DAS WANDERNDE AUGE – Ein schlechtes Drehbuch und der NATO-Knall

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Der Investigativjournalist Pepe Escobar befasst sich mit einem arg unwahrscheinlich anmutenden Mordkomplott und der jüngsten Entwicklungen in Libyen. Was die Storyline des angeblichen iranischen Plans zur Tötung des saudischen Botschafters auf US-amerikanischen Boden betrifft, so meint Escobar, dass sie von jeder Hollywood-Drehbuchkonferenz mit Selbstachtung in den Mülleimer verwiesen worden wäre. Und in Sachen Libyen sieht er die Grundlage für einen verewigten „Krieg gegen den Terror“ bereitet, der einmal mehr manch andere Agenda begünstigt.

Von Pepe Escobar, Übersetzung Lars Schall

Der 1954 geborene Pepe Escobar aus Sao Paulo, Brasilien ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit. Escobar, der vom früheren CIA-Analysten Ray McGovern schlichtweg “der Beste“ genannt wird, arbeitet für die Asia Times und ist ein Analyst von The Real News. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War, Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge und Obama does Globalistan.

Er hat von verschiedenen Ländern und Konflikten berichtet, darunter Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, Zentralasien, U.S.A. und China. Für Asia Times Online ist er als ‘The Roving Eye’, das heißt: “Das Wandernde Auge“ unterwegs, um vor allem geopolitische Weltereignisse, aber auch die Art, wie sie in den Medien präsentiert werden, zu diskutieren. Diese Kolumne übersetzen wir mit freundlicher und ausdrücklicher Autorisierung von Pepe Escobar exklusiv für LarsSchall.com ins Deutsche.

Bezüglich des angeblichen iranischen Mordkomplotts, das im ersten Text von Pepe Escobar behandelt wird, möchten wir ferner auf „Petraeus‘ CIA facht Irans Mordkomplott an“ verweisen, eine Darstellung des Falls durch den ehemaligen leitenden CIA-Analysten Ray McGovern, die hier zu finden ist:

http://www.larsschall.com/2011/10/18/petraeus-cia-facht-irans-mordkomplott-an/.

DAS WANDERNDE AUGE

Wie in einem schlechten Drehbuch

von Pepe Escobar

Das Mekka der Konterrevolution und des Hasses auf den arabischen Frühling – auch als das Haus Saud bekannt – kann sein Glück kaum fassen. Es ist Weihnachten im Oktober – da ihm die Regierung der Vereinigten Staaten gerade das perfekte Geschenk überreichte. In den aufgeregten Worten von US-Justizminister Eric Holder: „Ein tödliches Komplott, das von Teilen der iranischen Regierung gesteuert wurde, um einen ausländische Botschafter auf US-Boden mit Sprengstoff zu ermorden.“

Der saudische Prinz Turki al-Faisal, der ehemalige Botschafter in Washington, der ehemalige Chef des saudischen Geheimdienstes und der ehemalige große Kumpel von Osama bin Laden, nahm sich keinerlei Zeit, um einer Konferenz in London mitzuteilen: „Die Beweislast und die Menge der Beweise sind in diesem Fall überwältigend, und sie zeigen deutlich die offizielle iranische Verantwortung dafür. Das ist inakzeptabel. Jemand im Iran wird dafür den Preis zu zahlen haben.“

Der „Iran“ – das ganze Land – ist also bereits von der Achse Washington/Riad auf die Guillotine gebracht worden, auch wenn die trübe Geschichte des Justizministeriums im Stile von „Wag the Dog“, die Operation Rote Koalition, eine zunehmende Suspendierung der Ungläubigkeit erfordert.

Die Operation Rote Koalition kreist um Mansour Arabsiar, einem 56-jährigen Autoverkäufer aus Corpus Christi in Texas, der sowohl einen iranischen, als auch einen amerikanischen Pass besitzt, und um einen im Iran ansässigen Mitverschwörer, Gholam Shakuri, ein angebliches Mitglied der Quds-Einheit der islamischen Revolutionsgarden (Islamic Revolutionary Guards Corps, IRGC).

