SPENGLER: USA spielen Monopoly, Russland spielt Schach

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David P. Goldman beobachtet in einer Art Abgesang, dass der Herr des russischen Kremls sorgfältig austariert, welche Auswirkungen ein jedes Syrien-Manöver auf Moskaus Interessenssphären haben könnte, während die US-Regierung fortfährt, die geopolitischen Immobilien isoliert zu betrachten, so wie Hotels auf dem Monopoly-Spielbrett. Der Preis dafür ist eine Wiederherstellung des Großmachtstatus‘ Russlands, und indem sich die populäre amerikanische Abscheu vor ausländischen Interventionen verstärkt, vermag Wladimir Putin einfach abzuwarten, wohlwissend, dass die Uhr zu seinen Gunsten abläuft.

Von Spengler / David P. Goldman, Übersetzung Lars Schall

Die exklusive Übersetzung des nachfolgenden Essays ins Deutsche für LarsSchall.com erfolgt mit ausdrücklicher und persönlicher Genehmigung von David P. Goldman.

David P. Goldman, unserer Ansicht nach weltweit einer der überragenden Essayisten unserer Zeit, war in der Vergangenheit der globale Leiter für die Research-Abteilung festverzinslicher Wertpapiere bei der Bank of America (2002-2005) und der globale Leiter für Kredit-Strategie bei Credit Suisse (1998-2002). Des Weiteren arbeitete er in leitender Funktion bei Bear Stearns, Cantor Fitzgerald und Asteri Capital. Heute leitet er den Beratungsservice Macrostrategy.

Von 1994 bis 2001 war Goldman ferner Kolumnist des Forbes-Magazins. Darüber hinaus diente er während der 1980er Jahre Norman A. Bailey, dem damaligen Director of Plans des National Security Council der USA.

Auf Asia Times Online veröffentlicht er seit 2000 regelmäßig seine “Spengler“-Essays (so benannt nach dem deutschen Historiker und Philosophen Oswald Spengler). Für eine Gesamt-Übersicht der exklusiv für LarsSchall.com übersetzten Artikel von Spengler / David P. Goldman siehe hier. Darüber hinaus steht hier ein Exklusiv-Interview mit David P. Goldman auf LarsSchall.com parat, “Gold gibt einem extrem wichtige Signale“.

Ask anyone in the intelligence business to name the world’s most brilliant intelligence service, and we’ll all give the same answer: Spengler. David P. Goldman’s ‘Spengler’ columns provide more insight than the CIA, MI6, and the Mossad combined.” — Herbert E. Meyer, Special Assistant to the CIA Director and as Vice Chairman of the CIA’s National Intelligence Council, Reagan Administration.

Zusätzlich schreibt Goldman für das Monatsmagazin First Things Essays, die ebenfalls einen weitgefassten Bogen spannen – von jüdischer Theologie über Ökonomie und Literatur bis hin zu Mathematik und Außenpolitik. Des Weiteren gehört er zum Kolumnisten-Stab von PJ Media, während er bei Tablet Musik-Kritiken beisteuert. Goldman ist der Autor des Buches “How Civilizations Die (and why Islam is Dying, Too)”, veröffentlicht bei Regnery Press. Eine Sammlung seiner Essays, “It’s Not the End of the World – It’s Just the End of You”, erschien bei Van Praag Press.

Er hat oft vor vielen bedeutenden Wirtschaftskonferenzen gesprochen, so zum Beispiel den Jahrestreffen der Weltbank. Sein Kapitel über Markt-Versagen im “Bloomberg Book of Master Market Economists“ (2006) gehört zu den Prüfungstexten für das Examen zertifizierter Finanzanalysten. Er hat Ökonomie an der Columbia University und an der London School of Economics sowie Musik-Theorie an der City University of New York studiert. Am Mannes College of Music lehrte er Musik-Theorie. Derzeit dient er daselbst dem Board of Governors. Ferner sitzt er im Board of Directors of the America-Israel Cultural Foundation und ist ein Fellow des Jewish Institute for National Security Affairs. David P. Goldman lebt in New York City, U.S.A.

Ergänzend zum nachfolgenden Artikel siehe von David P. Goldman auch den Essay “Die Welt lernt, ohne die USA zurecht zu kommen“.

USA spielen Monopoly, Russland spielt Schach
von Spengler / David P. Goldman

Amerikaner sehen einzelne Stücke geopolitischer Immobilien in Isolation, wie Hotels auf dem Monopoly-Spielbrett, während die Russen die Interaktion aller ihrer Interessensphären rund um den Globus betrachten.

