Geld ist Macht (Money Talks)

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Norbert Häring („Das Handelsblatt“), der Mitbegründer / Direktor der World Economics Association, erläutert im folgenden Interview “den Schleier der Täuschung über dem Geld“. Er weist darauf hin, dass eng eingegrenzte und eindeutig spezifizierte Interessen über die wahre Natur des Bankengeschäfts bewusst Täuschung betreiben – insbesondere, dass die überwiegende Mehrheit des sich im Umlauf befindlichen Geldes nicht durch die Zentralbanken, den angeblichen Monopolisten der Geldschöpfung, sondern durch private Finanzinstitute emittiert wird.

Von Lars Schall

Das nachfolgende Interview erschien gestern im englischen Original auf ASIA TIMES ONLINE hier. Die deutsche Übersetzung erschien heute original auf Goldseiten.de hier.

Norbert Häring studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Heidelberg und Saarbrücken; an der letzteren Universität promovierte er im Jahr 1994. Danach arbeitete er bei der Commerzbank, der “Börsen-Zeitung“ und der deutschen Ausgabe der „Financial Times“. Seit 2002 ist er als Korrespondent für Geldpolitik, Finanzmärkte und Wirtschaft beim „Handelsblatt“, der führenden deutschen Wirtschaftszeitung. Ferner ist er Mitbegründer und Direktor der World Economics Association und Herausgeber des “World Economic Review“. Darüber hinaus hat er fünf Bücher geschrieben, darunter „Ökonomie 2.0: 99 überraschende Erkenntnisse“ (Schäffer-Poeschel, 2007, mit Olaf Storbeck Co-Autor), und “Economists and the Powerful: Convenient Theories, Distorted Facts, Ample Rewards“ (Anthem Press, 2012, Co-Autor mit Niall Douglas).

Lars Schall: Dr. Häring, vor kurzem haben Sie die vierte jährliche Konferenz des Institute for New Economic Thinking (INET) besucht, die in Hong Kong stattfand. Hat es sich für Sie gelohnt, dort gewesen zu sein?

Norbert Häring: Es war natürlich eine große Ehre, eine ganze Sitzung bei einem solch wichtigen Treffen gehabt zu haben, die sich dem Thema meines Buches widmete. Ich gab eine Präsentation in einer Sitzung unter dem Titel Ökonomie und die Mächtigen (Economics and the Powerful) mit Keynes-Biograph Lord Robert Skidelsky und Steve Keen. Wir hatten eine sehr interessante und lebhafte Diskussion. Hinzu kommt, dass ich in meiner Funktion als Vertreter der World Economics Association auf dem Treffen Kooperationsmöglichkeiten ausloten konnte, mit INET und anderen Institutionen, die unsere Ziele teilen, wie zum Beispiel das Fung Global Institute.

LS: Was ist die Intention der World Economics Association, die ja aus der Post-Autistic Economic-Bewegung entstand?

NH: Unser oberstes Ziel ist es, die geistige Monokultur, die derzeit in den Wirtschaftswissenschaften herrscht, durch etwas zu ersetzen, was wir komplementären Pluralismus nennen. Wir wollen, dass verschiedene Theorien als unterschiedliche und komplementäre Möglichkeiten akzeptiert werden, um auf die soziale und wirtschaftliche Realität zu blicken. Denken Sie an die Quantenphysik und Relativitätstheorie in der Physik. Sie sind kaum miteinander vereinbar, aber es sind beides angesehene Theorien und sie erklären verschiedene Aspekte der Natur sehr erfolgreich. Es gibt keinen guten Grund, warum die Wirtschaftswissenschaften nicht etwas Ähnliches erreichen sollten.

LS: Etwas persönlicher, was treibt Sie generell in Ihrer Arbeit als Journalist und Buchautor an?

NH: Ich bin ein politischer Mensch und die Ökonomie ist eine sehr wichtige politische Wissenschaft. Eine Menge an Politik wird durch falsche Darstellung ökonomischer Zusammenhänge bewerkstelligt, und dadurch, dass vorgegeben wird, Ökonomie sei eine objektive, unpolitische Wissenschaft. Das nervt mich.

