Die Woche im Rückspiegel betrachtet

Jede Woche am Sonntag stelle ich eine Auslese der zehn bemerkenswertesten Geschichten und Veröffentlichungen vor, auf die ich bei meinen Streifzügen durch die Tiefen und Weiten des weltumspannenden Informationsnetzes gestoßen bin.

Von Lars Schall

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

ich heiße Sie herzlich willkommen zu Die Woche im Rückspiegel betrachtet. Mit diesem Format möchte ich Ihnen immer wieder des Sonntags im Schnelldurchlauf zehn bemerkenswerte Geschichten und Veröffentlichungen präsentieren, über die ich im Laufe der jeweils vorangegangenen sieben Tage via wilder Internet-Klickerei stolperte.

ACHTUNG: Die Hyperlink-Funktion meiner Website streikt derzeit, so dass ich die Link-Adressen lediglich einfügen kann, ohne dass Sie direkt auf die jeweiligen Webseiten gelenkt werden. Ich hoffe, das Problem alsbald behoben zu haben. In der Zwischenzeit: Pardon.

Und damit ohne weiteren Aufhebens zu den…

TOP 10-LINKS DER WOCHE

Auf Platz 10 lesen wir zur Einstimmung vom “irren Doppelleben des Lucas Zeise“:

“Mehr als 20 Jahre renommierter Finanzjournalist, Ressortleiter bei ‘FTD‘ und ‘Börsen-Zeitung‘ – und was niemand wissen durfte: Zeise war auch Kommunist und Mitglied der DKP. ‘Ich musste mich verstellen‘, sagt Zeise heute. Wie bitte?“

Lesen Sie hier mehr:

http://www.wirtschaftsjournalist-online.de/die-aktuelle-ausgabe/das-irre-doppelleben-des-lucas-zeise/

Auf Platz 9 folgen auf Kommunisten Kommissare: “Netzpolitik“ brachte dieser Tage eine Zusammenfassung der Hearings, die neulich mit den vorgeschlagenen EU-Kommissaren durchgeführt wurden, und tat dies aus spezifischem Blickwinkel heraus:

“Zwischen dem 29. September und dem 7. Oktober fanden die Anhörungen der designierten Kommissare im Europäischen Parlament statt. Dies ist eine kurze Zusammenfassung der sechs Anhörungen, in denen die designierten Kommissare die Fragen der Abgeordneten des Europäischen Parlaments in Bezug auf digitale Rechte, Schutz der Privatsphäre und Handelsabkommen beantwortet haben.“

So Sie das interessiert, öffnen Sie diesen Artikel hier:

https://netzpolitik.org/2014/zusammenfassung-der-hearings-der-designierten-kommissare-aus-netzpolitischer-sicht/

Der NSA-Ausschuss im Dt. Bundestag brachte derweil zutage: “BND betreibt gesetzeswidrig Datenbanken. Die Datenschutzbeauftragte des Bundesnachrichtendiensts (BND) hat im NSA-Unterschuchungsausschuss erklärt, dass in Pullach Inhalts- und Metadaten ohne vorherige grundrechtliche Prüfung gespeichert und verarbeitet werden.“

Weiteres dazu hier:

http://www.heise.de/newsticker/meldung/NSA-Ausschuss-BND-betreibt-gesetzeswidrig-Datenbanken-2414734.html

Unterdessen finden Anhörungen des US-Kongresses zu den Konsequenzen der Liaison zwischen dem US-Geheimdienstapparat mit Tech-Unternehmen statt – siehe hier mehr dazu:

http://www.thedailybell.com/news-analysis/35713/Congressional-Hearings-Show-How-US-Intel-Has-Jeopardized-the-Tech-Industry/

Auf Platz 8 schweift der Blick kurz gen Israel: “In der Nacht auf Mittwoch hat die israelische Regierung das Budget für 2015 gutgeheissen. Es ähnelt dem letztjährigen Budget. Streit gab es wegen der Erhöhung der Militärausgaben. … Im Budget für das laufende Jahr war eigentlich eine Kürzung geplant gewesen, doch mit der Militäroperation im Gazastreifen, die länger als erwartet andauerte, stiegen die Ausgaben. Daher wurde beschlossen, 7 Mrd. bis 8 Mrd. Schekel (1,8 Mrd. bis 2 Mrd. Fr.) zum diesjährigen Budget hinzuzufügen sowie zusätzliche 6 Mrd. Schekel (1,5 Mrd. Fr.) für 2015 vorzusehen. Die Militärausgaben machten bisher mit rund 14 Mrd. Fr. etwa 17% des Gesamtbudgets aus. Hinzu kommen 3 Mrd. $ Militärhilfe aus Washington. Anfang Juni standen Einsparungen zur Debatte, welche nach dem Gazakrieg allerdings kein Thema mehr waren.“

