Die Woche im Rückspiegel betrachtet

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Jede Woche am Sonntag stelle ich eine Auslese der zehn bemerkenswertesten Geschichten und Veröffentlichungen vor, über die ich bei meinen Streifzügen durch die Tiefen und Weiten des weltumspannenden Informationsnetzes gestolpert bin.

Von Lars Schall

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

willkommen bei Die Woche im Rückspiegel betrachtet. Mit diesem Format möchte ich Ihnen immer wieder des Sonntags im Schnelldurchlauf Geschichten und Veröffentlichungen zu 10 Themenbereichen präsentieren, die mir im Laufe der jeweils vorangegangenen Woche als wie auch immer beachtenswert auffielen.

Und damit ohne weiteren Aufhebens zu den…

TOP 10-LINKS DER WOCHE

Auf Platz 10 weiß ich noch, wie ich während meines Studiums zusammen mit Roman Goncharenko, der mittlerweile bei der Deutschen Welle tätig ist, über eine Nazi-Demonstration und die dazugehörige Gegendemonstration in Dortmund berichtete. Roman konzentrierte sich auf die Nazis, ich auf die Antifaschisten. Für meinen Bericht musste ich die S-Bahn vom Dortmunder Hbf nehmen. Zugleich hatte der BVB 09 ein Fußballbundesligaheimspiel auszutragen. Dementsprechend viele Fußballfans waren unterwegs.

Was ich nicht vergessen werde: auf dem Weg durch den Hauptbahnhof hörte ich plötzlich BVB-Fans skandieren: “Eine U-Bahn bauen wir, von Jerusalem bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir…“

Ein merkwürdiger Chor im Hintergrund, wenn man sich aufmacht, über eine Demonstration gegen Nazismus zu berichten.

Daran musste ich denken, als ich das hier und das hier in dieser Woche über Vorgänge in der Fan-Szene des BVB las.

Auf Platz 9 habe ich gedacht, eventuell ein paar Sachen sagen zu müssen zu einer Art “Nachbarschaftsstreit“, der es in D-land auf die Titelseiten der Zeitungen brachte. Muss ich aber nicht, da hiermit im Grunde von Stefan Winterbauer schon alles gesagt ist.

Wenn Sie mehr brauchen, so wird Winterbauer hier, hier und hier sekundiert.

Sie können den “Nachbarschaftsstreit“ ansonsten jederzeit auf Ihren Nächsten herunterbrechen, indem sie einen schlichten, einfach zu besorgenden Realitätsabgleich machen, um sich dann weitergehende Fragen zu D-land zu stellen: Sie gehen zu einer / einem der zigtausenden Afro-Deutschen, die nicht in der „Boateng-Liga“ spielen, und fragen sie oder ihn nach den Erfahrungen in ihrem Heimatland mit denen, die hier als „die Leute“ figurieren, und ob diese Erfahrungen diametral anders sind, als angeblich vorgebracht.

Scheint mir ein konstruktiver Ansatz zu sein.

Ich mein‘, wenn dieser Deutsche hier, den ich zufällig seit Jahrzehnten persönlich kenne, zum Beispiel schon auf dem Bahnhof nicht erwünscht ist, wollen Sie mir dann erzählen, er sei’s in jeder Nachbarschaft D-lands auf jeden Fall?

Überhaupt scheint bei dem “Rinks und Lechts“-Ruck in D-land und dem EU-Raum der Mensch im Allgemeinen, also Ihr Nächster, das Problem zu sein – siehe hier.

Was die FAZ angeht, die quasi als „Lügenpresse für eine Überschrift“ gefundenes Fressen abgab, so wäre im größeren Rahmen zu erwägen, ob sich nicht wie 2008 hier bei “SPD-Rebellin“ Metzger und vor allem 2010 hier mit dem Legasthenie-Anfall Schirrmachers bei der Lektüre von Sarrazin eine (flankierende) Intervention der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abzeichnen könnte, die auf einen Bruch innerhalb der herrschenden Gedankenwelt des Residuums der herrschenden Klasse in Deutschland zusteuert; und zwar in noch wuchtigerer Form als im Jahr 2000, als die deutsche Öffentlichkeitszunft Kohl und sein System entsorgte. Das nannte man damals  – siehe hier  – Spendenaffäre, Sie erinnern sich; es war aber zugleich auf politischer Ebene eine Kastrierung jener CDU, die sich zuvor noch mit allen Gliedern gesträubt hatte, die Konsequenzen der Europäischen (Währungs-)Union hinzunehmen. (Zum Revue passieren lassen der Entstehung und Verlaufsgeschichte von EWS, ERM und EWU bis 1995 empfehle ich Ihnen übrigens eine neu entdeckte Lektüre von einem Mann, der bei der EU-Kommission ganz nahe dran war – siehe hier. Spannend, wenn man’s weiterverfolgt.)

Meine Vermutung, es könnte innerhalb der FAZ ein Grabenkrieg um die AfD bestehen, ergibt sich dadurch, wie sich schon eine Woche zuvor Divergenzen gezeigt haben zwischen der politischen Redaktion der FAS unter dem Redakteur Zastrow (mit mehr Nähe zum CDU-Apparat hinter der öffentlichen CDU) und der Wirtschafts- und Finanzredaktion andererseits sowie womöglich auch der alten Garde des Feuilletons. Dazu lese man hier im Kress-Report.

