Erster Weltkrieg: Banker ziehen in den Krieg

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In einem exklusiv übersetzten Auszug aus ihrem neuen Buch “All the Presidents‘ Bankers“ diskutiert die US-Finanzjournalistin Nomi Prins die Zusammenarbeit zwischen Woodrow Wilson und Jack Morgan, dem Chef von Wall Street-Gigant JP Morgan, um die Alliierten in den ersten Tagen des Krieges zu finanzieren. Beide Männer wussten: die Kredite, die Federal Reserve, die großen Banken, die US-Wirtschaft und der Krieg waren untrennbar miteinander verbunden.


Von Nomi Prins, Übersetzung Lars Schall

Die Übersetzung des nachfolgenden Artikels, der im englischen Original hier erschien, geschieht mit der persönlichen und ausdrücklichen Genehmigung von Nomi Prins. Zugrunde liegt ein Auszug aus dem Buch “All the Presidents’ Bankers: The Hidden Alliances that Drive American Power“, erschienen im April 2014 bei Nation Books. Ferner gibt es ein Exklusiv-Interview auf LarsSchall.com mit Nomi Prins zu ihrem neuen Buch, “Finanzen sind ein Machtspiel“, welches hier aufgerufen werden kann.

Nomi Prins, die im US-Bundesstaat New York aufwuchs, arbeitete nach ihrem Universitätsstudium der Mathematik und Statistik für Chase Manhattan, Lehman Brothers, Bear Stearns in London und als Geschäftsführerin bei Goldman Sachs an der Wall Street. Nachdem sie die Finanzbranche 2001/02 verließ, wurde sie eine herausragende Finanzjournalistin, die nunmehr insgesamt fünf Bücher geschrieben hat, darunter das sehr zu empfehlende Werk “It Takes a Pillage: Behind The Bailout, Bonuses, and Back Room Deals from Washington to Wall Street”, das im September 2009 bei Wiley veröffentlicht wurde. Sie ist Senior Fellow bei “Demos” in New York City, gab zahlreiche Interviews unter anderem auf BBC World, BBC, Russia Today, CNN, CNBC, CSPAN und Fox, und ihre Artikel erscheinen unter anderem in der New York Times, Fortune, The Nation, The American Prospect sowie dem Guardian in Großbritannien. Ihre Website ist hier zu finden. Sie lebt in Los Angeles, USA.

Erster Weltkrieg: Banker ziehen in den Krieg
von Nomi Prins

„Der Krieg ist eine enorme Chance für Amerika.“
– Jack Morgan, persönlicher Brief an US-Präsident Woodrow Wilson, 4. September 1914

Am 28. Juni 1914 ermordete ein slawischer Nationalist in Sarajevo Erzherzog Franz Ferdinand, den Erben des österreichischen Throns. Die Fronten wurden gezogen. Österreich positionierte sich gegen Serbien. Russland kündigte die Unterstützung Serbiens gegen Österreich an, Deutschland stärkte Österreich den Rücken, und Frankreich unterstützte Russland. Militärische Mobilmachungen gingen quer durch Europa. Die nationalen und privaten Finanzen, die dazu beigetragen hatten, in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts und den ersten Jahren des zwanzigsten Transport- und Waffenarsenale aufzubauen, würden sich in tödliche Schlachten ergießen.

Wilson wusste genau, wessen Hilfe er benötigte. Er lud Jack Morgan zu einem Mittagessen ins Weiße Haus ein. In den Medien brachen Gerüchte über die Begegnung aus. War das ein Zeichen für engere Beziehungen zu den Titanen des Money-Trust? Stand Wilson den Bankern näher, als er den Anschein gemacht hatte? Mit dem Geflüster solcher Fragen, die in der heißen Sommerluft hingen, trat Jack Morgen um 12:30 Uhr am Nachmittag des 2. Juli 1914 nach dem Treffen vor eine Herde geschäftiger Reporter. Genetisch veranlagt, Aufmerksamkeit zu meiden, erklärte er lediglich, dass das Treffen „herzlich“ gewesen sei, und schlug vor, weitere Fragen an den Präsidenten zu richten.

In der folgenden Pressekonferenz war Wilson ebenso zurückhaltend. „Ich kenne Mr. Morgan seit ziemlich vielen Jahren; und sein Besuch wurde vor allem durch meine Aufforderung verlängert, denke ich. Es war eine allgemeine Diskussion über Dinge, die passiert sind.“ Obgleich Wilson erklärte, dass dies nicht den Beginn einer Reihe von Gesprächen mit „in der Welt der Finanzen hochgestellten Männern“ zu bedeuten hätte, hielten Gerüchte über eine engere Allianz zwischen dem Präsidenten und den Wall Street-Finanziers an.

