Die Woche im Rückspiegel betrachtet

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Jede Woche am Sonntag stelle ich eine Auslese der zehn bemerkenswertesten Geschichten und Veröffentlichungen vor, auf die ich bei meinen Streifzügen durch die Tiefen und Weiten des weltumspannenden Informationsnetzes gestoßen bin.

Von Lars Schall

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

willkommen bei Die Woche im Rückspiegel betrachtet. Mit diesem Format möchte ich Ihnen immer wieder des Sonntags im Schnelldurchlauf zehn bemerkenswerte Geschichten und Veröffentlichungen präsentieren, über die ich im Laufe der jeweils vorangegangenen sieben Tage via wilder Internet-Klickerei stolperte.

Und damit ohne weiteren Aufhebens zu den…

TOP 10-LINKS DER WOCHE

Auf Platz 10 legen wir los im Sinne von “Was von der Feuilleton-Lektüre übrig blieb“. In den Kulturseiten deutscher “Qualitätsmedien“ las ich in dieser Woche einige Wortmeldungen zur neuesten Aktion des “Zentrums für politische Schönheit“. Aus dem Wust habe ich für Sie einen beachtenswerten Artikel herausgefischt, der sich ablehnend zu “Die Toten kommen“ äußert, und das ist “Die Totalitären kommen“, an dem Sie sich hier reiben können.

Auf einer meiner Lieblingswebseiten des deutschsprachigen Raums, “Feynsinn“, erschien hier eine Reaktion darauf.

(Im einen wie im anderen Fall sollte man sich übrigens auch die “Kommentar-Dialoge“ zu Gemüte führen…)

Auf Platz 9 steht ein Interview, das Reinhard Jellen mit Georg Seeßlen über die Sexualität des Internet-Zeitalters führte, “Eros und Information“. Daraus etwas aus dem Eingangs-Frage-Antwort-Pingpong:

Herr Seeßlen, wie hat die Digitalisierung der Welt die Liebesbeziehungen und das Paarungsverhalten der Menschen verändert?

Georg Seeßlen: Serious question? Ich vermute mal, dass eine Menge kluger Köpfe ein halbes Jahrhundert brauchen, um sie zu beantworten. Dabei haben wir für sie gar kein Modell, weil es nie etwas anderes gab als kapitalisierte Digitalisierung und digitalisierten Kapitalismus. Was wir „Neoliberalismus“ nennen hat im Prinzip ein neues Welt- und Menschenbild etabliert. Daraus ergeben sich zwangsläufig fundamentale Veränderungen der sexuellen Ökonomie. Doch was davon der Digitalisierung als Kommunikations- und Widerspiegelungstechnik, und was dem Kapitalismus als Wirtschafts- und Macht-Organisation zu „verdanken“ ist, ist in der gegenwärtigen Situation nur schwer zu entscheiden.

Der Mensch ist da die Summe der Informationen über ihn, das schränkt schon gewaltig die Beziehung zu einem anderen ein, der eigentlich kein anderer mehr sein kann. Aus dem biblischen einander erkennen ist ein Informationsabgleich geworden, dessen Ziel vorrangig – und so etwas immerhin lässt sich aus der Analyse des Digital Dating und ihres publizistischen Umfelds (Ratgeber, Erfahrungstausch, Kommentarfunktionen etcetera) gewinnen – die Risikominderung ist.

Man wiederholt in diesem digitalen Dating gewissermaßen im kleinen, was das Netz im großen ausmacht: Ein Austausch von Kontrolle und Freiheit. Eine neue Freiheit der Partnerwahl (größere Auswahl, schnellere Lieferung, genauere Bestellmöglichkeiten: die Verwandtschaft zwischen einer solchen Partnerwahl und einer Amazon-Bestellung ist fast schon aufdringlich und wird von einigen Portalen mehr oder weniger zynisch oder ironisch auch affirmiert) wird mit mehr Kontrollmöglichkeiten abgegolten. Der Datenmensch ist auch hier Jäger und Gejagter zugleich.

Zum zweiten sind alle diese Informationen aber auch auf gewisse Weise marktförmig, und sind Informationen über etwas Marktförmiges. Der scheinbar große Vorteil eines Internet-Dating, dass man nämlich die Tiefe der Ernsthaftigkeit bei Suche und Informationstausch selbst bestimmen kann und sich lange in einem Raum von unverbindlichem Spiel aufhält, ist zugleich der große Nachteil.

Da man nie weiß, wie ernst es dem anderen ist, wie camoufliert er ist, ja sogar, ob es zu den Informationen, die man erhält überhaupt einen realen Menschen gibt, oder ob es sich sogar um einen Fallensteller oder Psychopathen handelt (die populäre Kultur hat da längst ein neues Thriller-Thema gefunden), erzeugt jedes Begehren zugleich das Misstrauen als Geschwister. Vertrauen, wenn es überhaupt existiert, wird allenfalls der Filtermaschine entgegengebracht, die man bezahlt, so oder so (durch Geld, durch Informationen, durch die Empfangsbereitschaft für wiederum so oder so bezahlte Botschaften).

