Die Woche im Rückspiegel betrachtet

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Jede Woche am Sonntag stelle ich eine Auslese der zehn bemerkenswertesten Geschichten und Veröffentlichungen vor, auf die ich bei meinen Streifzügen durch die Tiefen und Weiten des weltumspannenden Informationsnetzes gestoßen bin.

Von Lars Schall

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

willkommen bei Die Woche im Rückspiegel betrachtet. Mit diesem Format möchte ich Ihnen immer wieder des Sonntags im Schnelldurchlauf zehn bemerkenswerte Geschichten und Veröffentlichungen präsentieren, über die ich im Laufe der jeweils vorangegangenen sieben Tage via wilder Internet-Klickerei stolperte.

Und damit ohne weiteren Aufhebens zu den…

TOP 10-LINKS DER WOCHE

Auf Platz 10 muss ich zugeben, dass sich mein Interesse für die Bilderberg-Gruppe in überschaubaren Grenzen hält. Aber immerhin ist es doch um einiges größer ausgeprägt als das, welches seit Jahrzehnten zum Thema in der westlichen Mainstream-Presse zum Ausdruck kommt (eine zu nennende Ausnahme wäre inzwischen natürlich “The Guardian“ im UK).

Doch siehe da, immerhin widmet sich hierzulande einmal “Die Welt“ aus dem Hause Springer diesem transatlantischem Elitegremium, das diese Woche in den österreichischen Alpen zusammenfand – klicken Sie dafür hier.

Wesentlich mehr Substanz bietet Ihnen der Sozialwissenschaftler Björn Wendt, Autor des Buches „Die Bilderberg-Gruppe – Wissen über die Macht gesellschaftlicher Eliten„. In einem zweiteiligen Interview mit Marcus Klöckner erklärt Wendt u.a., “worauf er das Augenmerk bei seiner Auseinandersetzung mit Bilderberg gelegt hat. Fest steht für ihn: Sowohl die Wissenschaft in Deutschland als auch die Medien haben sich mit dem Elite-Zirkel bisher nur sehr unzureichend auseinandergesetzt.“

Teil 1 des Interviews gibt es hier, Teil 2 hier.

Norbert Häring ist ein Ökonom, bei dem der Faktor “Macht“ eine Rolle spielt – und so ist’s bloß konsequent, wenn er sich hier mit der Bilderberg-Gruppe unter der Überschrift “Bilderberg: So geht Weltregierung – pardon, Global Governance“ beschäftigt.

Seit einiger Zeit macht das Steering Committee der Bilderberg-Gruppe die Konferenz-Teilnehmer öffentlich. Hier vermögen Sie zu sehen, wer heuer so alles von einem großen Sicherheitsaufgebot abgeschirmt zusammenfand.

Mein Freund Pepe Escobar übt sich derweilen in einer Art “Malen nach Zahlen“, indem er hier die Punkte “G7-Gipfel in der BRD – Putins Italien-Besuch – das Bilderberg-Treffen in Österreich – die TTIP-Verhandlungen in Washington” sinnig zu verbinden versucht.

Auf Platz 9 kreisen sich die Dinge um Kunst als Geldanlage – eine Sache, von der wir annehmen, dass sich so mancher Teilnehmer von Bilderberg-Konferenzen dafür interessiert, oder anders gewendet, im Diktus von Georg Seeßlen und Markus Metz:

„Wenn zwei Künstler miteinander reden, dann sprechen sie über Geld. Wenn zwei Banker miteinander reden, dann sprechen sie über Kunst.“

Der Ökonom Bruno Frey befindet in einem aktuellen “Welt“-Interview: „Kunst ist langfristig kein so gutes Geschäft“ – und geht hier aufs Warum dieser Rechnung ein.

Auf Platz 8 haben Sie Gelegenheit, die Gewinner-Banken in den Zeiten der fortdauernden Finanzkrise in Augenschein zu nehmen – und zwar hier unter der Überschrift “These Are Global Banking’s Winners and Losers Since the Crisis“.

Ferner haben Sie hier die Gelegenheit, der Frage “Who Will Be the Instagram or Uber of Finance?“ nachzugehen, die Jason Dorrier anlässlich der kürzlich in New York City stattgefundenen Konferenz “Exponential Finance 2015“ umtreibt.

