USA zogen „Angriffe unter falscher Flagge“ mit „sowjetischen Flugzeugen“ in Erwägung

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Im Zuge der Herausgabe von Dokumenten, die im Zusammenhang mit der Ermordung von John F. Kennedy stehen, ist ein Memorandum des Nationalen Sicherheitsrates der USA aufgetaucht, welches die Möglichkeit von „Angriffen unter falscher Flagge“ durch Flugzeuge sowjetischer Bauart betrachtete, um einen bestimmten „Vorwand“ zu liefern.

Von Lars Schall

Aus zwei Seiten eines Memorandums, das von den National Archives veröffentlicht wurde, geht hervor, dass Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrates der Vereinigten Staaten von Amerika die Inszenierung fingierter Angriffe in Erwägung zogen, bei denen sowjetische Flugzeuge zum Einsatz kommen sollten. Im Geheimdienst- und Militärjargon werden solche Aktionen „Angriffe unter falscher Flagge“ genannt. „Angriffe unter falscher Flagge“ (im Englischen: false flag attacks) sind verdeckte Operationen, bei denen es so aussieht, als ob ein Angriff von einer anderen Gruppe ausgeführt wurde als von der Gruppe, die ihn tatsächlich ausgeführt hat.

Das Memorandum bezieht sich auf ein vorheriges Treffen der sogenannten „vergrößerten Sondergruppe“ (Special Group Augmented) vom 22. März 1962 und eine Frage, die vom US-Justizminister aufgeworfen worden sei: „die Möglichkeit, sowjetische Flugzeuge herzustellen oder zu erwerben.“ Diesbezüglich heißt es an einer Stelle des Memorandums:

„Es besteht die Möglichkeit, dass solche Flugzeuge in einer Täuschungsaktion eingesetzt werden könnten, um feindliche Flugzeuge in der Luft zu verwirren, um einen Überraschungsangriff gegen feindliche Anlagen zu starten oder um in einer Provokationsoperation eingesetzt zu werden, bei der sowjetische Flugzeuge amerikanische oder freundliche Anlagen anzugreifen scheinen, um eine Entschuldigung für ein Eingreifen der USA zu liefern.“ (1)

Zusammen mit der CIA betrachtete der Nationale Sicherheitsrat sowohl den Eigenbau wie auch den Kauf von sowjetischen Flugzeugen. Für den Eigenbau variierten die Schätzungen der U.S. Air Force zwischen 3,5 Millionen und 44 Millionen US-Dollar. Das Vorhaben wurde als „extrem schwer und zeitaufwendig“ bezeichnet. Außerdem wurde angemerkt, dass die Umsetzung eines solchen Planes die Verwendung eines „Hochsicherheitsgebiets“ erforderlich machen würde. Andernfalls wäre es „überaus schwer, die Existenz solcher Flugzeuge vor den neugierigen Augen der amerikanischen Presse und Öffentlichkeit zu verbergen.“ (2)

Das Dokument ging auch die Möglichkeit durch, sowjetische Flugzeuge aus Ländern des nicht-sowjetischen Blocks zu kaufen, die Flugzeuge entweder aus der UdSSR selbst oder durch übergelaufene Piloten erhalten hatten. Die CIA schätzte diese Pläne als zu riskant ein. „Die Tatsache, dass sich die Vereinigten Staaten aktiv an Versuchen beteiligen, Piloten von angeblich freundlichen Ländern zum Überlauf zu bewegen, könnte aufgedeckt werden.“ (3)

Wann das Memorandum entstand und verbreitet wurde, ist unklar. Zwar bezieht es sich auf ein Treffen der „vergrößerten Sondergruppe“ vom 22. März 1962; es wird für das Dokument jedoch ein Datum angegeben, das nicht wirklich existiert: „00/00/00.“ (4)

Die Special Group Augmented (SGA) war nach der fehlgeschlagenen Invasion in der kubanischen Schweinebucht gebildet worden, um Pläne zum Sturz von Fidel Castro zu beaufsichtigen. Der Leiter der CIA-„Operation Mangoose“, Edward Lansdale, unterrichtete die Gruppe über diesbezügliche Aktivitäten. Zur SGA gehörten u.a. der Nationale Sicherheitsberater McGeorge Bundy, der CIA-Chef John McCone und die Generäle Maxwell Taylor und Lyman Lemnitzer. (5)

Vor der Veröffentlichung des Memorandums galt McCone als Urheber der Idee, sowjetische Flugzeuge zu bauen oder zu kaufen. (6) Der Kennedy-Biograph Robert Dallek legte nahe, dass eine mögliche „Provokationsoperation“, mit der ein „Eingreifen der USA“ hätte herbeigeführt werden können, im Kuba-Zusammenhang stand, und dass der US-Stützpunkt in Guantanamo für einen fingierten Angriff „perfekt“ gewesen wäre. Allerdings habe das Weiße Haus „den Vorschlag ignoriert“. (7)

Wäre der Plan umgesetzt worden, hätten die Flugzeuge sowjetischer Bauart als Flugzeuge gegolten, die sich im Besitz der Kubaner befanden.