Der Direktor der Bundespolizei der USA (United States Federal Bureau of Investigation, FBI), Robert Mueller, betonte, dass sich der angebliche vom Iran ausgedachte Terror-Plot, in seinen eigenen Worten: „wie die Seiten eines Hollywood-Drehbuchs (liest)“. Doch diese „Fast-and-Furious“-Fortsetzung würde von jeder Hollywood-Drehbuchkonferenz mit Selbstachtung in den Müll geworfen werden.

Schneller, Muchachos, kill, kill!

Die US-Regierung erwartet von einer arglosen Welt zu glauben, dass ein gescheiterter Autoverkäufer in Texas von einem ausgewählten Geheimdienst-Arm der iranischen Regierung damit beauftragt wurde, irgendjemanden herauszufischen, der wie ein mexikanischer Drogen-Gangster aussah, und dann für 1.5 Millionen US-Dollar einen Mordanschlag auf den saudischen Botschafter in Washington zu bestellen – während in der Zwischenzeit der ungehinderte Zugang zu „Tonnen an Opium“ versprochen wurde.

Doch in der strafrechtlichen Anklageschrift gegen Arabsiar und Shakuri, die von FBI-Special Agent Robert Woloszyn unterzeichnet wurde, gibt es absolut keine spezifischen Angaben zur Beteiligung der iranischen Regierung, auf der höchsten oder auf sonst irgendeiner Ebene.

Laut der Narration der US-Regierung war Arabsiar töricht genug, um einem eingeschleusten Agenten der Drug Enforcement Agency zu vertrauen, der ein Mitglied des mexikanischen Zeta-Drogenkartells spielte. Er erzählte diesem Agenten und seinen Freunden, dass er der Neffe eines hohen Beamten in Teheran sei – und dass er im Namen der höchsten Regierungsränge aktiv wäre.

Man erwartet von uns also zu glauben, dass ein iranischer General einen Dumm-und-Dümmer-Verwandten in den USA darum bittet, loszuziehen, um ein Drogenkartell für einen politischen Mord anzuheuern – als ob die US-Geheimdienste nicht in der Lage wären, die ganze Sache bis zu ihm zurückverfolgen zu können, insbesondere nachdem 100.000 US-Dollar, angeblich aus dem Iran, in die USA als Anzahlung für den Mord an einen Kerl überwiesen worden waren, der für Scheckbetrug verurteilt wurde.

Jenseits aller ideologischen Voreingenommenheit: jeder, der weiß, wie professionell die IRGC und die Quds-Einheit zu sein vermögen, kann nicht umhin, dies als völligen Quatsch abzutun – vor allem als Teil einer komplexen internationalen Operation, die den Iran, seinen Todfeind die USA, Mexiko und Saudi-Arabien umfasst. Übrigens „gestand“ Arabsiar all dies nach 12 Tagen Nonstop-Verhör (Waterboarding, irgendwer?).

Dann ist da noch das Ziel. Laut dem Justizministerium war das Ziel nicht die USA. Demnach kann das Angreifen eines Botschafters des Hauses Saud – eines „wertvollen“ Verbündeten – auf US-Boden nur durch einen Todeswunsch erklärt werden, der von ernsthaft gestörten, selbstmörderischen Iranern geäußert wurde, die darauf aus waren, einen US-Militärschlag, nuklear oder anderweitig, einzuladen.

Zu glauben, dass ein mexikanisches Drogenkartell in einen mühseligen politischen Mord in der US-Hauptstadt investieren würde, um ein Bündel an Opium (aus dem „befreiten“ Afghanistan) einzusammeln, ist ebenfalls ein Rohrkrepierer. Aber das Bild ändert sich, wenn man den Nutzen für die Mudschaheddin-e-Kalq bedenkt – die fundamentalistische, terroristische Organisation, die den Sturz der Islamischen Republik will. Oder den möglichen Nutzen für eine gespenstische al-Qaida im Hinblick auf die Schaffung eines Dreifach-Kriegs, an dem Washington, Teheran und Riad beteiligt sind.