Das Schreckliche also besteht in dem ungeheuerlichen Irrglauben, dass ich einem anderen Menschen durch Information näher komme, dass eine Beziehung gut oder schlecht verläuft aufgrund wechselseitiger (und nicht zuletzt im Außen vermittelter) Informationen, und dass alles, was schief läuft, auf der Basis dieser Informationen schief läuft.

Den ganzen Frage-Antwort-Pingpong gibt’s hier.

Auf Platz 8 erhalten Sie Gelegenheit, sich etwas im Detail mit der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zum umstrittenen EZB-Anleihekaufprogramm auseinanderzusetzen – ich jedenfalls tat dies hier bei Ralf Streck unter der Überschrift “ und die Notenpresse darf unbegrenzt laufen“.

Auf Platz 7 folgen Themen, die in “verschwörungstheoretischen Kreisen“ durchaus Dauerbrenner sind.

Erstens: die Mondlandung der USA 1969. Wenn Sie das Thema interessiert, Verschwörungstheoretiker hin oder her, sollten Sie sich diesen Text geben:

Russian Official Proposes International Investigation Into U.S. Moon Landings”.

Zweitens: die 9/11-Anschläge. Wenn Sie das Thema interessiert, Verschwörungstheoretiker hin oder her, sollten Sie sich wiederum diesen Text geben:

FBI Agent: The CIA Could Have Stopped 9/11”.

Auf Platz 6 rangieren sodann zwei Artikel der Website “Netzpolitik.org“ – und zwar:

Sunday-Times-Korrespondent im CNN-Interview: ‘Wir veröffentlichen einfach die aktuelle Meinung der britischen Regierung‘“;

und:

SPD-Parteivorstand zur Vorratsdatenspeicherung: Regierungsfähigkeit gibt es nur mit dem Abbau von Grundrechten!

Auf Platz 5 vermögen Sie ein paar Geschichten zum Thema Krieg und Wasser zu lesen. Ein Grund für Kriege der Zukunft ist die zunehmende Wasserknappheit. In diesem Sinne wäre zu nennen:

NASA: Aquifers Losing Water at Alarming Rates“;

“’The water table is dropping all over the world’: NASA warns we’re on the path to global drought”.

Über die Gewinnung erneuerbarer Energien durch verdampfendes Wasser können Sie sich derweilen hier kundmachen:

Renewable Energy from Evaporating Water”.

Und dann zwei Geschichten mit direktem Kriegsbezug:

US-Senat gibt Geld für Waffenlieferungen an Ukraine frei“;

und:

Cost of Violence Hits $14 Trillion in Increasingly Divided World

Auf Platz 4 habe ich ein paar Informationen zur Bundestagskommission, die sich mit dem Parlamentsvorbehalt beim Einsatz der Bundeswehr befasst. Zunächst hier der Kommissionsbericht als PDF-Dokument.

Und dann drei Veröffentlichungen zum Vorgang:

Bundeswehr-Einsätze: Parlamentsvorbehalt soll abgeschwächt werden“;

Ursula von der Leyen stellt Parlamentsvorbehalt bei Auslandseinsätzen in Frage“;

sowie:

Regierung will Bundeswehr global von der Leine lassen – Anschlag auf den Parlamentsvorbehalt“.

Auf Platz 3 lesen wir über die Gas-Pipeline “Nord Stream“, dass diese zwei neue Stränge erhalten soll:

“Der russische Energiekonzern Gazprom will in Kooperation mit europäischen Energieunternehmen eine neue Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland bauen. Gazprom habe mit dem deutschen Versorger Eon, dem britisch-niederländischen Energiekonzern Shell und dem österreichischen OMV beim internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg am Donnerstag eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet.

Geplant sind zwei Stränge, die durch die Ostsee laufen sollen und ein Gesamtvolumen von 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr haben, teilte das russische Unternehmen mit. Eon bestätigte die Pläne. Die neue Pipeline werde ‘dazu beitragen, die Sicherheit und Verlässlichkeit der Gaslieferungen zu verbessern‘, erklärte Gazprom-Chef Alexei Miller.“

Mehr dazu hier und hier.

Russland ist mit Saudi-Arabien übereingekommen, in Sachen Atomenergie zusammenzuarbeiten – siehe hier.

Allerdings ist das nur ein Deal, der von beiden Ländern eingetütet worden ist – wie Sie hier unter der Überschrift “About-Face! Saudi Arabia and Russia Ink Six New Deals, Embark on New ‚Petroleum Alliance’” erfahren.

Außerdem sei Ihnen hier noch Pepe Escobars Wortmeldung über das internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg angezeigt.

