SPENGLER: Berichte vom Ableben Russlands sind übertrieben

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In einer Buchbesprechung zu Ilan Bermans neuestem Buch bringt David P. Goldman vor, dass es für die Vereinigten Staaten gefährlich ist, strategische Pläne in Asien zu verfolgen, die auf der Prämisse gründen, Russlands jüngst in Erscheinung getretene Rückkehr als Weltmacht werde letztlich durch ein demographisches Desaster untergraben. Russland wird der Welt eine ganze Weile erhalten bleiben, und das erfordert von den USA Stärke, keine Bluffs.

Von Spengler / David P. Goldman, Übersetzung Lars Schall

Die exklusive Übersetzung des nachfolgenden Essays ins Deutsche für LarsSchall.com erfolgt mit ausdrücklicher und persönlicher Genehmigung von David P. Goldman.

David P. Goldman, unserer Ansicht nach weltweit einer der überragenden Essayisten unserer Zeit, war in der Vergangenheit der globale Leiter für die Research-Abteilung festverzinslicher Wertpapiere bei der Bank of America (2002-2005) und der globale Leiter für Kredit-Strategie bei Credit Suisse (1998-2002). Des Weiteren arbeitete er in leitender Funktion bei Bear Stearns, Cantor Fitzgerald und Asteri Capital. Heute leitet er den Beratungsservice Macrostrategy.

Von 1994 bis 2001 war Goldman ferner Kolumnist des Forbes-Magazins. Darüber hinaus diente er während der 1980er Jahre Norman A. Bailey, dem damaligen Director of Plans des National Security Council der USA.

Auf Asia Times Online veröffentlicht er seit 2000 regelmäßig seine “Spengler“-Essays (so benannt nach dem deutschen Historiker und Philosophen Oswald Spengler). Für eine Gesamt-Übersicht der exklusiv für LarsSchall.com übersetzten Artikel von Spengler / David P. Goldman siehe hier. Darüber hinaus steht hier ein Exklusiv-Interview mit David P. Goldman auf LarsSchall.com parat, “Gold gibt einem extrem wichtige Signale“.

Ask anyone in the intelligence business to name the world’s most brilliant intelligence service, and we’ll all give the same answer: Spengler. David P. Goldman’s ‘Spengler’ columns provide more insight than the CIA, MI6, and the Mossad combined.” — Herbert E. Meyer, Special Assistant to the CIA Director and as Vice Chairman of the CIA’s National Intelligence Council, Reagan Administration.

Zusätzlich schreibt Goldman für das Monatsmagazin First Things Essays, die ebenfalls einen weitgefassten Bogen spannen – von jüdischer Theologie über Ökonomie und Literatur bis hin zu Mathematik und Außenpolitik. Des Weiteren gehört er zum Kolumnisten-Stab von PJ Media, während er bei Tablet Musik-Kritiken beisteuert. Goldman ist der Autor des Buches “How Civilizations Die (and why Islam is Dying, Too)”, veröffentlicht bei Regnery Press. Eine Sammlung seiner Essays, “It’s Not the End of the World – It’s Just the End of You”, erschien bei Van Praag Press.

Er hat oft vor vielen bedeutenden Wirtschaftskonferenzen gesprochen, so zum Beispiel den Jahrestreffen der Weltbank. Sein Kapitel über Markt-Versagen im “Bloomberg Book of Master Market Economists“ (2006) gehört zu den Prüfungstexten für das Examen zertifizierter Finanzanalysten. Er hat Ökonomie an der Columbia University und an der London School of Economics sowie Musik-Theorie an der City University of New York studiert. Am Mannes College of Music lehrte er Musik-Theorie. Derzeit dient er daselbst dem Board of Governors. Ferner sitzt er im Board of Directors of the America-Israel Cultural Foundation und ist ein Fellow des Jewish Institute for National Security Affairs. David P. Goldman lebt in New York City, U.S.A.

Berichte vom Ableben Russlands sind übertrieben

von Spengler / David P. Goldman

Seit dem Sturz des Kommunismus im Jahre 1991 hat Washington Russland konsequent unterschätzt. Als Konsequenz ist die amerikanische Politik abgestürzt und wiederholt verbrannt worden: in der Ukraine, wo die von den USA unterstützte „Orangene Revolution“ von 2004 zugunsten einer Moskau freundlichen Regierung zusammengebrochen ist: im Jahre 2008, als der von Amerika gedeckte georgische Präsident Michail Saakaschwili den Versuch unternahm, mehrheitlich russische Provinzen Georgiens Grenzen einzuverleiben; und 2013, als Russland über Amerika im Nahen Osten triumphierte und die diplomatische Führung in der syrischen Chemiewaffenkrise übernahm.