Auf Platz 7 erinnert Ex-CIA-Analyst Ray McGovern an eine der bemerkenswertesten Reden, die je von Inhabern der Präsidentschaft der USA gehalten wurden, und dies wäre die Ansprache, die John F. Kennedy am 10. Juni 1963 an der American University in Washington DC hielt, “A Strategy of Peace”.

Wenn Sie mit Ray McGovern ins Detail gehen wollen, sind Sie hier am rechten Platze.

Auf Platz 6 rangiert der Vorwurf der russischen IT-Sicherheitsfirma Kaspersky, dass die Atomgespräche zwischen dem Iran und den fünf UN-Vetomächten plus Deutschland (5+1) mit Hilfe eines Computervirus ausspioniert worden sein sollen. Dazu hätte ich im Angebot:

„‘Atomgespräche abgehört‘: Verfassungsschutz ermittelt“;

Russian Security Firm Suspects Israeli Connection In Spy Virus Attacks On European Hotels Hosting Iran Talks”;

und:

Kaspersky Finds New Nation-State Attack—In Its Own Network”.

Auf Platz 5 komme ich auf eine Geschichte zurück, die schon des Öfteren im Wochenrückspiegel behandelt wurde: die Abhängigkeit der US-Weltraumbehörde NASA von den Kollegen der Russischen Föderation. Die USA sind nicht in der Lage, ihre Astronauten eigenständig zur Internationalen Weltraumstation zu bringen, sondern müssen dafür russische Dienste in Anspruch nehmen. Kostenpunkt pro Flug eines US-Astronauten: 70 Millionen US-Dollar.

Das U.S. Senate Appropriations Subcommittee stimmte nunmehr für eine Budgetkürzung der NASA von über 300 Millionen US-Dollar – womit die Verwirklichung und Nutzung einer eigenen Astronautenbeförderung in Kooperation mit SpaceX und Boeing in die Ferne rücken könnte, wie Sie hier geschrieben vorfinden.

Auf Platz 4 wenden wir uns noch einmal dem Dokument der Defense Intelligence Agency (DIA) über Syrien und den “Islamischen Staat“ aus dem Sommer 2012 zu, das dieser Tage für einiges Aufsehen sorgt – siehe Platz 1 des Wochenrückspiegels vom 24. Mai, wo ich hierauf, hierauf, hierauf, hierauf und hierauf verlinkte.

Der wesentliche Artikel hierbei, “2012 Defense Intelligence Agency document: West will facilitate rise of Islamic State ’in order to isolate the Syrian regime’”, stammte von Brad Hoff und erschien auf der Website “Levant Report“.

Vor einigen Tagen sah ich nun, dass Hoff das Büro für Öffentlichkeitsarbeit der DIA kontaktierte, um eine Reaktion auf besagten Artikel zu erwirken. Hoff interviewte DIA-Sprecher James M. Kudla, der im Wesentlichen “Kein Kommentar“ zu sagen hat – wie Sie hier ersehen können.

Daniel Ellsberg schätzt das Dokument dagegen als wichtig ein – was Sie wiederum hier in diesem Podcast-Interview näher in Erfahrung bringen.

„The International Business Times“ und „The Jerusalem Post“ berichten unterdessen hier und hier, dass sich der ehemalige Leiter der tadschikischen Elite-Polizei-Einheit OMON, Gulmurod Khalimov, dem “Islamischen Staat“ angeschlossen hat – wo das Training, das er in den USA bei den Special Operations Forces and Blackwater genoss, bestimmt von Nutzen ist.

Von Nutzen sind gewiss auch die 2,300 Humvees, 74,000 Maschinengewehre, 52 Kanonen-Haubitzen, 40 Abrams-Panzer und weiteren Kriegsgeräte, die dem “IS“ in die Hände fielen, als er den Norden Iraks überrannte – worüber Sie hier informiert werden.

Auf Platz 3 steht eine animierte Daten-Visualisierung von Neil Halloran, die sich mit den menschlichen Verlusten beschäftigt, die der Zweite Weltkrieg verursachte. Sehen Sie hier.