Wilsons Bedürfnisse und Morgans Absichten sollten bald klar werden. Denn am 28. Juli erklärte Österreich förmlich den Krieg gegen Serbien. Die Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien) standen im Krieg mit der Triple Entente (Frankreich, Großbritannien und Russland). Während Wilson versuchte, die Neutralität Amerikas zu vermitteln, unterdessen er mit dem tragischen Tod seiner Frau umzugehen hatte, wurden die einheimischen und ausländischen Devisenmärkte von Angst und Lähmung ergriffen. Eine weitere Panik schien eine klare Möglichkeit zu sein, nachdem kurz vorher in der Mitte von Wilsons erster Amtszeit die US Federal Reserve gegründet worden war, um solche Auswirkungen zu verhindern. Der Präsident musste die Märkte beruhigen und die Finanzen des Landes auf jedwede Resultate der europäischen Schlachten vorbereiten.

Unwillens, die Kriegsfinanzierung dem Zufall zu überlassen, kam Wilsons und Morgans Macht-Allianz in Gang. Auf Anfrage hochrangiger Beamter des State Department vertiefte sich Morgan sofort in Kriegsfinanzierungsfragen. Am 10. August 1914 schrieb Außenminister William Jennings Bryan an Wilson, dass Morgan nachgefragt habe, ob es irgendwelche Vorbehalte dagegen gäbe, so seine Bank Darlehen an die französische Regierung und die Bank der Rothschilds (die auch für die französische Regierung vorgesehen waren) geben würde. Bryan war besorgt, dass die Genehmigung einer solchen Kapitalverlängerung womöglich die Neutralitätsposition, die Wilson angenommen hatte, beeinträchtigen und, schlimmer noch, andere Kreditanfragen von Nationen einladen könnte, mit denen die Vereinigten Staaten weniger als mit Frankreich verbündet waren, wie Deutschland oder Österreich. Die Morgan Bank war nur an der Unterstützung der Alliierten interessiert.

Bryan sollte später am Tag mit Morgans Senior-Partner Henry Davison sprechen. Obwohl Morgan deutlich gemacht hatte, dass die Gelder seiner Firma, die ausgeliehen würden, in den Vereinigten Staaten ausgegeben werden sollten, war Bryan besorgt, dass „wenn ausländische Kredite unser ausleihbares Geld absorbieren, es Auswirkungen auf unsere Staatsanleihen haben könnte, wenn wir sie brauchen.“ Kreditentscheidungen privater Banken konnten also nicht nur den Kurs der Beteiligung internationaler Regierungen am Krieg beeinträchtigen, sondern auch den der finanziellen Gesundheit der US-Regierung während des Krieges. Seit der Jahrhundertwende, als Regierungsfunktionen von der Verfügbarkeit privater Bankdarlehen abhingen, hatte sich nicht viel verändert.

Wilson sollte Morgans Anfrage nicht zurückweisen. Er genehmigte den 100-Millionen-Dollar-Kredit, um die Kriegsbedürfnisse der Französischen Republik zu finanzieren. Die Entscheidung spiegelte die Vergangenheit wider, hatte aber auch Auswirkungen auf die Zukunft der politisch-finanziellen Allianzen und ihre Anwendungen auf Kriege. Während des deutsch-französischen Kriegs von 1870 hatte Jacks Großvater, J.S. Morgan, französische Anleihen im Wert von 50 Millionen Dollar durch sein Büro in London erworben, nachdem die französische Regierung daran gescheitert war, ihre Wertpapiere an Londoner Banker zu verkaufen, um Geld einzusammeln. Nicht nur war die Transaktion profitabel; sie machte Morgan und seine Firma auch bei der französischen Regierung beliebt.

Ungeachtet der privaten Bankenaktivitäten forderte Wilson die Amerikaner am 19. August 1914 dazu auf, ob des Kampfes neutral zu bleiben. Doch Morgan und seine Partner nahmen die Politik der Unparteilichkeit niemals an. Wie Morgan-Partner Thomas Lamont später schrieb: „Von Anfang an haben wir alles getan, was wir konnten, um für die Sache der Alliierten einen Beitrag zu leisten.“

Abgesehen von Jack Morgans persönlichen Ansichten gegen Deutschland und vom Vermächtnis der Entscheidungen seines Großvaters, genoss die Morgan Bank enge Beziehungen mit den britischen und französischen Regierungen durch ihre Schwester-Unternehmungen – Morgan, Grenfell & Company, die renommierte Handelsbank in London; und Morgan, Harjes & Company in Paris. Die Bank folgte, wie ein Land, dem Krieg entlang der Linien ihrer vergangenen Geschäftsallianzen, sogar bis zu dem Punkt, dass sie Firmen in Zeiten erbitterter Kämpfe verärgerte, die an französischen Krediten teilzunehmen wünschten.

