Malcolm X: Der „Hausneger“ und der „Feldneger“ (sowie die erbärmliche Wahrheit über den „Marsch auf Washington“)

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Am 10. Dezember 1963, während er noch der führende Sprecher der Nation of Islam war, hielt Malcolm X eine Rede auf einer Kundgebung in Detroit, Michigan. In dieser Rede legte er die einstige Beziehung zwischen dem Sklavenmeister und zwei Arten von Sklaven dar: dem „house Negro“ und dem „field Negro“. Vor diesem historischen Hintergrund lüftete er im Anschluss die Wahrheit über den sogenannten „Marsch auf Washington“. Es folgt eine ausführliche Übersetzung vom Englischen ins Deutsche.

Von Lars Schall

Die komplette Rede, die Malcolm X am 10. Dezember 1963 in Detroit hielt (“Message to the Grassroots“), kann im Englischen hier nachgelesen werden. Eine Audio-Aufnahme des Rede-Teils, den ich ins Deutsche übertragen habe, lässt sich auf dieser Website hier aufrufen. (Zu der Redefigur von Malcolm X, “the so called ‘negro‘“, die er damals im Repertoire führte, höre des Weiteren hier.)  Bezüglich der Ausführungen, die Malcolm X zum “March on Washington“ machte, der im Sommer 1963 stattgefunden hatte, schrieb der US-Theologe James Hal Cone in “Martin & Malcolm & America – A Dream or a Nightmare” (Orbis Books, 1991), dass „Malcolms Sprache harsch war, aber es war die Wahrheit.“

Malcolm X: Der „Hausneger“ und der „Feldneger“ (sowie die erbärmliche Wahrheit über den „Marsch auf Washington“)

Detroit, 10. Dezember 1963

…Ich las einige schöne Worte von Reverend Cleage, der darauf hinwies, warum er sich hier in der Stadt nicht mit jemand anderem treffen konnte, denn alle von ihnen waren verängstigt, mit schwarzem Nationalismus identifiziert zu werden. Wenn Sie Angst vor dem schwarzen Nationalismus haben, haben Sie Angst vor der Revolution. Und wenn Sie Revolution lieben, lieben Sie schwarzen Nationalismus.

Um das zu verstehen, muss man zurück zum Hausneger und zum Feldneger während der Sklaverei gehen. Es gab zwei Arten von Sklaven: die Hausneger und die Feldneger. Die Hausneger – sie lebten im Haus mit dem Herrn. Sie waren recht gut angezogen, sie aßen gut, weil sie sein Essen aßen – was er übrigließ. Sie lebten in der Dachkammer oder im Keller, aber sie lebten dennoch in der Nähe des Herrn. Und sie liebten den Herrn mehr als der Herr sich selber liebte. Sie waren bereit, ihr Leben zu geben, um das Haus des Herrn zu retten, schneller als es der Herr selbst war. Wenn der Herr sagte: „Wir haben ein gutes Haus hier“, sagte der Hausneger: „Ja, wir haben ein gutes Haus hier“. Wann immer der Herr „wir“ sagte, sagte er „wir“. Daran konnte man den Hausneger erkennen. Wenn in dem Herrenhaus ein Feuer ausbrach, pflegte der Hausneger sich härter einzusetzen, um das Feuer zu löschen, als der Herr. Wenn der Herr krank wurde, sagte der Hausneger: „Was ist los, Boss? Wir krank?“ „Wir krank!“ Er identifizierte sich mehr mit dem Herrn, als der Herr sich mit sich selbst identifizierte. Und wenn einer zu dem Hausneger kam und sagte: „Lass uns abhauen, lass uns fliehen, lass uns unabhängig machen!“, dann schaute der Hausneger und sagte: „Mensch, du bist verrückt! Was meinst du mit unabhängig machen? Wo gibt es ein besseres Haus als dieses? Wo kann ich bessere Kleider tragen als diese? Wo kann ich besseres Nahrung essen als diese?“

Das war der Hausneger. In jenen Tagen wurde er ein „Housenigger“ genannt. Und so nennen wir ihn auch heute noch, weil wir hier immer noch einige Housenigger herumlaufen haben.