Es gibt auch die israelische Falsche-Flaggen-Option. Abgesehen von der Tatsache, dass der Plot wie der feuchte Traum des American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) aussieht, der Holder auf dem silbernen Teller gereicht wurde, würden die Israel-Lobby in Washington sowie allerlei Zionisten nichts lieber tun, als sich hinter einem Causus Belli zu sammeln, der in Washington selbst etabliert wurde, der vielleicht zu einem US-Militärschlag irgendeiner Art gegen den Iran ohne direkte israelische Beteiligung führt.

Dem offiziellen Mantra zufolge sollen die Amerikaner immer wieder daran erinnert werden, dass der Iran eine „existenzielle Bedrohung“ für den jüdischen Staat ist. Den saudischen Botschafter ins Visier zu nehmen, ist perfekt im Hinblick auf die Einbeziehung des Hauses Saud für die logistische Unterstützung eines solchen Militärschlags.

Selbst wenn man annimmt, dass irgendeine Art von Schurken-Fraktion der Quds-Einheit mit einer Drogenschmuggel-Verbindung in dieser schlampigen Möchtegern-Operation involviert sein könnte, gibt es auch die Möglichkeit, dass dies als Vergeltung für die jüngsten gezielten Ermordungen von leitenden iranischen Atomwissenschaftlern im Iran hätte ausgelegt werden können. Das erklärt aber immer noch nicht die Wahl eines saudischen Botschafters auf amerikanischem Boden. (Siehe „Israel wages war on Iranian scientists “ auf Asia Times Online am 27. August.)

Cui bono?

Wieder einmal: warum gerade jetzt? Der Plot ist angeblich schon seit Monaten bekannt. Präsident Barack Obama wurde darüber im Juni informiert. König Abdullah wurde darüber Mitte September informiert. Also warum jetzt? Es geht wieder auf die üblichen Verdächtigen zurück.

Die Neo-Konservativen. Teile des militärisch-industriellen Komplex. Rechtsextreme, völlig bekloppte Republikaner und ihre Medienmeute. Die Israel-Lobby. Das Haus Saud – das jetzt als „Opfer“ der „bösen“ Iraner gemalt wird, wo es doch tatsächlich die heftige Konterrevolution durchgeführt hat, die jede Möglichkeit eines arabischen Frühlings im Persischen Golf zerstörte – inklusive die Invasion und Unterdrückung des Bahrain.

Der Plot ist sehr praktisch, um die Aufmerksamkeit von Saudi-Arabien als dem Empfänger eines Multi-Milliarden-US-Waffenverkaufs abzulenken. Und auch sehr praktisch, um die Aufmerksamkeit von Holder selber abzulenken, der in einem weiteren monströsen Skandal steckt, namentlich ob er hinsichtlich der Operation „Fast and Furious“ gelogen hat, einem bundesstaatlichen Waffenschwindel, durch den nicht weniger als 1.400 leistungsstarke US-Waffen spurlos in den Händen von – Sie ahnen es – mexikanischen Drogenkartellen verschwanden. Scheint so, als sei die Fast-and-Furious-Franchise die Unterhaltungswaffe der Wahl auf allen Ebenen der US-Regierung.

Washington will „die Welt“ gegen den Iran „vereinen“ („die Welt“ bedeutet die North Atlantic Treaty Organization – NATO) und droht den Iran auf drastische Art vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu bringen – wieder einmal.

Lassen Sie uns also gespannt auf eine gedämpfte R2P-Resolution warten (R2P = „responsibility to protect“, zu Deutsch: Verantwortung zum Schutz), die die NATO anweist, über jeden Prinzen des Hauses Saud eine Flugverbotszone in der ganzen Welt zu etablieren. Eine Resolution, die als NATO-Mandat interpretiert würde, um den Iran in den Regimewechsel hineinzubomben. Nun, das ist ein Skript, an das Sie glauben können.

