Chinas Aufkommen als Macht in Nahost und Israels Gelegenheit

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In einem Beitrag für das Begin-Sadat Center for Strategic Studies befasst sich David P. Goldman mit Chinas “neuer Seidenstraße“ und der “maritimen Seidenstraße“ – ausgreifende Großbauprojekte, die durch Pekings Initiative auf der eurasischen Landmasse und auf Seerouten vom Indischen Ozean bis zum Mittelmeer verwirklicht werden. Parallel dazu tritt eine zusehends geringere Rolle der USA in Nahost zutage, und es ist wahrscheinlich, dass China eine größere Rolle in der Region einnehmen wird. Seine geographische Position und technologischen Fortschritte ermöglichen es Israel wiederum, eine Brückenkopfrolle in Pekings Infrastruktur-Projekt zu spielen und nachhaltigen Einfluss auf das chinesische Denken in der Region zu nehmen.

Von David P. Goldman, Übersetzung Lars Schall

Die exklusive Übersetzung des nachfolgenden Artikels ins Deutsche für LarsSchall.com erfolgt mit ausdrücklicher und persönlicher Genehmigung von David P. Goldman. Der englische Original-Artikel erschien hier unter der Überschrift „China’s Emergence as a Middle Eastern Power and Israel’s Opportunity“ auf der Website des Begin-Sadat Center for Strategic Studies.

David P. Goldman, unserer Ansicht nach weltweit einer der überragenden Essayisten unserer Zeit, war in der Vergangenheit der globale Leiter für die Research-Abteilung festverzinslicher Wertpapiere bei der Bank of America (2002-2005) und der globale Leiter für Kredit-Strategie bei Credit Suisse (1998-2002). Des Weiteren arbeitete er in leitender Funktion bei Bear Stearns, Cantor Fitzgerald und Asteri Capital. Heute leitet er den Beratungsservice Macrostrategy. Seit September 2013 ist Goldman überdies der Leiter der Amerika-Abteilung der Reoreint Group, einer in Hongkong ansässigen Investmentbank. Im Zusammenhang mit der Reorient Group und dem Thema des nachfolgenden Artikels, China, sei auf eine Arbeit hingewiesen, an der Goldman mitgewirkt hat, „China’s Two Economies“.

Von 1994 bis 2001 war Goldman ferner Kolumnist des Forbes-Magazins. Darüber hinaus diente er während der 1980er Jahre Norman A. Bailey, dem damaligen Director of Plans des National Security Council der USA.

Auf Asia Times Online veröffentlicht er seit 2000 regelmäßig seine “Spengler“-Essays (so benannt nach dem deutschen Historiker und Philosophen Oswald Spengler). Für eine Gesamt-Übersicht der exklusiv für LarsSchall.com übersetzten Artikel von Spengler / David P. Goldman siehe hier. Darüber hinaus steht hier ein Exklusiv-Interview mit David P. Goldman auf LarsSchall.com parat, “Gold gibt einem extrem wichtige Signale“.

Ask anyone in the intelligence business to name the world’s most brilliant intelligence service, and we’ll all give the same answer: Spengler. David P. Goldman’s ‘Spengler’ columns provide more insight than the CIA, MI6, and the Mossad combined.” — Herbert E. Meyer, Special Assistant to the CIA Director and as Vice Chairman of the CIA’s National Intelligence Council, Reagan Administration.

Zusätzlich schreibt Goldman für das Monatsmagazin First Things Essays, die ebenfalls einen weitgefassten Bogen spannen – von jüdischer Theologie über Ökonomie und Literatur bis hin zu Mathematik und Außenpolitik. Des Weiteren gehört er zum Kolumnisten-Stab von PJ Media, während er bei Tablet Musik-Kritiken beisteuert. Goldman ist der Autor des Buches “How Civilizations Die (and why Islam is Dying, Too)”, veröffentlicht bei Regnery Press. Eine Sammlung seiner Essays, “It’s Not the End of the World – It’s Just the End of You”, erschien bei Van Praag Press.