Dieser moderne Hausneger liebt seinen Herrn. Er möchte in seiner Nähe leben. Er ist bereit für das Haus dreimal so viel zu bezahlen, als es wert ist, bloß um in der Nähe seines Herrn zu leben und dann anzugeben: „Ich bin der einzige Neger hier! – Ich bin der einzige an diesem Arbeitsplatz! – Ich bin der einzige in dieser Schule! Du, der du nichts außer ein Hausneger bist!“

Und wenn genau jetzt jemand zu Dir käme und sagte: „Lass uns unabhängig machen“, sagst Du dieselbe Sache, welche der Hausneger auf der Plantage sagte: „Was meinst Du, unabhängig machen? Von Amerika? Diesem guten weißen Mann? Wo bekommt man einen besseren Job, als man hier bekommt?“ Ich mein, das ist, was Du sagst. „Ich habe nichts in Afrika zurückgelassen“, das sagst Du. Nun, Du hast Deinen Verstand in Afrika zurückgelassen.

Auf der gleichen Plantage gab es den Feldneger. Die Feldneger – das waren die große Masse. Es gab immer mehr Neger auf dem Feld als Neger im Haus. Der Neger auf dem Feld bekam die Hölle zu spüren. Er aß Abfälle. Im Haus aßen sie vom Feinsten des Schweins. Der Neger auf dem Feld bekam nur das, was von den Eingeweiden des Schweins übrigblieb. Heutzutage nennen sie das „Chitterling“. Damals nannten sie es das, was es war: Gedärme. Das wart Ihr: Gedärme-Esser. Und manche von Euch sind noch heute Gedärme-Esser.

Der Feldneger wurde von morgens bis abends geschlagen. Er lebte in einem Schuppen, in einer Hütte. Er trug alte abgetragene Kleider. Und er hasste seinen Herrn, Ich sage, er hasste seinen Herrn. Er war intelligent. Der Hausneger liebte seinen Herrn; aber die Feldneger, erinnert euch, die waren die Mehrheit, und sie hassten ihren Herrn. Wenn im Haus Feuer ausbrach, versuchte der Feldneger nicht, es zu löschen; er betete um Wind, um eine Brise. Wenn der Herr krank wurde, betete der Feldneger, dass er sterben möge. Wenn jemand zum Feldneger kam und sagte: „Lass uns unabhängig machen, lass uns fortrennen!“, dann sagte er nicht: „Wohin gehen wir?“ Er sagte: „Überall ist es besser als hier!“

Es gibt heute Feldneger in Amerika. Ich bin ein Feldneger. Die Massen sind die Feldneger. Wenn sie das Haus dieses Mannes brennen sehen, dann hört Ihr die kleinen Neger nicht sagen: „Unsere Regierung ist in Schwierigkeiten.“ Sie sagen: „DIE Regierung ist in Schwierigkeiten.“ Stellt euch einen Neger vor, der „UNSERE Regierung“ sagt. Ich hörte sogar, wie einer sagte: „UNSERE Astronauten.“ Sie lassen ihn nicht einmal in die Nähe der Anlage – und UNSERE Astronauten!“  „UNSERE Marine!“ – Das ist ein Neger, der verrückt geworden ist.

Wie die Sklavenmeister von damals Tom, den Hausneger, benutzten, um die Feldneger im Zaume zu halten, genauso hat derselbe alte Sklavenmeister heute Neger, die nichts anderes als moderne Onkel Toms sind, Onkel Toms des 20.Jahrhunderts, um Euch und mich in Schach zu halten, um uns unter Kontrolle zu halten, um uns passiv und friedlich und gewaltlos zu halten. Tom ist es, der euch gewaltlos macht.

