Fed wiederholt Fehler von 1937 (einstweilen) nicht

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Da die Arbeitsmarktsituation in den USA misslich dünkt, rückt die Fed davon ab, ihr Anleiheaufkaufprogramm zu straffen. Gut so, befindet Ambrose Evans-Pritchard vom Londoner Daily Telegraph, denn damit begeht sie den Fehler von 1937, der die Große Depression verlängern half, einstweilen nicht. Er argumentiert, dass die Angst vor Spekulationsblasen kein guter Grund zum vorzeitigen Abschalten geldpolitischer Impulse ist, wenn die Wirtschaft sie noch braucht.

Von Ambrose Evans-Pritchard, Übersetzung Lars Schall

Die exklusive Übersetzung des nachfolgenden Artikels, der im englischen Original auf der Website des Daily Telegraph erschien, wurde von Ambrose Evans-Pritchard für LarsSchall.com ausdrücklich und persönlich genehmigt.

Ambrose Evans-Pritchard, geboren 1957, berichtet seit über 30 Jahren über Weltpolitik, Wirtschaft und Finanzen aus Europa, den USA und Lateinamerika. Er kam 1991 zum Daily Telegraph, wo er zunächst Korrespondent in Washington und dann (von 1999 bis 2004) Europakorrespondent in Brüssel war. Heute ist er International Business Editor der Zeitung in London. Vor seinem Engagement beim Daily Telegraph arbeitete er unter anderem beim The Economist. Er studierte am Malvern College, am Trinity College, an der Cambridge University und La Sorbonne.

Zusätzlich zum nachfolgenden Beitrag findet sich auf LarsSchall.com ein Exklusiv-Interview mit Ambrose Evans-Pritchard,Europe and America will not allow deflation to take root”. Für eine Gesamt-Übersicht der exklusiv für LarsSchall.com übersetzten Artikel von Ambrose Evans-Pritchard siehe hier.

Fed wiederholt Fehler von 1937 (einstweilen) nicht
von Ambrose Evans-Pritchard

Die amerikanische Wirtschaft hat 347.000 Arbeitsplätze in den vergangenen zwei Monaten verloren, in etwa vergleichbar mit der Rate des Verlustes, der während der Großen Rezession gesehen ward. Bemerkenswert ist, dass die US-Notenbank den Ausstieg aus den lebenserhaltenen Maßnahmen in einem solchen Fall auch nur angedacht hat.

Die harten Worte der Fed haben bereits zu einem 140 Basispunkte-Anstieg in 10-jährigen US-Treasury-Renditen geführt, dem Richtpreis für Gelder für US-Hypotheken und für die Welt (ex-China). Sie könnten genauso die Sätze auch sechsfach angezogen haben.

Die Schock-Entscheidung vom Mittwoch-Abend, die Straffung der Anleihekäufe hinauszuschieben, ist eine Anerkennung dessen, was offensichtlich hätte sein müssen. Steigende Hypotheken-Kosten und die „Verschärfung der finanziellen Bedingungen“ könnten das Wachstum verlangsamen, hieß es. In der Tat.

Der Netto-Verlust von Arbeitsplätzen in den Sommermonaten fand ganz unter Männern statt, zumeist im Alter von 25 bis 54 und mit Hochschulausbildung. Die Kohorte über 55 Jahren ist gewachsen, dies geschieht also mitnichten, weil die Babyboomer frühzeitig in den Ruhestand gehen und glücklich Melonen in Arkansas anbauen oder Golf in Torrey Pines spielen.

Die Arbeitsmarkt-„Erwerbsquote“ fiel im Juli mit 63.2 Prozent auf den niedrigsten Stand seit den späten 1970er Jahren. Die Erwerbsquote der Männer ist auf einem Allzeittief. Die Arbeitslosenquote ist rückläufig, aber vor allem, weil so viele Menschen die Hoffnung aufgeben und aus dem Register rutschen.

