SPENGLER: Musil und Meta-Musil: Der unvermeidliche Erste Weltkrieg

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David P. Goldman wendet anlässlich der endlosen Klagelied-Variationen, die für die westliche Zivilisation zur Hundertjahrfeier des Ersten Weltkrieges angestimmt werden, Robert Musils Meisterwerk “Der Mann ohne Eigenschaften“ an: Der Roman schildert die Wiener Elite, die ihren kleinen Sorgen in Unwissenheit dessen nachgeht, dass sich ihre Blase von einer Welt zu platzen anschickt. Treffend stellt Goldman fest: “Die Europäer kämpften den Großen Krieg von 1914, um das zu verhindern, was sie heute sind.“

Von Spengler / David P. Goldman, Übersetzung Lars Schall

Die exklusive Übersetzung des nachfolgenden Essays ins Deutsche für LarsSchall.com erfolgt mit ausdrücklicher und persönlicher Genehmigung von David P. Goldman. Der englische Original-Artikel erschien hier am 27. Juli 2014.

David P. Goldman, unserer Ansicht nach weltweit einer der überragenden Essayisten unserer Zeit, war in der Vergangenheit der globale Leiter für die Research-Abteilung festverzinslicher Wertpapiere bei der Bank of America (2002-2005) und der globale Leiter für Kredit-Strategie bei Credit Suisse (1998-2002). Des Weiteren arbeitete er in leitender Funktion bei Bear Stearns, Cantor Fitzgerald und Asteri Capital. Heute leitet er den Beratungsservice Macrostrategy. Seit September 2013 ist Goldman überdies der Leiter der Amerika-Abteilung der Reoreint Group, einer in Hongkong ansässigen Investmentbank.

Von 1994 bis 2001 war Goldman ferner Kolumnist des Forbes-Magazins. Darüber hinaus diente er während der 1980er Jahre Norman A. Bailey, dem damaligen Director of Plans des National Security Council der USA.

Auf Asia Times Online veröffentlicht er seit 2000 regelmäßig seine “Spengler“-Essays (so benannt nach dem deutschen Historiker und Philosophen Oswald Spengler). Für eine Gesamt-Übersicht der exklusiv für LarsSchall.com übersetzten Artikel von Spengler / David P. Goldman siehe hier. Darüber hinaus steht hier ein Exklusiv-Interview mit David P. Goldman auf LarsSchall.com parat, “Gold gibt einem extrem wichtige Signale“.

Ask anyone in the intelligence business to name the world’s most brilliant intelligence service, and we’ll all give the same answer: Spengler. David P. Goldman’s ‘Spengler’ columns provide more insight than the CIA, MI6, and the Mossad combined.” — Herbert E. Meyer, Special Assistant to the CIA Director and as Vice Chairman of the CIA’s National Intelligence Council, Reagan Administration.

Zusätzlich schreibt Goldman für das Monatsmagazin First Things Essays, die ebenfalls einen weitgefassten Bogen spannen – von jüdischer Theologie über Ökonomie und Literatur bis hin zu Mathematik und Außenpolitik. Des Weiteren gehört er zum Kolumnisten-Stab von PJ Media, während er bei Tablet Musik-Kritiken beisteuert. Goldman ist der Autor des Buches “How Civilizations Die (and why Islam is Dying, Too)”, veröffentlicht bei Regnery Press. Eine Sammlung seiner Essays, “It’s Not the End of the World – It’s Just the End of You”, erschien bei Van Praag Press.

Er hat oft vor vielen bedeutenden Wirtschaftskonferenzen gesprochen, so zum Beispiel den Jahrestreffen der Weltbank. Sein Kapitel über Markt-Versagen im “Bloomberg Book of Master Market Economists“ (2006) gehört zu den Prüfungstexten für das Examen zertifizierter Finanzanalysten. Er hat Ökonomie an der Columbia University und an der London School of Economics sowie Musik-Theorie an der City University of New York studiert. Am Mannes College of Music lehrte er Musik-Theorie. Derzeit dient er daselbst dem Board of Governors. Ferner sitzt er im Board of Directors of the America-Israel Cultural Foundation und ist ein Fellow des Jewish Institute for National Security Affairs. David P. Goldman lebt in New York City, U.S.A.