Er hat oft vor vielen bedeutenden Wirtschaftskonferenzen gesprochen, so zum Beispiel den Jahrestreffen der Weltbank. Sein Kapitel über Markt-Versagen im “Bloomberg Book of Master Market Economists“ (2006) gehört zu den Prüfungstexten für das Examen zertifizierter Finanzanalysten. Er hat Ökonomie an der Columbia University und an der London School of Economics sowie Musik-Theorie an der City University of New York studiert. Am Mannes College of Music lehrte er Musik-Theorie. Derzeit dient er daselbst dem Board of Governors. Ferner sitzt er im Board of Directors of the America-Israel Cultural Foundation und ist ein Fellow des Jewish Institute for National Security Affairs. David P. Goldman lebt in New York City, U.S.A.

Chinas Aufkommen als Macht in Nahost und Israels Gelegenheit

von David P. Goldman

Chinas „neue Seidenstraße“ könnte die ehrgeizigste Infrastrukturinvestition der Geschichte werden. Einige chinesische Strategen sagen eine israelische Rolle in dem Projekt voraus, die auf einer Stufe steht oder vielleicht noch wichtiger ist als die der Türkei. China nennt das Projekt „Ein Gürtel und Eine Straße“, bezogen auf einen Gürtel von Eisenbahnen, Straßen, Pipelines und Breitbandkommunikationstrecken, der sich durch China in den Westen zieht, und eine “maritime Seidenstraße“, die Seewege vom Indischen Ozean bis zum Mittelmeer mit Hafeninfrastruktur verbindet.

Israels Lage macht es dem jüdischen Staat möglich, „die Rolle des Brückenkopfs für ‚Ein Gürtel und Eine Straße‘ mit der Fertigstellung des ‚Red-Med‘-Eisenbahnprojekts zu spielen“, sagte Dr. Liu Zongyi auf einem Seminar an der Remnin-Universität im letzten November. Dr. Liu vom Shanghai Institute of International Studies sprach von einer $ 2 Milliarden teuren und 300 km langen Eisenbahnstrecke, die Ashkelon mit dem Roten Meer verbindet. Das „Red-Med“-Projekt wird in der Regel in bescheidenerer Weise präsentiert, als eine Möglichkeit der Aufnahme überschüssigen Verkehrs aus dem Suezkanal oder als eine alternative Route für den Fall politischer Zerrüttungen.

Was China “Einen Gürtel und Eine Straße“ nennt, schlägt vor, dass China mit dem Mittelmeer auf der Ost-West-Achse die Möglichkeit haben wird, Hochgeschwindigkeitsbahnlinien in Südostasien, Indien und Afrika zu erschaffen. China beabsichtigt seine Schienenwege von 12.000 Kilometer bis zum Jahr 2020 zu verdoppeln, wobei Hochgeschwindigkeitsstrecken den Großteil des Ausbaus ausmachen. Es baut ein südliches Eisenbahnnetz durch Thailand, Laos und Kambodscha bis nach Singapur und westwärts gen Istanbul.

Einige chinesische Strategen sehen „Red-Med“ als Sinnbild eines ambitionierteren Entwurfs für die Region. Zum Beispiel bezweckt die chinesisch-israelische Zusammenarbeit das Beinhalten von Terrorismusbekämpfung und Anti-Piraterie-Operationen sowie die wirtschaftliche Unterstützung für arabische Länder. Israel kann fortschrittliche Technologien anbieten, wie zum Beispiel in der Landwirtschaft, um die Industrialisierung des Nahen Ostens im Rahmen von „Ein Gürtel und Eine Straße“ zu unterstützen. Die Chinesen haben gar Israel darauf hingewiesen, dass ihre Kriegsmarine im Indischen Ozean und im Golf von Aden Anti-Piraten-Missionen durchführt, an denen Israel teilnehmen könne.

Das Projekt bedeutet einen radikalen Wandel für Chinas Wahrnehmung der regionalen Sicherheit im Nahen Osten. Chinas Nettoölimporte haben sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdreifacht, von 100 Millionen Tonnen pro Monat im Jahre 2005 auf fast 300 Millionen Tonnen heute, und der größte Teil der Zunahme kommt aus dem Persischen Golf. Chinas Abhängigkeit von Öl des Mittleren Ostens wird weiter steigen. Bis vor kurzem war es China zufrieden, Amerikas Führung bei der Sicherheit am Golf zu folgen. Nach dem Zusammenbruch von Syrien und Irak hat sich Chinas Wohlbehagen allerdings in Besorgnis gewandelt, und China wird nach Wegen suchen, um seine regionale Sicherheitspräsenz zu erhöhen, ohne zu versuchen, eine Supermacht-Rolle in der Region zu spielen.