Dieses las ich hier:

http://www.nzz.ch/wirtschaft/erhoehung-der-militaerausgaben-nach-gaza-1.18399897

Auf Platz 7 richten sich die Augen auf das anvisierte Freihandelsabkommen TTIP, und zwar im Zusammenhang mit Kultur. Da bin ich doch nämlich auf gesammelte Werke des Deutschen Kulturrats zum besagten Problemfeld gestoßen – die Sie hier öffnen können:

http://www.kulturrat.de/dokumente/ttip-dossier-sep-2014.pdf

Auf Platz 6 blicken wir dann flugs auf einen Artikel, der von Pam und Russ Martens auf “Wall Street On Parade“ erschien: “Fed Chair Janet Yellen Has a New York Problem“. Darin wird behandelt, dass die New York Fed ihrer Aufsichtspflicht über die großen New Yorker Banken nur ungenügend nachkommt, weshalb wiederum eigentlich die Federal Reserve in Washington DC einschreiten müsste, um bei der New Yorker Fed Köpfe rollen zu lassen (zum Beispiel den von William Dudley, dem Präsidenten der New York Fed) – das aber geschieht nicht.

Zugrunde liegen all dem Enthüllungen von ProPublica, auf die ich im Wochenrückspiegel vom 28. September 2014 auf Platz 3 verwies.

Zum Problemfall siehe konkret hier:

http://wallstreetonparade.com/2014/10/fed-chair-janet-yellen-has-a-new-york-problem/

Kritisches in Sachen Fed hat auch David Stockman anzumerken, indem er sich dem jüngsten Arbeitsmarktbericht des U.S. Bureau of Labor Statistics (BLS-Report) widmet, genauer: dem Trend der Gesamtanzahl aller Arbeitsstunden, die in den USA geleistet werden. Auf langjähriger Basis betrachtet, so Stockman, fängt diese Statistik den wirklichen Verlauf ökonomischer Geschichte ein.

“Trotz fünf Rezessionen zwischen 1964 und den Mitte-2000er Jahren wuchsen die Arbeitsstunden jährlich um 2.1% zwischen 1964 und 1980, und um 1.8% pro Jahr zwischen 1980 und 2000. Legen Sie ein oder zwei Prozentpunkte für die Produktivität hinzu, und man hatte ein 3-4 prozentiges Wachstum an realem BIP.“

Der Trend habe sich “während der Jahre des manischen Gelddruckens seit dem Jahr 2000“ dramatisch geändert. In jenem Jahr war der Punkt erreicht, als den damaligen Fed-Vorsitzenden Alan Greenspan nach dem Platzen der Dotcom-Blase Panik ergriff, sodass er zwischen 2000 und 2003 mehrere dutzende Male die Zinsen senkte, was die Geldkosten auf gerade noch 1 Prozent fallen ließ.

“Diese Politik ließ selbstverständlich die Preise von Risikoaktiva frei schweben, aber nichts dergleichen kann über die Gesamteinheiten der Arbeiterschaft, die in der Privatwirtschaft beschäftigt ist, gesagt werden. Auf einer Spitze-zu-Spitze-Basis während der 81 Monate der Greenspan-Immobilienblase von 2001 bis 2007 stiegen die Arbeitsstunden nur um 0,5% pro Jahr – oder nur um ein Viertel ihrer historischen Rate.

Und während der 81 Monate der Bernanke-Yellen-Blase seit der 2007er Spitze hat kaum ein Fortschritt bei den Arbeitsstunden überhaupt stattgefunden, indem sie nur um 0,2% jährlich höher schleicht. Anders ausgedrückt, ein Tsunami erzeugten Gelds hat einen Beschäftigungsrinnsal erzeugt“ – nämlich über sieben Jahre hinweg eine Arbeitsstundenwachstumsrate, die lediglich noch einem Zehntel dessen entspricht, was vor dem Jahr 2000 Trend war.

Im Laufe der Großen Rezession habe die Güterproduktionswirtschaft der Vereinigten Staaten 3.6 Millionen Jobs eingebüßt – “oder ein Siebtel in der Bau-, Fertigungs- und Minen-/Energie-Produktion.“

Prekär daran: diese besserbezahlten Arbeitsplätze in der Güterproduktion tragen zu Exporten bei und reduzieren Importe. Laut Stockman importieren die USA Güter und Dienstleistungen im Wert von 2.5 Billionen US-Dollar. Würden die Exporte dagegen gehalten, bliebe ein Defizit von einer halben Billion US-Dollar.