US-Diplomaten wurde einmal mehr der Kopf von Moskau übergeben. Wenn sie so schlecht sind, wie kommt’s, dass sie nicht dumm sind? Amerikaner spielen Monopoly; Russen spielen Schach. Russland hat die Bruchlinien in der amerikanischen Politik gefunden und wurde mit einer überlegenen Hebelwirkung kompensiert. Insbesondere hat Russland die Schüchternheit der beiden letzten US-Regierungen gegenüber dem Iran ausgenutzt, sich selbst als Lieferant einer Lösung für Probleme präsentierend, die es zu kreieren beitrug. Bezogen auf die Technik ist Moskaus Leistung preisverdächtig, gleichwohl seine Absicht bösartig ist.

Russland steckt zwar in der Krise. Aber Russland hat in der Krise gesteckt, seit Peter der Große das moderne Russland mit einem Fuß in Sibirien und dem anderen in Osteuropa aufbaute. Es ist kein Nationalstaat, sondern ein Reich, von Anfang an schlecht konstituiert. Russland besteuerte stets seine europäischen Provinzen, um die unwirtschaftliche Expansion in den Fernen Osten zu unterstützen; eine Politik, die zwischen dem Krieg mit Japan von 1905 und dem Krieg von 1914-1918 mit Deutschland kollabierte. Russland gewann seinen östlichen Einfluss im Jahre 1945 zurück und verlor ihn 1989.

Seine Bevölkerung ist von einem Spitzenwert von 149 Millionen im Jahr 1992 auf 143 Millionen im Jahr 2012 gesunken und droht, noch schneller zu sinken. Russlands Demographie ist schwach, obwohl es sich zu fragen lohnt, ob sie viel schwächer als im Jahr 1945 ist, nachdem Russland im Krieg 15 % der gesamten Bevölkerung verloren hatte, um gar nicht erst einen Großteil seiner Produktionskapazitäten und Infrastrukturen zu erwähnen. Das hielt die Sowjetunion nicht vom Bau thermonuklearer Bomben und Interkontinentalraketen und dem Sieg gegen die USA ab, wer als Erster in den Weltraum vordrang. Die sowjetische Wirtschaft litt unter der Entsprechung von Arteriosklerose, aber sie gewann fast den Kalten Krieg. Putins Wirtschaft hat eine Reihe von selbstverschuldeten Fehlschlägen erlitten, aber das entfernt Russland nicht vom Spielfeld.

Russland war unten gelandet, aber nicht allumfassend draußen, nachdem die Sowjetunion zerbrach, und der selbst-tröstende Triumphalismus, der die amerikanischen Erzählungen des Landes prägte, war ein schlechter Ratgeber für politische Entscheidungen. Ilan Bermans neues Buch – tatsächlich ein Essay, der durch lange Anhänge auf Buchgröße gebracht wurde – wägt Russlands jüngste Rückkehr zum Weltmacht-Status vor einer projizierten langfristigen Katastrophe ab, die in meinen Augen nicht im Politik-Horizont auftritt.

„Momentan ist die Entflechtung Russlands in den Köpfen der meisten Beobachter noch unvergessen“, schreibt Berman, der Vize-Präsident des American Foreign Policy Council. „Tatsächlich sieht die Zukunft Russlands vergleichsweise heiter aus. Während das Jahrzehnt, das dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 folgte, ein Russland sah, das gedemütigt und gemindert war, kam es in den letzten zehn Jahren auf der internationalen Bühne unter der Führung seines derzeitigen Präsidenten, Wladimir Putin, brüllend zurück .“ Berman veröffentlichte, ehe Russland die Initiative im Nahen Osten mit einem Plan ergriff, Syriens chemische Waffen zu zerstören, was seinen Standpunkt unterstreicht.

