Was ist „Finanzrepression“?

Um die “freien Märkte“, die viel beschwörten, ist’s schlecht bestellt, ja, im Grunde gibt es sie gar nicht mehr. “Das ist eine tiefe Ironie des ‚Markt‘-Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Und in 2012 wird sie sich nur noch vertiefen.“ Freilich mit Auswirkungen für jedermann.

Von Chris Powell, Übersetzung Lars Schall

Der nachfolgende Artikel erschien im englischen Original (“’Financial repression is gold price suppression“) auf der Website des Gold Anti-Trust Action Committee, GATA, unter:

http://www.gata.org/node/10835.

Die Übersetzung erfolgt durch persönliche Genehmigung von Chris Powell.

„Finanzrepression“ ist Goldpreisdrückung
von Chris Powell

Bezugnehmend auf die Kolumne der Redakteurin der Financial Times Gillian Tett vom 22. Dezember, „Ties Between Sovereigns and Banks Set to Deepen“ („Beziehungen zwischen Staaten und Banken vertiefen sich“), auf die GATA mit der Überschrift „Citing ‚Financial Repression,‘ FT’s Gillian Tett Sounds Like Jim Rickards and Rob Kirby“ (“Auf ‚Finanzrepression‘ berufend, klingt Gillian Tett von FT wie Jim Rickards und Rob Kirby“) hinwies – siehe: http://www.gata.org/node/1082 -, fragt ein Freund:

„Ist die Botschaft hier, dass die Regierungen festgelegt haben, dass der einzige Weg, um an der Macht zu bleiben, der ist:

– ihren Exzess durch das Bankensystem auf Kosten des privaten Sektors zu finanzieren;

– und der Goldpreisdrückung zuzustimmen, so dass die einzige Alternative zu diesem System auch nicht attraktiv ist?

Wenn sich die Chinesen, Inder, Japaner und andere diesem Machterhaltungsprogramm anschließen, dann scheint es – wie Sie schon lange gesagt haben -, dass kein echter Markt mehr übrig ist, und wir sind alle aufgeschmissen, nicht wahr? Das ist nicht gerade das, was ich glauben will, aber wenn es das ist, wo wir stehen, vermute ich, dass ich damit umgehen muss.“

Ich antwortete:

„Ja, das ist es, wie ich die Kommentare über die ‚Finanzrepression‘, die durch Rickards, Kirby, Tett und andere gemacht wurden, verstehe. Es ist eine Angelegenheit der Regierungen, es für Investoren unmöglich zu machen, Geld zu verdienen, außer durch Unternehmungen, die von der Regierung selbst ausdrücklich genehmigt und.entworfen wurden; Unternehmungen, die zunehmend schmaler ausfallen, indem die staatlichen Eingriffe in Märkte immer weiter verbreiteter werden.

Die wirtschaftlichen Umstände und Märkte werden weiterhin versuchen,  Wege zu finden, um sich zu behaupten, und die unterschiedlichen Interessen einiger Ländern könnten diese dazu bringen,  gegen jene ‚Finanzrepression‘ zu handeln, die andere Länder durchzusetzen versuchen, was Rickards in seinem neuen Buch Currency Wars beschreibt. Es gibt somit keine Gewissheit darüber, wie die Dinge letztlich enden werden, nur Gewissheit darüber, dass es weniger Demokratie und mehr Totalitarismus geben wird. Das ist das, was GATA die ganze Zeit bekämpft hat.“

Die „Finanzrepression“ wurde möglicherweise zuerst von dem britischen Ökonomen Peter Warburton 2001 in seinem Aufsatz „The Debasement of World Currency: It Is Inflation, But Not as We Know It“ (“Die Entwertung der Währung der Welt: Es ist Inflation, aber nicht, wie wir sie kennen“)  vorhergesehen – siehe: http://www.gata.org/node/8303.

Warburton schrieb: „Was wir derzeit sehen, ist eine Schlacht zwischen den Zentralbanken und dem Zusammenbruch des Finanzsystems, der an zwei Fronten gekämpft wird. An der einen Front schaffen die Zentralbanken zusätzliche Liquidität für das Finanzsystem, um die Flut an Zahlungsausfällen auf Schulden abzuhalten, die sonst auftreten würde. An der anderen hetzen sie Investmentbanken und anderen willige Parteien dazu auf, gegen einen Anstieg der Preise von Gold, Öl, Basismetalle, Rohstoffe oder irgendetwas anderes zu wetten, das als Indikator für den inhärenten Wert herangezogen werden könnte. Ihr Ziel ist es, den unabhängigen Beobachter eines verlässlichen Maßstabs zu berauben, gegen den der erodierende Wert gemessen werden könnte, nicht nur der des US-Dollars, sondern der von allen Fiat-Währungen. Ebenso versuchen sie dem Investor die Möglichkeit vorzuenthalten, sich  gegen die Fragilität des Finanzsystems durch das Umschalten in einen frei gehandelten Markt für nicht-finanzielle Vermögenswerte abzusichern.“ [Hervorhebung hinzugefügt.](1)

Das bedeutet „Finanzrepression“.

