Was ist Geld?

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Der US-Autor Charles Hugh Smith klärt die Frage, was Geld ist: ein Konstrukt aus sozialem Konsens und politischer Macht – das, worauf wir uns einigen, dass wir es als Geld verwenden, und das, was uns der Staat unter Strafandrohung aufträgt, dass wir es als Geld zu verwenden haben.

Von Lars Schall

Der nachfolgende Text besteht aus einer teilweisen Übersetzung eines Essays von Charles Hugh Smith (What is Money?), welcher wiederum auf sein neues Buch Money and Work Unchained zurückgeht. Einen Auszug aus dem Buch können Sie hier als PDF herunterladen.

Zur Frage, was Geld ist und wie es erzeugt und verteilt wird, siehe ferner auch diese Interviews auf LarsSchall.com mit Bernard Lietaer und Norbert Häring: How About Money?, und: Money lies disguise banking truths.

Was ist Geld?

von Charles Hugh Smith

Was ist Geld? Wir alle gehen davon aus, dass wir es wissen, denn Geld ist eine gewöhnliche Erscheinung des alltäglichen Lebens. Geld ist das, was wir verdienen und gegen Waren und Dienstleistungen eintauschen. Alle denken, dass das Geld, welches sie kennen, das einzig mögliche Geldsystem ist – bis sie auf ein völlig anderes Geldsystem stoßen.

Dann erkennen sie, dass Geld ein soziales Konstrukt ist, ein Zusammenfluss aus sozialem Konsens und politischer Macht – das, worauf wir uns einigen, dass wir es als Geld verwenden, und das, was uns der Staat unter Strafandrohung aufträgt, dass wir es als Geld zu verwenden haben.

Wir gehen davon aus, dass unser Geldsystem einem Naturgesetz ähnelt: Da es allgegenwärtig ist, muss es das einzig mögliche System sein.

Aber es gibt keine finanziellen Gesetze der Natur für Geld. In der Vergangenheit dienten gekerbte Stöcke als Geld. In anderen nicht-westlichen Kulturen dienten riesige Steinscheiben (Rai, eine traditionelle Geldform auf der Insel Yap) und sogar Salz als Geld.

Nach unserer Erfahrung wird 1.) Geld von einer Regierung oder einer Zentralbank herausgegeben (d. h. eine Währung), und jede dieser Währungen ist die einzige Form von legalem Geld (gesetzliches Zahlungsmittel) in dem Nationalstaat, der die Währung ausgibt; 2.) jede dieser Währungen ist in physischen Münzen und Papierscheinen und digital als Einträge in Bank- und Kreditkartenkonten verfügbar; 3.) unsere Währung wird von der Zentralbank oder durch die Mindestreserve-Kreditvergabe von Privatbanken per Schulden hervorgebracht, und 4.) diese Währung erfüllt alle Nutzenfunktionen, die traditionell vom Geld verlangt werden:

  1. Es ist in kleinere Einheiten teilbar, d. h.: ein Dollar wird in Quarters, Dimes und Pennies unterteilt, oder es ist eine kleine Einheit (zum Beispiel der japanische Yen, der ungefähr einem US-Penny entspricht).
  2. Es ist sicher, d. h.: nicht jeder kann es in unbegrenzten Mengen drucken oder sich selber welches herstellen.
  3. Es ist fungibel, d.h.: alle Einheiten sind austauschbar.
  4. Es ist leicht zu transportieren.
  5. Es hat einen Marktwert, der leicht erkennbar ist, so dass Käufer und Verkäufer es vertrauensvoll gegen Waren und Dienstleistungen eintauschen können.

Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass Geld weder von Regierungen ausgegeben werden muss, noch muss es von Banken geborgt werden, noch muss jede Form von Geld alle fünf Anforderungen erfüllen; es ist möglich, mehrere Geldformen zu haben, die jeweils unterschiedlichen Zwecken dienen.

Mit anderen Worten, unser Geldsystem ist nur eines von vielen möglichen Geldsystemen.

Wir betrachten Geld eher als wertneutral und unpolitisch, aber als soziales Konstrukt reflektiert es spezifische soziale und politische Werte. Unser Geld wird an der Spitze der Wohlstandspyramide geschaffen und verteilt.

Diese Eigenschaft unseres Geldes optimiert die Anhäufung von Reichtum und Macht an der Spitze der Pyramide, und so garantiert unser gesellschaftlicher Geldvertrag die Konzentration des Reichtums und damit die wachsende Ungleichheit zwischen Wohlstand und Macht.

In der Regel erfüllt Geld drei Grundfunktionen:

  1. Als Wertaufbewahrungsmittel (d. h.: es dient als zuverlässiges Vermögensdepot);
  2. Als Mittel des Austausches zwischen Käufern und Verkäufern;
  3. Als Instrument zur Erfassung von Kredit- / Schuldentransaktionen (d. h.: es erleichtert die Aufzeichnung von Transaktionen und die Nachverfolgung von Krediten, Schulden, Vermögenswerten und Zahlungen).

Die heutigen von der Regierung ausgegebenen Währungen erfüllen alle drei Rollen. Der US-Dollar zum Beispiel fungiert als Kaufkraftspeicher, als globales Tauschmittel und als Instrument zur Verfolgung von Transaktionen, Schulden und finanziellen Vermögenswerten.

Aber in anderen sozialen Konstrukten erfüllen verschiedene Arten von Geld unterschiedliche Funktionen. Die riesigen Steinscheiben auf Yap (Rai) sind ein Wertspeicher und ein Tauschmittel für hochwertige Gegenstände.

Die Aufzeichnung von Transaktionen, die die Rai betreffen, geschieht aber in einem mündlichen Bestandsbuch: Die Übertragung des Besitzes eines bestimmten Rai wird in der Gemeinschaftserinnerung aufgezeichnet, und so muss der schwere 2 Meter hohe Stein nicht wirklich im physischen Raum bewegt werden, um das Eigentum zu übertragen. Ein am Boden der Lagune ruhender Stein ist somit ein perfekt funktionierendes Mittel der Wertaufbewahrung und des Tausches.

Die Rai werden auf eine andere Insel gebracht und sind nicht leicht zu fälschen. Sie sind nicht unbedingt austauschbar; der Wert jedes einzelnen wird in der mündlichen Aufzeichnung aufgezeichnet. Da ein Rai jedoch nicht teilbar oder leicht transportierbar ist, wird eine andere Geldform für alltägliche Transaktionen verwendet.

Der Punkt hier besteht darin, dass es keinen immanenten Grund gibt, warum die drei Hauptfunktionen des Geldes durch eine einzige Währung befriedigt werden müssen.

Es gibt auch keinen immanenten Grund dafür, dass eine Geldform für alle Waren und Dienstleistungen gleichermaßen handelbar sein muss. In manchen Kulturen haben bestimmte Geldformen symbolischen Wert und werden ausschließlich für symbolische Transaktionen verwendet, zum Beispiel als Brautgabe.

Wir gehen davon aus, dass das Geld von symbolischem oder moralischem Wert befreit wurde, dass es mit nichts anderem als seinem aktuellen Marktwert verbunden ist. Aber noch einmal, es gibt keinen immanenten Grund, weshalb dem Geld symbolischer oder moralischer Wert genommen werden muss. Dass unser Geld keinen symbolischen oder moralischen Wert hat, ist ein Ergebnis unseres spezifischen sozialen Konstrukts.

In Kulturen mit Formen von Geld, die nicht von einer Regierung ausgegeben werden, definiert der soziale Konsens, was als Geld dient und welche Funktionen es erfüllt.

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