Russland sieht sich jedoch mit einer, wie er sie nennt, demographischen Implosion konfrontiert:

„Russland liegt im Sterben. Russland befindet sich in einem katastrophalen postsowjetischen Gesellschaftsniedergang aufgrund von hundsmiserablen Hygienevorschriften, einer außer Kontrolle geratener Drogenabhängigkeit und einer AIDS-Krise, die Beamte als ‘Epidemie‘ bezeichnet haben. Die Bevölkerung der Russischen Föderation ist um knapp eine halbe Million Seelen pro Jahr rückläufig aufgrund von Tod und Auswanderung. Bei diesem Tempo könnte der einst mächtige russische Staat bis Mitte dieses Jahrhunderts ein Viertel seiner Bevölkerung verlieren. Und nach einigen Prognosen, sollte sich Russlands demographische Flugbahn nicht ändern, könnte die Bevölkerung bis 2080 auf so wenig wie 52 Millionen Menschen abstürzen. Dies ist ein Phänomen, das Demographen als ‚die Entleerung Russlands‘ beschreiben – eine gewaltige Implosion des russischen Humankapitals und ein Zusammenbruch seiner Aussichten als tragfähiger moderner Staat.“

Die Neuigkeit ist aber, dass sich Russlands Flugbahn verschoben hat, obwohl es schwer zu sagen ist, um wie viel. Wie Mark Adomanis auf der Forbes-Website am 25. Juli anmerkte, überschritt Russlands Geburtenrate im Jahr 2012 kurzzeitig die Amerikas. Russlands demographische Aussichten bleiben schlecht, da die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter aufgrund der extrem niedrigen Geburtenraten der 1990er Jahre zurückgehen.

Russlands Geburtenrate brach während der 1990er Jahre zusammen

 

Also wird die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter zurückgehen:

 

Quelle: United Nations Meduim Variant

Russlands Gesamt-Geburtenziffer liegt nun bei rund 1,7 Geburten pro Frau, vor einem europäischen Durchschnitt von 1,5 und über dem 1999er Tiefpunkt von weniger als 1,8. Das deutet einen Rückgang an, wenn auch einen deutlich langsameren Niedergang, als ihn die meisten Analysten erwartet hatten. Es ist nicht Ungarn, wo die Magyar-Fruchtbarkeit bei knapp über 0,8 Geburten pro Frau oder der Hälfte des russischen Niveaus liegt. Die Geburtenrate müsste bis etwa 2,5 steigen, um die demographischen Luftblase der 1990er Jahre zu kompensieren, und dieses Ziel ist fast unmöglich zu erreichen.

Berman fügt hinzu: „Russlands geschätzte 21 Millionen Muslime sind heute immer noch eine deutliche Minderheit. Doch die Muslime sind dabei, ein Fünftel der Bevölkerung des Landes bis zum Ende dieses Jahrzehnts und eine Mehrheit von Mitte des Jahrhunderts an zu werden.“

Die Erholung der russischen Geburtenrate erscheint gleichmäßig unter seinen Regionen verteilt, was bedeutet, dass eine muslimische Mehrheit in weiterer Ferne gerückt bleibt, als Demographen früher erwarteten. Die muslimischen Geburtenraten haben zudem den stärksten Rückgang aller Segmente der Weltbevölkerung gezeigt, wie ich in meinem Buch von 2011, “How Civilizations Die (and Why Islam is Dying, Too)„, dokumentierte. Nicholas Eberstadt vom American Enterprise Institute brachte zusätzliche Dokumentation in einer Studie von 2012 zu tragen.

Russische Demographien sind ein bewegliches Ziel. Wie Berman feststellt: „2012 übertrafen zum ersten Mal seit dem Zerfall der UdSSR die Lebendgeburten die Todesfälle in Russland. Sie taten dergleichen bescheiden (die Bevölkerung des Landes wuchs um knapp zweihunderttausend zwischen Januar und September 2012), aber es war genug für den Kreml, um zu verkünden, dass das Land die demographischen Geschicke umgekehrt habe.“ Das ist sicherlich nicht der Fall, aber die strategischen Auswirkungen werden erst frühestens in einer Generation gespürt werden.

Ein Teil des Sprungs in Russland Geburtenrate in den letzten Jahren ist auf das Angebot der Regierung von umgerechnet US$ 9.500 für Familien nach der Geburt eines zweiten oder dritten Kinds zurückzuführen. Aber die Wiederbelebung der russisch-orthodoxen Kirche hat mit ziemlicher Sicherheit eine wichtige Rolle gespielt. Es gibt eine tiefe und durchgängige Verbindung zwischen dem Glauben und der Geburtenrate in der gesamten industrialisierten Welt, und die Wiederherstellung der Religion in Russland ist ein neuer und kritischer Faktor in der Demographie des Landes.