Musil und Meta-Musil: Der unvermeidliche Erste Weltkrieg
von Spengler / David P. Goldman

Der Westen war im August 1914 nicht schwanger, er hatte nur Verstopfung.

Anstatt die Zukunft zu gebären, entleerte er seine Eingeweide des Grolls. Keine Katastrophe in der Weltgeschichte war besser vorherzusehen oder länger in Vorbereitung gewesen. Robert Musils großer Roman “Der Mann ohne Eigenschaften“ (The Man Without Qualities) stellt die Elite Wiens in den Monaten vor dem Krieg dar, die ihre kleinen Sorgen in Unwissenheit dessen verfolgt, dass sich ihre Welt zu verschwinden anschickt. Es ist der große europäische Anti-Roman, weil seine selbstbezogene Prämisse – die Protagonisten wissen nicht, was jeder Leser weiß – ein Ende verbietet. Es gibt keine richtigen Entscheidungen, denn nichts kann diese Blase von einer Welt vor dem Platzen abhalten. Nach Musil – Meta-Musil, sozusagen – kommt die große Evakuierung. Der Roman gilt als ein Meisterwerk in der deutschsprachigen Welt. Nur wenige Amerikaner kennen ihn, und noch weniger von ihnen können den Sinn begreifen.

Indem sich der hundertste Jahrestag des Weltkriegs nähert, werden wir endlose Variationen eines Klagelieds für die westliche Zivilisation zu hören bekommen. Sie alle gehen mehr oder weniger wie folgt: Auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands, ihrer wissenschaftlichen Entdeckungen und künstlerischen Leistung, stürzten sich die Nationen Europas auf unerklärliche Weise in ein gegenseitiges Gemetzel, das den Boden für die größeren Schlachten von 1939 bis 1945 bereitete. Das ist schlichtweg falsch. Europa hatte diese Art von Sache zweimal zuvor getan, zuerst im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, und dann erneut in den Napoleonischen Kriegen von 1797 bis 1814.

Die französischen Verluste in den Napoleonischen Kriegen waren im Verhältnis zur Einwohnerzahl vergleichbar mit denen des Ersten Weltkriegs. Frankreich verlor unter Napoleon zwischen 1,4 und 1,7 Millionen Männer bei einer Gesamtbevölkerung von 29 Millionen. In der Regel machten Männer im Alter von 17 bis 49 ein Fünftel der Bevölkerung des 18. Jahrhunderts aus. Der Gesamttruppenrekrutierungspool im napoleonischen Frankreich betrug weniger als sechs Millionen Mann, was bedeutet, dass die Opferzahlen im Verhältnis zur Gesamttruppenstärke mehr als im Ersten Weltkrieg waren. Ungeheuerlich große Mengen starben aus anderen Ländern; von den 500.000 Soldaten in der polyglotten Armee, die Napoleon im Juni 1812 in Russland einmarschieren ließ, kamen nur 16.000 zurück. Die Ereignisse von 1914-1939, sagte Winston Churchill treffend, seien „ein zweiter Dreißigjähriger Krieg.“ Tatsächlich war der erste Dreißigjährige Krieg in mancherlei Hinsicht schlimmer. Er tötete fast die Hälfte der Menschen in Mitteleuropa und entleerte große Landstriche Spaniens und Frankreichs.

Getäuscht, wie wir von der Aufklärungsidee des Fortschritts sind, spielen wir den Präzedenzfall für unsere eigenen Probleme herunter. In der Sicht der Aufklärung war der Dreißigjährige Krieg ein religiöser Konflikt, die letzte Blutorgie mittelalterlichen Aberglaubens, ehe das Zeitalter der Vernunft die Spinnweben des Fanatismus hinwegfegte. Das ist völlig falsch: nach dem ersten, gescheiterten Aufstand der böhmischen Protestanten gegen das österreichische Reich, geriet der Dreißigjährige Krieg zu einem französisch-spanischen Konflikt, gefochten von Fanatikern auf beiden Seiten, die glaubten, dass ihre Nation von Gott auserwählt worden sei, um als sein Agent auf Erden zu agieren. Es war ein Religionskrieg, kein Zweifel, aber ein Krieg zwischen zwei pervertierten, nationalistischen Lesarten des katholischen Christentums. Der gleiche ethnozentrische Größenwahn trieb die Nationen Europas 1914 an.