DAS WANDERNDE AUGE

Ein Vorgeschmack auf das neue Libyen

von Pepe Escobar

Sie kämpfen um den Kadaver wie Geier. Das französische Verteidigungsministerium sagte, dass sie ihn mit einem Rafale-Kampfjet erwischten, der über seinen Konvoi feuerte. Das Pentagon sagte, dass sie ihn mit einer Predator-Drohne erwischten, die eine Hellfire-Rakete abfeuerte. Nachdem ein verwundeter Oberst Muammar Gaddafi Zuflucht in einem schmutzigen Abflussrohr unterhalb der Autobahn suchte – ein unheimliches Echo von Saddam Husseins „Loch“ -, wurde er von „Rebellen“ des nationalen Übergangsrat (Transitional National Council, TNC) gefunden. Und dann ordnungsgemäß exekutiert.

Abdel-Jalil Abdel-Aziz, ein libyscher Arzt, der Gaddafis Körper in einen Krankenwagen begleitete und untersuchte, sagte, dass er an zwei Kugeln starb, eine auf der Brust, eine auf den Kopf.

Der TNC – der über Monate mit Lügen, Lügen und noch mehr Lügen hausieren ging – schwört, dass er im „Kreuzfeuer“ starb. Möglicherweise war es ein Mob. Möglicherweise war es Mohammad al-Bibi, ein 20-jähriger Sportskamerad mit einer New York Yankees-Baseballkappe, der vor der ganzen Welt posierte, indem er mit Gaddafis goldener Pistole herumschwenkte; vielleicht sein Ticket zum Einstreichen der saftigen 20 Millionen US-Dollar, die für Gaddafi „tot oder lebendig“ ausgelobt waren.

Es wird kurioser und kurioser, so man bedenkt, dass dies genau das ist, was US-Außenministerin Hillary Clinton bei ihrem Blitzbesuch in Tripolis weniger als 48 Stunden zuvor angekündigt hatte: Gaddafi solle „gefangen genommen oder getötet“ werden. Die Märchenfee erfüllte Clintons Wünsche, die davon erfuhr, als sie es auf dem Bildschirm eines BlackBerry beobachtete – und darauf mit dem semantischen Erdbeben „Wow!“ reagierte.

Und nun zu den Gewinnern. Sie alle haben es getan: die North Atlantic Treaty Organization (NATO), das Pentagon und der TNC. Von der ersten Minute an, da eine Resolution der Vereinten Nationen zur Einführung eines Flugverbotszone über Libyen zu einer Erlaubnis für einen Regimewechsel geworden war, bestand Plan A immer darin, ihn gefangen zu nehmen und zu töten. Gezielte Ermordung, das ist offizielle Politik der Barack Obama-Regierung. Es gab keinen Plan B.

Lass mich dich in Schutz bomben

Was R2P angeht (die „Verantwortung zum Schutz“ von Zivilisten), sollten sich alle Zweifler an die Erklärung von NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen halten: „Die NATO und unsere Partner haben erfolgreich den historische Auftrag der Vereinten Nationen zum Schutz der Menschen in Libyen ausgeführt.“ Jeder, der den NATO-Schutz von Zivilisten überprüfen möchte, muss nur auf einen Pick-up-Truck springen und nach Sirte gehen – dem neuen Falludscha.