Gauland nun ist nicht erst seit seiner Tätigkeit bei der Märkischen Allgemeinen mit wichtigen FAZ-Personen verbunden, sondern schon seit Ende der Siebziger und durch die Achtziger hinweg, als eine kommunizierende Verbindung zwischen Walter Wallmann und Hilmar Hoffmann existierte, für die der Beamte Gauland ein PR-Kanal war. Angesichts dessen deutet die Tatsache, dass man auf Gauland für eine Schlagzeile losgeht, auf ein aggressives Scharren einer bei den FAZ-Herausgebern und beim Politikverantwortlichen für die FAS, Zastrow, vorpreschenden Kavallerie. Prognose: auf mittlere Sicht dürfte das die FAZ als “verschworene Redaktion“ sprengen. Daran werden auch Auftritte wie dieser hier nichts ändern, denke ich. Man kann die FAZ-Berichterstattung einstweilen eine Form „paradoxer Reklame“ nennen. Immerhin: dort kommt die AfD zu Wort.

Ambivalenzen, Widersprüche, Risse und Befürchtungen innerhalb des Blocks an der Macht (im Sinne von Gramsci) meint man im ganzen „Westen“ zu sehen, sei’s auf nationaler oder transnationaler Ebene. Das Bundesfinanzministerium und sein Minister Schäuble beispielsweise mögen einen Sieg errungen haben und dafür von der FAZ attestiert bekommen, “eine Meisterleistung“ vollbracht zu haben – siehe hier unter „Bizarre Einigung über Griechenland“ –, insofern die Institution ESM als Gläubiger und Manager des griechischen Elends einen (Entscheidungs-)Vorrang vor den Quengeleien des IWF-Stabes erlangt haben könnte. Das ändert aber nichts an dieser Voraussicht hier von Banque AIG aus dem Frühjahr 2008.

Zur Veranschaulichung eines gewissen Zerfalls im ganzen Westen mag auch der Bericht “Wolfgang Schäuble setzt sich durch“ dienen, der das Ereignis bis zur Unauffälligkeit (als nämlich aus Parteiinteresse motiviert) herunterstuft. Man könnte jedoch bei dem, was im Bericht “vor allem Symbolik“ genannt wird, so ziemlich alles vergessen, was man in Jahrzehnten über die Allzuständigkeit und Allmacht des IWF gelernt hat; wenn nämlich der Gläubiger EWU alias ESM alias Deutschland/Niederlande den aus Anmaßung von Präponderanz in diese Situation (von wem eigentlich?) gezwungenen Gläubiger den mit den Hufen scharrenden nicht-G7-Anteilseignern mit jetzt noch höherem Gewicht zuliebe herauskauft…

Zur IWF-Thematik sei ferner empfohlen: “The IMF On Greek Debt – Redefining Chutzpah?“; ziemlich säurehaltig.

Auf Platz 8 habe ich mir für nächste Woche vorgenommen, mich eingehender mit einem besonderen, in die griechische Antike zurückreichenden Geld-Aspekt im Werk eines Mannes zu beschäftigen, der wahrscheinlich nach wie vor der unbekannteste stille Teilhaber des Instituts für Sozialforschung und Freund Adornos ist: Alfred Sohn-Rethel.

Für diese Auseinandersetzung habe ich mir ein paar Sachen zurechtgelegt, und Sie können daran teilhaben, wenn Sie wollen.

Zunächst könnte man sich anschauen:

“Warenform und Denkform – Eine Einführung in den Grundgedanken Alfred Sohn-Rethels“, hier dargebracht von Manfred Dahlmann.

Dann hätte ich eine PDF-Datei für Sie, die kritische Gutachter-Anmerkungen am Rande von Walter Benjamin enthält, nämlich “Zur kritischen Liquidierung des Apriorismus“, geschrieben von Sohn-Rethel.

Wenn das Ihr Interesse wecken sollte, würde ich den Kauf zweier Bücher empfehlen, um das vorgefundene Thema weiter zu vertiefen:

Alfred Sohn-Rethel: “Das Geld, die bare Münze des Apriori“, Wagenbach, Berlin, 1990 (leider nur antiquarisch zu besorgen – ich hab’s so erhalten),

und:

Richard Seaford: “Money and the Early Greek Mind – Homer, Philosophy, Tragedy”, Cambridge University, 2004.

Einen Einstieg in Sohn-Rethels Grabungen in der Geschichte und der Dekonstruktion der „Eucharistie“ der Waren-Tauschabstraktion und Geldabstraktion gibt ferner das Kapitel über das Subjekt in der Wirtschaft und der Theorie in seiner Dissertationsschrift “Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft“.

Jetzt haben Sie eine Vorstellung von meiner kommenden Woche…

Auf Platz 7 erachte ich es als erfreulich an, dass Chris Hedges eine eigene TV-Sendung bekommen wird, wie hier hervorgeht.