Es ist wie beim Zahnarzt, wenn er Euch einen Zahn zieht. Man geht auf ihn los, wenn er anfängt zu ziehen. Deshalb schmiert er Euch ein Zeug auf Euren Kiefer, Novocain genannt, damit man denkt, dass er einem nichts tut. Man sitzt also da und weil man all das Novocain bekommen hat, leidet man … friedlich. Dir rinnt überall das Blut den Kiefer herunter, aber Du weißt nicht, was geschieht, weil Dir jemand beigebracht hat, friedlich zu leiden.

Der weiße Mann tut auf der Straße dasselbe mit Euch, wenn er Euch Knüppel auf den Kopf schlagen und mit Euch Schindluder treiben will, ohne Angst haben zu brauchen, dass Ihr zurückschlagt. Um Euch am Zurückschlagen zu hindern, hat er diese alten religiösen Onkel Toms, um Euch und mich, genau wie Novocain, zu lehren, friedlich zu leiden. Hört nicht etwa auf zu leiden – leidet einfach friedlich. Wie Reverend Cleage betonte: „Lasst Euer Blut auf den Straßen fließen“. Das ist eine Schande. Und Ihr wisst, er ist ein christlicher Prediger. Wenn es für ihn eine Schande ist, dann wisst Ihr, was es für mich ist.

In unserem Buch, dem Quran – Ihr nennt ihn „Koran“ – steht nichts davon, dass wir friedlich zu leiden haben. Unsere Religion lehrt uns intelligent zu sein. Seid friedlich, seid höflich, gehorcht dem Gesetz, achtet jedermann; aber wenn jemand Hand an Euch legt, dann schickt ihn auf den Friedhof. Das ist eine gute Religion. Tatsächlich ist das die Allzeit-Religion. Es ist jene, von der Mama und Papa zu sprechen pflegten: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Kopf um Kopf, und Leben um Leben. Das ist eine gute Religion. Und niemand verübelt das Lehren dieser Religion außer ein Wolf, der Euch zu seiner Mahlzeit machen möchte.

So ist es mit dem weißen Mann in Amerika. Er ist ein Wolf, und Ihr seid Schafe. Wann immer ein Hirte, ein Pastor, Euch und mich lehrt, nicht vor dem weißen Mann wegzurennen, und uns gleichzeitig lehrt, den weißen Mann nicht zu bekämpfen, ist er ein Verräter an Euch und mir. Gebt Euer Leben nicht einfach auf. Nein, bewahrt Euer Leben. Es ist das Beste, was Ihr habt. Und wenn Ihr gezwungen seid, es aufzugeben, lasst es ausgeglichen sein.

Der Sklavenmeister nahm Tom und kleidete ihn gut ein, und nährte ihn gut, und gab ihm sogar ein wenig Bildung – ein wenig Bildung -, gab ihm einen langen Mantel und einen Zylinderhut, und ließ alle anderen Sklaven zu ihm aufschauen. Dann setzte er Tom ein, um sie zu kontrollieren. Dieselbe Strategie, die damals eingesetzt wurde, wird heute von demselben weißen Mann eingesetzt. Er nimmt einen Neger, einen sogenannten Neger, und macht ihn prominent, baut ihn auf, verschafft ihm Öffentlichkeit, macht aus ihm eine berühmte Persönlichkeit. Und dann wird er zum Sprecher für Neger und ein Neger-Führer.

Ich möchte noch schnell etwas anderes erwähnen, und das ist die Methode, die der weiße Mann benutzt. wie der weiße Mann diese „großen Nummern“ oder Neger-Führer gegen die schwarze Revolution einsetzt. Sie sind nicht Teil der schwarzen Revolution. Sie werden gegen die schwarze Revolution eingesetzt.

