Der Geld-Illusions-Schock der Bank of England

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Die Mutter aller Zentralbanken räumt mit geläufigen Geldmythen auf – und der Ökonomieprofessor Steve Keen darf sich bestätigt fühlen. Es folgt eine realistische Erklärung, wie Geld geschöpft wird, warum das wirklich von Belang ist, und warum dagegen praktisch alles, was die Wirtschaftslehrbücher über Geld sagen, falsch ist.

Von Steve Keen, Übersetzung Lars Schall

Die Übersetzung des nachfolgenden Artikels, der im englischen Original unter der Überschrift “The BoE’s sharp shock to monetary illusions” hier auf der Business Spectator-Website erschien, wurde von Steve Keen ausdrücklich und persönlich für LarsSchall.com autorisiert.

Steve Keen, geboren 1953, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Western Sydney in Australien. Im Dezember 2005 warnte er vor einer bevorstehenden globalen Finanzkrise in Form von Rezession und Schuldendeflation. Für diese Prognose erhielt Keen, nachdem es so eingetreten war, den ”Revere Award for Economics” vom “Real-World Economics Review”. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Entwicklung mathematischer Modelle von Hyman Minskys “Hypothese der Finanziellen Instabilität“ (siehe dazu hier).

Abseits von Minsky und John Maynard Keynes sind wesentliche Einflüsse auf das Wirtschafts- und Finanzverständnis von Keen die Ökonomen Irving Fischer, Joseph A. Schumpeter, Piero Sraffa und Francois Quesnay. 2001 veröffentlichte er das sehr zu empfehlende Buch “Debunking Economics: The Naked Emperor of the Social Sciences”, und 2011 folgte eine neue, erweiterte und überarbeitete Ausgabe (siehe hier). Er betreibt die Website Debtwatch und ist der Entwickler des Minsky-Softwareprogramms.

Für ein Interview, das ich mit Steve Keen zu den Ursachen der Finanzkrise und Schuldendeflation führte, siehe hier. Ferner empfehle ich von mir zu lesen: Who saw the economic crisis coming and why?, erschienen auf Asia Times Online.

Der Geld-Illusions-Schock der Bank of England
von Steve Keen

Vor ein paar Wochen habe ich bissige Bemerkungen über die Bank of England wegen einer Rede ihres Gouverneurs Mark Carney gemacht, die unrealistisch ob der Gefahren eines aufgeblähten Finanzsektors war (Godzilla is good for you? – 3. März). Heute tue ich das genaue Gegenteil: Ich ziehe meinen Hut vor den Forschern an der Threadneedle Street für ein neues Arbeitspapier, Money creation in the modern economy” (“Geldschöpfung in der modernen Wirtschaft“), das eine wirklich realistische Erklärung gibt, wie Geld geschaffen wird, warum das wirklich von Belang ist, und warum praktisch alles, was die Wirtschaftslehrbücher über Geld sagen, falsch ist.

Die Bank kommt mächtig in Fahrt, um ihre Botschaft zu vermitteln, mit einem einleitenden Papier darüber, was Geld ist, und zwei kurzen Videos zu dem, was Geld ist und zur Geldschöpfung, die beide in ihrem Gold-Tresor gedreht wurden. Sie will klar und deutlich, dass die Wirtschaftslehrbücher den ordentlichen, plausiblen, aber falschen Müll rauswerfen, den sie derzeit über Geld lehren, und sich stattdessen mit der realen Welt in Verbindung setzen.

Wirtschaftslehrbücher vermitteln den Studenten, dass die Geldschöpfung ein zweistufiger Prozess ist. Zu Beginn können die Banken wegen einer Regel namens “Required Reserve Ratio“ („Mindestreservesatz“ / “Pflichtrücklage“) nichts herleihen, da sie ein Verhältnis zwischen ihren Einlagen und ihren Reserven bestimmt. Wenn von ihnen verlangt wird, 10 Cent an Reserven für jeden Dollar zu halten, den sie an Einlagen haben, dann kann der Bankensektor, wenn die Einlagen $ 10 Billionen und die Reserven $ 1 Billion betragen, niemandem etwas herleihen.