Einige Fed-Gouverneure scheinen ihre Hände darob in Unschuld waschen zu wollen, indem sie auf Theorien zurückgreifen, wonach das Problem „strukturell“ sei: aufgrund der sich entwickelnden Technologie oder eines „Qualifikationsungleichgewichts“ (“skills mismatch„) oder dieses Sammelbegriffs „Demografie“. Kein Zweifel, das ist die halbe Wahrheit, aber solche Behauptungen wurden auch in den frühen 1980er Jahren gemacht, als Arbeitsplätze knapp waren. Die Arbeitslosen wurden als „Drückeberger“ von der Chicago Tribune in den 1930er Jahren verschrien.

US-Erwerbsquote (in Prozent)

Glücklicherweise haben sich die Falken nicht durchgesetzt. Es ist wahrscheinlich, dass die stellvertretende Vorsitzende Janet Yellen eine Schlüsselrolle spielte, darauf bestehend, dass die Erwerbslosenquote nirgendwo in der Nähe des „NAIRU“-Wendepunkts (non-accelerating inflation rate of unemployment – ungefähr: inflationsstabile Arbeitslosigkeit) ist, ab dem sich die Inflation zu beschleunigen beginnt; das Maß, das sie wie ihren Leitstern verfolgt.

Arbeitsmarkt-Spezialisten sagen, dass der chronische Mangel an Nachfrage in den USA der eigentliche Bösewicht bei diesem Arbeitsplätze-Einbruch ist. „Das Problem ist nicht, dass der Arbeitsmarkt leistungsschwach ist, es ist so, dass die Erholung nur sehr langsam ist“, sagt Stanfords Edward Lazear. Ein Rekordprozentsatz von 20.2 der US-Haushalte ist jetzt auf Essensmarken angewiesen. Das ist es, wie sie überleben.

Die wirtschaftliche Wachstumsrate in den vergangenen drei Quartalen hat 0.1 %, 1.1 % und 2.5 % betragen. Das ist unterhalb des Fed eigenen “Überziehungsgeschwindigkeit“-Indikators – über zwei Quartale gemittelt 2 Prozent.

Die Wirtschaft hat die drakonischste Straffung der Finanzpolitik (2.5 Prozent des BIP in diesem Jahr) seit dem Ende des Korea-Krieges bemerkenswert gut überstanden, unterstützt von Schiefergas, aber sie ist noch nicht auf „Fluchtgeschwindigkeit“. Die fiskalische Beschränkung geht weiter.

Der Internationale Währungsfonds hat Washington dazu geraten, schonend vorzugehen, sich dabei auf eine „Output-Lücke“ von 4.6 Prozent des BIP berufend. Das Maß der Dallas Fed für die Kerninflation war im Juli 1.2 Prozent. Das Wachstum der Geldmenge M1 ist das langsamste in zwei Jahren, während sich das Wachstum des breiten M3 bis zu dem Punkt verlangsamt hat, wo es wiederum ohne QE negativ werden könnte. Die angebliche Inflationsgefahr ist eine Fiktion der fieberhaften Phantasie.

Es wäre ein schwerer Fehler der Fed, die Anleihekäufe überhaupt an dieser Stelle zu straffen, angesichts der Risiken für Brasilien, Indien, die Türkei, Südafrika, Indonesien, die Ukraine und andere, die bereits vor einer Wende im Kredit-Zyklus stehen, und angesichts der Gefahr eines weiteren Euro-Schuldenkrisenkrampfes, wie geschehen am Ende des QE1 und dem Ende von QE2.

Die Fed unter Bernanke hat zweimal die globalen Auswirkungen der vorzeitigen Verschärfung bereits verkannt, jedesmal einen Kredit-und Börsencrash innerhalb weniger Wochen herbeiführend, und jedes Mal war die Fed zur Kapitulation gezwungen. Aller guten Dinge sind drei?

Abschwächung des US-Geldmenge

Man vermutet, dass einige Falken QE aus Gründen beenden wollen, die nichts mit Arbeitsplätzen oder Inflation zu tun haben. Ein Papier des ehemaligen Fed-Gouverneurs Frederic Mishkin, „Crunch Time„, warnt davor, dass die Fed damit kämpfen wird, sich aus QE zu extrahieren, wenn sie es bis 2014 hinauszögert. Sie könnte durch die Verluste auf ihrem $ 2.6 Billionen Anleihevermögens ertrinken, so die Renditen steigen.