Der Krieg hätte gewiss vermieden werden können, und die Entwicklung von Szenarien zu seiner Vermeidung zählt zu eines Historikers Heimarbeitsgewerbe. Diese sind zumeist leicht verborgene politische Empfehlungen für die Gegenwart. Selbst ich habe ein Kriegsvermeidungsszenario veröffentlicht, nämlich einen deutschen Präventivkrieg gegen Frankreich während der Ersten Marokko-Krise von 1906 (Siehe Why war comes when no one wants it, Asia Times Online, 2. Mai 2006). Die objektiven Ursachen des Krieges sind alle gut bekannt und endlos analysiert. Deutschland hatte die am schnellsten wachsende Wirtschaft und Bevölkerung, und seine Rivalen konterten seinen Einfluss durch seine Einkreisung.

• Bei einer stagnierenden Bevölkerung konnte Frankreich nicht hoffen, die Provinzen Elsass und Lothringen zurückzugewinnen, die es 1870 an Deutschland verloren hatte – oder einen zukünftigen Krieg zu gewinnen, es sei denn, es würde bald kämpfen.
• Deutschland vermochte seine Armee auf keinen vernichtenden Schlag gegen Frankreich hin zu konzentrieren, wenn es wartete, dass Russland sein heimisches Eisenbahnnetz baute.
• Österreich konnte seine zerstrittenen Ethnien nicht innerhalb des Reiches halten, wenn es Serbien nicht zu geißeln vermochte. Es konnte den Serben nicht die gleichen Rechte gewähren, ohne die Ungarn zu provozieren, die eine privilegierte Stellung im Reich innehatten, also konnte es sie bloß unterdrücken.
• Russland konnte nicht die Kontrolle über die Industrie im westlichen Teil seines Imperiums – Polen, die Ukraine, die baltischen Staaten und Finnland – bewahren, wenn Österreich seinen serbischen Verbündeten demütigte, und Russland hing von diesen Provinzen für den Großteil seiner Steuereinnahmen ab.
• England konnte das Gleichgewicht der Kräfte in Europa nicht mehr halten, wenn Deutschland Frankreich zerkleinerte.

Keine der Mächte konnte ohne existenzielles Risiko weitermachen: im Fall von Frankreich, eine hoffnungslos geschwächte Position gegenüber Deutschland; im Fall von Deutschland, eine eventuelle Bedrohung eines industrialisierten Russlands; im Falle von Österreich, eine Trennung des Reiches durch slawophile Agitation; im Fall von Russland, Verlust der westlichen Provinzen an den teutonischen Orbit; und im Fall von England, Bedeutungslosigkeit auf dem Kontinent und eine unvermeidliche Herausforderung seiner Seemacht.

Es gibt eine Reihe von ausgezeichneten Erzählungen der Ereignisse, die zum Ausbruch des Krieges im August 1914 hinführten, zuletzt Christopher Clarks “Die Schlafwandler“ (The Sleepwalkers). Jeder der Kombattanten wäre freilich besser dran gewesen, den Kampf zu verweigern. Aber das hätte bedeutet, den Anspruch auf die nationale Überlegenheit zu verwirken, der sie motivierte. Sie kämpften mit anderen Worten nicht, weil sie es im strengen Sinne des Wortes mussten, sondern aufgrund der Art von Menschen, die sie waren. Sie dachten nicht nach, wie Evans impliziert. Aber was träumten sie?

Die Europäer kämpften den Großen Krieg von 1914, um das zu verhindern, was sie heute sind. Aber wie der Mann in der Geschichte von Somerset Maugham, der einen Termin mit dem Tod in Samarra hatte, gelang es ihnen nur, dies zu verschieben.