Stufe eins im Lehrbuch-Geldschöpfungsmodell ist, dass die Fed (oder die Bank of England) den Banken zusätzliche Reserven gibt – sagen wir im Wert von $ 100 Milliarden. Dann verleihen die Banken in der Stufe zwei dieses an ihre Kunden, die es dann gleich wieder in den Banken hinterlegen, die an 10 Prozent davon festhalten ($ 10 Mrd.) und die restlichen $ 90 Milliarden weiterverleihen. Dieser Prozess wiederholt sich, bis eine zusätzliche Billion Dollar an Einlagen kreiert worden ist, so dass der Mindestreservesatz wieder hergestellt ist ($ 1.1 Billionen an Reserven, $ 11 Billionen an Einlagen).

Dieses Modell trägt den Namen des „Mindestreserve-Banking“ (auch bekannt als „Money Multiplier“ – “Geldmengenmultiplikator“), und je nach politischer Überzeugung ist es entweder in der Tat Betrug (wenn man von österreichischer Überzeugung wie mein Kumpel Mish Shedlock ist) oder ganz einfach die Art und Weise, wie die Dinge sind, wenn man ein Mainstream-Ökonom wie Paul Krugman ist. Im letzteren Fall lässt dies herkömmliche Ökonomen Wirtschaftsmodelle aufbauen, die die Existenz von Banken und privaten Schulden komplett ignorieren, und in denen die Geldmenge vollständig von der Fed kontrolliert wird.

In diesem neuen Papier erklärt die Bank of England ausdrücklich, dass „Fractional Reserve Banking“ weder Betrug ist, noch die Art und Weise, wie die Dinge sind, sondern ein Mythos – und es beschuldigt die Wirtschaftslehrbücher zu Recht, ihn zu verewigen. Das Papier spricht nicht um den heißen Brei herum, wenn es um die Divergenz zwischen der Realität und dem geht, was wirtschaftliche Lehrbücher ausgießen. In der Tat, wie das Papier es erklärt:

– Statt dass Banken Einlagen erhalten, wenn Haushalte sparen und sie dann verleihen, schafft die Kreditvergabe der Banken Einlagen. (Seite 1)

– In normalen Zeiten gibt die Zentralbank die im Umlauf befindliche Menge an Geld nicht fest vor, noch multipliziert sich das Zentralbankengeld in mehr Kredite und Einlagen. (Seite 1)

– Statt dass Banken Einlagen herleihen, die bei ihnen hinterlegt sind, schafft der Akt der Kreditvergabe Einlagen – die Umkehrung der Reihenfolge, die in der Regel in Lehrbüchern beschrieben wird… (S. 2)

– Während die Geldmengenmultiplikator-Theorie ein sinnvoller Weg zur Einführung von Geld und Banken in Wirtschaftslehrbücher sein kann, ist sie keine genaue Beschreibung, wie das Geld in der Realität erstellt wird… (S. 2)

– Wie bei der Beziehung zwischen Einlagen und Krediten, funktioniert das Verhältnis zwischen Reserven und Krediten typischerweise in umgekehrter Weise zu der, die in einigen Wirtschaftslehrbüchern beschrieben wird. (S. 2)

Nun, wenn ich an die Zahnfee glaubte, würde ich hoffen, dass diese emphatische Aufkündigung des Lehrbuch-Modells dazu führen würde, dass die Makroökonomie-Dozenten ihre Vorlesungen für nächste Woche drastisch revidierten. Aber ich bin zu lange im Zahn drin, um einer solchen Täuschung aufzusitzen. Sie werden es stattdessen ignorieren.