Ferner erachte ich es als erfreulich an, wenn das FAZ-Feuilleton diesen Geburtstag-Gruß hier an Bazon Brock parat hat, und wenn in der kommenden Woche dieses Brock’sche Werk hier erscheint.

Auf Platz 6 sind jene, die gestern reich waren, in Form ihrer Nachfahren immer noch reich. Darauf läuft eine Studie von Guglielmo Barone und Mauro Mocetti hinaus, die sich Steuerdaten der Stadt Florenz bis zurück ins Jahr 1427 ansahen und sie mit heute verglichen.

Mehr dazu hier.

Auf Platz 5 geht es zu Wirtschaft und Finanzen in aktueller Form über.

Ungefähr ein Drittel aller staatlichen Schuldentitel auf dem Globus bringen mittlerweile eine negative Rendite ein, was hier in den Fokus gerückt wird.

Bill Holter macht sich Gedanken zur Suche nach einem Sündenbock für den kommenden Crash und meint, mit der Deutschen Bank einen brauchbaren Kandidaten gefunden zu haben – siehe hier.

Hier steht etwas zu deutsch-chinesischen Wirtschaftskooperationsmöglichkeiten, während hier generelle Gedanken zu China und der Neuen Seidenstraße aufpoppen, angefangen mit der Medienberichterstattung in Kanada.

Auf Platz 4 brachte das WDR-Politmagazin “Monitor“ unter der Überschrift „Die Geschichte von 9/11 muss neu geschrieben werden“ ein Interview mit Bob Graham, dem ehemaligen Vorsitzenden jener Untersuchung von Senat und Repräsentantenhaus zu den Terroranschlägen von 9/11, deren Abschlussbericht der Öffentlichkeit bis heute nur unvollständig bereitsteht. Es ging in dem Gespräch hier und dem Bericht hier um die Freigabe exakt dieser 28 geheimen Seiten.

Einen Kommentar zur “Monitor“-Berichterstattung gibt es von Mathias Bröckers hier.

Der “Krieg gegen den Terror“, den der 11. September 2001 bewirkte, ist ein Multi-Billionen-Dollar-Geschäft, wie Ihnen hier und hier dargestellt wird, und vielleicht rückt man sich ja langsam den nächsten Gegner zurecht, damit der Dollar auch weiterhin rollt.

Auf Platz 3 sei zunächst eine Wortmeldung von Joshua R. Itzkowitz Shifrinson hervorgehoben, und zwar (in Kurzform):

Russia’s got a point: The U.S. broke a NATO promise”,

und (in Langform):

Deal or No Deal? The End of the Cold War and the U.S. Offer to Limit NATO Expansion„.

Des Weiteren unterhält sich John Batchelor einmal mehr mit Russland-Kenner Stephen F. Cohen. Der Titel der Sendung lautet „The Return of Stalinism“, aber tatsächlich geht es um den Nationalismus, der sowohl in Ost wie in West auf dem Vormarsch ist. Cohen erklärt ausführlich, was Stalin für manche Russen attraktiv erscheinen lässt, und dies tut er hier.

Danach sollten Sie sich Zeit für einen Artikel von John Helmer nehmen, der hier erschien, “THE RED LINE CROSSED, IN THE CROSS-HAIRS, AT TRIGGER POINT — WAITING FOR AN OCTOBER SURPRISE”. Helmer zählt nicht zu den üblichen Verdächtigen in Sachen Panikmache…

Unwohl ist’s diesen Russen hier in den USA zumute.

Eine Frage noch: Kennen Sie eigentlich die neue Seite „The Duran“ schon? Ein Projekt, an dem Alexander Mercouris, der sich (wie auch Peter Lavelle und andere) mit „Russia Insider“ offenbar überworfen hat, maßgeblich beteiligt ist. Schauen Sie mal hier vorbei.

Auf Platz 2 können Sie sich mit Bobby Kennedys Tod beschäftigen. Ich beschäftige mich bisweilen mit dem Thema, und so landete ich gestern hier, um einem Gespräch mit einem Vertrauten von Bobby Kennedy, Paul Schrade, zu lauschen.

Und auf Platz 1 informiert Sie James Corbett über das neuerwachte Interesse am Petrodollar, nämlich hier unter “Why is the MSM (Finally) Reporting on the Petrodollar?“

Zuletzt noch das Musikstück der Woche: JON HASSELL: Last Night The Moon Came.

In dem Sinne, ganz der Ihre,

Lars Schall.

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One Response to “Die Woche im Rückspiegel betrachtet”

  1. Frank sagt:

    ich möchte mich ausdrücklich für „die Woche im Rückspiegel“ bedanken und hoffe weiter dieser Art des Journalismus meine Aufmerksamkeit schenken zu können. Was mich besonders berührte war in der letzten Woche die Veröffentlichung zu den sog. „Sicherheitsdienstleistern“ im Dienste unserer US amerikanischen Partner. Mag sein ich bin zu sensibel und nicht massiv genug aufgestellt um eine Akzeptanz zu entwickeln wenn man der Gute sein möchte. Ich kann es ncht und will es auch nicht.

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