Es ist immer noch ein Skandal in Deutschland, dass einer seiner größten Romanciers des 20. Jahrhunderts, Thomas Mann, das Kommen des Krieges mit Entzücken begrüßte. Sein „Herz stand in Flammen“ bei der Kriegserklärung, und „triumphierte über den Zusammenbruch der verhassten Friedenswelt, die von der Korruption der bürgerlich-merkantilen ‘Civilisation‘ stinkt, mit ihrer Feindschaft gegenüber Heldentum und Genie.“ Mann lobte Deutschlands „unverzichtbare Rolle als Missionar“, die deutsche Kultur der Söldner-Zivilisation des Westens gegenüberstellend.

Mann hatte die nationale Stimmung eingefangen. Deutschland kämpfte den Ersten Weltkrieg unter dem Banner der Kultur. Im Jahre 1915 unterschrieben 93 der führenden Intellektuellen und Künstler in Deutschland ein Manifest, das Deutschlands Kriegsansprüche auf seiner kulturellen Überlegenheit gründend rechtfertigte. Das ist der Kern der berüchtigten Zeile von Hans Johst in dem NS-Propaganda-Stück „Schlageter“, das an Hitlers Geburtstag nach der Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 aufgeführt wurde: „Wenn ich Kultur höre … entsichere ich meinen Browning.“ Dies wird in der Regel herangezogen, um zu bedeuten, dass die Nazis Banausen waren, was nicht wahr ist; Hitler war ein Maler, wenn auch ein schlechter, und ganz schön der Musik-Liebhaber. Im Gegenteil, es drückte Groll gegenüber den unsäglichen Opfern aus, die das alte Regime im Dienste seiner Ideale gefordert hatte.

Mann begeisterte sich an der Ästhetik des Krieges: es sind die gleichen Qualitäten und Einstellungen, die Kunst und Krieg anregen. So unbequem sich das anhört, Mann lag absolut richtig: Kunst und Krieg fordern die gleiche ungebremst existentielle Hingabe.

Wie ich in einem Aufsatz von 2010 vorbrachte, der erklären hilft, warum Israelis so oft klassische Musik besser als alle anderen spielen. Nicht nur, dass sie viele der besten mitteleuropäischen Lehrer erbten, sondern als Nation sind sie auch eher risikofreundlich und nicht risikoscheu, und es ist ein Gefühl der Gefahr, das große Interpretationen prägt. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein“, sangen Wallensteins Kürassiere in Schillers Drama des Dreißigjährigen Kriegs von 1799. Als Deutschland im Jahre 1945 zusammenbrach, erklärte Mann, dass die deutsche Kultur an ihr Ende gekommen war. Es ist der Zeitpunkt seines großen Nachkriegsromans „Doktor Faustus“: Adrian Leverkühn, der Protagonist, wird beim Verfassen einer atonalen Kantate wahnsinnig, deren Zweck es ist, Beethovens 9. Symphonie „zurückzunehmen“ – um die georderte Harmonie der europäischen Vergangenheit mit leerer Zufälligkeit zu ersetzen.

Asiaten, die die klassische Musik des Westens in großer Anzahl umschlungen haben, mögen sich fragen, warum diese großartige Kunst in den Ländern ihrer Herkunft vernachlässigt wird. Die Antwort ist, dass wir im Westen alle unseren Browning entsichern, wenn wir das Wort „Kultur“ hören. Die optimistische, geordnete und harmonische Kultur des Europas vor 1914 duftet nach Traditionstreue, das heißt, die Haltungen, die uns in die Schlachtgräben führten. Wir verachten die Kultur, weil wir Autorität, Tradition und Loyalität verabscheuen, das heißt, Tugenden, die Asiaten noch kultivieren. Wir verabscheuen Kunst, die von uns die Anerkennung höherer Autoritäten verlangt – des Genies, das sich Tradition und Präzedenz unterordnet –, und bevorzugen eine nivellierende Populärkultur, mit der wir uns als vermeintlich Gleiche identifizieren können (siehe American Idolatry, Asia Times Online, 29. August 2006). Es gibt jedoch eine Dimension der westlichen Kunst – ihre Risikofreude, so wie sie beschaffen war –, die zu verstehen die meisten Asiaten Schwierigkeiten haben werden.

