DAS WANDERNDE AUGE: Das Dreieck des Todes

Empfehlen / Bookmarken

Jetzt, da die westlichen Medien endlich bestätigen, dass die Schleusen der US-Hilfe für die syrischen Rebellen weit geöffnet sind, wird der Konflikt immer mehr zu einer Neuauflage des afghanischen Dschihad der 1980er Jahre – mit Saudi-Arabien, Katar und Türkei in der Rolle von Pakistan, die nicht gerade freie syrische Armee als glorreiche Mudschaheddin-„Freiheitskämpfer“ und US-Präsident Barack Obama als Ronald Reagan.

Von Pepe Escobar, Übersetzung Lars Schall

Der 1954 geborene Pepe Escobar aus Sao Paulo, Brasilien ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit. Escobar, der vom früheren CIA-Analysten Ray McGovern schlichtweg “der Beste“ genannt wird, arbeitet für die Asia Times und ist ein Analyst von The Real News. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War, Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge und Obama does Globalistan.

Er hat von verschiedenen Ländern und Konflikten berichtet, darunter Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, Zentralasien, U.S.A. und China. Für Asia Times Online ist er als ‘The Roving Eye’, das heißt: “Das Wandernde Auge“ unterwegs, um vor allem geopolitische Weltereignisse, aber auch die Art, wie sie in den Medien präsentiert werden, zu diskutieren. Diese Kolumne übersetzen wir mit freundlicher und ausdrücklicher Autorisierung von Pepe Escobar exklusiv für LarsSchall.com ins Deutsche.

Darüber hinaus möchten wir als Ergänzung auf dieses Interview mit Pepe Escobar auf LarsSchall.com hinweisen, “Shifting Ground for Vital Resources“.

DAS WANDERNDE AUGE
Das Dreieck des Todes

von Pepe Escobar

Reuters brauchte eine ganze Weile, um berichten zu dürfen, dass US-Präsident Barack Obama einen Geheimdienstbefund genehmigt hat, [1] der die Central Intelligence Agency (CIA) in ihrer Unterstützung für die bewaffneten „Rebellen“, die für einen Regime-Wechsel in Syrien kämpfen, loslässt.

Mittlerweile wussten sogar Fidschi-Fischer dieses „Geheimnis“ (nicht zu erwähnen, dass jeder und sein Nachbar in ganz Lateinamerika ein oder zwei Dinge über die Regime-Wechsel Abenteuer der CIA kennt). Reuters beschreibt die Unterstützung vorsichtig als „eingegrenzt“ (“circumsccribed“). Das ist Code für „von hinten führen“.

Wann immer die CIA möchte, dass etwas durchsickert, verwendet sie einen treuen Schreiber wie David Ignatius von der Washington Post. Bereits am 18. Juli gab Ignatius sein Briefing wieder, [2] demzufolge „die CIA mit der syrischen Opposition für mehrere Wochen unter einer nicht-tödlichen Richtlinie zusammengearbeitet (hat). … Zahlreiche israelische Geheimdienstler operieren ebenfalls entlang der syrischen Grenze, obwohl sie sich bedeckt halten.“

Wie schön. Wie bedeckt kann man sich entlang der syrischen Grenze halten? Was das angeht, so besagt der Spin in Tel Aviv, dass Israel fähig ist, den Schwarm an Hardcore-Wahhabiten und Salafi-Dschihadisten, die Syrien befallen, zu “kontrollieren“. Auch wenn dies offenbarer Unfug ist, ist ein pikanter Punkt klar: Israel befindet sich im Bett mit al-Qaida-Stil-Islamisten.

Was das bedeutet ist, dass die nicht gerade freie syrische Armee (FSA), die mit Ewiggestrigen der Muslimbruderschaft vollgestopft und von Salafi-Dschihadisten infiltriert ist, nicht nur der Agenda ihrer Finanziers und Bewaffner – das Haus Saud und Katar – folgt, sondern auch der von Tel Aviv neben Washington und dessen Pudel der Marke London und Paris. Das ist also nicht nur ein Stellvertreterkrieg – dies ist ein mehrfacher, konzentrischer Stellvertreterkrieg.

Treffen Sie das Dreieck des Todes

Tel Avivs Agenda ist klar: eine geschwächte syrische Regierung, eine überforderte Armee in Unordnung, Sektenhass rundum und unerbittlich in Richtung Balkanisierung latschen. Das ultimative Ziel: nicht nur die Libanonisierung, sondern die Somalisierung von Syrien und Umgebung.

Die Agenda der Türkei bleibt unglaublich trübe – abgesehen von der Wunschvorstellung, dass ein Post-Assad-Syrien eine milde, zivilisierte Version der AKP-Regierung in Ankara wird (es wird nicht passieren).

Wie von Asia Times Online (ATol) seit Monaten berichtet, leitete die North Atlantic Treaty Organization (NATO) bis vor einiger Zeit eine Kommando- und Kontrollstelle in Iskenderun in der Hathay-Provinz. Vor kurzem sickerte schließlich via Reuters die Nachricht von einer gemeinsamen “Geheim“-Basis von Türkei, Katar und Saudi-Arabien in Adana durch, 100 Kilometer von der syrischen Grenze. Adana ist zufällig die Heimat von Incirlik, dem immensen NATO-Stützpunkt. Eine lokale ATol-Quelle hat seit Wochen von fieberhaften Fracht-Bewegungen in Incirlik berichtet.