Weiteren freigegebenen JFK-Dokumenten lässt sich entnehmen, dass der US-Generalstab auch den Einsatz einer vorgetäuschten Terrorkampagne auf heimischen Boden in Betracht zog, um eine Intervention auf Kuba zu rechtfertigen. Am 12. April 1962 sprach die Special Group Augmented demnach über ein Papier des Generalstabs, das den Titel Justification for U.S. Military Intervention in Cuba („Rechtfertigung für militärische Intervention der USA auf Kuba“) trug. Darin enthalten waren insgesamt neun „Vorwände“, unter ihnen die Entwicklung einer „kommunistischen kubanischen Terrorkampagne in der Gegend von Miami, in anderen Städten Floridas und sogar in Washington.“ So könne man „eine Schiffsladung Kubaner auf dem Weg nach Florida versenken (real oder simuliert)“, hieß es, und „einige Plastikbomben an sorgfältig ausgewählten Stellen“ zur Explosion bringen, einhergehend mit der „Veröffentlichung von vorbereiteten Dokumenten, die die kubanische Beteiligung belegen.“ (8)

Diese fingierte Terrorkampagne war Teil strenggeheimer Planungen, die Mitglieder des US-Generalstabs unter dem Decknamen „Operation Northwoods“ betrieben.

Erst Jahrzehnte später gelangten die „Operation Northwoods“-Pläne ans Licht der Öffentlichkeit, als James Bamford sie einige Monate vor den 9/11-Anschlägen in seinem Buch Body of Secrets publizierte. Neben den bereits genannten Maßnahmen empfahlen die Joint Chiefs of Staff, ein Passagierflugzeug in die Luft zu jagen, um den Vorgang als kubanischen Terrorakt zu verkaufen. (9) Bamford nannte die Pläne „die vielleicht schlimmsten“, welche jemals „von einer US-amerikanischen Regierungsin­stanz produziert worden sind. Im Namen des Antikommunis­mus schlugen die Militärs einen geheimen und blutigen Terrorkrieg gegen ihr eigenes Land vor, um die amerikanische Öffentlichkeit für den irrwitzigen Krieg zu gewinnen, den sie gegen Kuba führen wollten.“ (10)

QUELLEN:

(1) Vgl. “Memorandum – Procurement Of Soviet Aircraft“, veröffentlicht von National Archives unter: https://www.archives.gov/files/research/jfk/releases/docid-32977055.pdf.

(2) Ebd.

(3) Ebd.

(4) Ebd.

(5) Vgl. “History of the Special Group Augmented (SGA)”, veröffentlicht von Spartacus Educational unter: http://spartacus-educational.com/JFKsga.htm.

(6) Vgl. Robert Dallek: “An Unfinished Life – John F. Kennedy, 1917-1963“, Little Brown & Company, New York, 2003, Seite 657.

(7) Ebd.

(8) Vgl. “Castro Report“, veröffentlicht von National Archives unter: https://www.archives.gov/files/research/jfk/releases/docid-32112987.pdf.

(9) ”The desired resultant from the execution of this plan”, schrieben die Joint Chiefs of Staff in dem von Lyman Lemnitzer unterzeichneten Dokument, “would be to place the United States in the apparent position of suffering defensible grievances from a rash and irresponsible government of Cuba and to develop an international image of a Cuban threat to peace in the Western Hemisphere.” Um die beabsichtigten Ziele zu erreichen, schlugen die Joint Chiefs of Staff auch den „ergänzenden“ Einsatz von Flugzeugen sowjetischer Bauart vor: “Use of MIG type aircraft by US pilots could provide additional provocation. Harassment of civil air, attacks on surface shipping and destruction of US military drone aircraft by MIG type planes would be useful as complementary actions…“ Vgl. “Chairman, Joint Chiefs of Staff, Justification for US Military Intervention in Cuba [includes cover memoranda], March 13, 1962, TOP SECRET, 15 pp.“, veröffentlicht von National Security Archive am 30. April 2001 unter: https://nsarchive2.gwu.edu//news/20010430/northwoods.pdf.

(10) James Bamford: „NSA – Die Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt“, C. Bertelsmann Verlag, München, 2001, Seite 89. Für eine Einschätzung der Pläne durch einen Militärexperten wandte ich mich an Lawrence Wilkerson, einen im Ruhestand befindlichen Colonel der U.S. Army, der inzwischen als Professor für Government and Public Policy am William & Mary College in Virginia tätig ist. Colonel Wilkerson schrieb mir: “In the hierarchy of American former government officials alive today you will probably discover none more vehemently opposed to the covert operations function of the CIA than I. I frequently quote Harry Truman’s December 1963 op-ed on the CIA to demonstrate that even President Truman came to realize how badly the nation had erred in creating such a beast. Now, today, to reinforce Truman’s dramatic criticism of his own creation, all we need do is look at Gina Haspel–a pure product of that covert side of the CIA and now she’s in charge. I cannot think of an institutional danger that is greater unless it be the abject failure of our third branch of government—the courts—to ever challenge the national security state in a meaningful way. That said and understood, I do not see these memos and other records of PLANNED nefarious activities as necessarily damning. Yes, they bespeak a dark side of both military and CIA—and other—planners, but they do not demonstrate that civilian decision-makers ultimately carried out any of the schemes (and I can tell you that the CIA and the military have conjured even worse such schemes; and thank God most were never executed).  Assassination attempts and criminal activities galore were revealed by the Church and Pike Committees, to be sure, and roundly condemned. These revelations basically destroyed a CIA director and resulted in the establishment of the congressional oversight committees we have today (HPSCI and SSCI). But in so far as these particular proposals are concerned, I can find no evidence—unlike in Guatemala in 1954—that the specific proposals you cite were ever executed. Civilian decision-makers decided otherwise.”

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