Die Woche im Rückspiegel betrachtet

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Jede Woche am Sonntag stelle ich eine Auslese der zehn bemerkenswertesten Geschichten und Veröffentlichungen vor, über die ich bei meinen Streifzügen durch die Tiefen und Weiten des weltumspannenden Informationsnetzes gestolpert bin.

Von Lars Schall

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

willkommen bei Die Woche im Rückspiegel betrachtet. Mit diesem Format möchte ich Ihnen immer wieder des Sonntags im Schnelldurchlauf Geschichten und Veröffentlichungen zu 10 Themenbereichen präsentieren, die mir im Laufe der jeweils vorangegangenen Woche als wie auch immer beachtenswert auffielen.

Und damit ohne weiteren Aufhebens zu den…

TOP 10-LINKS DER WOCHE

Auf Platz 10 mutet es theoretisch an. Grob Pi-mal-Daumen geschätzt gibt es dreierlei miteinander konkurrierende Theorien bei gewissen Ereignissen unklaren Charakters. Dies wäre die Verschwörungstheorie vs die Zufallstheorie vs die Inkompetenztheorie. Neben den Verschwörungs-, den Zufalls- und den Inkompetenz-Theorien gehen die Leute bisweilen aber auch noch mit der Versäumnis-Theorie schwanger (ein Beispiel wären die Versäumnistheoriegebilde zum NSU). In Richtung Versäumnistheorie ist ein Artikel der “Welt“ unterwegs, den ich heute Morgen las. Ihm wäre des Weiteren zu entnehmen, wofür der Terminus “Täterklientel Nafri“ steht:

“Polizei war schon früh vor ‘Täterklientel Nafri‘ gewarnt.

Der NRW-Landtag will aufklären, warum die massenhaften sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht nicht verhindert wurden. Erste Zeugen und Dokumente offenbaren beunruhigende Versäumnisse.“

Dafür klicken Sie hier.

Auf Platz 9 wird aus dem sogenannten “Fall Magnizki“ eher ein “Fall Browder“ und ein “Fall ZDF“, wie man Ihnen hier vor Augen führt.

Auf Platz 8 fühlt sich David P. Goldman alias “Spengler“ von Recep Tayyip Erdogan an Komödien von Mel Brooks erinnert – siehe hier unter “Turkey blackmails Europe with its own instability“.

Auf Platz 7 beglückt uns Bloomberg News mit der Bekanntgabe, wer hinter dem Tyler Durden-Alias der US-Finanzwebsite “Zero Hedge“ steckt. Es sind (oder waren): Daniel Ivandjiiski, Tim Backshall und Colin Lokey.

Mehr dazu hier und hier.

Auf Platz 6 möchten Sie Kelley Vlahos und Mike Lofgren mit auf eine Erkundungstour im Umland von Washington DC nehmen, wo der Nationale Sicherheitsstaat der USA dafür Sorge trägt, dass die ihm Nahestehenden in den Genuss bester Wohngegenden kommen.

Wenn Sie die Einladung dazu annehmen möchten, sind Sie hier unter “How Wartime Washington Lives in Luxury“ richtig, um mit der Erkundungstour anzufangen.

Auf Platz 5 berichtet Nicholas Schou in einem Newsweek-Artikel namens “The ‘October Surprise’ Was Real, Legendary Spymaster Hints in Final Interview” von einer Unterredung, die er mit Duane „Dewey“ Clarridge, einem ehemals hochrangigen CIA-Mitarbeiter, im Frühling 2015 gehabt hatte. Damals recherchierte Schou für sein demnächst erscheinendes Buch “Spooked: How the CIA Manipulates the Press and Hoodwinks Hollywood”. Clarridge erachtete es in dem Gespräch mit Schou weiterhin als “stolzeste Leistung”, die Contras in Nikaragua während seiner Zeit als CIA-Chef für Lateinamerika in “die größte Rebellenarmee der westlichen Hemisphäre” verwandelt zu haben. Dass dabei Drogen im Spiel waren, um die Operation zu finanzieren, wurde von ihm als “Bullshit” abgetan, und den diesbezüglichen Recherchen von Gary Webb brachte Clarridge tiefe Abneigung entgegen. “Die ganze Drogensache ist eine Ente”, ließ er Schou wissen, der ironischerweise ein Buch über Gary Webbs Recherchen verfasste, “Kill the Messenger”.