LS: Warum konzentrieren Sie sich in Ihrer Arbeit oft auf das Phänomen der Macht?

NH: Ich mag es, Fragen zu stellen, die andere nicht stellen, wie: Wem kommt’s zugute? Und diese Fragen weisen oft auf die mächtigen Gruppen hin, die den Diskurs prägen können. Sie haben erfolgreich über das Diskutieren über die Macht und die Mächtigen in der Ökonomie ein Tabu verhängt. Ich mag es, Tabus zu brechen.

LS: Eine einfache Frage: Was ist Macht?

NH: Ich verwende nicht gern viel Zeit auf die Definition und Klassifizierung der vielen Arten von Macht, die es gibt. Eine Definition, die sie alle umfassen würde, wäre sehr abstrakt und langweilig. Genauso, wie Sie nicht Sex zu definieren brauchen, um ihn zu verstehen, brauchen Sie auch nicht Macht definieren. In unserem Buch beschäftigen wir uns mit der Macht, Informationsvorteile zu missbrauchen, der Macht, von Kunden mehr zu verlangen, als einen die Produktion kostet, der Macht, Geld aus dem Nichts zu schaffen, der Macht, den institutionellen Rahmen zum eigenen Vorteil zu verändern, der Macht der Wirtschaftselite, ihre eigenen Bezahlungen festzulegen, und der Macht der Rating-Agenturen, selbsterfüllende Prophezeiungen zu veröffentlichen, und einige mehr.

LS: Hat Macht eine Rolle beim Aufbau der Finanzkrise gespielt?

NH: Definitiv. Sie war absolut entscheidend. Banken und Ratingagenturen nutzten ihre Macht, die sie aus dem Informationsvorsprung und aus dem Vertrauen in ihr Urteil bezogen, um die Voraussetzungen für die Krise zu schaffen. Aber der schädlichste Missbrauch war die exzessive Ausnutzung der  Macht der Banken, Geld zu erschaffen, etwa  indem Sie Kredite in den Wohnungsmarkt pumpten. Zuviel von Banken geschaffenes Geld und zu viele Schulden waren es,  die die Krise so katastrophal und so schwer handhabbar machten.

LS: Warum wird der Machtfaktor zum größten Teil in der Ökonomie völlig ignoriert?

NH: Die Mächtigen müssen ihre Macht legitimieren. Wenn sie es nicht können, ist die nächstbeste Möglichkeit, sie unsichtbar werden zu lassen. Das ist es, was die Ökonomen für sie tun. Sie geben vor, dass die Arbeitnehmer immer eine nächstbeste Alternative zu ihrem aktuellen Job haben, der fast so gut sei. Folglich hat der Arbeitgeber keine Macht. Sie geben vor, dass nahezu perfekter Wettbewerb die Norm sei. Folglich gibt es keine Markt-Macht der Unternehmen. Sie geben vor, dass Geld nicht wichtig sei. Sie vergleichen es mit einem Schleier über dem, was in der Realwirtschaft los ist. Folglich haben die Institute, die Geld machen und den Fluss des Geldes kontrollieren, keine Macht.

LS: Es fällt auf, dass Sie keine Probleme haben, sich in der Öffentlichkeit als “Verschwörungstheoretiker“ zu bezeichnen. Ist es mithin unumgänglich, ein „Verschwörungstheoretiker“ zu sein, wenn es um die Analyse von Macht in der Welt geht?

NH: Ich muss zugeben, dass ich mit dem Begriff flirte, weil er einer von diesen Tabus ist, die benutzt werden, um Kritiker zum Verstummen zu bringen. Tatsache ist aber, dass es in meinem  Buch “Markt und Macht“ keine Verschwörungstheorien gibt. Die Bilderberg-Gruppe wird nicht einmal erwähnt. Es geht um Anreize für Ökonomen, um mit den Interessen der Eliten konform zu gehen. Es braucht keine aktiven Verschwörungen, damit sie ihre Wirkung im Laufe der Zeit entfalten.