Der angesehene katholische Historiker George Weigel stellt fest, dass im Jahre 1914 auch der katholische Klerus „einen tiefen Schluck aus dem Brunnen eines Nationalismus nahm, der außerhalb der Reichweite der christlichen Moralkritik zu stehen schien. Als das Kollegium der Kardinäle im September 1914 zusammentraf, um einen Nachfolger für Papst Pius zu wählen … sagte denn der deutsche Kardinal Felix von Hartmann zum belgischen Kardinal Desire Mercier: „Ich hoffe, dass wir nicht von Krieg sprechen“, worauf Mercier zurückschoss: „Und ich hoffe, dass wir nicht von Frieden sprechen.“

Weigel zitiert den deutschen Kaplan, der intonierte: “Wüte über Deutschland, du großer heiliger Krieg der Freiheit“, und den anglikanischen Bischof von London, der seine Gemeindemitglieder aufforderte: „Tötet die Deutschen: tötet sie nicht, um zu töten, sondern um die Welt zu retten; um die guten wie die schlechten zu töten.“ Weigel denkt, dieser bösartige Nationalismus stamme aus dem Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg. Ich gehe nicht konform damit. Der Größenwahn nationaler Erwählung motivierte sowohl die französische wie auch die spanische Seite des Dreißigjährigen Krieges. Wie ich 2011 in meinem Buch “How Civilizations Die (and Why Islam is Dying, Too)“ schrieb:

“Nicht bloß die temporären Interessen des französischen Staats allein, sondern der leidenschaftliche Glaube an die Erwählung Frankreichs motivierte Richelieu und Tremblay, um die Religionskriege der 1620er Jahre um 30 Jahre zu verlängern, einen Großteil der Bevölkerung Mitteleuropas tötend … Wenn der Dreißigjährige Krieg wirklich ein katholisch-protestantischer Religionskrieg gewesen wäre, so würde Frankreich als das mächtigste katholische Land das katholischen Österreich unterstützt haben. Aber die Franzosen konnten nicht den Anspruch der österreichischen und spanischen Habsburger-Dynastie auf den Kaisertitel und den Anspruch, die Christenheit zu vertreten, hinnehmen. Frankreich schwirrte stattdessen aus, um Österreich und Spanien zu ruinieren und sich zu etablieren.

Wie der französische … glaubte der spanische Hof daran, dass Spanien die Nation sei, die von Gott als Sein Stellvertreter auf Erden auserwählt worden war. Der Mönch und politische Theoretiker Juan de Salazar schrieb in seiner Abhandlung Politica Espanola von 1619, dass „die Spanier erwählt waren, das Neue Testament zu verwirklichen, so wie Israel erwählt worden war, das Alte Testament zu verwirklichen. Die Wunder, mit der die Vorsehung die spanische Politik begünstigte, bestätigten diese Analogie des spanischen Volkes mit dem jüdischen Volk, so dass ‘die Ähnlichkeit der Ereignisse in allen Epochen und die einzigartige Art und Weise, in der Gott die Wahl und Herrschaft des spanischen Volkes gepflegt hat, dieses zu seinem Auserwählten Volk kraft des Gesetzes der Gnade erklären, so wie das andere sein Auserwähltes in den Zeiten der Heiligen Schrift war … Es ist demzufolge von den tatsächlichen Gegebenheiten als auch von der Heiligen Schrift her rechtens zu schließen, dass die spanische Monarchie viele Jahrhunderte fortdauern und die letzte Monarchie sein wird.“ Laut Stanley Payne spiegelte dies „keine seltene Haltung am Hofe und bei einem Teil der kastilischen Elite“ wider.