Ihre dominante „Taktik“ – wenn ich das so nennen kann – wird Ignoranz selbst sein: die meisten Wirtschaftsdozenten werden nicht einmal wissen, dass dieses Bankenpapier existiert, und sie werden ihren Studenten weiterhin aus welcher Lehrbuch-Bibel auch immer etwas beibringen, für die sie sich entschieden haben. Eine sekundäre wird sein, davon Bescheid zu wissen, aber es zu ignorieren, so wie sie zahllose Kritiken an der Mainstream-Ökonomie davor ignoriert haben. Der dritte Pfeil im Köcher, wenn sie von den Studenten diesbezüglich herausgefordert werden (Wink! Wink!), wird sein, zu argumentieren, dass die Lehrbuch-Geschichte ein „nützliches Gleichnis“ für Studienanfänger sei, und dass eine realistischere Version in weiter fortgeschrittenen Kursen eingeführt werde.

Hier hat die Bank of England ihnen leider einen nützlichen „Notausgang“ verschafft, indem sie höflich vorgibt, dass das Geldmultiplikator-Modell „ein sinnvoller Weg zur Einführung von Geld und Banken in Wirtschaftslehrbücher sein kann.“ Aber natürlich wird diese Finte reiner Quatsch sein. Erstens ist das Modell völlig irreführend – es ist als Einführung in das Wesen des Geldes und der Banken ungefähr so nützlich wie das Buch Genesis eine Einführung in die Evolutionstheorie ist. Sobald die Menschen dem Geldmultiplikator-Modell glauben, können sie nur selten die Realität begreifen, dass die Kreditvergabe der Banken Geld schafft, und dass dies drastische Auswirkungen auf das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität hat.

Zweitens ist das Argument von Dozenten im Bachelor-Studium, dass „es im höheren Studiengang besser wird“, ein Trick. Kurse auf der Master- und PhD-Ebene ignorieren weiterhin die Banken, und obwohl Mainstream-Modellbauer alle Arten von „finanziellen Reibungen“ in ihre DSGE-Modelle einführen (wie Noah Smith vor kurzem hinwies), bezieht keiner von ihnen – mit Ausnahme von Michael Sterling Kumhof vom IWF – die Banken und ihre Fähigkeit, sowohl Geld zu erstellen als auch Geld zu zerstören, tatsächlich in ihre Modelle mit ein.

Warum? Würden sie die Realität zugeben, dass Banken Geld durch Kreditvergabe schaffen, und dass Geld durch die Rückzahlung der Schulden vernichtet wird (ein Punkt, von dem ich zugeben muss, dass ich einige Zeit brauchte, um ihn zu würdigen), fliegen all die einfachen Gleichgewichtsgleichnisse der konventionellen Wirtschaftswissenschaften aus dem Fenster raus. Insbesondere hängt das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität nunmehr von den Kreditvergabeentscheidungen der Banken ab (und von den Rückzahlungsentscheidungen der Kreditnehmer). Wenn Banken schneller herleihen oder die Kreditnehmer langsamer zurückzahlen, wird es einen Boom geben; wenn es umgekehrt ist, wird es einen Konjunktureinbruch geben. Wie die Bank of England es ausdrückt, wenn neue Kredite einfach alte wettmachen, die zurückgezahlt werden, dann gibt es keine Wirkung, aber wenn neue Kredite die Rückzahlung übersteigen, dann wird sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöhen.

„Es gibt zwei Möglichkeiten für das, was mit neu geschaffenen Einlagen passieren könnte“, sagt die Bank. „Erstens, wie von Tobin nahegelegt, kann das Geld schnell zerstört werden, wenn die Haushalte oder Unternehmen, die das Geld erhalten haben, nachdem das Darlehen ausgegeben wurde, es benutzen möchten, um ihre eigenen ausstehenden Bankkredite zurückzuzahlen. … Das zweite mögliche Ergebnis ist, dass die zusätzliche Geldschöpfung durch die Banken zu mehr Ausgaben in der Wirtschaft führen kann.“ (S. 7)

Von einer realistischen, interaktiven Perspektive erklärt die Bank of England somit, dass Geld in der Makroökonomie von Belang ist, weil es sich auf das Niveau der Wirtschaftstätigkeit auswirkt. Das sollte eigentlich keine große Sache sein – es ist das, was die meisten Menschen ohnehin glauben –, aber unglaublicherweise tut die Mainstream-Wirtschaftslehre so, als ob Geld nur Auswirkungen auf Preise habe, dass es keine Auswirkungen (oder nur eine vorübergehende) auf die reale Aktivität habe, und dass die monetären Störungen sowieso allesamt die Schuld der Regierung seien (man lese: Zentralbank), weil eine wesentliche Marktinstitution wie eine Bank doch nichts falsches tun könnte, oder?