Auf Platz 2 möchte ich ausnahmsweise eine Lektüre empfehlen, die mit der Eurokrise rund um Griechenland im Zusammenhang steht, und das ist eine Untersuchung von Michael Bernegger vor der absehbaren Wende der ganzen Hellas-Konstellation ab Montag. Wenn wir unterstellen, dass der Gasleitungs-Hub in Griechenland als Fortführung von Turkish Stream quasi unterschrieben ist, dann muss man die Ansprache von Tsipras in Sankt Petersburg (siehe hier) vor der Kulisse einer griechisch-türkischen(!) Brücke zwischen EU und Eurasischer Union sehen. Wie die Staatschefs der EU das am Montag realisieren wollen, werden wir sehen. Dass für die Syriza aus einer Einigung nicht mehr viel zu holen ist und eine Zahlungseinstellung gegenüber dem IWF sowie auch der EZB die Lage auch nicht mehr verschlimmern kann, ist eher Endkrise für den IWF und die EZB als für Hellas.

Durch die Lektüre der Arbeit von Michael Bernegger glaube ich, dass wir die besonderen Voraussetzungen der griechischen Wirtschaft neu lernen müssen – zumindest gilt das für mich, wenn ich versuche, die Grundlagen und Einzelheiten der Handelsschiffahrt in griechischem Eigentum neu zu entdecken und zu lernen.

Die Denkschrift des Mavericks aus der Schweiz, “Die griechische Tragödie und ihre Lösung“, wirft alles, was an wirtschaftlichen und finanziellen Axiomen über den Einbruch von Hellas nach 2008 den Maßnahmen der Troika zugrunde lag, über den Haufen. Insbesondere ab Seite 14, wo es an den Kern des Verfalls der Weltmarktpreise für den Schiffstransport und deren Wirkung auf die Finanzbeziehungen der griechischen Binnen- und Eurozonen-Wirtschaft geht, wird es richtig spannend. Noch spannender aber ist, dass dies auch in Griechenland nicht einmal von denen thematisiert wird, deren Wählerbasis doch anti-oligarchisch gerichtet sein müsste und nach Argumenten gegen den IWF und die Gläubigerphalanx zu suchen hätte…

Grexit oder nicht, dass selbst ein Griechenland als südlicher Hub für den südost- und mittel-europäischen Gasmarkt und damit als eurasische Brücke in der Brücke zwischen EU und Eurasischer Union von Bedeutung bliebt, wenn es nicht mehr der EWU angehört, steht ja außer Frage. Und gerade die Handelsschiffahrt als jedenfalls noch bedeutendstes Transportmittel für den europäischen Welthandel mit Asien ist ein transkontinentaler Wirtschaftsfaktor der Infrastruktur, den die EU nicht außer Acht lassen kann.

Was den Folgerungsansatz angeht, weiß ich nicht, ob ich damit unbedingt einverstanden bin (was ziemlich schnuppe ist…); aber die Arbeit hat ein völlig unterbelichtetes Gegenstandsfeld untersucht und erschlossen: nämlich die reale, spezifische Wirtschaft Griechenlands. Die besteht unter anderem eben darin, dass man das reale Einkommen und Vermögen der Reeder mit ihren 25% Anteil am Weltschiffstransport mit der Quellenbesteuerung von Inlandsdepositen nicht erfassen kann, weil das Gros des Vermögens und des Umlaufkapitals auf USD-Konten offshore deponiert ist.

Das heißt: der griechischen Statistik entging und entgeht so ziemlich alles, was eigentlich Reichtum des Standorts Hellas ist. Dazu ist auch ergänzend die Lektüre des Gelehrten Heinz Richter aufschlussreich – siehe hier.

Es stehen ziemlich weitreichende Weichenstellungen bevor, die – Grexit oder nicht – dem Land eine ganz neue Wichtigkeit geben werden – auch als Kontrapunkt gegen die Ukraine und die verheerenden Schritte des IWF auf diesem Gelände. So oder so sollte dem IWF, was seit Jahren überfällig ist, freundlich, aber bestimmt der Weg zur Tür gewiesen werden (aber was sag ich da…).

Die Arbeit von Michael Bernegger wartet hier auf Sie als PDF-Dokument.

Und auf Platz 1 mache ich Sie auf einen witzigen Vorgang aufmerksam. Da brachte am 13. Juni “Das Handelsblatt“ folgende “Bloomberg“-Meldung:

“Gold in der Krise: Wenn selbst die Münzsammler nicht mehr kaufen. Selbst die treusten Fans des Edelmetalls bleiben nun bei Goldkäufen zurückhaltend. Experten sprechen von einer ‘kompletten Kapitulation‘“.

Siehe hier.

Drei Tage später, also vergangenen Dienstag, berichtete die Website “Goldreporter“ über eine Pressemitteilung von Degussa:

“Die Degussa Goldhandel GmbH meldet für die ersten fünf Monate des Jahres einen Gesamtabsatz in Höhe von mehr als 500 Millionen Euro. … Gegenüber dem Vorjahr sei der Umsatz damit in den einzelnen Monaten zwischen 30 und 50 Prozent gestiegen, heißt es in der Pressemitteilung. Als wesentlichen Grund für die stark gestiegene Edelmetallnachfrage führt Degussa die Verunsicherung der Anleger hinsichtlich der Lage an den Finanzmärkten an.“

Siehe hier.

Zuletzt noch das Musikstück der Woche: CHARLIE PARKER – Summertime.

In dem Sinne, ganz der Ihre,

Lars Schall.

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