DAS WANDERNDE AUGE: Angst und Schrecken im Hause Saud

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Ein Ende des 34 Jahre währenden Misstrauens zwischen den USA und dem Iran würde die Energiepreise senken und riesige Möglichkeiten für den Handel schaffen. Vorteile würden sich bei der Bekämpfung von Salafi-Dschihadisten und in Afghanistan zeigen, und Washington könnte sogar tatsächlich gen Asien schwenken. Kein Wunder, dass Israel eine US-Iran-Vereinbarung wie die Pest bekämpft. Was das Haus Saud und seinen Shadow Master Bandar bin Sultan angeht, so würde eine Annäherung nichts weniger sein als Apocalypse Now.

Von Pepe Escobar, Übersetzung Lars Schall

Der 1954 geborene Pepe Escobar aus Sao Paulo, Brasilien ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit. Escobar, der vom früheren CIA-Analysten Ray McGovern schlichtweg “der Beste“ genannt wird, arbeitet für die Asia Times Online. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War, Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge und Obama does Globalistan.

Escobar war als Auslandskorrespondent seit 1985 u.a. in London, Mailand, Los Angeles, Paris, Singapur und Bangkok tätig. Seit den späten 1990er Jahren hat er sich auf die Berichterstattung von geopolitischen Geschichten aus dem Nahen Osten und Zentralasien spezialisiert. In diesem Rahmen hat er im letzten Jahrzehnt aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, den zentralasiatischen Republiken, China und den USA berichtet. Im Frühjahr/Sommer 2001 war er in Afghanistan / Pakistan, hat den militärischen Führer der Anti-Taliban-Nordallianz, Ahmad Shah Massud, nur wenige Wochen vor dessen Ermordung interviewt, und erreichte als einer der ersten Journalisten die afghanische Hauptstadt Kabul nach dem Rückzug der Taliban. Er ist ein ausgewiesener Experte für das  Netzwerk von Pipelines, das die Länder des Nahen und Mittleren Ostens, Zentralasiens, Russlands und Europas umgibt – dem von ihm so getauften “Pipelineistan”.

Für Asia Times Online ist er als ‘The Roving Eye’, das heißt: “Das Wandernde Auge“ unterwegs, um vor allem geopolitische Weltereignisse, aber auch die Art, wie sie in den Medien präsentiert werden, zu diskutieren. Diese Kolumne übersetzen wir mit freundlicher und ausdrücklicher Autorisierung von Pepe Escobar exklusiv für LarsSchall.com ins Deutsche.

Darüber hinaus möchten wir als Ergänzung auf dieses Interview mit Pepe Escobar auf LarsSchall.com hinweisen, “Shifting Ground for Vital Resources“. Eine Gesamtübersicht der Artikel von Pepe Escobar auf LarsSchall.com findet sich hier.

DAS WANDERNDE AUGE: Angst und Schrecken im Hause Saud
von Pepe Escobar

Jedes fühlende Wesen mit einem funktionierenden Gehirn nimmt die Möglichkeit der Beendigung der 34 Jahre währenden Mauer des Misstrauens zwischen Washington und Teheran als eine Win-Win-Situation wahr.

Hier sind einige der Vorteile:

• Der Preis von Öl und Gas aus dem Persischen Golf würde runter gehen;
• Washington und Teheran könnten eine Partnerschaft eingehen, um Salafi-Dschihadisten zu bekämpfen (sie taten es übrigens bereits unmittelbar nach 9/11), als auch um ihre Politik in Afghanistan zu koordinieren, um die Taliban nach 2014 in Schach zu halten;
• Der Iran und die USA teilen die gleichen Interessen in Syrien; beide wollen keine Anarchie und keine Aussicht auf islamischen Radikale, die eine Chance auf die Macht haben. Ein ideales Ergebnis wäre eine Ausbalancierung iranischen Einflusses mit einer Machtteilungsvereinbarung zwischen dem Bashar al-Assad-Establishment und der gescheiten nicht-bewaffneten Opposition (sie existiert, wird aber derzeit marginalisiert);
• Mit keiner längeren Regimewechsel-Rhetorik und keinen Sanktionen sind nach oben keine Grenzen gesetzt für mehr Handel, Investitionen und Energie-Optionen für den Westen, vor allem Europa (Iran ist die beste Möglichkeit für die Europäer, ihre Abhängigkeit von Russlands Gazprom abzumildern);
• Eine Lösung für die nukleare Angelegenheit erlaubte Iran die zivile Nutzung der Kernenergie als alternative Quelle für seine Industrie, wodurch mehr Öl und Gas für den Export frei würden;
• Geopolitisch, mit einem Iran, der als das anerkannt wird, was er ist – der wichtigste Akteur in Südwest-Asien –, könnten die USA von ihrem selbst auferlegten Dogma der strategischen Abhängigkeit von der israelisch-saudischen Achse freikommen. Und Washington könnte sogar anfangen, tatsächlich gen Asien zu schwenken – nicht ausschließlich via militärischer Mittel.