Führende Ökonomen können dieses Papier nicht einfach ignorieren oder es unbekümmert wegwischen, so wie es die Fuß-Soldaten der Profession tun werden. Ich bezweifle aber ernsthaft, dass sie zulassen werden, dass es ihre gegenwärtige Position herausfordert.

Ich werde vor allem neugierig sein, ob Paul Krugman von diesem Papier Notiz nimmt, und wie er darauf reagiert. Krugman war der sichtbarste und aggressivste Verteidiger der These, dass die Banken keine Rolle spielen, indem er zu einem Schwinger gegen mich ausholte, weil ich das Plädoyer vorbrachte, das die Bank of England jetzt macht.

„Insbesondere behauptet er [Keen], dass die Einbeziehung der Banken in der Geschichte wichtig sei“, schrieb Krugman 2012. „Nun bin ich dafür, den Bankensektor in alle Geschichten einzubeziehen, wo er relevant ist; aber warum ist er so wichtig für eine Geschichte über Schulden und Fremdkapitalaufnahme?

Keen sagt, dass sei so, weil wenn man einmal die Banken hinzunimmt, erhöht die Kreditvergabe die Geldmenge. OK, aber warum ist das wichtig? Er scheint anzunehmen, dass sich die Gesamtnachfrage nicht steigern kann, es sei denn, die Geldmenge steigt, aber das ist nur wahr, wenn die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes fest ist; sind wir plötzlich alle strenge Monetaristen geworden, während ich nicht hinsah? In der Art von Modell, die Gauti und ich benutzen, kann und tut die Kreditvergabe die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sehr wohl erhöhen, wo ist also das Problem?“

Seither hat Krugman weiterhin die Überzeugung vorgebracht, dass die Banken „bloße Vermittler“ bei der Kreditvergabe seien, dass sie in der Makroökonomie ignoriert werden können.

„Ja, Geschäftsbanken, im Gegensatz zu anderen finanziellen Vermittlern, können ein Darlehen machen, indem sie dem Darlehensnehmer neue Einlagen gutschreiben, aber es gibt keine Garantie dafür, dass die Gelder dort bleiben“, sagte er in dem Artikel Commercial Banks As Creators of “Money” (Geschäftsbanken als Erzeuger von “Geld“).

Und in dem gleichen Stück schrieb er: „Die Banken sind nur eine andere Art von finanziellen Vermittlern, und die Größe des Bankensektors – und damit die Menge des Geldes außerhalb – wird von den gleichen Arten von Überlegungen bestimmt, die die Größe von, sagen wir, der Investmentfondsbranche bestimmt.“

Jetzt, da ihm direkt ob dieser Punkte widersprochen wurde, und nicht von einem antipodischen, heterodoxen Ökonomen, sondern von der Threadneedle Street selbst, erwarte ich, dass Krugmans Gegenschlag dem KISS-Prinzip folgt: während das „Kredite erstellen Einlagen“-Argument technisch wahr ist, macht es keinen wirklichen Unterschied in der Makroökonomie aus.

Immerhin vermag Krugman die Bank of England sicherlich nicht als mit Banking Mystics” („Bankmystikern“) besetzt zurückzuweisen, so wie er gegenteilige Ansichten von anderen weggebürstet hat.

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One Response to “Der Geld-Illusions-Schock der Bank of England”

  1. Traumschau sagt:

    Großartig! Vielen Dank für die Übersetzung!!
    Deine Seite ist echt gut!
    LG Traumschau

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