Die orthodoxe Kirche der Website argumentiert, dass moralische Imperative wichtiger als finanzielle Anreize seien: „Putin hat russischen Familien einen spürbaren Anreiz gegeben, den Baby-Bonus, um Kinder zu haben. Er und seine Regierung werden nun versuchen, kulturelle Normen zugunsten der Drei-Kinder-Familie zu verschieben. Doch ob es ihm gelingt, hängt von Pro-Leben- und Pro-Familie-Befürwortern … und ihren Bemühungen ab, Putins Ermahnungen und finanzielle Unterstützung in eine bundesweite Bewegung zu verwandeln. Von ihrem Erfolg hängt das Schicksal des russischen Volkes ab.“

Die orthodoxe Kirche gibt an, dass sich ihre Pfarreien seit 1991 fast verdreifacht haben. Wie umfangreich ihre Auswirkungen werden, bleibt abzuwarten. Das ist eine entscheidende Frage. Berman allerdings tut das wiederbelebte Bündnis der russischen Kirche und des russischen Staat als Beginn eines „orthodoxen Iran“ ab:

„In den frühen 1990er Jahren erkannte Russland 31 Konfessionen offiziell an. Aber die meisten davon wurden gesetzlich inexistent gemacht. In einem Rückfall zur sowjetischen Praxis werden nur vier Religionen – die Russisch-Orthodoxe Kirche, der Islam, das Judentum und der Buddhismus – formal von der russischen Regierung anerkannt. Und mit Hilfe des Kremls wächst die orthodoxe Kirche an Macht und Bedeutung. Nicht überraschend hat dies die bereits angespannten Beziehungen zwischen dem russischen Staat und seiner wachsenden muslimischen Minderheit verschärft … die Russische Kirche – getränkt mit Kreml-Unterstützung – ist dabei, andere Formen der religiösen Identifikation in Russland zu verdrängen. Und sie tut dies genau zu dem Zeitpunkt, da die Bindungen, die die verschiedenen Ethnien des Landes zusammenhalten, dünner denn je geworden sind.“

Die orthodoxe Kirche war schon immer ausschließend und eifersüchtig ob ihrer Position im Verhältnis zu anderen christlichen Konfessionen, und das orthodoxe Wiederaufleben ist auf Kosten der amerikanischen Evangelikalen- und Mormonenmissionen aufgetreten. Es hat der russischen Politik auch den Stempel einer deutlich konservativeren Neigung gegeben, einschließlich des viel verabscheuten Gesetzes gegen „homosexuelle Propaganda“. Dass viele Aspekte des Lebens in Russland auf Westler abstoßend wirken, ist aber kaum etwas Neues. Die Frage ist vielmehr, ob die orthodoxe Wiederbelebung den demographischen und moralischen Verfall des Landes umkehren und die russische Macht stärken hilft. Ich kenne nicht die Antwort auf diese Frage. Berman macht sich nicht die Mühe, sie zu stellen.

Der schlimmste Mangel im heutigen Russland besteht an Russen. Wie ich in einem Essay von 2008 an dieser Stelle berichtete, enthält Russlands offizielle Volkszählung fast 7 Millionen Russen nicht, die im „nahen Ausland “ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion landeten und nun in Russland als Ausländer ohne Papiere arbeiten. Zusätzliche 15 Millionen ethnische Russen leben in Belarus, der westlichen Ukraine und Kasachstan. Der schnellste Weg, mehr Russen zu bekommen, ist der, sie zu nehmen, und in diesem Punkt, merkt Berman an, gibt es einen Konsens durch das politische Spektrum Russlands hinweg:

„Die politischen Entscheidungsträger in Moskau erkennen, dass das Hinzufügen von zehn Millionen weißrussischer Bürger zur Russischen Föderation die Gesamtbevölkerung Russlands um rund 7 % erhöhen würde. Das Hinzufügen der Ukraine würde noch mehr bringen; die ethnischen Russen machen fast 20% der ukrainischen Bevölkerung von 45 Millionen Menschen aus, und selbst wenn auch nur ein Teil des Landes formell zugunsten einer Annexion stimmte, würde die Zahl der russischen Bürger deutlich anschwellen. Wenn zusätzliche Gebiete, die derzeit von Moskau begehrt werden – einschließlich Teile der Nachbarn Georgien und Kasachstan –, hinzugefügt würden, wäre diese Zahl noch höher, deutlich die nachlassende Demographie der Russischen Föderation in diesem Prozess stärkend.“