Zwei Wochen nach Wilsons Rede vom 19. August, als er aufgrund des Krieges mit mehr Hebelkraft bewaffnet war, nahm es Jack Morgan auf sich, Wilson ob seiner einheimischen Anliegen anzuschreiben. „Dieser Krieg … hat eine enorme und plötzliche Belastung auf den amerikanischen Geldmarkt geworfen“, schrieb Morgan. „Er hat die bereits ausgeprägte Tendenz der europäischen Inhaber amerikanischer Wertpapiere verstärkt, sie für welchen Preis auch immer zu verkaufen, den sie erhalten können, und der US-Anleger muss die europäischen Investoren dieser Wertpapiere allmählich und wie er kann entlasten.“ Markt-Spannungen wurden durch die Tatsache verschärft, dass die europäischen Investoren Wertpapiere verkauften, um an Geld zu kommen. Das war ein Problem, dessen Lösung die Bereitstellung von noch mehr Krediten erforderte. Aber es gab da noch etwas anderes, mit nachhaltigeren inländischen Auswirkungen, das die Zerschlagung der Morgan-Interessen in US Steel widerhallen ließ.

Morgan argumentierte, dass die Interstate Commerce Commission der Regierung, die 1887 geformt worden war, um die nationale Industrie zu regulieren, die Investoren nicht ermunterte, sich sicher zu fühlen, sondern das Gegenteil tat, indem sie die östlichen Eisenbahnfrachtsätze beschränkte und Eisenbahngesellschaften untersuchte. In Morgans Vorstellung war der Krieg definitiv nicht die Zeit für verbesserte Regeln gegenüber der Geschäftswelt. Und sollten Eisenbahn-Wertpapiere gegenüber den von ihnen gesicherten Darlehen an Wert verlieren, würden die Banken nicht in der Lage sein, genug Geld zu verleihen, um den Unterschied wettzumachen. Das ganze Kreditsystem könnte erstarren.

Wie Morgan des Weiteren warnte: „Große Abschreibung auf den Wert dieser Wertpapiere“ würden „auf die von ihnen gesicherten Bankdarlehen zurückfallen“ und zu einer „großen Bindung der Bankmittel“ führen, “was den Start des neuen Federal Reserve Systems stören und Panik-Bedingungen erzeugen wird.“ Er folgerte, dass der Krieg „eine große Chance für Amerika sein (sollte)“, aber nicht „so lange, wie das Unternehmen des Landes unter dem Eindruck der Angst steht, in der es sich jetzt abmüht.“ Solche schweren Gefahren aufwerfend, war Morgan der erste Banker, der enthüllte, dass die Kredite, die Federal Reserve, die großen Banken, die US-Wirtschaft und der Krieg untrennbar miteinander verbunden waren. Wilson wusste das auch.

Morgan war besonders besorgt über den Clayton Antitrust Act, den der Kongress erwägte, um die Beschränkungen gegen Monopole und wettbewerbswidrige Praktiken, die im Sherman Antitrust Act von 1890 angelegt waren, zu stärken. Indem er durch den Senat gekommen war, wurde der Gesetzentwurf an einen Konferenz-Ausschuss weitergeleitet. Sollte er in seiner jetzigen Form verabschiedet werden, glaubte der libertäre Morgan, dass dies zeigen würde, dass „die Regierung der Vereinigten Staaten nicht beabsichtigt, den Unternehmen die normale Geschäftsdurchführung ohne Störungen zu erlauben.“

Wilson nahm Morgans Bedenken ernst. Er wusste, dass das letzte, was die Vereinigten Staaten brauchten, eine Kreditkrise war. Um eine solche Krise zu vermeiden und die Banker zu besänftigen, ließ er den Clayton Antitrust Act bereits überarbeiten, gab es jedoch gegenüber Morgan nicht zu. Wilson kalkulierte, dass einige Bereiche für Verhandlung bleiben mussten, um das eigene Blatt aufzubessern. Obwohl die beiden über die Auslegung des Gesetzes stritten, wehte für den Augenblick eine weiße Flagge zwischen Wall Street und Washington. Solche Zeiten des Kampfes verlangten nach verbündeten, nicht gegensätzlichen Beziehungen zwischen dem Präsidenten und den Bankern, und freundschaftliche Beziehungen würden auch die globale Macht-Positionierung der beiden Parteien fördern.

