Kein Exit im Persischen Golf?

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Der US-amerikanische Sicherheits-Experte und Buchautor Michael T. Klare erklärt, weshalb sich die Meeresstraße von Hormuz im Persischen Golf zum am leichtesten brennbaren Flecken auf dem Planeten entwickelte, prädestiniert als wahrscheinlichster Ort für einen großen Konflikt globaler Bedeutung.

Von Michael T. Klare, Übersetzung Lars Schall

Der unten stehende Artikel erschien im Original auf der Website Tom Dispatch. Die Übersetzung erschien zunächst auf Rott&Meyer und erfolgt durch ausdrückliche persönliche Genehmigung von Michael T. Klare.

Michael T. Klare ist ein Professor für Friedens- und Weltsicherheits-Studien am Hampshire College in den USA, Korrespondent des Magazins The Nation und Autor von u. a. diesen Büchern:

  • Resource Wars: The New Landscape of Global Conflict;
  • Blood and Oil: The Dangers and Consequences of America’s Growing Dependency on Imported Petroleum;
  • Rising Powers, Shrinking Planet: The New Geopolitics of Energy.

Sein neuestes Buch The Race for What’s Left: The Global Scramble for the World’s Last Resources wird im März veröffentlicht werden.

Kein Exit im Persischen Golf?

von Michael T. Klare

Seit dem 27. Dezember haben sich die Wolken des Krieges über der Straße von Hormuz gesammelt, dem schmalen Wasserstreifen, der den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean und die Meere jenseits verbindet. An diesem Tag warnte der iranische Vizepräsident Mohammad Reza Rahimi, dass Teheran die Straße blockieren und Chaos an den internationalen Ölmärkten anrichten könnte, wenn der Westen neue wirtschaftliche Sanktionen gegen sein Land in Kraft setzen würde.

„Wenn sie Sanktionen gegen Irans Ölexporte verhängen“, erklärte Rahimi, „kann nicht auch nur ein Tropfen Öl durch die Straße von Hormuz fließen.“ Behauptend, dass ein solcher Schritt einen Angriff auf die vitalen Interessen Amerikas darstellte, informierte Präsident Obama Berichten zufolge Irans obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei, dass Washington Gewalt einsetzen würde, damit die Meerenge offen bliebe. Um ihre Drohungen zu untermauern, haben beide Seiten ihre Truppenstärken in der Region aufgestockt und jeder hat eine Reihe von provokanten militärischen Übungen durchgeführt.

Ganz plötzlich ist aus der Straße von Hormus der am leichtesten brennbare Flecken auf dem Planeten geworden, der wahrscheinlichste Ort für einen großen Konflikt zwischen gut bewaffneten Gegnern. Warum ist sie von allen Schauplätzen derart brisant geworden?

Öl ist natürlich ein wichtiger Teil der Antwort, aber – und das mag Sie überraschen – nur ein Teil davon.

Erdöl bleibt die weltweit wichtigste Energiequelle und etwa ein Fünftel der Ölversorgung des Planeten reist per Tanker durch die Meeresenge. „Hormuz ist aufgrund seines tägliche Öl-Flusses von fast 17 Millionen Barrel im Jahr 2011 das weltweit wichtigste Öl-Nadelöhr“, bemerkte das US-Energieministerium am Ende des letzten Jahres. Weil keine andere Region in der Lage ist, diese 17 Millionen Barrel zu ersetzen, würde jede längere Schließung einen globalen Mangel an Öl, einen Preisanstieg, und zweifellos damit verbundene wirtschaftlichen Panik und Unordnung bewirken.

Niemand weiß genau, wie hoch die Ölpreise unter solchen Umständen gehen würden, aber viele Energie-Analysten glauben, dass der Preis für ein Barrel sofort um $ 50 oder mehr springen könnte. „Sie würden eine internationale Reaktion bekommen, die nicht nur hoch sein würde, sondern irrational hoch“, sagt Lawrence J. Goldstein, ein Direktor der Energy Policy Research Foundation. Auch wenn militärische Experten davon ausgehen, dass die USA ihre überwältigende Macht nutzen würden, um die Meerenge von iranischen Minen und Hindernissen binnen weniger Tage oder Wochen zu räumen, würde das Chaos, das in der Region folgte, vielleicht nicht so schnell enden, was die Ölpreise für lange Zeit oben halten würde. Tatsächlich fürchten einige Analysten, dass die Ölpreise, die jetzt schon bei rund 100 Dollar pro Barrel schweben, sich schnell auf mehr als 200 Dollar verdoppeln könnte, um jede Aussicht auf eine wirtschaftliche Erholung in den Vereinigten Staaten und Westeuropa auszulöschen und möglicherweise den Planeten in eine erneute Große Rezession zu stürzen.