LS: An der Spitze der Hierarchie der Macht in der Welt steht die Finanzbranche mit einem souveränen Vorsprung. Warum ist das der Fall? Oder, um es anders auszudrücken, was ist die historische Quelle der Macht, die die Finanziers genießen?

NH: Geld ist Macht, lautet das Sprichwort. Geld ist entscheidend fürs Überleben und oftmals knapp. Wenn Sie in Geldnot sind, können diejenigen, die es kontrollieren, Ihnen Auflagen machen, bevor sie Ihnen etwas verleihen. So haben große Finanziers und Bankiers bereits im Mittelalter wichtige Privilegien von der Monarchie erhalten. Eine Regierung, die nicht genug Geld hat, verliert ihre Kriege. So wurden Bankiers wie Rothschild, de Medici und Fugger zu Hauptakteuren in der Politik. Beginnend mit Alexander Hamilton und wahrscheinlich nicht endend mit Hank Paulson und Jack Lew, war es eine Routineangelegenheit in den USA, dass Wall-Street-Banker das Amt des Finanzministers bekamen. Es ist überhaupt kein Wunder unter diesen Bedingungen, dass im Laufe der Zeit ein Finanzsystem entwickelt wurde, das den Bankern sehr gut passt und ihnen große Macht gibt.

LS: Sie haben vor kurzem eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, “The veil of deception over money: how central bankers and textbooks distort the nature of banking and central banking  (siehe hier: http://www.paecon.net/PAEReview/issue63/Haring63.pdf  — zu Deutsch in etwa: „Der Schleier der Täuschung über dem Geld: Wie Zentralbanken und Lehrbücher die Natur des Banken- und Zentralbankengeschäfts verzerren“). Letztlich argumentieren Sie darin, dass einige klar spezifizierte Interessen am Werke sind, die die Absicht hegen, dass so wenige Menschen wie möglich unser Finanzsystem verstehen. Warum? Vielleicht, weil es am Ende eine besondere Art von Schneeballsystem ist?

NH: Ja, man könnte es ein Schneeballsystem nennen. Banken geben den Menschen und Unternehmen, die von ihnen Kredit nehmen, neues Buchgeld, das jeder benutzt, um Rechnungen und Steuern zu zahlen, als ob es so gut wie Bargeld wäre. Das zusätzliche Geld befeuert die Wirtschaft und erhöht die Nachfrage nach Krediten. Geld wird immer schneller geschöpft. Sobald man aber, genau wie in einem Schneeballsystem, nicht mehr genug Kreditnehmer zur weiteren Erhöhung der Geschwindigkeit findet, mit der Geld und Schulden geschöpft werden, bricht das System zusammen, und wir haben eine Krise. Dann lernt jeder, dass Bankeinlagen doch nicht so gut wie Bargeld sind, da Banken nur einen Bruchteil dieser Einlagen gegen Bargeld zu tauschen vermögen. Man denke bloß an Zypern.

LS: Bitte erläutern Sie, wie das Geld tatsächlich in unserem modernen Geld-System erstellt wird, beginnend mit den Zentralbanken.

NH: Es beginnt nicht mit den Zentralbanken. Das ist nur das, was man uns glauben macht. Wir sollen glauben, dass Zentralbanken den Prozess beginnen und steuern. Es hat Systeme ganz ohne eine Zentralbank gegeben. Es beginnt damit, dass mir eine Bank € 100.000 als Hypothek gibt, damit ich mir ein Haus kaufen kann. Der Bankangestellte tätigt ein paar Tastenanschläge, erstellt ein Konto für mich und legt eine Einlage in Höhe von € 100.000 hinein. Dies ist neues Geld. Die Zentralbank kommt erst später ins Spiel, um sicherzustellen, dass die Einlagen, die von den einzelnen Banken geschaffen wurden, gleichmäßig durch das System verteilt werden. Die Zentralbank fordert des Weiteren eine so genannte Mindestreserve in Form von Bargeld oder Einlagen bei der Zentralbank. Die Banken müssen sich diese Reserven bei der Zentralbank leihen. Aber die Zentralbank wird die Darlehen, die das Bankensystem benötigt, stets zur Verfügung stellen. Ansonsten würde das eine Liquiditätskrise verursachen.