Einige Beachtung findet Schous Artikel derzeit, da Clarridge im weiteren Verlauf der Unterhaltung nahegelegt haben soll, dass die “October Surprise”-Geschichte von 1980 im Wesentlichen so abgelaufen sei, wie sie George Cave, ein anderer Ex-CIA-Mann, in dem Roman “October 1980” erzählt habe. “Es ist ein Roman, aber in Wirklichkeit ist es kein Roman”, und: “Was George erzählt, ist die wahre Geschichte”. Demnach wurde der Zeitpunkt der Freilassung der Geißeln in der US-Botschaft in Teheran letztlich von Manucher Ghorbanifar festgesetzt, einer weiteren Iran-Contra-Figur. Clarridge behauptete gegenüber Schou, dass Ghorbanifar bezogen auf den US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen Carter und Reagan “große Wetten in Las Vegas” laufen hatte. Cave teilte Schou mit, er selber glaube zwar nicht, dass das Reagan-Team den Versuch unternommen habe, die Geißelfreilassung zu verzögern; Ghorbanifar sei aber gerne in Las Vegas gewesen und angesichts dessen, was er gewusst habe, dürfte er dort tatsächlich Wetten eingegangen sein.

Schou entschied sich dagegen, das Gespräch mit Clarridge im Buch zu zitieren, berichtete aber darüber nunmehr hier für “Newsweek”.

Auf Platz 4 lesen wir zunächst einmal einen aktuellen Aufsatz von Dr. Z-big, “Toward a Global Realignment, hier bei “The American Interest“ erschienen.

Dann erinnern wir uns, was Dr. Z-big in “The Grand Chessboard“ gesagt hatte, namentlich “Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr.“

Daran muss immer wieder denken, wenn es um das angespannte Verhältnis geht, welches die NATO mit der Ukrainekrise vollends zur Russischen Föderation hergestellt hat.

Gesetzt, es handelte sich dabei um eine Art von Poker-Game, wie gut wäre dann eigentlich das Blatt, das sich in der Hand der NATO befände? Wäre es „bombig gut“ oder müsste man „bluffen“?

Eine Art von Antwort ploppt hier auf, “Outnumbered, Outranged, and Outgunned: How Russia Defeats NATO”.

Auf Platz 3 empfehle ich in Sachen US-Wahlkampf und zum Kandidaten Trump zwei Artikel, welche da wären:

Donald Trump and his aides admit that it’s all an act”,

und:

The Real Meaning of Donald Trump”.

Auf Platz 2 notieren wir: die VTB Bank, Russlands zweitgrößter Kreditgeber, verfolgt den Plan, jährlich zwischen 80 und 100 Tonnen Gold an China zu liefern. Die VTB Bank ist damit das erste Geldinstitut Russlands, das China mit direkten physischen Goldlieferungen bedient. Die erste Lieferung fand diese Woche statt.

Siehe dazu hier.

Ferner kommt Russland dem Ziel näher, das eigene Öl nicht mehr länger in US-Dollar verkaufen zu müssen – wie Sie wiederum hier sehen.

Eine Nachbetrachtung des gescheiterten Treffens in Doha vom 17. April, das die russische Staatsführung gewiss nicht amüsiert hat, las ich von Michael Klare, und zwar hier unter der Überschrift “Debacle at Doha – The Collapse of the Old Oil Order”.

Und auf Platz 1 stolperte ich für gewisse Buch-Recherchen über ein äußerst faszinierendes Zitat – faszinierend angesichts der Person, von der es stammt. Das Zitat lautet:

„Wir entkamen dem Kalten Krieg ohne nuklearen Holocaust durch eine Mischung aus Geschick, Glück und göttlicher Intervention, und ich vermute das letztere im größten Maße.“

Diese Vermutung wurde am 11. März 1999 im kanadischen Montreal während einer Rede vor dem Canadian Network Against Nuclear Weapons von George Lee Butler geäußert. Es handelt sich um eine profunde Vermutung, denn Herr Butler ist ein im Ruhestand befindlicher US-General. Und nicht irgendeiner. Butler war unter anderem Oberbefehlshaber des United States Strategic Command, Kommandeur des Strategic Air Command und Direktor des Joint Strategic Target Planning Staff auf der Offutt Air Force Base im US-Bundesstaat Nebraska. Insgesamt 36 Monate lang diente Butler dem US-Präsidenten als Kernberater in Fragen eines atomaren Kriegs, indem er hauptverantwortlich für den Single Integrated Operational Plan (SIOP) war – den Gesamtplan der Vereinigten Staaten von Amerika für einen atomaren Krieg gegen die Sowjetunion / den Warschauer Pakt. In dieser Funktion hatte Butler jederzeit – “Tag oder Nacht, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr“ – auf den Moment vorbereitet zu sein, in dem der Präsident der Vereinigten Staaten anrufen würde, um ihm telefonisch mitzuteilen: „General, die Nation wird atomar angegriffen. Ich muss binnen Minuten entscheiden, wie zu reagieren ist. Was ist Ihre Empfehlung in Bezug auf die Art unserer Antwort?“

