Manches gönnt man noch nicht einmal seinem ärgsten Feind

Im Zusammenhang mit der MH17-Tragödie konstatiert Willy Wimmer, dass die Weltöffentlichkeit bis heute vergeblich auf nachprüfbare Fakten wartet. Wo bleiben die Aufklärungsergebnisse der AWACS-Gefechtsführungssysteme, die seit langem jeden Winkel der Ukraine im Visier haben? Warum präsentieren die USA nicht die Erkenntnisse ihrer angeblich dichten Satelliten-Kette? Und warum missachtet man beflissentlich das Verhältnis Flughöhe-Aufschlagort?

Von Willy Wimmer

Der nachfolgende Artikel erscheint auf LarsSchall.com mit ausdrücklicher und persönlicher Genehmigung von Willy Wimmer.

Willy Wimmer war von 1976 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er war verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, 1988-1992 Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium und dann noch sechs Jahre lang Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

Am 7. März erschien auf dieser Website ein englischsprachiges Interview mit Herrn Wimmer anlässlich der Ukrainekrise um die Krim, “There has been a coup d’etat in the Ukraine” – welches hier abzurufen wäre. Ende Juli erscheint sein mit Wolfgang Effenberger zusammen herausgegebenes neues Buch: Wiederkehr der Hasardeure: Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914/2014.

Manches gönnt man noch nicht einmal seinem ärgsten Feind

von Willy Wimmer

Jetzt reicht es.

Manches gönnt man noch nicht einmal seinem ärgsten Feind. Bilder, wie die in dem amerikanischen Magazin Newsweek, die den russischen Präsidenten Putin in der neuesten Ausgabe zeigen.* Die Visagen aus dem „Schweigen der Lämmer“ sind nichts dagegen. Newsweek nimmt damit und daraus rechtzeitig zur Erinnerung an die einhundertste Wiederkehr des Kriegsausbruches 1914 eine Tradition auf, die sich auch schon einmal den deutschen Kaiser Wilhelm II vorgenommen hatte. Es fällt schon gar nicht mehr auf, dass sich die Gesinnungsgenossen von Newsweek in der Londoner Fleet Street mit Gebrüll der infamen Verteufelung angeschlossen haben. Da wir über einschlägige „Hunnen-Erfahrung“ verfügen, kann man jeden nur warnen. Wer Ziel solcher Verunglimpfung wird, lebt gefährlich, es sei denn, man verhebt sich derzeit gewaltig. Wer so den gewählten Präsidenten eines Staates, mit dem man im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zusammensitzt, angeht, der braucht keine Kriegserklärung mehr. Newsweek und die britische Krawallpresse reichen völlig. Das Ganze erinnert an die Vorgehensweise bei alliierten Bombenangriffen. Das Ziel wurde mittels sogenannter „Christbäume“ angeleuchtet und anschließend dem Erdboden gleichgemacht. Newsweek agiert systemkonform.

Nach jahrelanger Gewöhnung an entsprechende Vorgehensweisen staunt man dennoch über derartige Unverfrorenheit. Malaysische oberste Richter, die in der britischen Rechtstradition stehen, haben Spitzenpersonal unserer angelsächsischen Bündnispartner in die Kategorie „Kriegsverbrecher“ aufgenommen. Bush und Blair sind nach Ansicht dieser Richter Fälle für das entsprechende Tribunal im holländischen Den Haag. Monitor und andere Fernseh-Programme berichten in diesen Tagen vermehrt über die Gräuel, die alliierte Truppen in Zusammenhang mit dem Afghanistan-Einsatz in diesem Land verübt haben. Irak, Syrien, Libyen und Gaza versinken derzeit in einem Meer von Blut und dieses Blut klebt auch und vor allem an amerikanischen Händen. Und dann gegen den russischen Präsidenten Putin hetzen, wie es schlimmer nicht geht? Putin, der im Zusammenhang mit der Tragödie im Luftraum über der Ukraine nicht nur angemessene Worte gefunden hat, sondern auch seine Armee angewiesen hatte, nachprüfbare Fakten der Weltöffentlichkeit zu präsentieren, muss bis heute vergeblich darauf warten, dass man seiner Offenheit von Obama über Cameron, Hollande bis Merkel entspricht. Wo sind und bleiben die Aufklärungsergebnisse der in Geilenkirchen stationierten AWACS-Gefechtsführungssysteme, die seit langem jeden Winkel der Ukraine im Visier haben? Warum präsentieren die USA nicht die Erkenntnisse ihrer angeblich dichten Satelliten-Kette?