Und weiter: „Der unruhige Drang jeder Nation, in seiner eigenen Haut auserwählt zu sein, begann mit der ersten Konvertierung der Heiden Europas; er war in der europäischen Christenheit seit Anbeginn eingebettet. Die christlichen Chronisten zeichneten die neugetauften europäischen Monarchen in der Rolle der biblischen Könige und ihre Nationen in der Rolle des biblischen Israel. Die ersten Ansprüche auf nationale Erwählung kamen am Scheitelpunkt des frühen Mittelalters hervor, von dem Chronisten Gregor von Tours (538-594) und den iberischen Kirchenmann des siebten Jahrhunderts, St. Isidor von Sevilla.“

Der Heilige Isidor von Sevilla und Gregor von Tours waren in einem gewissen Sinne die Bialystocks und Blooms des finsteren Mittelalters, die Produzenten der Europäischen Gründung: sie verkauften jedem kleinen Monarchen 100% der Show. Man kann ihnen kaum Schuld anlasten. Die Verwandlung der barbarischen Invasoren, die ins Reich der Römer eingefallen waren, hin zu Christen, war vielleicht die bemerkenswerte politische Leistung der Weltgeschichte, aber sie benötigte etwas Mogelei, die auf lange Sicht grässliche Folgen hatte. Der Schmutz des alten europäischen Heidentums sammelte sich in den verworrenen Eingeweiden Europas an, bis die schrecklichen Ereignisse von 1914-1945 sie freiließen.

Die authentisch katholische Vision des universellen Reichs versagte darin, sich gegenüber den mehr materiellen Ansprüchen von Blut und Boden geltend zu machen. Die Europäer kämpften die Kriege von 1618, 1814 oder 1914 nicht als Christen, sondern als Krypto-Heiden. Das war die Auffassung jüdischer Kritiker von Heinrich Heine bis zu Franz Rosenzweig und Siegmund Freud. Freud schrieb:

“Man sollte nicht vergessen, daß alle diese Völker, die sich heute im Judenhaß hervortun, erst in späthistorischen Zeiten Christen geworden sind, oft durch blutigen Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie sind alle ’schlecht getauft‘, unter einer dünnen Tünche von Christentum sind sie geblieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbarischen Polytheismus huldigten. Sie haben ihren Groll gegen die neue aufgedrängte Religion nicht überwunden, aber sie haben ihn auf die Quelle verschoben, von der das Christentum zu ihnen kam.“

Menschen sind maßlos. Wir unterscheiden uns von unseren Vätern nicht so sehr, wie wir gerne glauben. Die kinderlosen, hedonistischen Europäer von heute sind die gleichen Leute, die zu Millionen für König und Vaterland in den Jahren 1618 oder 1814 kämpften und starben. Alles, wofür sich zu leben lohnt, dafür lohnt sich zu sterben; wenn wir uns nichts denken können, für das wir sterben würden, bedeutet dies, dass wir auch nichts haben, um dafür zu leben – so wie die heutigen Europäer. Europa lernte endlich, dass Blut und Boden, Kultur und Grandeur nichts waren, für das sich zu kämpfen lohnte. Aber Europa vermochte nichts zu finden, für das zu leben lohnt, nachdem es den nationalen Göttern seiner gewalttätigen Vergangenheit abschwor. Es stirbt an Entkräftung und Langeweile, angewidert von seiner Vergangenheit und unbekümmert gegenüber der Zukunft, nicht bereit, eine ausreichende Anzahl von Kindern in die Welt zu bringen, um für ein weiteres Jahrhundert sein Überleben zu gewährleisten.

„Viel wurde gerettet“, schrieb ein Soldat des Ersten Weltkriegs, JRR Tolkien, aber „viel muss nun vergehen.“ Trotz Hans Johst wird die europäische Kultur nicht vergehen: wie die Führung der klassischen griechischen Kultur in die Hände der Europäer überging, so wird die europäische Kunst – zumindest ihre Musik – in die Hände der Asiaten übergehen.

Anmerkung des Übersetzers: Siehe ergänzend zum vorangegangenen Essay auch “Ukraine: The Second Time As Farce“, und zwar hier.

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