In seiner Rede vor dem Canadian Network Against Nuclear Weapons ließ Butler die Zuhörerschaft wissen, dass er in diesen 36 Monaten jeden Monat an einer Übung namens “Missile Threat Conference“ teilnahm. Diese Übungen begannen “praktisch ohne Ausnahme“ stets “mit einem Szenario“, bei dem sich zunächst eine feindliche Kernsprengkopfrakete den USA näherte, “dann mehrere, Dutzende, dann Hunderte und schließlich Tausende“. Währenddessen der Angriff und seine Umstände nach der ersten Sichtung bewertet und charakterisiert wurden, blieben dem US-Präsidenten für eine Entscheidung über die Reaktion 12 Minuten Zeit. Diese Entscheidung wäre mit der Entscheidung verbunden gewesen, die zuvor eine halbe Welt weit entfernt einen solchen Angriff eingeleitet hätte, und beide Entscheidungen zusammen würden “nicht nur das Überleben der Antagonisten“ gefährdet haben, “sondern das Schicksal der Menschheit in ihrer Gesamtheit“. Innerhalb eines Zeitraums von mehreren Stunden wären “rund 20.000 Kernsprengköpfe“ explodiert. Trauriger Weise, so Butler, hätten “die gelassenen Praktiker der atomaren Kunst nie die ganzheitlichen Folgen eines solchen Angriffs verstanden“, und das gälte noch heute. Er selber habe sie auch nie verstanden, bis er die Verantwortung für den atomaren Kriegsplan der USA übertragen bekam.

Damals im Januar 1991, als der Kalte Krieg kurz zuvor mit der Unterzeichnung des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa für beendet erklärt worden war, erhielt Butler erstmals seit 30 Jahren vollen Zugang zu diesem Plan. “Wenn ich auch ein Gefühl dafür hatte, was er umfasste, war ich doch geschockt zu sehen, dass er tatsächlich durch 12.500 Ziele im früheren Warschauer Pakt definiert war, die durch einige Zehntausend Atomwaffen anzugreifen waren, in den schlimmsten Umständen praktisch gleichzeitig, was das ist, was wir immer annahmen. Ich machte es mir zur Aufgabe, jedes dieser Ziele detailliert anzuschauen. Ich bezweifle, dass das jemals von irgendjemand anderem durchgeführt worden ist, weil der Kriegsplan in Abschnitte unterteilt war, und jeder Abschnitt fiel in die Verantwortung einer jeweils anderen Gruppe von Leuten. Meine Mitarbeiter waren entsetzt, als ich ihnen sagte, ich würde die Absicht hegen, mir jedes einzelne Ziel anzusehen. Meine Begründung war sehr einfach. Wenn es nur ein Ziel gäbe, würde ich jedes erdenkliche Detail darüber wissen müssen; warum es ausgewählt wurde, von welcher Art von Waffe es getroffen werden würde, was die Folgen wären. Mein Standpunkt war einfach: Warum sollte ich mich in irgendeiner Weise weniger verantwortlich fühlen, nur weil es eine große Anzahl von Zielen gab. Ich wollte mir jedes davon ansehen.

Am Ende dieser Übung verstand ich endlich die wahre Bedeutung von MAD, Mutually Assured Destruction [zu Deutsch in etwa: “wechselseitig zugesicherte Zerstörung“, woraus sich das sogenannte “Gleichgewicht des Schreckens“ bzw. die “MAD-Doktrin“ ableitete. Anm. d. Übers.]. Mit der möglichen Ausnahme des sowjetischen Atomkriegsplanes war dies das absurdeste und unverantwortlichste Dokument, das ich je in meinem Leben überprüft hatte. Ich war genug empört darüber, dass ich meine Vorgesetzten in Washington auf meine Bedenken hinwies, während die Prüfung fortschritt, und die kürzeste Version von all dem ist, dass ich am Ende einer drei Jahrzehnte dauernden Reise jene Wahrheit voll und ganz verstand, die mich nun so seltsam erscheinen lässt. Und diese ist: Wir entkamen dem Kalten Krieg ohne nuklearen Holocaust durch eine Mischung aus Geschick, Glück und göttlicher Intervention, und ich vermute das letztere im größten Maße.“

Der göttlichen Interventionsvermutung begegnen Sie hier.

Ein Beispiel, wie nah sich die Menschheit bisweilen am Abgrund eines Atomkriegs befand, wäre der israelische Angriff auf die USS Liberty in internationalen Gewässern am 8. Juni 1967. Dazu (und zum damaligen Umfeld, in dem dieser Angriff stattfand) empfehle ich Ihnen zwei Filme, nämlich:

USS Liberty – Dead In The Water“ (BBC, 2002),

und:

Israel’s Bomb – A Radioactive Taboo” (ARTE, 2012),

aber auch ein ganz hervorragendes, schwer zu besorgendes Buch, und zwar “Operation Cyanide: How the Bombing of the USS Liberty Nearly Caused World War Three”, geschrieben von Peter Hounam.

Zuletzt noch das Musikstück der Woche: RAY NOBLE & ORCHESTRA feat. AL BOWLLY – Midnight, The Stars And You.

Midnight brought us sweet romance

I know all my whole life through

I’ll be remembering you

Whatever else I do

Midnight with the stars and you…

In dem Sinne, ganz der Ihre,

Lars Schall.

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