Vor allem scheint ihr eigentliches Motiv die Furcht zu sein, dass QE eine weitere Spekulationsblase schüren wird, und dass das Risiko dieses Spiel die Belohnungen nunmehr überwiegt. Dies ist eine legitime Sorge. Wie der Telegraph Anfang dieser Woche berichtete, sagt der ehemalige Guru der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich William White, die globale Schulden-Struktur sei gefährlicher als je zuvor. (1)

“Das sieht für mich wie die Wiederholung von 2007 aus, nur noch schlimmer. All die vorangegangenen Ungleichgewichte sind noch immer vorhanden. Die Gesamthöhen der öffentlichen und privaten Verschuldung als Anteil des BIP sind in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften um 30 Prozent höher als damals, und wir haben ein ganz neues Problem mit den Blasen in den Schwellenländern hinzugefügt“, sagte er.

Damit wir es nicht vergessen, es war Herr White, der das Debakel von 2008-2009 kristallklar kommen sah. Der neueste Schmiss nachrangiger Schulden, “gehebelte Kredite“ (ich veräppele Sie nicht), „Cove-Lite„-Kreditvergabe, „CoCos“, und so weiter, sind allesamt jenen berüchtigten “ CDOs“ und „CLOs“ vom letzten Male ähnlich.

Die Frage ist, ob dem öffentlichen Wohl am besten dadurch geholfen ist, die Blase platzen zu lassen und eine Austro-Liquidation zu erlauben, um sich von den Giftstoffen zu reinigen, oder ob das ruinös destruktiv wäre. Viele Leser denken, es ist höchste Zeit, das Gebäude zu sprengen. Ich habe viel Sympathie für diese Ansicht. Am Ende jedoch bevorzuge ich Magie.

Die Wurzel unserer globalen Krise ist die $ 10 Billionen Rücklagenbildung durch die Schwellenländer-Mächte, massive Über-Investitionen in China, und extreme Ungleichheit im Westen, indem der „Gini-Koeffizient“ über die Charts hinausgeht. Der kombinierte Effekt ist die Schaffung überschüssigen Kapitals und der Mangel an Konsum, was die globale Sparquote auf einen Rekordwert von 25 Prozent schob. Diese chronische Erkrankung blockiert die wirtschaftliche Erholung. Sie ist in der Struktur der Globalisierung eingebettet.

Sei es wie es sein mag, wenn QE wie durchgeführt Spekulationsblasen verursacht, sollten wir den Zentralbanken-Stimulus denn kreativer einsetzen, so sich dies als notwendig erweisen sollte. Wir wissen, wie es getan wird. Die Methoden wurden von Takahashi Korekiyos Pionierarbeit entwickelt, der Japan aus der Großen Depression in den frühen 1930er Jahren herauszog. Seine Glanzleistung ist nun das Modell für das, was Japan (verdeckt) wieder unter den Abenomics tut.

Takahashi verwandelte die Bank of Japan in einen Arm des Schatzamtes – „fiskalische Dominanz“ – und beorderte diese, das Haushaltsdefizit zu finanzieren. Sie können QE in irgendeiner Weise wie Sie wollen einsetzen. Es könnte verwendet werden, um Häuser zu bauen, damit Geld in die Venen der Wirtschaft injizierend, anstatt in die Venen von Hedgefonds. Es gibt keinen Grund, warum dies nicht von einer unabhängigen Fed oder der Bank of England verabreicht werden könnte, die Kalibrier-Ebene auswählend, die sie für richtig halten.

Lord Turner, der ehemalige Chef der Financial Services Authority, befördert diese Idee, indem er fragt, was ist es, das die Bank of England von der Abschreibung ihres Gilt-Portfolios abhält, die die “vorhergehenden“ Defizite finanzierten. Dies könnte mit einem Knopfdruck erledigt werden, wodurch Großbritanniens Staatsverschuldung auf einen Schlag auf erträgliche 67 Prozent des BIP reduziert wären. Die USA könnten dasselbe tun.

