informierte eine Französisch-Übersetzerin namens Mariana Edmonds darüber, dass der französische Geheimdienst das FBI Ende Juni 2001 mit einer Warnung zu den bevorstehenden Angriffen durch Flugzeuge kontaktiert hatte. Die Franzosen stellten sogar Namen von Verdächtigen zur Verfügung. Die Übersetzerin war nach Frankreich geschickt worden und glaubte, dass ihr Bericht sowohl das FBI-Hauptquartier als auch das Weiße Haus erreicht hätte.

Edmonds übersetzte andere Materialien, zu denen der Verkauf von US-Nuklear-Informationen an Ausländer und die Entdeckung einer Verbindung zu einem früheren Fall eines solchen Informationsverkaufs gehörte. Edmonds schreibt, dass das FBI, das sich unter Druck aus dem Außenministerium befand, sie daran hinderte, die beteiligten FBI-Außendienststellen zu benachrichtigen. Edmonds hat eidesstattlich vor Gericht ausgesagt und als Teil einer breit angelegten kriminellen Verschwörung die Abgeordneten des Repräsentantenhauses Dennis Hastert, Dan Burton, Roy Blunt, Bob Livingston, Stephen Solarz und Tom Lantos sowie die folgenden hochrangigen US-Regierungsbeamten benannt: Douglas Feith, Paul Wolfowitz und Marc Grossman.

Als Edmonds angestellt wurde, war sie die einzige vollständig qualifizierte Türkisch-Übersetzerin, und dies blieb so der Fall. Im November 2001 wurde eine Frau namens Melek Can Dickerson (als „Jan“ bezeichnet) angeheuert. Sie schnitt beim Englischtest nicht gut ab und war deshalb nicht qualifiziert, Übersetzungen abzusegnen, so wie es Edmonds war. Meleks Ehemann Doug Dickerson arbeitete für die Defense Intelligence Agency in der Beschaffungslogistikabteilung im Pentagon und hatte mit der Türkei und Zentralasien zu tun sowie mit dem Office of Special Plans, das die  zentralasiatische Politik beaufsichtigte. Das Paar versuchte, Edmonds und ihren Mann für den American Turkish Council und die Assembly of Turkish American Associations zu rekrutieren, indem sie ihnen große finanzielle Vorteile anboten. Dies waren jedoch Organisationen, die das FBI überwachte. Edmonds berichtete vom Vorschlag der Dickersons an Feghali, der ihn ablehnte.

Dann entdeckte Edmonds, dass Jan Dickerson ihre (Edmonds‘) Unterschrift unter Übersetzungen gefälscht hatte, mit Feghalis Zustimmung. Danach erzählten Edmonds‘ Kollegen ihr, dass Jan Akten von den Schreibtischen der Übersetzer entnahm und sie aus dem Gebäude heraustrug. Dickerson versuchte, die Übersetzung des gesamten Materials von bestimmten Personen zu kontrollieren. Dennis Saccher, der über Feghali stand, entdeckte, dass Jan jede Kommunikation einer wichtigen Person als nicht wichtig für die Übersetzung markierte. Saccher versucht, die Angelegenheit zu adressieren, wurde aber von Feghali, von einer anderen Vorgesetzten namens Stephanie Bryan und durch den Leiter der „Gegenspionage“ des FBI stillgelegt, der sagte, dass das Pentagon, das Weiße Haus, das Außenministerium und der Kongress keine Untersuchung erlauben würden.

Hätte Edmonds die Wahrheit dieser Aussage verstanden gehabt, hätte ihr das vielleicht Jahre an Frustration und Stress ersparen können, aber dies hätte uns den größten Teil der Enthüllungen in ihrem Buch verwehrt. Dickerson bedrohte Edmonds‘ Leben und das ihrer Familie. Edmonds verlor ihren Job, ihren Ruf, ihre Freunde und den Kontakt zu den meisten ihrer Familienangehörigen. Sie beobachtete, wie der Kongress vor dem Präsident einsank. Sie beobachtete, wie die Regierung die Dickersons schützte, indem sie sie aus dem Land fliehen ließ. Sie hörte, wie der Kongressabgeordnete Henry Waxman und andere in den Jahren 2005 und 2006 eine vollständige Untersuchung versprachen, wenn die Demokraten die Mehrheit eroberten; ein Versprechen, das sofort gebrochen wurde, als die Demokraten die Kontrolle des Kongresses im Jahr 2007 übernahmen. Edmonds wurde in den Medien angeschmiert und ihre Geschichte wurde weitgehend ignoriert, als manche Medien Teile davon berichtigten. Das Justizministerium stellte die Behauptung von “Staatsgeheimnissen“ auf und bemühte sich um einen kooperative Richter (Reggie Walton), der die Fälle, die Edmonds eingereicht hatte, abwies. Die Regierung stufte alle Materialien im Zusammenhang mit Edmonds‘ Fall als geheim ein, darunter selbst solche, die bereits öffentlich waren. Das Justizministerium verhängte über den gesamten Kongress einen Maulkorberlass.