Die Iraner sind sich all dessen bewusst, und es ist aufgrund eines solchen Alptraum-Szenarios, dass sie westliche Führer von weiteren wirtschaftlichen Sanktionen und anderen mehr verdeckten Handlungen abhalten wollen, wenn sie mit der Schließung der Meeresenge drohen. Um solche Ängste zu beruhigen, haben US-Beamte gleichermaßen unnachgiebig ihre Entschlossenheit betont, die Meerenge offen zu halten. In einem solchen Fall erhöhter Spannung könnte sich ein Fehltritt von beiden Seiten als katastrophal erweisen und gegenseitige rhetorische Kriegslust in einen tatsächlichen Konflikt verwandeln.

Das militärische Oberhaupt im Persischen Golf

Mit anderen Worten: Öl, das die globale Wirtschaft brummen lässt, ist der offensichtlichste der Faktoren für den Ausbruch des Kriegsgeredes, wenn nicht gar des Krieges. Von mindestens ebenso großer Bedeutung sind verbundene politische Faktoren, die womöglich ihre Wurzeln in der Geopolitik des Öls haben, aber ein Eigenleben entwickelten.

Weil so viel von dem zugänglichen Öl der Welt in der Region am Persischen Golf konzentriert und ein steter Strom von Öl absolut notwendig für das Wohlergehen der USA und der Weltwirtschaft ist, ist es schon seit langem amerikanische Politik gewesen, mögliche feindliche Kräfte an der Erringung der Fähigkeit zu hindern, den Golf zu dominieren oder die Straße von Hormuz zu sperren. Präsident Jimmy Carter artikulierte diese Position zuerst im Januar 1980 nach der islamischen Revolution im Iran und der sowjetischen Invasion in Afghanistan. „Jeder Versuch, durch eine äußere Kraft, die Kontrolle über die Region am Persischen Golf zu gewinnen, wird als Angriff auf die vitalen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika betrachtet werden“, sagte er auf einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses, „und ein solcher Angriff wird mit allen notwendigen Mitteln abgewehrt werden, einschließlich militärische Gewalt.“

In Übereinstimmung mit diesem Vorsatz machte sich Washington zum militärischen Oberhaupt des Persischen Golfs, ausgerüstet mit der militärischen Macht, jeden möglichen Herausforderer überwältigen zu können. Zu jenem Zeitpunkt war das US-Militär jedoch nicht gut genug organisiert, um die Initiative des Präsidenten, die seither als die Carter-Doktrin bekannt wurde, umzusetzen. Als Reaktion schuf das Pentagon eine neue Organisation, das U.S. Central Command (CENTCOM), und stattete es schnell mit dem nötigen Rüstzeug aus, um jede rivalisierende Macht in der Region niederringen und die Seewege unter amerikanischer Kontrolle halten zu können.

CENTCOMs erster Einsatz fand 1987-1988 statt, als iranische Truppen kuwaitische und saudische Öltanker während des Iran-Irak-Kriegs angriffen und den Fluss der Öllieferungen durch die Meerenge bedrohten. Um den Tanker zu schützen, ordnete Präsident Reagan an, dass sie als amerikanische Schiffe “umgeflaggt” und von US-Kriegsschiffen eskortiert werden würden. Herauskam die Katastrophe des Iran Air Flight 655, ein ziviles Verkehrsflugzeug, das 290 Passagiere und Besatzungsmitglieder bei sich hatte, die alle starben, als das Flugzeug von einer Marschflugrakete der USS Vincennes getroffen wurde, die es für ein feindliches Kampfflugzeug gehalten hatte – eine Tragödie, die in den Vereinigten Staaten lange vergessen ist, aber im Iran immer noch für tiefe Verärgerung sorgt.