Die Reaktionen waren ziemlich aufschlussreich. Der TNC-Bürokrat Abdel Ghoga machte auf Colosseum im Römischen Imperium und sagte: „Die Revolutionäre haben den Kopf des Tyrannen.“

US-Präsident Barack Obama sagte, der Tod von Gaddafi bedeute, dass „wir die Stärke der amerikanischen Führung in der ganzen Welt (sehen)“. Das ist ein „Wir haben ihn“, wie man es nur erwarten kann, zumal unter Berücksichtigung, dass Washington nicht weniger als 80% der Betriebskosten dieser Dummköpfe bei der NATO bezahlte (über 1 Milliarde US-Dollar – die Occupy Wall Street leicht anprangernd sagen könnte, dass sie eher hilfreich zur Schaffung von Arbeitsplätzen in den USA eingesetzt hätte werden können). Seltsam, jetzt zu sagen, „wir haben es geschafft“, da das Weiße Haus stets sagte, dies sei kein Krieg; es war ein „kinetisches“ Irgendwas. Und sie seien nicht verantwortlich.

Es war dem majestätischen Außenpolitik-Strategen, US-Vizepräsident Joe Biden, überlassen, wesentlich aufklärerischer als Obama zu sein: „In diesem Fall gab Amerika 2 Milliarden US-Dollar aus und verlor nicht ein einziges Leben. Dies ist eher das zukünftige Rezept für den Umgang mit der Welt, als es in der Vergangenheit war.“

Welt, du wurdest gewarnt: dies ist, wie das Imperium von jetzt an mit dir umgehen wird.

Fühle meine humanitäre Liebe

Glückwünsche also an die „internationale Gemeinschaft“ – die sich, wie jeder weiß, aus Washington, ein paar gescheiterten NATO-Mitgliedern und den demokratischen Kraftpaketen vom Persischen Golf, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, zusammensetzt. Zumindest diese Gemeinschaft liebte das Ergebnis. Die Europäische Union begrüßte „das Ende einer Ära des Despotismus“ – nachdem sie bis nahezu Donnerstag Gaddafis Kleider gestreichelt hatten, überschlagen sie sich nun in Leitartikeln über die 42-jährige Herrschaft des „Narren“.

Gaddafi wäre ein höchst unbequemer Gast des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag gewesen, da er genüsslich an all die Handküsse, die warmen Umarmungen und die saftigen Geschäftsangebote des bettelnden Westens erinnert hätte, nachdem er vom „verrückten Hund“ (Ronald Reagan) zu „unserem Bastard“ befördert worden war. Er würde auch lustvoll die Details der schattigen Hintergründe dieser Opportunisten geliefert haben, die nun als „Revolutionäre“ und „Demokraten“ posieren.

Was das Konzept des Völkerrechts angeht, so liegt es in einen solch schmutzigen Abflussrohr, wie dem, in dem Gaddafi war. Der irakische Diktator Saddam bekam zumindest einen Schauprozess vor einem Scheingericht, ehe er den Henker traf. Osama bin Laden wurde einfach ausgelöscht, im Mordanschlag-Stil, nach einer territorialen Invasion Pakistans. Gaddafi ging eine Stufe höher, ausgelöscht durch einen Mix aus Luftkrieg und Mordanschlag.

Die Macht-Geier verstopfen den Himmel. Der in London ansässige Mohammed El Senussi, der Erbe des libyschen Throns (König Idris wurde 1969 gestürzt), ist bereit für seine Nahaufnahme, nachdem er schon darstellte, dass er „ein Diener des libyschen Volkes“ sei, „und sie entscheiden, was sie wollen“. Übersetzung: ich will den Thron. Er ist offensichtlich der Wunschkandidat des konterrevolutionären Hauses Saud.

Und was ist mit den Think-Tank-Eseln in Washington, die davon murmeln, dass dies der „Ceausescu-Mmoment“ des arabischen Frühlings war? Wenn doch nur der rumänische Diktator den Lebensstandard seines Landes verbessert gehabt hätte – bezüglich auf kostenlose Gesundheitsversorgung, kostenlose Bildung, Anreize für die Neuvermählten etc – zu einem Bruchteil dessen, was Gaddafi in Libyen getan hat. Plus die Tatsache, dass Nicolae Ceausescu nicht durch „humanitäre“ Bomben der NATO abgesetzt wurde. Lediglich die Hirntoten haben vielleicht die Propaganda der über 40.000 „humanitären“ Bombardierungen der NATO geschluckt – die die libysche Infrastruktur zurück in die Steinzeit verwüsteten (fühlt sich irgendwer an „Shock and Awe“ – Schock und Ehrfurcht – in Zeitlupe erinnert?). Dies hatte nie etwas mit R2P zu tun – die unerbittliche Bombardierung von Zivilisten in Sirte beweist es.

