Syriens Pipelineistan-Krieg

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Wer die Interessen ergründen will, die in Syrien kollidieren, tut gut daran, sich mit der geopolitischen Bedeutung Syriens für das eurasische Energie-Schachbrett zu beschäftigen. Letztlich ist Syrien ein Hauptverkehrsknotenpunkt zukünftiger Öl- und Gaspipelines. Zielmarkt: Europa.

Von Pepe Escobar, Übersetzung Lars Schall

Der 1954 geborene Pepe Escobar aus Sao Paulo, Brasilien ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit. Escobar, der vom früheren CIA-Analysten Ray McGovern schlichtweg “der Beste“ genannt wird, arbeitet für die Asia Times und ist ein Analyst von The Real News. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War, Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge und Obama does Globalistan.

Er hat von verschiedenen Ländern und Konflikten berichtet, darunter Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, Zentralasien, U.S.A. und China. Für Asia Times Online ist er als ‘The Roving Eye’, das heißt: “Das Wandernde Auge“ unterwegs, um vor allem geopolitische Weltereignisse, aber auch die Art, wie sie in den Medien präsentiert werden, zu diskutieren. Diese Kolumne übersetzen wir mit freundlicher und ausdrücklicher Autorisierung von Pepe Escobar exklusiv für LarsSchall.com ins Deutsche.

Darüber hinaus möchten wir als Ergänzung auf dieses Interview mit Pepe Escobar auf LarsSchall.com hinweisen, “Shifting Ground for Vital Resources“.

Das englische Original des nachfolgenden Textes erschien diesmal auf Al-Jazeera, und zwar unter:

http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/2012/08/201285133440424621.html#.UB_brLXbgPg.facebook.

Syriens Pipelineistan-Krieg

von Pepe Escobar

Tief unterhalb von „Damaskus-Vulkan“ und „Die Schlacht von Aleppo“ poltern weiterhin die tektonischen Platten des globalen Energie-Schachbretts. Jenseits der Tragödie und Trauer des Bürgerkriegs ist Syrien auch ein Pipelineistan-Machtspiel.

Vor mehr als einem Jahr wurde ein $ 10 Milliarden Pipelineistan-Deal zwischen Iran, Irak und Syrien für eine Erdgas-Pipeline abgeschlossen, die bis 2016 gebaut werden soll, um vom riesigen South-Pars-Feld im Iran den Irak und Syrien zu durchqueren – mit einer möglichen Verlängerung in den Libanon hinein. Der Export-Zielmarkt: Europa.

Während der letzten 12 Monate, unterdes Syrien in einen Bürgerkrieg stürzte, gab es keine Pipeline-Diskussion. Bis jetzt. Die oberste Paranoia der Europäischen Union ist es, eine Geisel der russischen Gazprom zu werden. Die Iran-Irak-Syrien-Gaspipeline wäre sehr wichtig, um Europas Energieversorgung weg von Russland zu diversifizieren.

Es wird komplizierter. Die Türkei ist zufällig der zweitgrößte Kunde von Gazprom. Die ganze türkische Energiesicherheits-Architektur hängt vom Gas aus Russland – und dem Iran ab. Die Türkei träumt davon, das neue China zu werden, so dass Anatolien als der ultimative strategische Scheideweg Pipelineistans für den Export von russischen, kaspisch-zentralasiatischen, irakischen und iranischen Öl und Gas nach Europa konfiguriert.

Versuchen Sie, Ankara in diesem Spiel zu umgehen, und Sie befinden sich in Schwierigkeiten. Bis praktisch gestern riet Ankara Damaskus zu Reformen – und zwar schnell. Die Türkei wollte kein Chaos in Syrien. Nun nährt die Türkei das Chaos in Syrien. Betrachten wir einen der möglichen Hauptgründe.

Syrien ist kein großer Ölproduzent, seine Reserven schwinden. Doch bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges erzielte Damaskus kaum vernachlässigbare $ 4 Milliarden pro Jahr durch den Verkauf von Erdöl – ein Drittel des Staatshaushalts.

Syrien ist weit mehr von Bedeutung als Energie-Kreuzung, ähnlich wie die Türkei – aber in einem kleineren Maßstab. Der entscheidende Punkt ist, dass die Türkei Syrien braucht, um seine Energie-Strategie zu erfüllen.

Syriens Spiel in Pipelineistan umfasst die arabische Gaspipeline (AGP) von Ägypten nach Tripoli (im Libanon) und die IPC aus Kirkuk im Irak bis Banyas – letztere befindet sich seit der US-Invasion 2003 im Leerlauf.

Das Kernstück der syrischen Energie-Strategie ist die „Four Seas Policy“ – ein Konzept, das von Bashar al-Assad im Frühjahr 2011, zwei Monate vor dem Beginn des Aufstandes, eingeführt wurde. Es ist wie eine Art Mini-Ausgabe des türkischen Machtspiels – ein Energie-Netzwerk, das das Mittelmeer, das Kaspische Meer, das Schwarze Meer und den Golf verbindet.

