Vorteil Gold

Haben Sie sich eigentlich je gefragt, ob nicht womöglich das ungedeckte Schuldenpapiergeld moderner Prägung das wahre “barbarische Relikt“ sein könnte, das in heutigen Zeiten nimmer funktioniert?

Von Lars Schall

Haben Sie sich eigentlich je gefragt, ob nicht womöglich das ungedeckte Schuldenpapiergeld moderner Prägung das wahre “barbarische Relikt“ sein könnte, das in heutigen Zeiten nimmer funktioniert?

Wie bereits des Öfteren von mir in der Vergangenheit hervorgehoben wurde, sind die Dinge ungefähr wie folgt verwoben. Die Finanzwirtschaft diktiert die Ausrichtung der Realwirtschaft. Sie verlangt von der Realwirtschaft beständiges Wachstum, um sich die ungebremste Geldschöpfung heutiger Prägung, die auf Schulden und deren Bedienung basiert, erlauben zu können. Gibt es kein Wachstum, bricht das System zusammen. Grundlage für die Möglichkeit, Wachstum zu erzielen, ist der gesteigerte Verbrauch von Energie. Energie in Form von Erdöl und -gas versetzt die Realwirtschaft in die Lage, Arbeit verrichten zu können. Die Energie muss erschwinglich und reichlich vorhanden sein. Ist Energie eher unerschwinglich und knapp, kann das Diktat der Finanzwirtschaft, Wachstum zu erzielen, nicht befriedigt werden; die Produktionskosten geraten zu teuer.

Hinzu kommt als weiterer Klotz am Bein, dass das billige Geld der Zentralbanken in die Rohstoffspekulation geht und die Energiepreise über die Terminmärkte zusätzlich in die Höhe katapultiert werden. Für letzteres siehe beispielsweise eine gleichsam stimmige wie zutreffende Erklärung in diesem Interview, das ich mit F. William Engdahl führte:

http://www.larsschall.com/2011/03/27/wir-sind-inmitten-einer-epochalen-tektonischen-verschiebung-%E2%80%93-teil-1/.

Auch darf berücksichtigt werden, dass die Produktion konventionellen Rohöls seit dem Jahre 2005 stagniert – siehe hierzu:

http://www.larsschall.com/2012/03/13/wie-stehts-um-peak-oil/.

Darüber hinaus ist für die Öl-importierenden Länder der Welt vor allem wichtig, dass die Welt-Öl-Exporte schwinden – jedenfalls nach offiziellen Daten der US Energy Information Administration. Demnach “erreichten die weltweiten Öl-Exporte einen Höhepunkt im Jahr 2005 bei 43,4 Millionen Barrel pro Tag (mbpd) und sind seither jedes Jahr um durchschnittlich 1,8% zurückgegangen. Die Welt-Erdöl-Exporte betrugen 40,2 mbpd im Durchschnitt im Jahr 2009, nach den neuesten verfügbaren Daten. Dies entsprach 48% der gesamten weltweiten Ölproduktion von 82,4 mbpd.“ (1)

Letztlich ist dieses Öl jenes, das bei den Exporteuren übrig bleibt, nachdem diese ihre einheimischen Energie-Bedürfnisse – zumindest halbwegs – befriedigt haben. Hiervon dürfte allerdings zukünftig stetig weniger übrig bleiben, falls die obige Logik weiterhin anhält, nicht wahr?

Summa summarum stehen hier die Zeichen ebenso Richtung höhere Preise für die Importeure – und dies wiederum – „Überraschung, Überraschung!“, sagt der Überraschungs-Schlumpf – sind nicht zuletzt die Herausgeber der wichtigsten Währungen der Welt: als da wären der US-Dollar, Euro, Yen, Yuan sowie das britische Pfund Sterling; allesamt ungedeckte Fiat-Schuldengelder. Und gesetzt nun, dass es stimmt, was ich zu Beginn über die Gleichung “Geld, Wachstum, Energie“ behauptete, so zeichnet sich ein sehr holpriges Gelände ab, auf das wir uns geradewegs zubewegen. Im Grunde genügt etwas beflügelte Phantasie völlig aus, einen Kollaps vorherzusehen:

Wo bitte soll die Energie herkommen, um die Wirtschaftsleistung zu erbringen, damit die angehäuften Schulden- und Derivateberge abgetragen werden können? Schulden- und Derivateberge wohlgemerkt, die die gesamte Weltwirtschaftsleistung eines durchschnittlichen Jahres um ein Dutzendfaches überragen! (2)

Verstehen Sie mich nachfolgend bitte nicht falsch: ich zähle nicht per se zu den Befürwortern eines auf Gold basierenden Geldsystems. Ich erachte dieses nicht als ein Allheilmittel, ja, ich bin mir seiner schädlichen Auswirkungen im Laufe des 20. Jahrhunderts durchaus bewusst. Ich halte es gleichwohl für einen unvermeidlichen Schritt, wieder zu einem Gold-gedeckten Währungssystem zurückzukehren, wenn der sich abzeichnende, einstweilen noch mit allerlei Tricks nach hinten verlagerte Zusammenbruch Realität wird. Unter den Gegebenheiten begrenzter Ressourcen, insbesondere von Erdöl, ist das Fiat-Geld das eigentliche “barbarische Relikt“ hier und jetzt auf dem Pfad ins Verderben. (3) Ich betrachte dies gänzlich unideologisch – wozu gehört, dass ich mich auch jeder „Traumstrickerei“ mit einem von mir eventuell bevorzugterem Garn enthalte. (Meine Phantasie vermag sich durchaus etwas Anderes, vielleicht Besseres vorzustellen; doch sei’s drum!)