Wie ich 2008 schrieb: „Russland hat ein existenzielles Interesse am Absorbieren von Weißrussland und der westlichen Ukraine. Niemand kümmert sich um Weißrussland. Es hat nie eine unabhängige nationale Existenz oder eine nationalen Kultur gehabt; die erste Grammatik in der weißrussischen Sprache wurde erst 1918 gedruckt und nur etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Weißrussland spricht die Sprache zu Hause. Nie hat ein Gebiet mit 10 Millionen Menschen einen dümmeren Fall für eine Unabhängigkeit vorgebracht. Angesichts dieser Zusammenfassung scheint es nur natürlich zu fragen, warum sich jemand um die Ukraine kümmern sollte.“ Washington hätte Russland die Beanspruchung seiner verwaisten Provinzen erlauben sollen, jedoch zu einem Preis: Ihr bekommt die ethnischen Russen, und wir bekommen Euer Einverständnis zu Problemen, die uns wichtig sind; die strategische Verteidigung in Polen und der Tschechischen Republik, Hilfe beim Iran, und so weiter.

Ob die USA einer solchen Abmachung mit Putin in den frühen 2000er Jahren hätten eingehen können, ist eine strittige Frage, da Amerikas Sponsoring der „Orangenen Revolution“ in der Ukraine von 2004 Putin überzeugte, dass er keine Geschäfte mit den Vereinigten Staaten machen könne. Die Bush-Regierung ärgerte Moskau, aber ohne die Muskeln, um seinen Einfluss in der Ukraine oder Georgien dauerhaft zu machen. Die Obama-Administration verschenkte den Laden einfach, zuerst durch den Verzicht auf Anti-Raketen-Anlagen in Osteuropa, und dann durch die Annahme der russischen Chemiewaffen-Regelung für Syrien (und möglicherweise auch seiner Pläne für das iranische Atomprogramm). Beide Ansätze sind gescheitert.

Was sollte Amerika jetzt tun? Berman impliziert, dass die USA sich in die inländischen Verwerfungslinien Russlands lehnen sollte, einen internen Kollaps antizipierend:

„Die russische Führung hat sich in einer Hard-Power-Kampagne gegen den islamischen Radikalismus engagiert, in der Hoffnung, dass überwältigende Gewalt die unruhigen Republiken des Landes befrieden werde. Das Scheitern dieses Ansatzes zeigt sich in steigender islamistischer Gewalt an Orten wie Tatarstan und in der Verbreitung des extremen Islam im ganzen eurasischen Herzland. Dieses Phänomen wird eine wachsende Herausforderung für die Stabilität und Legitimität des russischen Staates in den kommenden Jahren darstellen … Der Grundstein für einen zukünftigen Bürgerkrieg in Russland, für einen heftigen Kampf um die Seele des russischen Staates, der entlang religiöser und ethnischer Linien ausgefochten werden wird, ist also gelegt.“

Seit die Vereinigten Staaten (aus meiner Sicht zu recht) afghanische Dschihadisten bewaffneten, um die Sowjetunion in den 1980er Jahren zu peinigen, haben Teile der amerikanischen Außenpolitik-Gemeinschaft wehmütig auf den muslimischen Unterleib Russlands als eine potenzielle Quelle von Druck auf Amerikas Kalten-Krieg-Feind gesehen. Es war eine gute Idee auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, ist aber jetzt aus mehreren Gründen eine schreckliche Idee. Erstens ist der radikale Islam eine schlimmere Bedrohung westlicher Interessen als das orthodoxe Russland, wie wir nach den Bombenanschlägen des Boston Marathon beobachtet haben sollten. Zweitens wird es nicht gelingen. Russland ist weit rücksichtsloser bei der Unterdrückung inländischer Bedrohungen als Washington (beachten Sie, dass Berichte aus Russland immer davon sprechen, dass Terroristen getötet anstatt gefangengenommen wurden). Drittens, und am wichtigsten, werden amerikanische Versuche, Russlands interne Probleme auszunutzen, schlicht ein chinesisch-russisches Bündnis zementieren. Das ist die wahrscheinlichste russische Antwort auf eine Reihe von Problemen. Amerika nutzte die chinesisch-sowjetische Kluft aus, um den Kalten Krieg zu gewinnen. Moskau könnte auch entscheiden, dass es besser ist, Chinas wachsender Macht entgegenzukommen, statt sie anzufechten.