Es war der saudische Vize-Außenminister Abdulaziz bin Abdullah al-Saud, der persönlich die Einrichtung der Basis beantragte, zur Freude Ankaras.

Ankara-Riad-Doha; man spreche von einem Dreieck des Todes. Der Spin aus Katar ist gleichwohl wieder einmal die „Von hinten führen“-Variante. Die Türkei verrichtet die militärische Schwerarbeit; die CIA lässt die „Finger weg“; und Katar fotografiert nur wie ein unschuldiger Tourist (während es Operationen über seinen militärischen Geheimdienst leitet). Die Heavy-Duty-Jungs sind alle nicht näher umschriebene „Zwischenhändler“.

Obama hat – noch – keinen Drohnen-Krieg autorisiert, und die CIA hat die “Rebellen“ womöglich nicht bewaffnet; das ist das Geschäft des „Dreiecks des Todes“. Eine Inflation russischer Panzerfäuste, die auf dem schwarzen Markt gekauft wurden, ist für die letzten „Rebellen“-Aufstände in Damaskus und Aleppo verantwortlich gewesen. Jetzt steht eine Inflation an Anti-Panzer-Raketen und Boden-Luft-Raketen zu erwarten; NBC News hat bereits ein „Geschenk“ von fast zwei Dutzend Boden-Luft-Raketen an die FSA gemeldet – geliefert via, wem sonst, der Türkei.

Katar und Saudi-Arabien nehmen keine Gefangenen. Niemand in Washington scheint zurück auf Post-Dschihad-Afghanistan zu schauen, ehe eine Entscheidung getroffen wird. Dies ist übrigens der afghanische Dschihad der 1980er Jahre von vorn – mit Saudi-Arabien und Katar in der Rolle von Pakistan, die FSA als die glorreichen Mudschaheddin-„Freiheitskämpfer“ und Obama als Ronald Reagan. Das einzige fehlende Element ist die Genehmigung durch Obama von einem „Memorandum of Notification“ zu seinem ersten Geheimdienstbefund, der es Washington genehmigte, die Freiheitskämpfer zu bewaffnen und einen Schwarm von Drohnen einzuführen.

Nun ist das ein Rezept für einen zertifizierten Hollywood-Blockbuster im Jahre 2013.

Riad, für seinen Teil, zwingt den jordanischen König Playstation, in seinem Gebiet für die mehr als 100 Banden, die die FSA umfassen, eine Pufferzone einzurichten – wie von der saudisch-finanzierten al-Quds al-Arabi enthüllt wurde. Und wer wohl der Handlanger, der den Deal erzwang? Niemand geringeres als der verschwundene saudische Geheimdienst-Chef Prinz Bandar, der bei einem Bombenanschlag vor zwei Wochen vielleicht getötet oder nicht getötet wurde (siehe DAS WANDERNDE AUGE: Wo ist Prinz Bandar?).

Der Sensenmann gewinnt

Bis der Sensenmann zum Sammeln kommt, lohnt es sich zu wiederholen: ein spektakulärer Rückschlag lauert.

Die anhaltende Belagerung von Aleppo steht bevor. Der “geheime Stützpunkt“ des NATO-Gulf Cooperation Council in der Türkei und die Frei-für-alle-Bewaffnung werden eine extrem unangenehme Mischung aus jungen arbeitslosen, halb-analphabetischen sunnitischen Syrern, sektiererischen, zum Töten geborenen Armee-Überläufern, allerlei Kriminellen und multinationalen Salafi- Dschihadisten ermächtigten. Dieses Video [3] zeigt alles, was man über die FSA zu wissen braucht. Und dieses [4] zeigt, welche Art von „Demokratie“ sie anstreben.

Die saudischen Wahhabiten wollen ein hardcore-sunnitisch-islamistisches Syrien – komplett mit Christen, Allawiten, Drusen und Kurden als drittklassige Bürger (oder Hauptkandidaten für Enthauptung). Die Kataris wollen ein Protektorat der Muslimbruderschaft.

Die außenpolitische Entscheidungsträger der Obama-Regierung müssen auf (lausigem) Crack sein. Nur weil sie sich in einem umfassenden Krieg nicht nur gegen den Iran, sondern auch gegen Schiiten überall engagieren, wie können sie bloß auf eine Somalisierung von Syrien setzen und wahhabitische Intoleranz begünstigen? Ein grinsender Sensenmann wartet in den Startlöchern.

Quellen:

1. Exclusive: Obama authorizes secret US support for Syrian rebels, Reuters, August 1, 2012
2.Looking for a Syrian endgame, Washington Post, July 19, 2012
3. See here.
4. Free Syrian Army issues military-led transition plan, AFP, July 30, 2012

Both comments and pings are currently closed.

Comments are closed.

Subscribe to RSS Feed Lars Schall auf Twitter folgen