Ja! Da ist der Haken. Jeder weiß, warum die israelische Rechte eine US-Iran-Vereinbarung wie die Pest bekämpfen wird – da der Iran als „existenzielle Bedrohung“ der ideale Vorwand ist, um die Debatte vom eigentlichen Thema abzulenken: die Besetzung / das Apartheidregime, das über Palästina verhängt ist.

Was das Haus Saud angeht, so wäre eine solche Vereinbarung nichts weniger als Apocalypse Now.

Ich bin bloß ein gemäßigter Killer

Es beginnt mit Syrien. Jeder weiß jetzt, dass Shadow Master Bandar bin Sultan, aka Bandar Bush, voll verantwortlich für den Krieg gegen Syrien war, seit er zum Direktor des nationalen Geheimdienstes durch seinen Onkel, Saudi König Abdullah, berufen wurde.

Bandar macht keine Gefangenen. Zuerst hat er Katar aus dem Bild entfernt – den größten Finanzier der sogenannten Freien Syrischen Armee (FSA) –, nachdem er eine helfende Hand beim Rückzug des katarischen Emirs, Scheich Hamad, zugunsten seines Sohnes, Scheich Tamin, im späten Juni gab.

Dann, Ende Juli, tauchte Bandar während seiner inzwischen berühmten „Geheim“-Reise nach Moskau spektakulär wieder in der Öffentlichkeit auf, um zu versuchen, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu erpressen / zu bestechen, um Syrien aufzugeben.

Bekanntlich ist die “Politik“ des Hauses Saud bezüglich Syrien ein Regime-Wechsel, Punkt. Dies ist nicht verhandelbar im Sinne von gegen den “Abtrünnigen“ in Teheran einen Schlag landen und Syrien, Irak, in der Tat der ganzen, zumeist sunnitischen Levante den saudischen Willen aufzudrücken.

Ende September betrat die Jaish al-Islam („Armee des Islam“) das Bild. Dies ist eine „Rebellen“-Combo von bis zu 50 Brigaden, von angeblich „Gemäßigten“ bis hin zu Hardcore-Salafisten, die von Liwa al-Islam kontrolliert wird, die früher ein Teil der FSA zu sein pflegte. Der Kriegsherr von Jaish al-Islam ist Zahran Alloush – dessen Vater, Abdullah, ein Hardcore-Salafi-Geistlicher in Saudi-Arabien ist. Und die Petrodollars, um ihn zu unterstützen, sind saudische – via Bandar Bush und seinem Bruder, Prinz Salman, der stellvertretender saudische Verteidigungsminister.

Falls das wie eine Aufpolierung des von David Petraeus zusammengebrauten “Sunni Awakening“ („Sunnitischen Erwachens“) im Irak im Jahre 2007 aussieht, so deshalb, weil es das ist; der Unterschied ist der, dass dieses saudisch finanzierte „Erwachen“ darauf ausgerichtet ist, nicht gegen al-Qaida, sondern hin zu einem Regimewechsel zu kämpfen.

Dies ist (auf Arabisch) das, was Alloush will: eine Auferstehung des Umayyaden-Kalifats (dessen Hauptstadt Damaskus ist) und die „Säuberung“ Damaskus‘ von Iranern, Schiiten und Aleviten. Diese werden allesamt als Kafir (“ Ungläubige“) betrachtet; entweder sie unterwerfen sich dem salafistischen Islam oder sie müssen sterben. Wer diese Haltung als „gemäßigt“ interpretiert, der muss ein Wahnsinniger sein.

So unglaublich es auch scheinen mag, selbst Ayman al-Zawahiri – quasi die al-Qaida-Zentrale – hat eine Proklamation des Verbots der Tötung von Schiiten abgegeben.

Doch dieser „moderate“ Anstrich ist genau der Kern der gegenwärtigen, von Bandar Bush ausgeheckten PR-Kampagne; sektiererische Kriegsherren der Alloush-Art werden „aufgeweicht“, so dass sie für eine maximale Bandbreite an Golf-Geldquellen schmackhaft sind und, unausweichlich, für leichtgläubige Westler. Aber der Kern der Sache ist, dass Jaish al-Islam im Wesentlichen nur eine leichte chromatische Differenz zum Islamic State of Iraq and al-Sham (ISIS) aufweist – der mit al-Qaida verbunden Dachorganisation, die die wichtigste Kampftruppe in Syrien ist; so im Sinne von einem bewaffneten Haufen Fanatiker, die auf unterschiedlichem Grade auf (religiösem) Crystal Meth sind.