Pedanten werden aufschreien. Das Zentralbanken-Priestertum wird von Höllenfeuer und Verdammnis reden. Aber wenn man diese Schulden ohne Inflation entfernen kann, fallen die Einwände weg. Aus Gründen des Anstandes könnten die Gilts in Null-Coupon-Anleihen ohne Verfallsdatum umgewandelt werden. Die Zertifikate könnten an einem Sonntag verbrannt werden, bei einem WM-Finale.

Solche unorthodoxen Maßnahmen könnten vielleicht sogar im strikten geldpolitischen Sinne wünschenswert sein, wodurch es einfacher gemacht würde, die Zinsen auf ein normales Niveau zu Beginn des Erholungszyklus wiederherzustellen, zum Nutzen der Sparer. Es ist ein Verbrechen ohne Opfer oder aber überhaupt kein Verbrechen.

Oder, wenn wir wirklich radikal sein wollen, können wir den 1936er Chicago-Plan abstauben, der in letzter Zeit durch Jaromir Benes und Micheal Kumhof vom IWF wiederbelebt wird. Sie plädieren für eine Rückkehr zum Prä-Stuart-System, vor dem English Free Coinage Act von 1666. Dies würde die Banken ihrer Macht entledigen, Geld aus der Luft schöpfen zu können, zurückkehrend zum vom Staat geschaffenen Geld. (2)

Das IWF-Papier argumentiert, wenn die Kreditgeber gezwungen sind, ihre Einlagen durch 100 Prozent Reserven unterlegen zu müssen, dass dies – durch komplexe Taschenspielertricks – alle öffentlichen Schulden in den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und vielleicht sogar Japan beseitigen könnte.

Mein Argument ist nicht, Lord Turners Plan oder den Chicago Plan oder irgendeinen anderen besonderen Plan gutzuheißen, sondern einfach zu sagen, dass die Angst vor Spekulationsblasen kein guter Grund zum vorzeitigen Abschalten geldpolitischer Impulse ist, wenn die Wirtschaft sie noch braucht.

Ob die Fed oder das US-Politik-Establishment bereit ist, soweit ausserhalb der Box zu denken, bleibt abzuwarten. Zumindest ist sie von einer Wiederholung des großen Fehlers der vorzeitigen Straffung von 1937 abgerückt. Es ist etwas weniger Risiko vorhanden, dass sie uns wieder in einen langen Abschwung kippt. Wir sind einer Kugel ausgewichen.

(1) Vgl. Ambrose Evans-Pritchard: Globales Kreditwachstum größer als vor Lehman-Kollaps

(2) Vgl. Ambrose Evans-Pritchard: Der Zauberstab des IWF

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2 Responses to “Fed wiederholt Fehler von 1937 (einstweilen) nicht”

  1. Marko Fricke sagt:

    Geistig gefangen im Zinsgeldsystem kommt Evans Pritchard mit gefühlten einhundert “ könnten “ im Artikel zur Erkenntnis, dass in den USA mit der weiteren Öffnung der Schleusen das Aufhalten des Abschwungs ( vorläufig ) gelingt.

    Als hätten die bisherigen Billionen, diesen ohne Zweifel vorhandenen und von ihm selbst recht ordentlich aufbereiteten, statistisch vorzeigbar nachweisbaren Abschwung irgendwie aufgehalten.

    Wenn er argumentiert, „dass die Angst vor Spekulationsblasen kein guter Grund zum vorzeitigen Abschalten geldpolitischer Impulse ist, wenn die Wirtschaft sie noch braucht, dann dokumentiert er eigentlich nur, dass er das Zinsgeldsystem maximal oberflächlich verstanden hat.

    Die kommende Apokalypse kann er ja vielleicht aus den Tantiemen seines Buchs über Clinton etwas abfangen und sich in den folgenden ruhigeren journalistischen Stunden, mangels beruflicher Herausorderung mit der Entstehungsgeschichte des aktuellen Geldsystems in Ägypten über die religiösen Anpassungen im Christentum bis heute beschäftigen. Vielleicht ist er ja dann deprogrammiert und versteht, was wirklich läuft.

  2. Ellen sagt:

    Wieso übersetzt man einen solchen Unsinn auch noch?

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