Wie die vier BRIC-Mitglieder noch vor der Abstimmung der UN-Resolution 1973 wussten, ging es um die NATO-Herrschaft über das Mittelmeer als einen NATO-See, um Africoms Krieg gegen China und die Einrichtung einer wichtigen strategischen Basis, um ertragreiche Verträge für die Franzosen und Briten zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen Libyens zu ihrem Vorteil, und darum, dass der Westen die Narration des arabischen Frühlings bestimmte, nachdem er beim Nickerchen in Tunesien und Ägypten erwischt worden war.

Hören Sie auf das barbarische Wimmern

Willkommen im neuen Libyen. Intolerante islamistische Milizen werden das Leben von libyschen Frauen in eine Hölle auf Erden verwandeln. Hunderttausende von Sub-Sahara-Afrikaner – diejenigen, die nicht entkommen konnten – werden rücksichtslos verfolgt werden. Libyens natürlicher Reichtum wird geplündert werden. Die Ansammlung von Flugabwehrraketen, die sich von Islamisten angeeignet wurde, wird ein höchst überzeugendes Argument für den verewigten „Krieg gegen den Terror“ in Nordafrika werden. There Will Be Blood, es wird Blut geben: Bürgerkriegsblut, weil sich Tripolitanien weigern wird, sich von der rückständigen Kyrenaika beherrschen zu lassen.

Für die übrigen Diktatoren überall gilt, dass sie sich eine Lebensversicherung bei der NATO Inc. besorgen sollten; Ägyptens Hosni Mubarak, Tunesiens Zine al-Abidine Ben Ali und Jemens Ali Abdullah Saleh waren klug genug, es zu tun. Wir alle wissen, dass es niemals ein R2P zur Befreiung der Tibeter und Uiguren oder der Menschen im Monster-Gulag Myanmar oder der Menschen in Usbekistan oder der Kurden in der Türkei oder der Paschtunen auf beiden Seiten der imperial gezogenen Durand-Linie geben wird.

Wir wissen ebenso, dass der Wechsel, an den die Welt glauben kann, der Tag sein wird, an dem die NATO eine Flugverbotszone über Saudi-Arabien erzwingt, um die Schiiten in der östlichen Provinz zu schützen, und zwar mit dem Freisetzen eines Hellfire-Bombenteppichs über die Tausende von mittelalterlichen, korrupten Prinzen des Hauses Saud.

Es wird nicht geschehen. In der Zwischenzeit ist dies die Art, in der der Westen endet: mit einem NATO-Knall und einem tausendfachen barbarischen, gesetzlosen Wimmern.(1) Angewidert? Besorgen Sie sich eine Guy Fawkes-Maske und lassen die Hölle los.(2)

Anmerkung des Übersetzers:

(1) Escobar spielt auf das Gedicht „The Hollow Men“ von T.S. Eliott aus dem Jahre 1925 an, dessen Schluss lautet:

This is the way the world ends

This is the way the world ends

This is the way the world ends

Not with a bang but a whimper.

(2) Guy Fawkes war eine zentrale Figur des so genannten “Gunpowder Plots“ von 1605, durch den der englische König James I. umgebracht werden sollte. Die besagte Maske dient dem “Anonymous“-Internetkollektiv als Identitätserkennung und –schutz. T.S. Eliott macht übrigens in “The Hollow Men“ mit dem Epigraph „A penny for the Old Guy“ eine Anspielung auf Fawkes.

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