Paranoia-Paradies

Um die Sache noch komplizierter zu machen, ist das Hause Saud aufgrund der Nachfolge-Schlacht in Unordnung begriffen. Kronprinz Salman ist der letzte Sohn von König Abdul Aziz, dem Gründer der Saud-Dynastie, um eine Chance auf die Macht gemäß dem Alter nach zu haben.

Nunmehr ist alles möglich – mit Horden von Prinzen, die im Kampf um den großen Preis versunken sind. Und hier finden wir niemand anderen als Bandar Bush – der in der Praxis jetzt das mächtigste Wesen in Saudi-Arabien nach Khalid Twijri ist, dem Chef von König Abdullahs Büro. Der neunzigjährige Abdullah ist drauf und dran, seinem Schöpfer zu begegnen. Twijri ist nicht Teil der königlichen Familie. Also rennt Bandar gegen die Uhr an. Er braucht einen „Sieg“ in Syrien als seinem Ticket zur ultimativen Glorie.

Das ist der Punkt, da die russisch-amerikanische Vereinbarung zu Syriens chemischen Waffen eingriff. Das Haus Saud als Ganzes flippte aus – nicht nur den üblichen Verdächtigen, den UN-Sicherheitsratsmitgliedern Russland und China die Schuld gebend, sondern auch Washington. Nix Wunder, dass der ewige Außenminister Prinz Saud al-Faisal seine jährliche Ansprache an die UN-Generalversammlung letzte Woche brüskiert abblies. Zu sagen, er sei nicht vermisst worden, wäre eine Untertreibung.

Der Alptraum des Hauses Saud wird durch Paranoia verstärkt. Nach all den Warnungen von König Abdullah gen Washington, der „Schlange den Kopf“ abzuschneiden (Iran), wie auf WikiLeaks verewigt wurde; nach all den Fürbitten bei den USA, Syrien zu bombardieren, eine Flugverbotszone zu installieren und / oder die „Rebellen“ bis zum geht nicht mehr zu bewaffnen, ist das, was das Haus Saud bekommt: Washington und Teheran auf dem Weg zum Erreichen eines Deals auf Kosten Riads.

Kein Wunder also, dass Angst, Schrecken und akute Paranoia herrschen. Das Haus Saud wird auch weiterhin alles tun, um die Entstehung des Libanons als einem Gaserzeuger zu bombardieren. Es wird weiterhin ohne Unterlass Sektierertum übers ganze Spektrum hinweg schüren, wie Toby Matthiesen in einem ausgezeichneten Buch dokumentiert.

Und die israelisch-saudische Achse wird weiter blühen. Wenige im Nahen Osten wissen, dass ein israelisches Unternehmen – erfahren in der Unterdrückung von Palästinensern – für die Sicherheit in Mekka zuständig ist. (Siehe hier und hier (auf Französisch)). Wenn sie es wüssten – indem die Heuchelei des Hauses Saud einmal mehr aufgezeigt wäre –, die arabische Straße würde en masse Sturm laufen.

Eines ist sicher: Bandar Bush und die saudisch-israelische Achse werden mit harten Bandagen kämpfen, um jede Annäherung zwischen Washington und Teheran entgleisen zu lassen. Was das Größere Bild anbelangt, so könnte die wirkliche „internationale Gemeinschaft“ ewig davon träumen, dass eines Tages Washingtons Eliten endlich das Licht sehen und herausfinden, dass die strategische US-Saudi-Allianz, die im Jahre 1945 zwischen Franklin D. Roosevelt und König Abdul Aziz ibn Saud besiegelt wurde, absolut keinen Sinn ergibt.

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One Response to “DAS WANDERNDE AUGE: Angst und Schrecken im Hause Saud”

  1. Victor sagt:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/protest-gegen-doppelmoral-saudi-arabien-laesst-sitz-im-un-sicherheitsrat-leer-12623417.html
    Protest gegen „Doppelmoral“ Saudi-Arabien lässt Sitz im UN-Sicherheitsrat leer.

    Ob von sich aus? Zahlen die im Gegensatz zu den USA Beiträge an die UN? Was wird dadurch bezeckt, die Auflösung des Feigenblatts?

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