LS: Und was ist falsch daran?

NH: Es gibt eine Reihe von Dingen, die daran falsch sind. Der Staat gibt ein wertvolles Privileg an die Banken ab, indem er die Einlagen, die sie erschaffen, effektiv zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt. Sie können Ihre Steuern mit Geld bezahlen, das die Banken geschaffen  haben. Von jedem wird gefordert, diese Einlagen zur Zahlung zu akzeptieren. Die Banken machen eine Menge Geld mit der Geldschöpfung aus dem Nichts. Dies ist ein Gewinn, von dem ich denke, dass der Staat ihn bekommen sollte. Die Steuern könnten viel niedriger sein, wenn der Staat dieses sehr wertvolle Privileg nicht kostenlos abgegeben hätte. Und, was vielleicht noch schlimmer ist, die Geschäftsbanken haben eine Tendenz, Schulden-Blasen aufzublähen, die später platzen und Finanzkrisen verursachen.

LS: In Ihrem wissenschaftlichen Papier werfen Sie besonderes Augenmerk auf Äußerungen von Jens Weidmann, dem derzeitigen Präsidenten der Deutschen Bundesbank, und Otmar Issing, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB). Warum das?

NH: Ich verwende diese Äußerungen, um aufzuzeigen, dass die Notenbanker uns eine verzerrte Darstellung der Natur des Geldes und der Rolle der Geschäftsbanken und Zentralbanken geben. Sie lassen es fälschlicherweise so erscheinen, als ob die Zentralbanken das Monopol zur Geldschöpfung hätten und als ob die Zentralbanken stets die Vertreter des allgemeinen Wohlergehens gewesen wären. In Wirklichkeit wurde eine Reihe von ihnen ursprünglich als private Banken geschaffen und bis heute gibt es ein starkes Element der Lobbyarbeit für Geschäftsbanken.

LS: Was muss also aus Ihrer Sicht über die berühmte „Unabhängigkeit“ der Zentralbanken gesagt werden, von der wir immerzu zu hören bekommen?

NH: Selbst Adam Posner gab in Hongkong zu, dass in Ländern, die ein großes Finanzsystem haben, die Rufe nach der Unabhängigkeit der Zentralbanken von der Regierung als erste und am lautesten gehört werden. Die Unabhängigkeit von der Regierung geht einher mit dem Verbot, die Staatsverschuldung zu finanzieren, und dies bedeutet, dass die Banken den meisten Nutzen aus Geldschöpfung ziehen.

LS: In diesem Jahr wird es den 100. Jahrestag der wohl einflussreichsten unter den Zentralbanken der Welt geben, der US Federal Reserve. Was ist Ihr generelles Urteil über diese eigentümliche Einrichtung?

NH: Zum einen haben sie für eine lange Zeit die Tatsache versteckt, dass die regionalen Feds, die mit der Aufsicht über die Banken betraut sind, von diesen Banken kontrolliert werden. Leute wie Jamie Dimon von JP Morgan, der im Aufsichtsrat der New Yorker Fed sitzt, kontrollieren sich im Endeffekt selbst. Wenn das Interesse des Bankensektors und des Landes synchron zueinander läuft, funktioniert die Fed oftmals sehr gut. Sie sind  viel besseren Job mit der Finanzkrise umgegangen als die EZB. Falls und soweit die Interessen der Wall Street in Konflikt mit den Interessen der Otto-Normal-Verbraucher geraten, dürfte Otto-Normalverbraucher meistens hinten runter fallen.

LS: Hinsichtlich einer Gruppe von Bankenkunden, den Sparern, gibt es etwas, worüber nur sehr wenige Menschen wirklich Bescheid wissen – wenn ich mein Geld zu den Banken bringe, um eine Bankeinlage zu haben, bin ich ein Gläubiger der Banken, selbst wenn ich ihnen kein Geld leihen will. Können Sie das weiter ausführen, bitte?