Der primäre Vorteil eines Goldstandard (oder eines Standard aus Gold und Silber) würde die Verhinderung der Geldschöpfung aus dem Nichts sein, weil es eine natürliche physische Grenze für die Menge an Gold gibt, das auf einem endlichen Planeten hergestellt werden kann. Es ist ein im Wesentlichen „unveränderliches“ Element, eine Konstante. Das hat es ungefähr gemein mit dem Stoff, aus dem die Grundlage industrieller Produktion bezogen wird – dem Erdöl.

Freilich wissen wir auch, dass sehr viel mehr an Papier-Gold existiert im Vergleich zu Gold aus dem Boden (abermals ähnlich zum Erdöl-Bereich). (4) Wenn der Preis des Goldes, der vom westlichen Finanzsystem bewusst unten gehalten wird, einmal richtig ausbricht, wird er daher ins Astronomische hochschießen. Damit wird eine grundlegende Verschiebung der Balance finanzieller und ökonomischer Macht hin zu jenen einhergehen, die es besitzen. Wer das Gold (und/oder das Erdöl) besitzt, wird zukünftig bestimmen, wo es langgeht. (5) Ganz einfach. Nicht mehr, nicht minder. Eine simple Gleichung. Wer Ihnen etwas Anderes erzählt, muss zukünftig erst noch den Knall, der durch’s Finanzgebälk gehen wird, vernehmen, bis ihm das Trommelfell platzt. Die im Gespräch befindlichen Gold-gedeckten Eurobonds zeigen an, woher der Wind zu wehen beginnt. (6)

Ich persönlich besitze übrigens keine einzige Unze des gelben Metalls, mache mir aber bisweilen meine Gedanken um die geopolitischen Implikationen desselben – siehe zum Beispiel hier:

http://www.gata.org/node/10550.

Das hier angesprochene Problem der nicht-verfügbaren Goldreserven ist bei den Gold-gedeckten Eurobonds nicht gänzlich ohne Brisanz, will mich dünken. (7)

Quellen / Anmerkungen:

(1) Siehe Jeremy Wakeford “Pool of world oil exports dwindling, veröffentlicht am 1. Juni 2012 unter: http://www.engineeringnews.co.za/article/pool-of-world-oil-exports-dwindling-2012-06-01

(2) Aktuell dazu Raoul Pal: “Dabei sind die 70 Billionen Dollar an Staatsschulden weltweit noch gar nicht das Problem. Das Problem sind die 700 Billionen Dollar an Derivaten, die auf diesen Staatsschulden aufbauen. Diese Derivate machen 1.200% des Bruttoinlandsprodukt der gesamten Weltwirtschaft aus.” Siehe unter:

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/06/43309/.

(3) Man beachte, dass es ursprünglich John Maynard Keynes gewesen war, der Gold, jedenfalls als einen monetären Standard, in seinem Buch “Monetary Reform” 1923 als “barbarisches Relikt” (“barborous relic“) bezeichnet hatte. Vgl. James Turk: “The Barbarous Relic—It Is Not What You Think”, Committee for Monetary Research and Education, Inc., Monograph Number 55 veröffentlicht im Januar 2006 unter: http://goldmoney.com/documents/barbarous-relic.pdf

(4) Es besteht gleichfalls Anlass zur Annahme, dass inoffiziell wesentlich mehr Gold in physischer Form im Umlauf ist, als gemeinhin angenommen wird. Siehe beispielsweise Sterling & Peggy Seagrave: „Gold Warriors“, Verso, London, 2003.

(5) Das soll selbstverständlich nicht heißen, dass solch „altmodischen Dinge“ wie z. B. die (militärische) Kontrolle des Atlantischen und Pazifischen Ozeans keinerlei Rolle spielten; das zu behaupten wäre schlicht lächerlich.

Zu sämtlichen – offiziellen – Zentralbanken-Goldreserven siehe:

http://www.larsschall.com/2011/05/26/piigs-gold-her-damit-nothing-gold-can-stay/

Die zehn größten Goldlieferanten auf Nationenebene sind prozentual (laut WGC, 2011):

China: 13,1 Prozent

Australien: 10,0 Prozent

USA: 8,8 Prozent

Russland: 7,4 Prozent

Südafrika: 7,0 Prozent

Peru: 5,6 Prozent

Indonesien: 4,4 Prozent

Kanada: 4,1 Prozent

Ghana: 3,7 Prozent

Usbekistan: 3,3 Prozent

Die zehn Länder, mit den vorraussichtlich größten noch zu produzierenden Goldlagerstätten sind in Tonnen (laut USGS, 2011):

Australien: 7.300 Tonnen

Südafrika: 6.000 Tonnen

Russland: 5.000 Tonnen

Chile: 3.400 Tonnen

USA: 3.000 Tonnen

Indonesien: 3.000 Tonnen

Brasilien: 2.400 Tonnen

Peru: 2.000 Tonnen

China: 1.900 Tonnen

Usbekistan: 1.700 Tonnen

(6) Vgl. Ambrose Evans-Pritchard: „Europe’s debtors must pawn their gold for Eurobond Redemption“, 29. Mai 2012 unter:

http://www.telegraph.co.uk/finance/financialcrisis/9298180/Europes-debtors-must-pawn-their-gold-for-Eurobond-Redemption.html

(7) Siehe beispielsweise Alasdair Macleod: „Where is Greece’s gold?“, 3. März 2012 unter:

http://www.goldmoney.com/gold-research/alasdair-macleod/where-is-greeces-gold.html

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