Generell bedeutete der Krieg, dass sich der gute Wille des Präsidenten gegenüber Banken und Unternehmen fortsetzte, Kredit-Protokolle inklusive. Ein Nachrichtenbericht vom 15. Oktober 1914 verkündete: „Amerikanische Banker könnten Kredite an Kriegsnationen geben.“ Es war eine Entscheidung der Regierung, die durch das Banken-Kontingent angeschoben worden war und während des Krieges und danach nachhallte, um klarere Linien des Wettbewerb unter den verschiedenen Wall Street-Kraftpaketen zu zeichnen. Obwohl die Pro-Alliierte Morgan Bank die Zusammenarbeit mit den Briten suchte, richtete die National City Bank internationale Niederlassungen in Europa und Russland ein, um für eine zukünftige Finanzmacht in den Wettbewerb einzutreten, was zu einem Bruch zwischen zwei der drei größten New Yorker Banken führte, die den Krieg finanzierten. Teilweise hatte das Zerwürfnis mit dem Führungswechsel bei diesen Firmen zu tun.

Jack Morgans Freund James Stillman, der Leiter der National City Bank, hatte Ideen zum Krieg, die Morgans eigene stark widerspiegelten: obwohl der Krieg zahlreiche Expansionsmöglichkeiten darbot, mussten alte Verbindungen zu den britischen und französisch Banken während des Prozesses respektiert werden, die ihre Länder eindeutig unterstützten. Stillmans Nummer-Zwei-Mann – der im Mittleren Westen geborene Frank Vanderlip, der einen Groll gegen das östliche Banken-Establishment und Wilson ob der kalten Schulter hegte, die ihm während seiner Präsidentschaftskampagne gezeigt worden war –, teilte nicht die gleichen Loyalitäten. Er war wegen des Ausgangs des Krieges weniger besorgt als sein Oberschichten-Chef und die Morgan-Partner und lehnte die amerikanische Intervention bis 1916 offen ab, als die deutsch-amerikanischen Beziehungen offensichtlicher zerschlagen wurden. Auch unterstützte er nicht die britischen Forderungen, dass die National City Bank ihren geschäftlichen Umgang mit deutschen Banken beenden sollte, worauf Stillman geantwortet hatte, dass sich die Briten im Fall des Sieges an die Banken erinnern würden, die ihnen geholfen hatten.

So war es denn Ende 1914 die National City Bank, die eine 5 Millionen-Dollar-Kreditlinie an Russland im Gegenzug für den russischen Einkauf von Kriegsmaterial in den Vereinigten Staaten gab. Die Morgan Bank blieb ihrer Pro-Alliierten-Position treu und entschied, sich nicht an solchen Geschäften zu beteiligen, während Vanderlip losgelöster war und versuchte, die Position der National City Bank zu stärken, was auch immer die Nachkriegswelt mit sich bringen würde.

Stillman war weniger an kriegsbedingten Finanzierungen als Vanderlip interessiert, welcher glaubte, dass sie die Position der Bank als auch den globalen Status Amerikas erweitern würden. Für ihn war es wichtig, in Lateinamerika und in anderen unterentwickelten Ländern voranzutreiben, während die europäischen Finanzmächte mit ihrem Krieg beschäftigt waren. Dass Stillman sich einiges von dem Rat zu Herzen nahm, ermöglichte es der National City Bank, viel an Boden in der Nachkriegszeit gutzumachen, nicht nur in Bezug auf die europäischen Banken, sondern auch gegenüber der Morgan Bank. Wie Vanderlip an Stillman im Dezember 1915 schrieb: „Wir werden wirklich zu einer Weltbank in einem sehr weiten Sinne, und ich bin vollkommen überzeugt, dass der Weg offen für uns ist, das mächtigste, weitreichendste Weltfinanzinstitut zu werden, das es je gegeben hat.“ Vanderlips Ansichten verärgerten Stillman aufgrund von Stillmans vergangenen Kooperationsvereinbarungen mit der Morgan Bank. Aber sie verärgerten auch Morgan und Lamont in einer Weise, die große Auswirkung auf den Nachkriegsfrieden haben würde.

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One Response to “Erster Weltkrieg: Banker ziehen in den Krieg”

  1. Knut sagt:

    Mein Freund,
    bei Deiner Übersetzung läuft es einem kalt den Rücken runter. Das Englische sickert in jedem Satz noch durch. „Mit dem Geflüster solcher Fragen, die in der heißen Sommerluft hingen…“ so redet doch im deutschen kein Mensch… Das ist schlimmer, als wenn jemand mit einer Gabel über eine Schultafel kratzt.

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