NH: Das ist der Kern des Problems unseres Finanzsystems, dass wir kein sicheres Zahlungssystem haben, das unabhängig von der Solvenz der Banken ist. Dies ist der Grund, warum wir immer die großen Banken zu retten haben, wenn sie es vermasseln. Wenn sie untergehen, geht unser Zahlungssystem unter und die Leute verlieren ihr Geld. Das Geld, das die Menschen in Konten halten, um ihre Rechnungen zu bezahlen, sollte anders als das Geld behandelt werden, das sie investieren wollen. Wenn Sie lediglich die Dienste der Banken nutzen, wollen um Ihre Rechnung auf bequeme Weise zu bezahlen, sollten Sie der Bank keinen Kredit geben müssen. Das Geld sollte in Ihrem Besitz verbleiben, genauso wie Geld, das Sie in einem Geldmarktfonds oder in Aktien haben, Ihres bleibt. Wenn dies der Fall wäre, würden wir nicht mehr länger alle zusammen die Banken zu retten haben, und sie könnten nicht mehr zu viel Geld schöpfen.

LS: Eine kleine, aber wachsende Anzahl von Menschen spricht sich für eine Rückkehr zum klassischen Goldstandard aus. Würde eine Rückkehr zum klassischen Goldstandard irgendetwas an dem Bankensystemproblem ändern, so wie Sie es sehen?

NH: Nicht grundlegend. Der Goldstandard grenzt die Menge des Geldes ein, dass die Zentralbank schöpfen kann, aber nicht die Menge des Geldes, das die Geschäftsbanken obendrein schöpfen können. Er könnte eine Schuldenblase ein wenig unwahrscheinlicher machen, weil die Banken wissen, dass sie nicht mehr so leicht gerettet werden können. Aber wenn eine Krise eintritt, wird es wirklich fatal, wenn die Zentralbanken von einem Goldstandard eingeschränkt werden. Wir haben dies in der Großen Depression gesehen.

LS: Was sind also die wirklichen Alternativen Ihrer Analyse nach? Was muss getan werden?

NH: Der Schlüssel besteht darin, die Fähigkeit der Banken zu begrenzen, Geld zu schöpfen und zu viel neues Geld in die Vermögensmärkte zu pumpen, wie den Aktien- und Immobilienmarkt. Es gibt verschiedene Wege, um dies zu tun. Richard Werner, ein Bank-Professor an der University of Southampton, plädiert für eine Kredit-Steuerung. Er sagt, Zentralbanken sollten das Wachstum der Bankkredite, die an die Verbraucher und in die Vermögenswerte gehen, begrenzen, während die Kredite für produktive Investitionen ermutigt werden. Diese Kredit-Steuerung war ein wichtiges Element in der Industrialisierung von Ländern wie Japan, Südkorea, Taiwan und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, und ist es immer noch in China. Ein weiterer Ansatz ist der Chicago-Plan oder Vollgeld, das unter anderem von Henry Simons und Irving Fisher gefördert wurde. Derzeit erregt der IWF-Ökonom Michael Kumhof Aufsehen mit dem Vorschlag, den Chicago-Plan umzusetzen. Es wird viel diskutiert in diesen Tagen (siehe hier.)

LS: Wie funktioniert das 100%-Geld bzw. Vollgeld?

NH: Es würde bedeuten, dass die Banken alle ihre Einlagen durch ihre eigenen Einlagen bei der Zentralbank gedeckt haben müssen. Sie konnte keine Einlagen mehr schaffen, sondern könnten nur das Geld, das die Zentralbanken geschöpft haben, vermitteln. Die Zentralbanken müssten natürlich viel mehr Geld schöpfen, was bedeutet, dass die Regierungen viel höhere Zentralbankgewinne erhalten würden.

LS: Mit welcher Art von Widerstand gegen grundlegende Reformen und neue Richtungen ist zu rechnen, der von interessierter Seite kommt?

NH: Das Recht, das gesetzliche Zahlungsmittel aus dem Nichts zu schöpfen, ist fast so gut wie die Fähigkeit, Gold aus Sand zu machen. Die Banker werden mit allen Mitteln darum kämpfen, dieses Privileg zu bewahren. Sie werden weiterhin versuchen, diejenigen, die für eine grundlegende Reform streiten, als verrückte Spinner darzustellen, die Geld und Ökonomie nicht verstehen.