Syrien ist von keinem wirklichen strategischen Interesse Russlands, noch für sonst jemanden, was das angeht. Es ist das gebrochene Wrack eines Landes mit einer irreparabel beschädigten Wirtschaft, ohne die Energie, das Wasser oder die Nahrung, um eine langfristige wirtschaftliche Überlebensfähigkeit zu bewahren. Die multiethnische Melange, die von britischen und französischen Kartographen nach dem Ersten Weltkrieg zurückgelassen wurde, ist unwiderruflich in einen Krieg der gegenseitigen Vernichtung runtergebrochen, deren einziges Ergebnis eine Entvölkerung oder Partition nach dem jugoslawischen Modell sein kann.

Syrien hat nur insofern Bedeutung, soweit seine Krise auf umgebende Territorien überzugreifen droht, die strategisch von größerer Bedeutung sind. Als eine Petrischale für Dschihad-Bewegungen droht es das Übungsfeld für eine neue Generation von Terroristen zu werden, der gleichen Rolle dienend, der Afghanistan während der 1990er und 2000er Jahre nachkam.

Als Testgebiet für den Einsatz von Massenvernichtungswaffen bietet es ein diplomatisches Labor, um mit vergleichsweise geringem Risiko für die Teilnehmer die Reaktion der Weltmächte gegenüber grausamen Handlungen zu messen. Es ist ein Inkubator von nationalen Bewegungen, in dem zum Beispiel die neu gewonnene Handlungsfreiheit der 2 Millionen Kurden des Landes ein Mittel zur Destabilisierung der Türkei und anderer Länder mit bedeutenden kurdischen Minderheiten bildet. Am wichtigsten ist, dass Syrien als das Cockpit des konfessionellen Kriegs zwischen Sunniten und Schiiten das Sprungbrett für einen größeren Konflikt sein könnte, der den Irak und möglicherweise auch andere Staaten in der Region zu verschlingen vermag.

Ich weiß nicht, was Putin in Syrien will. Ich glaube, dass der russische Präsident an diesem Punkt auch nicht weiß, was er in Syrien will. Ein starker Schachspieler, der einen minderwertigen Gegner einbezieht, wird Komplikationen ohne ein unmittelbares strategisches Ziel kreieren, um Fehler von der anderen Seite zu provozieren und aus ihnen opportunistisch Vorteil herauszuschlagen. Es gibt viele Dinge, die Putin will. Aber er will vor allem eine große Sache, namentlich die Wiederherstellung des Großmachtstatus‘ Russlands. Russlands führende diplomatische Rolle in Syrien eröffnet mehrere Möglichkeiten, um dieses Ziel zu fördern.

Als der weltweit größte Energieproduzent will Russland seine Hebelwirkung über Westeuropa erhöhen, für das es der primäre Energieversorger ist. Es will die Vermarktung von Erdgas, das durch Israel und andere Länder im östlichen Mittelmeerraum produziert wird, beeinflussen. Es will andere Energieerzeuger der Region von seiner Gunst für die Sicherheit ihrer Energie-Exporte abhängig machen. Es will seine Rolle als Lieferant militärischer Ausrüstung verbessern, unter anderem die amerikanischen F-35 und F-22 mit dem neuen Sukhoi-T-50-Stealth Fighter herausfordernd. Es will freie Hand im Umgang mit dem Terrorismus unter seiner muslimischen Minderheit im Kaukasus. Und es will den Einfluss in seinem sogenannten nahen Ausland in Zentralasien wahren.

Amerikanische Kommentatoren reagierten überrascht und in einigen Fällen mit Bestürzung über Russlands Aufstieg zum Schiedsrichter der Syrien-Krise. In der Tat war Russlands wachsende Rolle in der Region bereits deutlich, als der Chef des saudischen Geheimdienstes, Prinz Bandar, in der ersten August-Woche nach Moskau flog, um sich mit Putin zu treffen. Die Russen und Saudis kündigten an, dass sie zusammenarbeiten würden, um die neue Militärregierung in Ägypten zu stabilisieren, in direktem Widerspruch zu der Obama-Administration. In der Tat bot Russland Ägypten den Verkauf jedweder Waffen an, die sich die Vereinigten Staaten zu verkaufen weigerten, während Saudi-Arabien anbot, für sie zu zahlen.

Das war eine diplomatische Revolution ohne klaren Präzedenzfall. Es ist nicht nur allein so, dass die Russen nach Ägypten zurückgekehrt sind, nachdem sie 40 Jahre zuvor im Kontext des realen Weltkriegs vertrieben wurden; sie haben dies in einer taktische Allianz mit Saudi-Arabien getan, Russlands historischer Nemesis in der Region.

