HARMONIELEHRE DES ALBATROS

Wie unbeholfen er doch wirkt, meint Ihr nicht, der Vogel Albatros, so er auf dem Boden sich bewegt? Wie unbeholfen er ferner wirkt, so er diesen Boden zu verlassen strebt? Und wie erst recht unbeholfen er wirkt, so er zum Boden zurückkehren muss nach gutem Flug?

Von Lars Schall

HARMONIELEHRE DES ALBATROS

– für toni, paul und lukas –

Wie unbeholfen er doch wirkt, meint Ihr nicht, der Vogel Albatros, so er auf dem Boden sich bewegt? Wie unbeholfen er ferner wirkt, so er diesen Boden zu verlassen strebt? Und wie erst recht unbeholfen er wirkt, so er zum Boden zurückkehren muss nach gutem Flug?

Auf dem Boden bewegt er sich, als sei es ihm fremdes Terrain, obgleich er Beine und Füße zum Gehen hat. So er den Boden zu verlassen strebt, benötigt er einen langen Anlauf, der alles andere als elegant zu wirken vermag. Und so er wieder zum Boden zurückkehrt, landet er tollpatschig mit dem Kopf voran.

Man müsste womöglich Mitleid mit ihm haben, würde man ihn niemals je am Himmelschweben sehen. Denn in den Lüften, wenn er die Flügel spannt und seine weiten Kreise zieht, wird er zum Größten, von aller Unbeholfenheit des Bodens losgelöst, der auf uns, die wir am Boden gebunden sind, tief hinabschaut.

Gleichwohl ist nichts von alledem zu trennen: weder der Boden, der Anlauf, noch das Fliegen und die Landung – sie gehören in diesen Sinnzusammenhang:

Wo Talente sind, ist das Unvermögen nicht weit;
eine jede Stärke hat eine Schwäche zum Schatten.

Die Balance zwischen ihnen hinzubekommen, den Einklang zu schaffen, fällt bestimmt nicht nur mir, sondern auch Euch bisweilen sehr, sehr schwer. Der Albatros hingegen vermag es, und ich sage Euch nun gerne, wann und wo genau: es ist der Augenblick, da er den Boden fast verlassen hat.

In jenem Augenblick befindet sich ein Bein beim letzten Schritt noch halb auf dem Boden, halb schon in der Luft, und so heben sich Schwächen und Stärken für eine Tausendstelsekunde gegenseitig auf. Wir Menschen würden dazu sagen:

Das Glas ist in diesem Moment beides – halb voll, halb leer,
die zwei Seiten der Münze, Kopf und Zahl, sind sichtbar zur gleichen Zeit.

Daran nehmt Euch vielleicht ein Vorbild. Denn wem solches gelingt, der muss schon ein wahrer Meister sein in der schönsten aller Künste. Wir Menschen nennen sie die Lehre von der ewig-flüchtigen Harmonie.

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