Als Martin Luther King scheiterte, die Rassentrennung in Albany, Georgia aufzuheben, erreichte der Bürgerrechtskampf in Amerika seinen Tiefpunkt. King ging als Anführer beinah bankrott. Selbst finanziell, die Southern Christian Leadership Conference war in finanziellen Schwierigkeiten, und sie hatte Schwierigkeiten mit den Menschen, als sie in Albany, Georgia scheiterten, die Rassentrennung aufzuheben. Andere Neger-Bürgerrechtler von sogenannter nationaler Geltung wurden zu gefallenen Idolen. Als sie zu gefallenen Idolen wurden, als sie an Ansehen und Einfluss einzubüßen begannen, begannen örtliche Neger-Führer die Massen aufzurühren. In Cambridge, Maryland, Gloria Richardson, in Danville, Virginia, und anderen Teilen des Landes begannen örtliche Führer unser Volk auf der Basisebene aufzurühren. Dies wurde niemals von den Negern getan, die Ihr als national geltend anerkennt. Sie kontrollierten Euch, aber sie regten Euch nicht an oder begeisterten Euch nicht. Sie kontrollierten Euch, sie grenzten Euch ein, sie hielten Euch auf der Plantage.

Sobald King in Birmingham scheiterte, zog es die Neger auf die Straße, King ging hinaus nach Kalifornien zu einem großen Treffen und sammelte ungefähr – ich weiß nicht, wie viele Tausende von Dollars. [Er] kam nach Detroit und hatte einen Marsch und sammelte weitere mehrere Tausende von Dollars. Und erinnert Euch, direkt danach attackierte [Roy] Wilkins King, beschuldigte King und CORE [Congress Of Racial Equality], überall Schwierigkeiten auszulösen, um die NAACP [National Association for the Advancement of Colored People] dann zu veranlassen, sie aus dem Gefängnis zu holen und eine Menge Geld auszugeben, und dann beschuldigten sie King und CORE, all das Geld zu sammeln und nicht zurückzuzahlen. Dies geschah so, ich habe es als dokumentierten Beweis in der Zeitung. Roy begann King zu attackieren und King begann Roy zu attackieren, und Farmer begann beide zu attackieren. Und als diese Neger von nationaler Geltung sich gegenseitig zu attackieren begannen, begannen sie ihre Kontrolle über die Neger-Massen zu verlieren.

Und Neger waren draußen auf den Straßen. Sie sprachen davon, [wie] wir auf Washington marschieren werden. Übrigens, genau zu dieser Zeit war Birmingham explodiert, und die Neger in Birmingham, erinnert Euch, waren ebenfalls explodiert. Sie begannen, den Crackern [Weißen] in den Rücken zu fallen und sie zu verprügeln – ja, das taten sie. Das war der Moment, als Kennedy Truppen entsandte, unten in Birmingham. So, und direkt danach trat Kennedy im Fernsehen auf und sagte: „Das ist eine moralische Frage“. Das war der Moment, als er sagte, er werde eine Bürgerrechts-Gesetz vorlegen. Und als er das Bürgerrechts-Gesetz erwähnte und die Cracker im Süden davon zu sprechen begannen, sie würden es boykottieren oder durch Verschleppung zu Fall bringen, begannen die Neger von was zu sprechen? Wir marschieren auf Washington zu, marschieren zum Senat, marschieren zum Weißen Haus, marschieren zum Kongress und halten es auf, bringen es zum Stillstand; lasst die Regierung nicht weitermachen. Sie sagten sogar, sie würden zum Flughafen gehen und sich auf die Landebahn legen und kein Flugzeug landen lassen. Ich sage Euch, was sie sagten. Das war Revolution. Das war Revolution. Das war die schwarze Revolution.