Damaskus und Ankara kamen bald zur Sache, um ihre Gasnetze zu integrieren, sie mit der AGP zu verbinden, und vor allem die Erweiterung der AGP von Aleppo nach Kilis in der Türkei zu planen. Letzteres könnte später mit der ewigen Pipelineistan-Oper, Nabucco, verbunden werden,  vorausgesetzt, dass diese fette Dame jemals singt (und das ist weit entfernt).

Damaskus war auch stets bereit, bezüglich der IPC vorauszugehen: Ende 2010 unterzeichnete es ein Memorandum of Understanding mit Bagdad, um  eine Gas- und zwei Öl-Pipelines zu bauen. Zielmarkt, wieder einmal: Europa.

Dann brach die Hölle los. Während der Aufstand im Gange war, wurde gleichwohl der $ 10 Milliarden Pipelineistan-Deal zwischen Iran, Irak und Syrien perfekt gemacht. Wenn die Pipeline fertiggestellt sein sollte, würde sie mindestens 30 Prozent mehr Gas als die wahrscheinlich aufgegeben-werdende Nabucco-Pipeline liefern.

Ja, und da ist der Haken. Was manchmal als die islamische Gas-Pipeline bezeichnet wird, umgeht die Türkei.

Das Urteil ist offen, ob sich dieser komplexe Pipelineistan-Eröffnungszug als Kriegsgrund für die Türkei und die NATO qualifiziert, um auf Assad loszustürmen; es sollte jedoch daran erinnert werden, dass die Strategie Washingtons in Südwest-Asien seit der Clinton-Administration die war, den Iran mit allen notwendigen Mitteln zu umgehen, zu isolieren und zu verletzen.

Damaskus verfolgte sicherlich eine sehr komplexe zweigleisige Strategie – zur gleichen Zeit verknüpfte es sich mit der Türkei (und dem irakischen Kurdistan), umging die Türkei aber auch und zog den Iran mit ein.

Nun, da Syrien in einen Bürgerkrieg verstrickt ist, würde kein globaler Investor auch nur davon träumen, in Pipelineistan herumzuspielen. In einem Post-Assad-Szenario sind hingegen alle Optionen offen. Alles wird von den künftigen Beziehungen zwischen Damaskus und Ankara und Damaskus und Bagdad abhängen.

Das Öl und Gas muss sowieso aus dem Irak kommen (plus noch mehr Gas aus dem Iran); aber das endgültige Ziel könnte die Türkei, der Libanon oder gar Syrien selbst sein – von wo aus der Export nach Europa direkt aus dem östlichen Mittelmeerraum vonstattengehen kann.

Ankara setzt definitiv auf eine sunnitisch-geführte Post-Assad-Regierung, die der AKP nicht unähnlich ist. Die Türkei hat bereits die gemeinsame Ölförderung mit Syrien angehalten und ist dabei, alle Handelsbeziehungen zu suspendieren.

Die syrisch-irakischen Beziehungen schließen zwei separate Stränge ein, die eine Welt voneinander entfernt zu sein scheinen: mit Bagdad und mit dem irakischen Kurdistan.

Stellen Sie sich eine syrische Regierung von SNC-FSA vor. Diese wäre auf jeden Fall antagonistisch in Richtung Bagdad eingestellt, insbesondere in sektiererischen Verhältnissen ausgedrückt.  Außerdem steht die al-Maliki-Regierung der Schiiten-Mehrheit auf gutem strategischen Fuße mit Teheran, und bis vor kurzem auch mit Assad.

Die syrischen Pipelineistan-Routen in Richtung der östlichen Mittelmeer-Häfen von Banyas, Latakia und Tartus gehen durch die Bergregionen der Alawiten. Es gibt auch viel Gas, das dort zu entdecken ist – nach den jüngsten Ausbeutungen in Zypern und Israel. Angenommen, das Assad-Regime würde gestürzt werden, schaffte aber einen strategischen Rückzug in die Berge, so wären die Möglichkeiten für die Guerilla-Sabotage von Pipelines vielfach.

Wie es aussieht, weiß niemand, wie ein Post-Assad-Damaskus seine Beziehungen zu Ankara, Bagdad und dem irakischen Kurdistan neu konfigurieren wird – ganz zu schweigen von Teheran. Syrien wird gleichwohl weiterhin im Pipelineistan-Spiel mitmischen.

Die meisten syrischen Erdölreserven liegen im kurdischen Nordosten – der geographisch zwischen dem Irak und der Türkei liegt; der Rest liegt im Süden entlang des Euphrat.