Irak war Amerikas De-facto-Verbündeter im Iran-Irak-Krieg, aber als Saddam Hussein 1990 in Kuwait einmarschierte – damit eine unmittelbare Bedrohung für die Vorherrschaft Washingtons am Golf darstellend -, befahl der erste Präsident Bush CENTCOM, Saudi-Arabien zu beschützen und die irakischen Streitkräfte aus Kuwait zu vertreiben. Und als Saddam seine Kräfte wieder aufgebaut hatte und seine Existenz abermals eine latente Bedrohung für Amerikas Vorherrschaft in der Region darstellte, befahl der zweite Präsident Bush CENTCOM, in den Irak einzumarschieren und sein Regime insgesamt zu beseitigen (was, wie wohl niemand vergessen hat, zu einer Kette von Katastrophen führte).

Wenn Öl die Wurzel für die dominierenden Rolle der USA in der Golfregion war, so entwickelte sich diese Rolle im Laufe der Zeit in etwas anderes: ein starker Ausdruck von Amerikas Status als globaler Supermacht. Indem es zum militärischen Oberhaupt des Golfs und zum selbsternannten Wächter des Öl-Verkehrs durch die Straße von Hormuz wurde, sagte Washington der Welt: „Wir, und wir allein sind es, die die Sicherheit Ihrer täglichen Ölversorgung gewährleisten und so den globalen wirtschaftlichen Zusammenbruch verhindern können.“ In der Tat, als der Kalten Krieges endete – und mit ihm ein US-amerikanisches Gefühl von Stolz und Identität als das Bollwerk gegen den sowjetischen Expansionismus in Europa und Asien -, wurde der Schutz des Ölflusses im Persischen Golf zu Amerikas größtem Supermacht-Anspruch, und er bleibt es auch heute noch.

Jede Option auf jeden Tisch

Mit dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 bestand die einzige potentielle Bedrohung für die Vorherrschaft der USA im Persischen Golf natürlich durch den Iran. Selbst unter dem US-gestützten Schah, lange Washingtons Mann in der Golfregion, hatten die Iraner versucht, die erste Macht in der Region zu werden. Nun, im Rahmen eines militanten schiitischen islamischen Regimes, haben sie sich als nicht weniger entschlossen herausgestellt und – man nenne es Ironie – dank Saddams Sturz und des Aufstiegs einer schiitisch dominierten Regierung in Bagdad haben sie es geschafft, ihre politische Reichweite in der Region zu erweitern. Mit Saddams Schicksal vor Augen, haben sie auch ihre defensiven militärischen Fähigkeiten aufgebaut und – in der Sicht vieler westlicher Analysten – ein Uran-Anreicherungsprogramm mit der Möglichkeit begonnen, spaltbares Material für eine atomare Waffe zu produzieren, sollte sich die iranische Führung eines Tages entscheiden, einen solch schicksalhaften Schritt tun zu wollen.

Iran stellt somit eine doppelte Herausforderung für den von Washington beanspruchten Status in der Golfregion dar. Er ist nicht nur ein halbwegs gut gerüstetes Land mit maßgeblichem Einfluss im Irak und anderswo, sondern durch die Förderung seines Atomprogramms droht er auch Amerikas zukünftige Fähigkeit stark zu erschweren, solche Straf-Angriffe durchführen zu können wie jene, die gegen die irakischen Streitkräfte in den Jahren 1991 und 2003 gestartet wurden.

Während das Militärbudget des Iran bestenfalls maßvoll ist und seine konventionellen militärischen Fähigkeiten nie annähernd an die überlegenen Kräfte in einer direkten Konfrontation von CENTCOM herankommen werden, kompliziert die mögliche Fortführung der atomaren Waffen-Fähigkeiten erheblich das strategische Kalkül in der Region. Auch ohne die letzten Schritte der Herstellung von Komponenten einer tatsächlichen Bombe – und keine Beweise sind bislang aufgetaucht, dass die Iraner es bis zu dieser kritischen Phase gebracht haben -, hat das iranische Nuklearprogramm die andere Länder im Nahen Osten alarmiert und die weitere Robustheit der regionalen Dominanz Amerikas in Frage gestellt. Aus Washingtons Perspektive ist eine iranische Bombe – ob real oder nicht – eine existentielle Bedrohung für den fortgesetzten Supermacht-Status Amerikas.