Es gibt einen neuen Konsens in China, dass die weltweit zweitgrößte Supermacht eine zentralere Rolle im Nahen Osten spielen muss. Aber die Plötzlichkeit von Amerikas Niedergang in der Region hat China unvorbereitet und nicht sicher darüber stehen gelassen, was seine nächsten Schritte sein sollen, wie chinesische Analysten in privaten Gesprächen rasch bestätigen. China ist den P5 + 1-Verhandlungen mit dem Iran beigetreten und bot an, ein fünftes Mitglied des Nahost-Quartetts (UNO, USA, Europa, Russland) zu werden, aber dies sind eher Pro-forma-Vorschläge, um Chinas Interesse an der Region geltend zu machen, statt ein politisches Gesamtkonzept per se. In der Vergangenheit hat China bei den Vereinten Nationen mit den Palästinensern abgestimmt, und es wird seine diplomatische Position in absehbarer Zeit nicht ändern.

Es gibt jedoch ein übergreifendes Motiv in der chinesischen Politik, und dieses rührt von der chinesischen Wirtschaftskraft. Die Umwandlung der eurasischen Landmasse durch Hochgeschwindigkeitstransport und -kommunikation werden große Teile des Kontinents aus der Rückständigkeit erheben, glaubt China, und eine langfristige politische Stabilität ermöglichen. Der Aufbau der neuen Seidenstraße verlangt jedoch die Unterdrückung der Sicherheitsbedrohungen, die die Handelsströme stören könnten. In beiderlei Hinsicht schätzt Peking Israel als strategischen Partner ab.

Erst 2014 kam China zum Schluss, dass die Vereinigten Staaten daran scheitern würden, Irans Drang nach Atomwaffen zu stoppen. Unter der Annahme, dass es unter einem amerikanischen Sicherheitsschirm arbeitete, versuchte Peking ein heikles Gleichgewicht in den Beziehungen zu Saudi-Arabien und dem Iran zu bewahren. Ein chinesischer Analyst stellt fest, dass Chinas Waffenlieferungen an den Iran in absoluten Zahlen zwar größer als die Verkäufe nach Saudi-Arabien sind, aber es hat den Saudis seine besten Mittelstreckenraketen gegeben, die eine „gewaltige Abschreckung“ gegen den Iran bilden.

Wie China die Angelegenheit sieht, so steigt dessen Gesamtabhängigkeit von importiertem Öl, und der Anteil an diesem Öl, der aus dem Iran und seinen gefühlten Verbündeten kommt, steigt ebenso. Saudi-Arabien mag Chinas größter Anbieter sein, aber an den Irak und Oman entfallen Löwenanteile des Anstiegs der Ölimporte. China will für keinen Ärger mit keinem der potenziellen Gegner sorgen. Diese Politik hat gut funktioniert, solange die USA für den Frieden im Persischen Golf bürgten, aber sie hat ihr Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht und Peking überlegt noch immer, was als nächstes zu tun ist.

Da sich Chinas Nahost-Haltung inmitten eines großen Überdenkens befindet, besitzt Israel ein wichtiges Zeitfenster, um das chinesische Denken zu beeinflussen. In Ermangelung einer beherrschenden amerikanischen Präsenz im Persischen Golf steigen die Risiken des regionalen Kriegs und einer Unterbrechung von Chinas Ölversorgung über die Schwelle der Akzeptierbarkeit für Peking hinaus.

Wie Indien mit der „neuen Seidenstraße“ interagieren wird ist noch nicht klar, aber es scheint immer wahrscheinlicher, dass Indien und China eher miteinander zusammenarbeiten, statt streiten werden. Nach Präsident Xi Jinpings Staatsbesuch in Indien im September 2014 kann die neue Regierung von Narendra Modi von Chinas Know-how und Finanzierungen zehren, um kritische Infrastrukturengpässe abzumildern. Die beiden Länder stehen beispielsweise in Verhandlungen über ein Hochgeschwindigkeitsbahnsystem von 33 Milliarden US-Dollar, die erste große Verbesserung eines Schienensystems, das von den Briten im 19. Jahrhundert erbaut wurde. Die Wirtschaft übertrumpft kleinliche Bedenken über die Grenzen im bergigen Ödland, das die beiden weltweit bevölkerungsreichsten Länder voneinander trennt.