Die syrischen Kurden bilden neun Prozent der Bevölkerung – rund 1,6 Millionen Menschen. Selbst wenn sie nicht eine ansehnliche Minderheit sind, gehen die syrischen Kurden bereits davon aus, dass sie, egal was in einem Post-Assad-Umfeld geschehen wird, in Pipelineistan sehr gut positioniert sein werden, indem sie einen direkten Weg für die Ölexporte aus dem irakischen Kurdistan bieten, in der Theorie unter Umgehung sowohl Bagdads als auch Ankaras.

Es ist, als ob die ganze Region ein Umgehungs-Lotto spielte. Sosehr die islamische Gas-Pipeline als eine Umgehung der Türkei interpretiert werden könnte, sosehr könnte eine direkte Vereinbarung zwischen Ankara und dem irakischen Kurdistan für zwei strategische Öl- und Gaspipelines aus Kirkuk nach Ceyhan als Umgehung Bagdads angesehen werden.

Bagdad wird dies natürlich bekämpfen – indem es betont, dass diese Pipelines null und nichtig sind, ohne dass die Zentralregierung ihren beträchtlichen Anteil erhält; immerhin zahlt sie für 95 Prozent des Budgets des irakischen Kurdistan.

Die Kurden haben in Syrien und im Irak ein schlaues Spiel betrieben. In Syrien trauen sie weder Assad noch der SNC-Opposition. Die PYD – mit der PKK verbunden – tut den SNC als Marionette der Türkei ab. Und der säkulare kurdische Nationalrat (KNC) fürchtet die syrische Muslim-Bruderschaft.

Die absolute Mehrheit der syrischen Kurden ist also neutral gewesen: keine Unterstützung für die türkischen (oder saudischen) Marionetten, alle Macht der pan-kurdischen Sache. Der Führer der PYD, Salih Muslim Muhammad, hat alles zusammengefasst: „Wichtig ist, dass wir Kurden unsere Existenz behaupten.“

Dies bedeutet im Wesentlichen mehr Autonomie. Und das ist genau das, was sie durch den Deal, der am 11. Juli in Erbil unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des irakischen Kurdistan, Masud Barzani, abgeschlossen wurde, erlangten: die Co-Regierung des syrischen Kurdistans durch PYD und KNC. Das war die direkte Folge eines schlauen strategischen Rückzugs des Assad-Regimes.

Kein Wunder, dass Ankara ausgeflippt ist – es sieht nicht nur, dass die PKK einen sicheren Hafen in Syrien findet, sondern auch zwei kurdische De-facto-Kleinstaaten, die ein starkes Signal an die Kurden in Anatolien senden.

Was Ankara tun könnte, um seinen Alptraum zu verringern, wäre diskrete wirtschaftliche Hilfe für die syrischen Kurden zu geben – von Beihilfen bis hin zu Investitionen in die Infrastruktur reichend -, und das über ihre guten Beziehungen zum irakischen Kurdistan.

In Ankaras Weltsicht darf seinem Traum, die ultimative Energie-Brücke zwischen Ost und West zu werden, nichts im Wege stehen. Das impliziert eine äußerst komplexe Beziehung mit nicht weniger als neun Ländern: Russland, Aserbaidschan, Georgien, Armenien, Iran, Irak, Syrien, Libanon und Ägypten.

Was die weitere arabische Welt betrifft, so wurde über ein arabisches Pipelineistan, das Kairo, Amman, Damaskus, Beirut und Bagdad verbinden könnte, noch vor dem arabischen Frühling ernsthaft diskutiert. Dies würde mehr zur Vereinheitlichung und Entwicklung eines neuen Nahen Ostens beitragen, als jede Art von „Friedensprozess“, „Regime-Wechsel“ oder ein friedlicher oder militärischer Aufstand.

In dieser heiklen Gleichung ist der Traum von einem Groß-Kurdistan jetzt wieder im Spiel. Und die Kurden könnten einen Grund haben, um zu lächeln: Washington scheint sie still zu decken – eine sehr ruhige strategische Allianz.

Freilich sind Washingtons Motive nicht gerade altruistisch. Das irakische Kurdistan unter Barzani ist ein sehr wertvolles Werkzeug für die USA, um eine militärische Präsenz im Irak zu halten. Das Pentagon wird das niemals offiziell zugeben – aber fortgeschrittene Pläne für eine neue US-Basis im irakischen Kurdistan bzw. für den Transfer der NATO-Basis in Incirlik ins irakische Kurdistan existieren bereits.

Dies muss zu einer der faszinierendsten Nebenhandlungen des arabischen Frühlings gehören. Die Kurden passen perfekt in Washingtons Spiel im ganzen Bogen vom Kaukasus bis zum Golf hinein.

Viele Führungskrafte von Chevron und BP dürfte jetzt vielleicht der Speichel ob der offenen Möglichkeiten des Pipelineistan-Dreiecks Irak-Syrien-Türkei im Munde zusammenlaufen. In der Zwischenzeit dürfte vielen Kurden jetzt der Speichel im Munde zusammenlaufen, dass Pipelineistan die Türen zu einem größeren Kurdistan öffnen könnte.

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