Saudi-Arabien hat ein dringendes Interesse an der Stabilisierung Ägyptens und an der Unterdrückung der Muslimbruderschaft, die von der saudischen Monarchie nächtlichen Blicks als Gefahr für ihre Legitimität angesehen wird. Die saudische Unterstützung für das ägyptische Militär gegen die Bruderschaft ist nicht überraschend; was höchst überrascht, ist, dass die Saudis danach gestimmt waren, Russland einzubeziehen.

Zwar gibt es eine Reihe von offensichtlichen Gründen für die Zusammenarbeit der Saudis und Russen, beispielsweise die Kontrollierung der Dschihadisten in der syrischen Opposition; die ganze Tragweite ihrer Annäherung wissen wir aber noch nicht zu verstehen. Die Saudis spielten Nachrichten zu, wonach sie anboten, russische Waffen im Wert von 15 Milliarden Dollar im Gegenzug für die russische Hilfe bei Assad zu kaufen. Gerüchte dieser Art sollten nicht als bare Münze genommen gelesen werden. Sie könnten eine Irreführung sein – aber eine Irreführung zu was?

Putins Schachbrett umfasst den Globus. Es beinhaltet solche Dinge wie die Sicherheit der Energie-Exporte aus dem Persischen Golf; die Übertragung von Öl und Gas durch Zentralasien; den Markt für russische Waffenexporte; Energie-Verhandlungen, die nun zwischen Russland und China im Gange sind; die Anfälligkeit der europäischen Energieversorgung; und die innere Stabilität der Länder, die an oder in der Nähe der russischen Grenzen liegen, einschließlich Türkei, Irak und Iran.

Für amerikanische Analysten könnte der Großteil dieses Schachbrett auch auf der dunklen Seite des Mondes liegen. Wir sehen nur das, was uns die Russen zu sehen erlauben. Zum Beispiel versprach Moskau zuerst, Syrien das S-300-Luftverteidigungssystem bereitzustellen, und zog sein Angebot dann zurück. Saudi-Arabien ließ Anfang August wissen, dass es bereit sei für 15 Milliarden Dollar russische Waffen im Gegenzug für Überdenkungen in Syrien zu kaufen. Eine Verhandlung in irgendeiner Form ist im Gange, aber wir haben keine Ahnung, welche Art von Zuckerbrot und Peitsche das umfassen könnte.

Was wir vermuten können, ist, dass Russland nunmehr viel mehr Fähigkeiten besitzt, die Ereignisse im Nahen Osten, einschließlich der Sicherheit der Energie-Ressourcen, zu beeinflussen, als es sie zu irgendeinem Zeitpunkt seit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 gehabt hat. Zur Zeit ist es im Interesse Russlands, einstweilen Unklarheit zu wahren und seine zukünftigen strategischen Optionen zu erweitern. Russland hat die Last der Unsicherheit tatsächlich dem Rest der Welt auferlegt, vor allem den großen Volkswirtschaften, die abhängig von Energie-Exporten aus dem Persischen Golf sind.

Präsident Obama ist offenbar der Ansicht, dass dieses Arrangement vorteilhaft für seine eigene Agenda ist. Der Präsident hat keinerlei Interesse an der Verbesserung der strategischen Position Amerikas in der Welt; seine Absicht könnte sein, diese zu verringern, wie Norman Podhoretz im Wall Street Journal letzte Woche anklagte, und wie ich vor fünf Jahren vorbrachte. Obama ist auf seine innenpolitische Agenda konzentriert.

Von diesem Standpunkt aus ist die Übergabe der Verantwortung für das syrische Chaos eine risikolose Übung. Die populäre amerikanische Abscheu vor ausländischen militärischen Interventionen ist so intensiv, dass die Wähler eine jede Maßnahme willkommen heißen werden, die die amerikanische Verantwortung für fremde Probleme reduziert. Obgleich die Eliten der Demokratischen Partei liberale Internationalisten sind, hat Obamas Abstimmungsunterstützung kaum Interesse in Syrien.

Öffentliche Kommentare zu Außenpolitik sind unter den gegebenen Umständen eine Übung in Frustration. Da Amerika eine Demokratie ist und eine erhebliche Bindung von Ressourcen zumindest ein gewisses Maß an Konsens erfordert, war die Diplomatie außergewöhnlich transparent, solange Amerika das Feld dominierte. Denkfabriken, Universitäten und Medien dienten als Resonanzboden für alle wesentlichen Initiativen, so dass wichtige Entscheidungen zumindest teilweise im Augenschein der Öffentlichkeit vorgenommen wurden. Auf Wladimir Putins Schachbrett ist das nimmer der Fall. Russland verfolgt eine Reihe von strategischen Kosten-Nutzen-Abwägungen (Trade-offs), aber wir im Westen werden nicht wissen, welche diese sind, bis weit nachdem sie Tatsachen geworden sein werden, falls überhaupt.