Wie der Iran nicht nur daran gehindert werden kann, eine Nuklearmacht zu werden, sondern auch die Beibehaltung der Bedrohung, dass er eine Nuklearmacht wird, ist in den letzten Jahren zu einem obsessiven Schwerpunkt der amerikanischen Außen- und Militärpolitik geworden. Immer und immer wieder haben US-Führer Pläne für die Anwendung militärischer Gewaltanwendung in Betracht gezogen, um das iranische Programm mit Luft- und Raketenangriffen auf bekannte und mutmaßliche Atomanlagen zu lähmen. Die Präsidenten Bush und Obama haben sich beide geweigert, solche Maßnahmen „vom Tisch“ zu nehmen, wie Obama zuletzt in seiner Rede zur Lage der Nation klarmachte. (Die Israelis haben auch wiederholt auf ihren Wunsch hingewiesen, solche Maßnahmen zu ergreifen, möglicherweise als ein Anstoß für Washington, um den Job zu erledigen.)

Die meisten seriösen Analysten haben festgestellt, dass eine militärische Aktion äußerst riskant sein, wahrscheinlich zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung verursachen und zu heftiger iranischer Vergeltung einladen würde. Möglicherweise könnte sie nicht einmal das beabsichtigte Ziel einer Eindämmung des iranischen Atomprogramms erreichen, von dem ein Großteil nun tief unter der Erde durchgeführt wird. Daher ist der Konsens unter den amerikanischen und europäischen Führern gewesen, dass stattdessen wirtschaftliche Sanktionen verwendet werden sollten, um die Iraner an den Verhandlungstisch zu zwingen, wo sie veranlasst werden könnten, ihre nuklearen Ambitionen zugunsten verschiedener wirtschaftlicher Vorteile aufzugeben. Aber diese eskalierenden Sanktionen, die zunehmende wirtschaftliche Schmerzen für die normalen Iraner zu verursachen scheinen, sind von den Führern des Landes als „Kriegsakte“ bezeichnet worden, die ihre Drohungen, die Straße von Hormus zu blockieren, rechtfertigten.

Um Spannungen hinzuzufügen, befinden sich die Führer der beiden Länder unter extremem Druck, den Drohungen der Gegenseite energisch entgegenzutreten. Präsident Obama, der für eine Wiederwahl kandidiert, ist unter einen heftigen, gar haarsträubenden Angriff von den streitenden republikanische Präsidentschaftskandidaten geraten (außer von Ron Paul natürlich), weil er versagen würde, das iranische Atomprogramm zu stoppen, obwohl keiner von ihnen einen glaubwürdigen Plan hat, um dies zu tun. Er seinerseits hat eine immer härtere Haltung in der Frage angenommen. Die iranische Führung ihrerseits scheint zunehmend über die Verschlechterung der wirtschaftlichen Bedingungen in ihrem Land besorgt zu sein und sie wird in ihrer Rhetorik immer kriegerischer, zweifellos einen Volksaufstand im Stile des Arabischen Frühlings fürchtend.

Das Öl, das Prestige der globalen Dominanz, Irans Drang, eine regionale Macht zu sein, und innenpolitische Faktoren konvergierenden allesamt in einer brandgefährliche Mischung, um aus der Straße von Hormuz den gefährlichsten Ort auf dem Planeten zu machen. Sowohl für Teheran als auch Washington scheinen sich die Ereignisse unaufhaltsam in Richtung einer Situation zuzubewegen, in der Fehler und Fehleinschätzungen unvermeidlich werden könnten. Keine Seite darf nachgebend wirken, um kein Prestige zu verlieren, wenn nicht sogar ihre Jobs. Mit anderen Worten, es ist ein existenzieller Test des Willens über die geopolitische Dominanz eines kritischen Teils der Welt im Gange, und auf beiden Seiten scheint es immer weniger Türen zu geben, die mit „EXIT“ markiert sind.

Als Ergebnis wird die Straße von Hormuz zweifelsohne der Ground Zero eines möglichen globalen Konflikt in den kommenden Monaten bleiben.

Copyright 2012 Michael T. Klare

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