Es gibt auch eine strategische Dimension an dem wachsenden Gefühl der Übereinstimmung zwischen China und Indien. Von Indiens Standpunkt aus gesehen ist Chinas Unterstützung für die pakistanische Armee ein Problem, aber das gilt für beide Seiten. Pakistan verbleibt in permanentem Risiko, zum militanten Islam umzukippen, und der Hauptgarant für die Stabilität ist die Armee. China will die Armee als Bollwerk gegen die islamischen Radikalen stärken, die die chinesische Provinz Xinjiang ebenso sehr wie Indien bedrohen, und dies dient wahrscheinlich Indiens Interessen genauso gut wie es möglicherweise jede chinesische Politik vermag.

In der Zwischenzeit bereitet der Aufstieg des islamistischen Extremismus Peking Sorgen. Mindestens hundert, und vielleicht viel mehr, chinesische Uiguren kämpfen angeblich mit dem Islamischen Staat, vermutlich, um Terror-Fähigkeiten zu erwerben, um sie wieder mit nach Hause nach China zu bringen. Chinesische Analysten haben eine sehr geringschätzige Meinung vom Ansatz der Obama-Regierung im Umgang mit IS, haben aber keine alternative Politik. Es gibt eine Chance für eine leise, aber bedeutende sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen Israel und China.

Chinas Rolle in Ägypten zeigt, wie Peking seine Wirtschaftskraft nutzen kann, um zur regionalen Stabilität beizutragen. Der ägyptische Präsident Fatah al-Sisi unterzeichnete eine „umfassende strategische Partnerschaft“ mit China während seines Staatsbesuchs in Peking Ende Dezember. China stellt sich einen zweiten Suezkanal vor, flankiert von einer Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnstrecke sowie „Zusammenarbeit bei Infrastruktur, Kernenergie, neue Energie, Luftfahrt, Finanzen und anderen Bereichen“, sagte der chinesische Präsident Xi Jinping im Dezember. Israel könnte eine Rolle bei der chinesisch-ägyptischen Zusammenarbeit haben. Wie bereits erwähnt, kann Israel fortschrittliche landwirtschaftliche Technologien anbieten, um die Industrialisierung der Länder des Nahen Ostens im Rahmen von Ein Gürtel-Eine Straße zu unterstützen.

Chinas Politik ist vorsichtig, konservativ und konsensorientiert. Oberstes Anliegen ist die eigene Wirtschaft. Das Tempo der Umgestaltung des Nahen Ostens hat es überrascht, und es versucht zu entscheiden, was als nächstes zu tun ist. Was China in Zukunft tun wird, kann nicht vorhergesagt werden. Aber es scheint unvermeidlich, dass Chinas grundlegende Interessen zu einer weit größeren Beteiligung in der Region führen werden, umso mehr, indem sich die USA zurückziehen. Israel wird ein amerikanischer Verbündeter bleiben, und diese Allianz grenzt den Umfang der chinesisch-israelischen Zusammenarbeit grundsätzlich ein. Innerhalb dieser Grenzen aber hat Israel großen Handlungsspielraum und die Möglichkeit, um dabei zu helfen, das chinesische Denken und die chinesische Strategie in der Region für die kommenden Jahrzehnte zu gestalten.

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One Response to “Chinas Aufkommen als Macht in Nahost und Israels Gelegenheit”

  1. Felix Klinkenberg sagt:

    Da ist der Wunsch aber, der Vater des Gedankens. Wenn der Schwanz Israel, aufhört mit dem Hund USArmy/OTAN, zu wedeln und in die Menschliche Gemeinschaft zurückfindet, so werden die BRICS Staaten und die Staaten der Shanghai Gruppe, wie sie immer wieder äußern, jeden in die Gemeinschaft, der Menschen wieder Aufnehmen. Wenn sie sich allerdings, weiter wie Hirnlose Bestien verhalten, wird dieser Wunschtraum, zerplatzen wie ein Luftballon. Die Welt soll eine Welt werden, die für ALLE seine Bewohner, ein Platz für ein Menschliches Leben bietet. Daher ja die Investionen in reale Projekte, die allen nützen und nicht in immer größeren Blasen, die zur Entwicklung, unserer Art, nichts Betragen, sondern den Niedergang, unserer Art befeuert.

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