LS: Januar diesen Jahres hat die Deutsche Bundesbank bekannt gegeben, dass sie einen Teil ihrer Goldbestände bei der NY Fed und all ihre Goldbestände von der Banque de France repatriieren will. Halten Sie es für ein wenig seltsam, dass es anscheinend sieben Jahre dauert, um etwa 300 Tonnen Gold aus New York City nach Frankfurt zu bringen bzw. 5 Jahre um rund 370 Tonnen von Paris nach Frankfurt zu bringen? Darüber hinaus wird die Bundesbank eine riesige Menge ihres/unseeres Goldes in New York City und London lassen, um im Falle einer Währungskrise „die Fähigkeit zum Austausch von Gold für Devisen […] innerhalb kurzer Zeit zu haben.“ Überzeugt Sie dieses Argument?

NH: Die Besonderheiten des Plans zur teilweisen Rückführung von Gold scheinen entwickelt worden zu sein, um die öffentliche Diskussion über Goldlagerstätten zunichte zu machen. Für viele Jahre wird die Bundesbank in der Lage sein, diese Forderungen mit den Worten zu beantworten: Wir arbeiten bereits daran. Und das wird als Kommunikationsstrategie gut funktionieren. Aber die Wahrheit ist, dass es keinen guten Grund gibt, den nationalen Goldschatz im Ausland zu lagern. Das Problem und die Art und Weise, in der sich die Bundesbank  während dieser Diskussionen in widersprüchlichen Aussagen und Begründungen verheddert hat, legt den Verdacht nahe, dass es entweder ein Problem mit dem Gold gibt oder dass Deutschland nicht ein solch souveräner Staat ist, wie wir denken. Ich weiß nicht, welche Erkärung die richtige ist.

L.S.: Lassen Sie uns für eine Sekunde spekulieren. Mit welchen Gedanken, denken Sie, verfolgt die Führung von China und Russland – zwei große Goldkäufer – dieses deutsche Goldgeschichte?

NH: Meine Vermutung ist, dass sie nichts von ihrem Gold in New York haben. Wenn sie das täten, würden sie wahrscheinlich in Betracht ziehen, es jetzt nach Hause zu bringen.

LS: Ist es das Richtige für die BRICS-Staaten, ihre eigene Förderbank zu starten, um mit dem IWF und der Weltbank zu konkurrieren?

NH: Das ist sowohl eine gute Entwicklung für die BRICS als auch für potenzielle Kunden ihrer Entwicklungsbank. Es bedeutet, dass IWF und Weltbank es schwerer haben werden, ihre Markt-Ideologie und ihre gläubigerfreundliche Politik über jedes Land, das sich in Schwierigkeiten befindet, verhängen zu können.

LS: Sind Handelsungleichgewichte der Kern der Euro-Krise?

NH: Handelsungleichgewichte sind das Hauptproblem der Europäischen Währungsunion. Deutschland hat einen riesigen Überschuss. Dies bedeutet, dass Deutschland weiterhin neuen Kredit an die anderen Länder gibt, die tiefer und tiefer in Schulden geraten. Ohne dass Deutschland ein Handelsdefizit akzeptiert, ist es für die anderen Länder unmöglich, diese Schulden jemals abzubezahlen. Das würde für eine Weile stark steigende Löhne in Deutschland erfordern, um die Binnennachfrage zu erhöhen und gleichzeitig den anderen Ländern zu helfen, die Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen. Deutschland scheint nicht gewillt, diese Option zu dulden.

LS: Warum sagen die Politiker der EU und den wichtigsten Protagonisten in den Mainstream-Medien konstant: „Wir retten die Griechen, wir retten die Spanier, et cetera“, wenn die EU in Wirklichkeit Privatbanken rettet (vorwiegend deutsche und französische)? Kann das nicht auf ehrliche Weise mit dem vermeintlichen Souverän in einer Demokratie, dem Volk, kommuniziert werden?