Russland ist zwar verzweifelt ob des chinesischen Vordringens auf ehemalige Bereiche seiner Herrschaft, einschließlich seines Fernen Ostens und Zentralasiens. Chinas aufstrebender wirtschaftlicher Einfluss auf das nahe russische Ausland, einschließlich seine Öl-Konzession in Kasachstan, wird von einem Engagement für Investitionen in die Infrastruktur im Transportwesen und Telekommunikation sowie im Energiebereich unterstützt, und zwar bei dem, was China nunmehr „neue Seidenstraße“ nennt.

Chinas Aufstieg in Russlands Osten und Süden ist eine Enttäuschung für Moskau, aber nicht, wie Berman sagt, ein „Flashpoint“. Die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts zwischen China und Russland in den nächsten 20 Jahren ist irgendwo zwischen gering und nicht existent angesiedelt. China nimmt eine lange Sicht ein; es wird nicht um ein Territorium kämpfen, das ihm in ein oder zwei Jahrhunderten ohnehin in den Schoß fallen wird. Russland wird wahrscheinlich zum Schluss gelangen, dass es von China einen besseren Deal als von USA bekommen wird. Russland und China haben ein gemeinsames Interesse daran, die möglichen Probleme im muslimischen Zentralasien einzudämmen, und ihre Zusammenarbeit ist ein natürliches Ergebnis des gemeinsamen Bedürfnisses.

Washington sollte sich um die russischen und chinesischen Bemühungen, gegenüber der amerikanischen Luft- und Raumfahrttechnik, die sich im Laufe einer Generation wenig geändert hat, aufzuholen, Sorgen machen. Ob die Sukhoi T-50 PAK-FA oder Chinas J-20 mit Amerikas F-22 im Moment konkurrieren können, ist zweifelhaft. In fünf oder zehn Jahren von jetzt an könnte die Antwort vielleicht anders lauten. Amerikas technologische Dominanz in der militärischen Luftfahrt ist in Gefahr, und seine Marine schrumpft auf weniger-als-Supermacht-Proportionen herunter.

Bermans am wenigsten gelungene Kapitelüberschrift besagt, dass Russland „die muslimische Welt missversteht“. Tatsächlich versteht Russland die muslimische Welt mit großer Klarheit. Es hat sich mit Saudi-Arabien bei der Unterstützung von Ägyptens Militärregierung gegen amerikanischen Druck verbündet und verbündete sich mit dem Iran beim Schutz des syrischen Regimes gegen die bunt zusammengewürfelte Gruppe von Dschihadisten, die gegen es gerichtet sind. Russland könnte die amerikanische Bewaffnung, die durch die Verringerung der Militärhilfe an Ägypten betroffen ist, sehr wohl ersetzen, und wenn ja, dann wird Saudi-Arabien dafür bezahlen. Es hat beide Seiten im Iran bespielt, indem es den iranischen Atomreaktor Bushehr baute und abwechselnd moderne Flugabwehrsysteme kredenzte und wieder wegnahm.

Es ist unmöglich, Russlands taktische Ziele zu erkennen; sein Ziel, vermute ich, ist es, die Initiative zu behalten, seinen Gegnern Schnitzer zu entlocken, und sie auszubeuten, wenn es die Möglichkeit zulässt. Sobald Amerika die Nerven verlor, um Gewalt gegen das iranische Atomprogramm anzuwenden, wurden andere Probleme in der Region, insbesondere Syrien, unlösbar, was Russland die Chance gibt, sich als regionaler Vermittler einzusetzen.

Es ist gefährlich für die Vereinigten Staaten, Pläne auf der Prämisse des inneren Zerfalls Russlands zu machen. Dieses Ergebnis kann nicht ausgeschlossen werden, ist aber auch nicht wahrscheinlich. Russland wird eine ganze Weile weiter da sein; es wird nie wieder die Position erlangen, die die Sowjetunion im Jahr 1980 innehatte, aber es wird für die absehbare Zukunft eine Kraft bleiben. Washington hat nie ganz begriffen, dass die Russen Schachspieler sind, und Schach ist ein Spiel, in dem man nicht bluffen kann. Man bekommt Russland nur durch Stärke in den Griff, und die Stärke Amerikas blutet wegen einer Reihe von selbst zugefügten Wunden aus.

Implosion: The End of Russia and What It Means for America by Ilan Berman. Regnery Publishing (September 16, 2013). ISBN-10: 1621571572. Hardcover: 256 pages. Price $19.32.

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