Und der Kongress beugte sich vor und rief: „Danke, Sir, darf ich noch einen bekommen?“

Als weniger konfrontative Ansätze scheiterten, wurde aus Edmonds zunehmend eine Aktivistin und Teilnehmerin sowie Gründerin von unabhängigen Medienunternehmen. Ihre Geschichte und die von anderen, die sie kannte, wurden von der 9/11-Kommission abgelehnt und gemieden. Sie arbeitete mit zornigen 9/11-Witwen und anderen Informanten zusammen, um das Scheitern dieser Kommission bloßzustellen. Angewidert von Whistleblower-Unterstützergruppen, die ihr nur zu helfen anboten, als sie in den Nachrichten war und niemals, als sie Hilfe am dringendsten benötigte, begann Edmonds ihre eigene Informanten-Gruppe aufzubauen, die so genannte National Security Whistleblowers Coalition. Sie begann ihre eigene Website namens Boiling Frogs Post.

Als endlich eine nicht-klassifizierte Version eines Berichts über Edmonds‘ Fall durch den Generalinspekteur des Justizministeriums veröffentlicht wurde, bestätigte er sie.

Edmonds hat Auszeichnungen und Anerkennung erhalten. Ihre Geschichte wurde (mit Rhetorik, nicht mit Aktionen) durch Mitglieder des Kongresses und von Journalisten unterstützt. Sie erscheint in diesem neuen Film.

Coleen Rowley, eine andere FBI-Informantin, eine, die zusammen mit zwei anderen als Person des Jahres vom Time-Magazine geehrt wurde, sagte mir: „Was ich so bemerkenswert finde, ist Sibels Hartnäckigkeit, jeden Weg und jedes Medium auszuschöpfen, um zu versuchen, die Wahrheit nach draußen zu bekommen. Als das Hinaufschreiten der Befehlskette in der Exekutive und die internen Mechanismen des Generalinspekteurs für die Untersuchung von Betrug, Verschwendung und Missbrauch nirgendwo hinführte, versuchte sie es mit Rechtsmitteln durch das Einreichen von Gerichtsklagen, nur um zu Unrecht durch das „Staatsgeheimnis-Privileg“ einen Maulkorb zu erhalten. Auf dem Weg suchte sie auch Unterstützung im Kongress zu bekommen, sie sagte vor der 9/11-Kommission aus, und setzte sich mit verschiedenen Medien und anderen Nichtregierungsorganisationen auseinander. Es ist irgendwie ironisch, dass Sibel solch eine enorme Energie und Leidenschaft in diesem Jahrzehnt gezeigt hat, die ganz im Gegensatz zu dem ‘Boiling Frog‘-Idiom steht, das sie für ihre Website als Warnung an andere verwendet. Wenn ihr Buch in den Lesern auch nur 1/100stel von der Zielstrebigkeit und Entschlossenheit heraufbeschwört, die sie abgebildet hat, dann gibt es Hoffnung für uns!“

Und doch, bisher hat noch kein Zweig unserer Regierung seinen kleinen Finger erhoben, um das Problem der Geheimhaltung und der Korruption, die sie gebiert, zu lösen, und von dem Edmonds sagt, dass es unter Präsident Obama noch viel schlimmer geworden sei. Deshalb sollte dieses Buch weit verbreitet und, wenn nötig, unseren Missrepräsentanten im Kongress laut vorgelesen werden. Dieses Buch ist ein Meisterwerk, das sowohl die Details als auch das breitere Muster der Korruption und Verantwortungslosigkeit in Washington, DC enthüllt. Edmonds hat nicht faule Äpfel bloßgestellt, sondern eine verrottete Tonne von giftigen Abfällen, die uns früher oder später alle infizieren – nicht nur die Informanten wie Sibel und die Tausenden von Menschen in unserer Regierung, die etwas sehen und es nicht wagen, etwas zu sagen, aus Angst, dass wir nicht hinter ihnen stehen.

Lasst uns hinter ihnen stehen.

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