Der einzige Sektor, der seit der Milleniumswende wirklich gewachsen ist, der HES-Komplex (Health, Education, Social services – Gesundheit, Bildung, Sozialdienste), vermag bei diesem strukturellen Problem wenig auszurichten. Die Arbeitsplatzwachstumsrate beim HES-Komplex betrug zwischen dem Zyklus von 2000 bis 2007 pro Monat 51.000 neue Jobs, und während der Großen Rezession immerhin noch 43.000 neue Arbeitsplätze pro Monat.

Das Problem ist, dass der HES-Komplex nahezu vollständig steuerlich abhängig ist. Das heißt, er wird von etwa $ 1.5 Billionen pro Jahr der Staatsausgaben für die Gesundheitsversorgung durch Medicare, Medicaid und die damit verbundenen Programme und mehr als $ 1.0 Billionen pro Jahr für Bildung auf allen Ebenen angeheizt. Selbst die von Arbeitgebern bezahlte Gesundheitsversorgung ist stark abhängig von $ 200 Milliarden pro Jahr via Steuervergünstigungen und Subventionen.

Stockman konstatiert, dass die HES-Arbeitsplatzwachstumsrate seit Juni 2009 auf gerade noch 28.000 neue Jobs pro Monat gefallen ist. Netto sei es der US-Ökonomie seit Mitte 2000 nicht gelungen, auch nur einen Job außerhalb des HES-Sektors zu genieren. Damals seien es 107.8 Millionen Arbeitsverhältnisse außerhalb des HES-Komplexes gewesen, heute seien es deren 107.6 Millionen.

Stockmans ausführlichen Artikel, “Inside September’s ’Born Again’ Jobs Report”, finden Sie hier auf seiner Website:

http://davidstockmanscontracorner.com/inside-septembers-born-again-jobs-report/

Auf Platz 5 lauert der böse Russe. Jedenfalls vermuten US-Offizielle “Russen” mit losen Kontakten zur Moskauer Regierung hinter der Cyberattacke auf JPMorgan Chase. Von dem Angriff seien 76 Millionen Haushalte und 7 Millionen kleine Geschäfte betroffen.

Falls Sie das interessiert, schauen Sie mal hier vorbei:

http://finance.yahoo.com/news/report-russians-behind-huge-jpmorgan-122025107.html

Auf Platz 4 wähnt der Daily Telegraph aus London die Welt am Rande eines Ölkriegs. Eine Geheimgruppe aus OPEC-Mitgliedern will in Bälde entscheiden, ob die Erdölproduktion gedrosselt wird, um dem Preis zu verteidigen, oder ob die Ölhähne geöffnet bleiben, wenn in den größten Energie-Verbrauchernationen der kalte Winter Einzug hält – wie hier niedergeschrieben wurde:

http://www.telegraph.co.uk/finance/newsbysector/energy/oilandgas/11140156/World-on-the-brink-of-oil-war-as-Opec-bickers-over-price.html
Unterdessen schwingt Washington auch die Ölwaffe, so schreibt Michael Klare – und zwar hier:

http://www.tomdispatch.com/post/175905/tomgram%3A_michael_klare%2C_washington_wields_the_oil_weapon/

Auf Platz 3 plädiert der Volkswirt Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Instituts, für eine Reform des Geldsystems. So sagt er in einem Interview:

“Die aktuelle Debatte über die Instabilität des kapitalistischen Wirtschaftssystems blendet die Rolle des Geldsystems komplett aus. Als Ökonom kann man sich da nur wundern. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten berühmte Ökonomen wie Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek und Joseph Schumpeter erkannt, welch überragende Bedeutung das Geldwesen für das Entstehen von Krisen hat. In unserem Papiergeldsystem vergeben die Banken Kredite, die durch nichts gedeckt sind. Sie schreiben dem Kreditnehmer die Kreditsumme auf dessen Konto gut und schöpfen so mit einem Federstrich Geld aus dem Nichts.