NH: Einflussreiche Gruppen sind einflussreich, weil sie ihre eigenen Botschaften und Ansichten verbreiten können. Der Finanzsektor ist sehr einflussreich. Ihm ist es gelungen, das Denken der Medienleute, Ökonomen und Politiker gleichermaßen zu verdrehen.

LS: Wenn Sie bestimmten, wo es langginge, wie würden Sie die Euro-Krise lösen? Und glauben Sie, eine echte Lösung ist wünschenswert vom Gesichtspunkt der finanziellen und politischen Eliten in Euroland gesehen?

NH: Ich würde die Zentralbank anordnen, die akute Krise durch ähnliche Maßnahmen zu beenden, wie sie die Federal Reserve ergriffen hat, vielleicht mehr auf das Pumpen von Geld in die Realwirtschaft, anstatt in die Asset-Märkte fokussiert. Dann würde ich den Menschen die Wahl geben, entweder einen neuen EU-Vertrag zu ratifizieren, der unter anderem eine Fiskalunion vorsehen würde, oder ein Zurückgehen zu den nationalen Währungen in einer harmonischen Weise. Ich vermute, ein neuer Vertrag würde abgelehnt werden. Was ich stattdessen als den Plan sehe, der von den Eliten verfolgt wird, ist, die Krise weitergehen zu lassen, um Reformen in Richtung Fiskalunion zu erzwingen, ohne echte Einbeziehung der Parlamente oder des Volks. Dies ist höchst undemokratisch.

LS: Was sind derzeit Ihre größten Sorgen, wenn es um die Weltwirtschaft geht?

NH: Die Versuche der Zentralbanken, die Wirtschaft wieder zu starten, gründen fast ausschließlich auf das neuerliche Aufblasen von Asset-Märkten. Dies bedeutet, dass die Höhe der Verschuldung in der Wirtschaft nicht reduziert wird. Es könnte sein, dass die ultimative Krise auf diese Weise nur verschoben wird.

LS: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Dr. Haering!

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3 Responses to “Geld ist Macht (Money Talks)”

  1. Wanderer sagt:

    Genau so sehe ich das auch. Mit einem Unterschied, Häring findet die besseren Worte.

  2. Georg Lehle sagt:

    Mal angenommen, der Kredit-Nehmer möchte seinen Kredit bar ausbezahlt haben. Geht der Bankangestellte dann in den Keller und schmeißt die Druckerpresse an? Oder haben die Banken sehr gute Foto-Kopierer?

    „LS: Bitte erläutern Sie, wie das Geld tatsächlich in unserem modernen Geld-System erstellt wird, beginnend mit den Zentralbanken.

    NH: Es beginnt nicht mit den Zentralbanken. Das ist nur das, was man uns glauben macht. Wir sollen glauben, dass Zentralbanken den Prozess beginnen und steuern. Es hat Systeme ganz ohne eine Zentralbank gegeben. Es beginnt damit, dass mir eine Bank € 100.000 als Hypothek gibt, damit ich mir ein Haus kaufen kann. Der Bankangestellte tätigt ein paar Tastenanschläge, erstellt ein Konto für mich und legt eine Einlage in Höhe von € 100.000 hinein. Dies ist neues Geld.“

  3. NH: „Es würde bedeuten, dass die Banken alle ihre Einlagen durch ihre eigenen Einlagen bei der Zentralbank gedeckt haben müssen. Sie konnte keine Einlagen mehr schaffen, sondern könnten nur das Geld, das die Zentralbanken geschöpft haben, vermitteln. Die Zentralbanken müssten natürlich viel mehr Geld schöpfen, was bedeutet, dass die Regierungen viel höhere Zentralbankgewinne erhalten würden.“

    Dann müsste die ZB aber auch die Bonitäts/Risiko/Bewertungen der eingereichten Papiere übernehmen? Wie soll Sie dieses Volumen stemmen und macht das einen Sinn?

    Wer übernimmt die Haftung, wenn die auf der ZB Aktivseite liegenden Papiere abwerten oder Insolvent gehen (Staatspapiere)? Man kann ja dann nicht sagen, hey – du und du, ihr gebt mal eure Banknoten ab, wir müssen nämlich unsere ZB Bilanz ausgleichen.

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