Stattdessen speist man aus der NATO und aus Washington die Weltöffentlichkeit mit angeblichen Informationen aus den sozialen Netzwerken ab. Das ist ein unwürdiges Verhalten der Staaten, die zu solchen Mitteln greifen, sei es durch zweifelhafte Mitschnitte angebliche abgehörter Telefongespräche oder – siehe die traditionsreiche Presseagentur Reuters – durch Interviews, die sich später doch nicht so darstellen, wie sie veröffentlicht worden sind. So verhalten sich keine Staaten, die an Aufklärung interessiert sind.

Vielleicht ist das auch kein Wunder, denn – ohne jedes Dementi – verdichten sich die Hinweise auf die gleichzeitig mit MH 17 in der Luft befindliche Maschine mit dem russischen Präsidenten Putin an Bord. Sie flog demnach dreißig Minuten hinter der malaysischen Unglücksmaschine und war verspätet. Noch schlimmer ist allerdings die durch die westlichen Staaten hingenommene Vorstellung, als könne die Maschine über Separatistengebiet nicht nur abgeschossen worden, sondern auch genau dort zu Boden gegangen sein. Wer jemals mit Flugunfalluntersuchungen – auch wie im Fall der schrecklichen Katastrophe auf dem US-Stützpunkt Ramstein – befasst gewesen ist, der kann doch nur auf die dabei grundlegenden mathematischen Berechnungen im Sinne von dargestellten Parabeln verweisen. Danach gibt es nicht nur mathematische Gesetzmäßigkeiten für Flugzeuge in zehn Kilometer Höhe, die durch einen Vorfall in ein Unglück gestürzt werden. Wenn man diese Gesetzmäßigkeiten, die vom Charakter her allgemeingültig sind, hier zugrundelegt, dann liegt die Entfernung zwischen dem Absturzort und dem Punkt in zehn Kilometer Höhe, wo sich das Unglück für die Maschine MH17 eingestellt hatte, vom Absturzort fast 100 km westwärts. Alleine schon dieser für eine westliche Regierung zu normalen Zeiten zwingende Darstellung hätte das Gebäude der Schuldzuweisung, auch an den russischen Präsidenten Putin, erst gar nicht entstehen lassen.

Solange es niemanden gibt, der diese für jeden Unfall in großer Höhe anzunehmende mathematische Gesetzmäßigkeit in dem vorliegenden Fall begründet außer Kraft setzt, muss nach der Plausibilität vorgegangen werden. Sind dazu westliche Regierungen nicht mehr fähig? Auch nicht zu einer angemessenen Beurteilung dessen, was in der Ukraine eigentlich los ist? Durch den Rücktrittsversuch des Ministerpräsidenten Jasenjuk und die Auflösung des ukrainischen Parlamentes zwecks Neuwahlen wird faktisch für die Ukraine jedwede diplomatische Beilegung des Konfliktes unmöglich gemacht. Dabei hat alleine schon für den Kiewer Teil der Ukraine es dieser Konflikt in sich. Aus der Ostukraine fliehen wegen der Kampfhandlungen die Menschen, nicht nur nach Russland, auch in Richtung Kiew. Es mehren sich die Hinweise, dass dabei diejenigen, die in Richtung Kiew fliehen, dort wie Feinde behandelt werden. Frauen müssen Gräben ausheben, Männer werden zwangseingezogen. Angeblich sind bereits 2/3 der ukrainischen Armee desertiert und haben dabei ihre Waffen und Gerät mitgenommen. Wer in der Armee bleibt, erhält keine Verpflegung und seit Monaten kein Geld.

Dabei schreitet der Prozess der Internationalisierung des Konfliktes fort, sollten die Nachrichten zutreffen, nach denen auf Seiten der ostukrainischen Landwehren in zunehmendem Maße Spanier und Dänen, von Tschetniks gar nicht zu sprechen, mitkämpfen. Wie sagte doch eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin: „Jetzt reicht es“. Nur, dieser Ausruf richtet sich nicht gegen Präsident Putin, sondern an die Adresse des Hausherrn, der Bundeskanzlerin, den NATO-Generalsekretär und vor allem den amerikanischen Präsidenten Obama. Die NATO hat seit der Bombardierung Belgrads eine Menge fertig gebracht. Jetzt organisiert sie sich zum ersten Male einen „failing state“ namens Ukraine und verschweigt ihre Erkenntnisse über MH17.

* Siehe für das aktuelle Newsweek-Titelbild hier.

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One Response to “Manches gönnt man noch nicht einmal seinem ärgsten Feind”

  1. Heinrich I sagt:

    Endlich eine nüchterne Meineng. Vielen Dank!

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