Es war die Basisebene, die draußen auf den Straßen war. [Das] ängstigte den weißen Mann zu Tode, ängstigte die weiße Machtstruktur in Washington D.C. zu Tode; ich war dort. Als sie herausfanden, dass diese schwarze Dampfwalze auf die Hauptstadt zurollen würde, riefen sie Wilkins herbei, riefen sie Randolph herbei, riefen sie diese nationalen Neger-Führer herbei, die Ihr respektiert, und sagten zu ihnen: „Sagt es ab“. Kennedy sagte: „Schaut, Ihr alle habt es zu weit kommen lassen“. Und der alte Tom sagte: „Boss, ich kann es nicht stoppen, weil ich es nicht begonnen habe.“ Ich sage euch, was sie sagten. Sie sagten: „Ich bin nicht mal drin, geschweige denn an der Spitze.“ Sie sagten: „Diese Neger machen ihre eigenen Dinge, sie laufen uns voraus.“ Und dieser alte gescheite Fuchs sagte: „Gut, wenn Ihr nicht drin seid, bringe ich Euch hinein. Ich setze Euch an die Spitze. Ich heiße es gut, ich heiße es willkommen, ich helfe, ich schließe mich an.“

Einige Stunden vergingen. Sie hatten ein Treffen im Carlyle Hotel in New York City. Das Carlyle Hotel ist im Besitz der Kennedy-Familie, es ist das Hotel, in dem Kennedy zwei Nächte zuvor die Nacht verbracht hatte, [es] gehört seiner Familie. Eine philanthropische Gesellschaft, angeführt von einem Weißen namens Stephen Currier, rief die höchsten Bürgerrechts-Führer zusammen, im Carlyle Hotel. Und er sagte ihnen: „Indem Ihr Euch alle gegenseitig bekämpft, macht Ihr die Bürgerrechts-Bewegung kaputt. Und da Ihr um das Geld von weißen Liberalen kämpft, lasst uns etwas bilden, das als der Council for United Civil Rights Leadership bekannt ist. Lasst uns diesen Council bilden, und alle Bürgerrechts-Organisationen werden ihm angehören, und wir werden ihn zum Zwecke der Geldmittelbeschaffung verwenden.“ Lasst mich euch zeigen, wie gewieft der weiße Mann ist. Und sobald sie ihn gebildet hatten, wählten sie Whitney Young zum Vorsitzenden, und wer glaubt Ihr wurde der stellvertretende Vorsitzende? Stephen Currier, der weiße Mann, ein Millionär. Powell sprach heute darüber unten in der Cobo-[Halle]. Das war es, worüber er sprach. Powell weiß Bescheid, dass es passierte, Randolph weiß Bescheid, dass es passierte, Wilkins weiß Bescheid, dass es passierte, King weiß Bescheid, dass es passierte. Jeder der sogenannten großen Sechs – sie wissen Bescheid, was passierte.

Nachdem sie ihn gebildet hatten, mit dem weißen Mann darin, versprach er ihnen und gab ihnen 800.000 Dollar, um sie zwischen den großen Sechs aufzuteilen, und erzählte ihnen, dass er ihnen 700.000 Dollar mehr gegeben werde, nachdem der Marsch vorüber sei. Eineinhalb Millionen Dollar, aufgeteilt zwischen den Führern, denen Ihr gefolgt seid, für die Ihr ins Gefängnis gegangen seid, für die Ihr Krokodilstränen geweint habt. Und sie sind nichts anderes als Frank James und Jesse James und die-wie-nennt-Ihr-sie-Brüder.

Sobald sie den Aufbau organisiert hatten, gaben ihnen die Weißen Zugang zu ihren Spitzenexperten für Öffentlichkeitsarbeit, öffneten die Nachrichtenmedien überall im Land zu ihrer freien Verfügung, und dann begannen sie diese großen Sechs als die Führer des Marsches darzustellen.