Als sie die Idee diesen Monat erreichte, schrieb Tett eindringlich: „Um dies zu verstehen, lohnt es sich einen Blick auf ein faszinierendes Arbeitspapier von Carmen Reinhart und M. Belen Sbrancia zu werfen, das von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich veröffentlicht wurde, aber auf  einer früheren Arbeit für den Internationalen Währungsfonds gründet. (…)

Was Reinhart und Sbrancia sagen, ist: wenn Sie verstehen wollen, wie der Westen seine Schulden während des letzten großen Kampfs der Entschuldung kürzte – nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg -, dann konzentrieren Sie sich nicht nur auf Sparmaßnahmen oder Wachstum. Stattdessen ist die entscheidende Sache die, dass der Staat in dieser Zeit eine Situation herbeiführte, in der die Renditen der Staatsanleihen für viele Jahre leicht unter der vorherrschenden Inflationsrate gehalten wurden. Diese Lücke war nicht groß. Da aber Vermögensverwalter und Banken weiterhin diese Anleihen zu ungünstigen Kursen kauften, half diese implizite, subtile Subvention von Investoren der Regierung dabei, ihren Schuldenberg über mehrere Jahre zu kürzen. In der Tat berechnen Reinhart und Sbrancia, dass diese ‚Repression‘ die Hälfte der fiskalischen Anpassung in den USA und in England nach dem Zweiten Weltkrieg ausmachte, und zwar durch den Zauber der Aufzinsung (compounding).

Heutzutage ist es schwer vorstellbar, dass irgendeine westliche Regierung unverhohlen eine zweite Welle einer solchen ‚Repression‘ forderte. Immerhin, wie Kevin Warsh, ein ehemaliger Fed-Gouverneur, kürzlich bemerkte, ist der Nachteil der finanziellen Repression, dass sie private Investitionen und das Kreditvergabewachstum drosselt. Und in jedem Fall ist es ein strittiger Punkt, ob eine solche Unterdrückung angesichts der globalisierten Natur der Märkte heute überhaupt umgesetzt werden könnte.

Trotzdem sind die politische Anreize, um mit diesem Konzept zu flirten, klar. Denn die Schönheit einer getarnten Subvention besteht genau darin: Sie ist zu subtil, um von den meisten Wählern verstanden zu werden. Sie ist wohl auch eine gerechtere Form der Lastenteilung und damit politisch weniger trennend, als, sagen wir, staatliche Ausgabenkürzungen.

Darüber hinaus müssen Regierungen nicht unbedingt ‚repressiv‘ sein, um den ‚Repressions‘-Trick zu erzielen. Wie der Ökonom Alan Taylor beobachtet: wenn die Investoren so sehr verängstigt sind, dass sie keine alternativen Investitionsmöglichkeiten sehen können, könnten sie am Ende doch Staatsanleihen kaufen – selbst zu unattraktiven Preisen [Hervorhebung hinzugefügt]. Tatsächlich ist dies wohl das, was bereits heute im Markt für US-Schatzanweisungen oder der Welt der japanischen Staatsanleihen geschieht. Und vielleicht auch  in der Eurozone. Als den Banken der Eurozone vor zwei Jahren 442 Milliarden Euro an Geldern von der Europäischen Zentralbank gegeben wurde,  nutzten sie immerhin die Hälfte davon zum Kauf von Staatsanleihen – ohne jeden Zwang.

Wie immer Sie das auch nennen wollen, die Finanzen des Staates und des privaten Sektors werden von Tag zu Tag immer mehr miteinander verbunden. Das ist eine tiefe Ironie des ‚Markt‘-Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Und in 2012 wird sie sich nur noch vertiefen.“

Somit brachte Tett, wie Warburton lange vor ihr, die Absicht hinter der Goldpreisdrückung perfekt zum Ausdruck, auch wenn sie erklärte, dass es wenig Sinn ergäbe, die Zentralbanker über ihre Umsetzung der „öffentlichen“ Politik zu befragen. („Heutzutage ist es schwer vorstellbar, dass irgendeine westliche Regierung unverhohlen eine zweite Welle einer solchen ‚Repression‘ forderte.“) Im Mainstream-Finanzjournalismus wird es einfach als selbstverständlich erachtet, dass man nichts über die Zwecke und Ziele der Zentralbanken von den Zentralbanken selbst erfährt, sondern von Wissenschaftlern, Marktanalysten, Wahrsagern oder wer sonst noch ans Telefon geht, wenn es ein Zentralbanker nicht tut.

Als eine praktische Sache ist diese Annahme des Mainstream-Finanzjournalismus wahrscheinlich richtig. Aber die Welt könnte sich zu verändern beginnen, wenn auch langsam, falls Journalisten versuchten, die Zentralbanker bei öffentlichen Gelegenheiten zu befragen und über ihre Ausflüchte oder Ablehnungen einer Antwort berichteten. Eventuell werden Investoren und auch die Öffentlichkeit zum Verständnis darüber gelangen, dass eine große Macht, namentlich die Macht, die Preise aller Kapital-, Arbeits-, Waren- und Dienstleistungen in der Welt zu kontrollieren – das heißt, die Macht über die Preiskontrolle von allem, absolute Macht – im Geheimen ausgeübt wurde, damit die Welt besser enteignet werden kann, dass die Demokratie zerschlagen worden ist, und dass, wie  ein bloßer High-School-Absolvent vor einigen Jahren anmerkte: „Es gibt keine Märkte mehr, nur Interventionen.“ (http://www.gata.org/node/6242.)

Chris Powell, Secretary / Treasurer
Gold Anti-Trust Action Committee Inc.

(1) „What we see at present is a battle between the central banks and the collapse of the financial system fought on two fronts. On one front, the central banks preside over the creation of additional liquidity for the financial system in order to hold back the tide of debt defaults that would otherwise occur. On the other, they incite investment banks and other willing parties to bet against a rise in the prices of gold, oil, base metals, soft commodities, or anything else that might be deemed an indicator of inherent value. Their objective is to deprive the independent observer of any reliable benchmark against which to measure the eroding value, not only of the US dollar, but of all fiat currencies. Equally, they seek to deny the investor the opportunity to hedge against the fragility of the financial system by switching into a freely traded market for non-financial assets.“ [Emphasis added.] “

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