Weitere Dimensionen der Komplexität werden durch eventuelle Reaktionen anderer Akteure zutage treten, insbesondere Chinas, aber auch einschließlich Japans. Die Selbst-Schrumpfung der strategischen Position Amerikas eliminiert die Einschränkung Russlands, eine bestimmte Option zu wählen. Im Gegenteil, Russland kann positionelle Vorteile anhäufen, um diese für bestimmte strategische Ziele in seiner Freizeit einzusetzen. Und Putin wird auf seiner Seite des Schachbretts still sitzen und die Uhr gegen seinen Gegner laufen lassen.

Putin könnte denken, dass er einer ähnlichen Strategie auf Seiten des Westens zuvorkommt. Fyodor Lukanov schrieb vergangenen März auf der AI Monitor-Website:

Aus Sicht der russischen Führung betrachtet sieht der Irak-Krieg nun wie der Anfang der beschleunigten Zerstörung der regionalen und globalen Stabilität aus, die die letzten Prinzipien der nachhaltigen Weltordnung untergräbt. Alles, was seither passierte – einschließlich das Flirten mit Islamisten im arabischen Frühling, die US-Politik in Libyen und ihre derzeitige Politik in Syrien –, dient als Beweis für den strategischen Wahnsinn, der die letzte verbliebene Supermacht ergriffen hat.

Russlands Beharrungskraft bei der syrischen Frage ist das Produkt dieser Wahrnehmung. Die Frage ist weder eine der Sympathie für Syriens Diktator, noch kommerzielle Interessen, noch Stützpunkte in Tartus. Moskau ist sich sicher, wenn die Zerkleinerung säkularer autoritärer Regime weiterhin erlaubt ist, weil Amerika und der Westen die „Demokratie“ unterstützen, dass dies zu einer Destabilisierung führen wird, die alle, einschließlich Russland, überwältigen wird. Es ist daher für Russland notwendig, Widerstand zu leisten, zumal der Westen und die Vereinigten Staaten selbst zunehmend Zweifel erleben.

Russen gehen in der Regel davon aus, dass die Amerikaner denken, so wie sie es tun; jede Bewegung dahingehend prüfend, auf welche Weise sie sich auf die allgemeine Position auf dem Brett auswirkt. Die Vorstellung, dass Inkompetenz statt Verschwörung die überwiegende Mehrheit der amerikanischen Aktionen erklärt, ist dem russischen Denken fremd. Was auch immer der russische Präsident aber denkt, wird er für sich behalten.

Nach 12 Jahren des Schreibens über Außenpolitik an diesem Platze habe ich nichts mehr zu sagen. Die Regierung Obama hat die strategische Initiative Ländern überreicht, deren politische Entscheidungen hinter einer Mauer der Opazität vor sich gehen. Robert Frosts Worte kommen in den Sinn:

As for the evil tidings
Belshazzar’s overthrow
Why hurry to tell Belshazzar
What he soon enough will know? (1)

Oder wie in Robin Williams‘ alter Nachtclub-Nummer des damaligen Präsidenten Jimmy Carter, der sich an die Nation am Vorabend des 3. Weltkrieges wendet: „Das war‘s, gute Nacht, Sie sind auf sich allein gestellt.“

Anmerkung des Übersetzers:

(1) Goldman zitiert hier den Schluss des Gedichts “The Bearer of Evil Tidings“ („Der Träger / Überbringer schlimmer Botschaften“) von Robert Frost, in dem es um den Boten geht, der an den Hof von Belsazar, dem Regenten des babylonischen Reiches eilt, um die Kunde von dessen unmittelbar bevorstehenden Sturz zu überbringen. Ins Deutsche übertragen lauten die Zeilen ungefähr: Was die schlimmen Botschaften angeht / Belsazars Sturz / Warum sich beeilen, um Belsazar zu sagen / Was er früh genug wissen wird?

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2 Responses to “SPENGLER: USA spielen Monopoly, Russland spielt Schach”

  1. C. v. Neuves sagt:

    at leisure = nach belieben

  2. „USA spielen Monopoly, Russland spielt Schach“

    Nein. Die Kinder spielen im Sandkasten, solange sie noch an die naiven Kategorien „gut“ und „böse“ glauben:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/10/glaube-aberglaube-unglaube.html

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