Auf Platz 2 hätte ich folgenden Nachrichtenblock für Sie, der mit Energie, Währungsfragen und China zu tun hat:

It’s Official: The Shale-Oil Boom is Over”;

The cost of oil’s slump: Saudi Arabia’s economic boom shows signs of losing steam”;

China Hopes To Setup New Oil Futures Contract By End Of Year”;

The PetroYuan Is Born: Gazprom Now Settling All Crude Sales To China In Renminbi”;

Russia, China and the Battle Against Dollar Hegemony”;

IWF prüft Beförderung von Chinas Renminbi zur Reservewährung“;

IMF may include RMB in currency basket in November”;

Chinas AIIB: Die Anziehungskraft des Ostens“;

China to Have Veto at Infrastructure Bank”;

sowie:

The world’s worst investment bubble will burst soon„.

Und auf Platz 1 übersetze ich durch diese Artikel richtig eingestimmt einige Anmerkungen des US-Historikers Alfred McCoy. In “The Geopolitics of American Global Decline: Washington Versus China in the Twenty-First Century” bringt McCoy vor, dass die politisch tonangebenden Eliten in Washington “fortfahren, die Grundlagen der Geopolitik zu ignorieren, die das Schicksal der Weltimperien in den vergangenen 500 Jahren formte”. Aus dem Grund befindet McCoy, dass es nicht schaden kann, sich mit den Grundlagen auseinanderzusetzen – und so saust er in der Zeit bis ins Jahr 1904 zurück, als an einem Januar-Abend ein gewisser Sir Halford Mackinder, der Direktor der London School of Economics, der Öffentlichkeit seine Arbeit “The Geographical Pivot of History” vorstellte. Hierbei kreisten die Dinge letztlich um die Herrschaft über den eurasischen Kontinent, welche wiederum Sprungbrett sein kann für eine globale Hegemonie.

Ich überspringe nun eine ganze Menge des von McCoy geschriebenen Materials, um mich übersetzend auf das zu konzentrieren, was er darüber schreibt, wie China die “einkreisende Eindämmung” zu durchschneiden vermag, die die USA mit ihrem “Pivot to Asia” versuchen – namentlich vor allem durch die wirtschaftliche Integration dessen, was Mackinder die “Weltinsel” nannte. Grundlage dafür sind die Investitionsgelder, die China bewegt, um die Infrastruktur Eurasiens voranzubringen.

“Durch das Legen eines durchdachten und enorm teuren Netzwerks von High-Speed- und High-Volume-Eisenbahnen sowie Öl- und Erdgasleitungen quer über die weite Breite Eurasiens hinweg, vermag China Mackinders Vision auf neue Weise zu verwirklichen. Zum ersten Mal in der Geschichte wird die schnelle transkontinentale Bewegung von kritischer Fracht – Öl, Mineralien und Industriegüter – in massiven Umfang möglich sein, wodurch eventuell die Vereinheitlichung der riesigen Landmasse in einer einzigen Wirtschaftszone bewirkt wird, die sich 6.500 Meilen von Shanghai bis nach Madrid erstreckt. Auf diese Weise hofft die Führung in Peking, den Ort geopolitischer Macht von der maritimen Peripherie tief ins Kernland des Kontinents weg zu verlagern.“

Schon Mackinder sprach von transkontinentalen Eisenbahnen, die “nunmehr die Konditionen der Landmacht verwandeln“, war aber, was ihre flächendeckende Verwirklichung in ganz Asien anging, am Ende doch zu optimistisch. Vorgänge wie “die russische Revolution von 1917, die chinesische Revolution von 1949 und die nachfolgenden 40 Jahre des Kalten Krieges verlangsamten für Jahrzehnte eine wirkliche Entwicklung.“ Ebenso die Entfremdung, die hinter dem Eisernen Vorhang zwischen der UdSSR und der VR China zutage trat. Derlei Barrieren existieren nun nicht mehr.

McCoy erinnert an Zbigniew Brzezinski, der Ende der 1990er Jahre in “The Great Chessboard“ ob “Washingtons unfähigem Stil der Geopolitik“ warnend darauf hinwies, dass Eurasien seit Jahrhunderten das Machtzentrum der Welt gewesen sei und dies auch in Zukunft bleiben werde. „Eine Macht, die Eurasien beherrscht“, so Brzezinski, “würde über zwei der drei höchst entwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Erde gebieten“, die “die westliche Hemisphäre und Ozeanien gegenüber dem zentralen Kontinent der Erde geopolitisch in eine Randlage“ rückten.