Joseph Schumpeter betrachtete diese Kreditvergabe aus dem Nichts als treibende Kraft für das kapitalistische System. Er erkannte aber auch, dass sie die Ursache für die inhärente Instabilität des Systems ist. Denn die Banken neigen dazu, zu viel Kredit und Geld zu schöpfen, wenn die Zentralbanken den Zins zur Stimulierung der Konjunktur nach unten manipulieren. Die Folge sind Finanzkrisen, in denen sich die geballte Kraft der schöpferischen Zerstörung entlädt. … Schumpeter hat in seinen Arbeiten ziemlich genau beschrieben, was wir derzeit erleben.“

Was will Thomas Meyer als Alternative? “Aktivgeld“, antwortet er. Was ist das? “Aktivgeld ist Geld, das im Gegensatz zum Kreditgeld nicht durch ein Schuldverhältnis zustande kommt, sondern auf einem Aktivum beruht. Dieses wird auf der Aktivseite der Bilanz des Geldemittenten verbucht. Ein Beispiel ist Warengeld wie Gold oder Silber. Beide Edelmetalle waren Handelswaren und wurden im Laufe der Zeit durch gesellschaftliche Konvention zu allgemein akzeptierten Tauschmitteln, bevor sie durch das staatliche Papiergeld abgelöst wurden. Der Aufstieg von Gold und Silber zu Tauschmitteln erfolgte im freien Markt, nicht durch staatliches Dekret. Heutzutage muss Aktivgeld nicht notwendigerweise eine Handelsware sein, es kann auch virtuellen Charakter haben wie etwa Bitcoin.

Entscheidend ist, dass es nicht beliebig vermehrbar ist. In einem solchen Aktivgeldsystem gibt es keine Kreditschöpfung aus dem Nichts. Kredite können nur vergeben werden, wenn entsprechende Ersparnisse vorhanden sind. Dagegen entsteht in unserem Passivgeldsystem Geld dadurch, dass der Staat den privaten Geschäftsbanken die Lizenz erteilt, Kredit und Buchgeld zu erzeugen. Für das so erzeugte Buchgeld müssen sie nur zu einem geringen Teil Reserven bei der Zentralbank bilden, die ihnen diese zudem ganz nach Bedarf leiht. Dieses System tendiert zu exzessiver Kredit- und Geldschöpfung, Überschuldung und Krisen. Deflation ist in diesem System tödlich; daher neigt es zur Inflation. Es braucht eine staatliche Zentralbank als Kreditgeberin der letzten Instanz und einen Staat, um einen Systemkollaps zu verhindern, wenn Kredite ausfallen und dem mit ihnen geschaffenen Buchgeld der Banken die Vernichtung droht.“

Das Interview, aus dem ich zitierte, können Sie hier aufrufen:

http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/thomas-mayer-nach-der-finanzkrise-droht-die-geldkrise-seite-all/10807526-all.html

Auf Platz 2 fragt das österreichische “Wirtschaftsblatt” munter in die Runde: “Wollen die USA die Terrormiliz IS nicht in die Knie zwingen oder können sie es nicht?“

Die Frage scheint in die richtige Richtung zu gehen, und der können Sie hier nachgehen:

http://wirtschaftsblatt.at/home/nachrichten/international/3883589/Wollen-die-USA-die-Terrormiliz-IS-nicht-in-die-Knie-zwingen-oder?from=rss

Zu IS empfehle ich ferner nachdrücklich dieses:

http://www.hintergrund.de/201410073266/globales/kriege/neue-etappe-im-krieg-gegen-syrien.html,

und dieses hier:

http://www.newyorker.com/books/page-turner/what-is-ebola

Und auf Platz 1 wenden wir uns dreifach dem Riesenreich im Osten zu, das unter Chinesischer Volkrepublik firmiert.

Zunächst positioniert sich China, um seine Währung als Teil einer IWF-Superwährung zu sehen – was Sie unter der Überschrift “China Currency Push Takes Aim at Dollar“ hier nachlesen können:

http://gata.org/node/14548

Dann hat China just eben die USA als weltgrößte Ökonomie überflügelt – wie hier aufploppt:

http://www.businessinsider.com/china-overtakes-us-as-worlds-largest-economy-2014-10

Und Pepe Escobar hat mit seinem Artikel zu einer Achse Peking-Moskau-Berlin den besten Text abgeliefert, den ich in dieser Woche zu lesen bekam. Das englischsprachige Original, “Can China and Russia Squeeze Washington Out of Eurasia? – The Future of a Beijing-Moscow-Berlin Alliance”, gibt es hier:

http://www.tomdispatch.com/post/175903/tomgram%3A_pepe_escobar,_new_silk_roads_and_an_alternate_eurasian_century/,

die deutschsprachige Übersetzung hier:

http://www.vineyardsaker.de/uncategorized/koennen-china-und-russland-washington-aus-eurasien-hinausdruecken/

Zuletzt noch das Musikstück der Woche: BILLY BROOKS – Fourty Days.

In dem Sinne, ganz der Ihre,
Lars Schall.

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