“Während sich eine solche geopolitische Logik Washington entzog, wird sie in Peking gut verstanden“, urteilt McCoy. „Tatsächlich hat China in den letzten zehn Jahren den weltweit größten Investitionsausbruch in die Infrastruktur gestartet“, seit die USA in den 1950er Jahren den Bau der Interstate Highways unternahmen. “Die Zahlen für die Schienen und Pipelines sind frappierend. Zwischen 2007 und 2014 durchzog China seine Landschaft mit 9.000 Meilen an neuen High-Speed-Schienen, mehr als der Rest der Welt zusammen.“ Wenn das System im Jahr 2030 komplettiert wird, soll das Streckennetz insgesamt 16.000 Meilen groß sein und alle wichtigen chinesischen Städte miteinander verbinden. Kosten: 300 Milliarden US-Dollar.

Weiteres Geld investiert China, um das Eisenbahnnetz mit dem der umliegenden Staaten zu integrieren. Zusammen mit Deutschland und Russland startete es beispielsweise 2008 die sogenannte “Eurasian Land Bridge”, deren zwei Routen durch Sibirien und Kasachstan verlaufen. Über die südliche Strecke können Güter von Europa nach China sehr viel schneller transportiert werden, als dies über den Seeweg möglich ist. Seit Oktober 2014 steht der Plan einer Hochgeschwindigkeitsstrecke von Peking nach Moskau im Raume, für dessen Verwirklichung 230 Milliarden US-Dollar berechnet werden. Im April diesen Jahres unterzeichnete Chinas Präsident Xi Jinping eine Vereinbarung mit Pakistan über einen chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridors, der Autobahnen, Eisenbahnverbindungen und Pipelines umfassen soll. Die Kosten hierbei: 46 Milliarden US-Dollar. 200 Milliarden US-Dollar hat China bereits in die Hafenanlage in Gwadar am Arabischen Meer gesteckt, welche sich in strategisch günstiger Nähe zum Persischen Golf befindet.

Ähnlich dynamisch erwies sich China auf dem Terrain der Pipelinepolitik. Die China National Petroleum Corporation (CNPC) baut an einer Ölpipeline, die von Kasachstan bis Xinjiang reicht. Ebenso arbeitete CNPC mit Turkmenistan zusammen, um Gas nach China zu leiten. Eine Pipeline zum Transport von Öl und Gas eröffnete China 2013 in Myanmar, womit es nunmehr die Straße von Malakka umgehen kann, welche von der US-Marine kontrolliert wird. Mit Gazprom schloss Peking ferner im Mai 2014 einen Energie-Deal im Wert von 400 Milliarden US-Dollar ab, um russisches Erdgas über ein Pipelinenetzwerk durch Sibirien und der Mandschurei nach China zu bringen.

“Obwohl sie massiv sind, sind diese Projekte nur Teil eines laufenden Bau-Booms“, an dessen Ende “in Kürze eine integrierte Binnenenergieinfrastruktur“ stehen wird. Weitere Bauvorhaben werden folgen, wie die Gründung der Asian Infrastructure Investment Bank anzeigt. Hinzu kommen langfristige Handelsbeziehungen mit ressourcenreichen Regionen in Afrika, Südostasien und Australien – ebenfalls Teil des Plans, “die Weltinsel wirtschaftlich zu integrieren“.

Nachdem er einen Blick auf die militärischen Entwicklungen Chinas wirft, befindet McCoy, dass das Reich der Mitte gegenüber den USA insgesamt in guter Position dasteht. “Indem ihr die geopolitische Vision von Mackinder und seiner Generation britischer Imperialisten fehlt, hat die derzeitige Führung Amerikas darin versagt, die Bedeutung eines radikalen globalen Wandels zu begreifen, der auf der eurasischen Landmasse im Gange ist. Wenn es China gelingt, seine aufsteigenden Industrien mit den umfangreichen natürlichen Ressourcen des eurasischen Kernlands zu verbinden, dann wäre sehr wahrscheinlich, wie Sir Halford Mackinder … im Jahre 1904 vorhersagte, ‘die Herrschaft der Welt in Sicht‘.“

Den ganzen umfangreichen Essay von Alfred McCoy finden Sie hier aufploppen.

Zuletzt noch das Musikstück der Woche: AIR – Le Soleil Est Près De Moi.

In dem Sinne, ganz der Ihre,

Lars Schall.

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One Response to “Die Woche im Rückspiegel betrachtet”

  1. Jowi sagt:

    Seit ich den Blog entdeckt habe, bin ich ein treuer Leser und möchte mal Danke sagen!
    Grüße aus Tübingen

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