Ursprünglich waren sie nicht einmal im Marsch drin gewesen. Ihr in der Hastings Street habt vom Marsch gesprochen – Ist die Hastings Street noch da? –, in der Hastings Street. Ihr in der Lenox Avenue seid es gewesen, die vom Marsch sprachen, und Ihr in der, wie heißt sie, Fillmore Street und Central Avenue, und 32nd Street und 63rd Street. Dort war es, wo vom Marsch gesprochen wurde. Aber der weiße Mann setzte die großen Sechs an die Spitze, machte sie zum Marsch. Sie wurden der Marsch. Sie übernahmen ihn. Und das Erste, was sie taten, nachdem sie ihn übernommen hatten, war, dass sie Walter Reuther einluden, einen weißen Mann, sie luden einen Priester ein, einen Rabbi und einen alten weißen Prediger. Ja, einen alten weißen Prediger. Dasselbe weiße Element, das Kennedy an die Macht brachte: Arbeiter, die Katholiken, die Juden und liberale Protestanten, dieselbe Clique, die Kennedy an die Macht brachte, schloss sich dem Marsch auf Washington an.

Es ist so, wie wenn man Kaffee hat, der zu schwarz ist, was bedeutet, dass er zu stark ist. Was tut man? Man integriert ihn mit Milch. Man macht ihn schwach. Wenn man zu viel Milch hineingießt, wird man nicht einmal wissen, ob man jemals Kaffee hatte. Er pflegte heiß zu sein, er kühlt ab. Er pflegte stark zu sein, er wird schwach. Er pflegte Dich aufzuwecken, nun versetzt er Dich in den Schlaf.

Das ist es, was sie mit dem Marsch auf Washington taten. Sie schlossen sich ihm an. Sie fügten sich nicht in ihn ein, sie infiltrierten ihn. Sie schlossen sich ihm an, wurden Teil von ihm, übernahmen ihn. Und als sie ihn übernommen hatten, verlor er seine Militanz. Sie hörten auf, wütend zu sein. Sie hörten auf, heiß zu sein. Sie hörten auf, kompromisslos zu sein. Es hörte sogar auf, ein Marsch zu sein. Es wurde ein Picknick, ein Zirkus. Nichts als ein Zirkus, mit Clowns und allem. Ihr hattet gerade einen hier in Detroit – ich sah es im Fernsehen –, mit Clowns, die ihn anführten, weißen Clowns und schwarzen Clowns. Ich weiß, Ihr mögt nicht, was ich sage, aber ich sage es Euch trotzdem. Weil ich beweisen kann, was ich sage. Wenn Ihr denkt, ich erzähle Euch etwas Falsches, bringt mir Martin Luther King und A. Philip Randolph und James Farmer und diese anderen drei und seht, ob sie es vor einem Mikrofon ableugnen.

Nein, es war ein Ausverkauf. Es war eine Übernahme. Als James Baldwin aus Paris kam, ließen sie ihn nicht sprechen, denn sie konnten ihn nicht dazu bringen, dem Skript zu folgen. Burt Lancaster verlas die Rede, die Baldwin hätte halten sollen, sie ließen Baldwin nicht hinaufgehen, denn sie wussten, dass Baldwin wahrscheinlich alles rauslassen würde. Sie kontrollierten es so streng – sie erzählten diesen Negern, zu welcher Zeit sie in der Stadt einzutreffen hatten, wie sie zu kommen hatten, wo sie anzuhalten hatten, welche Zeichen sie zu tragen hatten, welches Lied sie zu singen hatten, welche Rede sie halten konnten und welche Rede sie nicht halten konnten, und forderten sie dann auf, bei Sonnenuntergang aus der Stadt zu sein. Und jeder von diesen Toms war bei Sonnenuntergang aus der Stadt. Nun, ich weiß, Ihr mögt nicht, was ich sage, aber ich kann es belegen. Es war ein Zirkus, eine Vorstellung, die all das schlug, was Hollywood jemals tun könnte, die Vorstellung des Jahres. Reuther und diese anderen drei Teufel sollten den Academy Award bekommen für die besten Schauspieler, denn sie spielten, als würden sie Neger tatsächlich lieben und täuschten eine Menge Neger. Und die sechs Neger-Führer sollten ebenfalls einen Academy Award bekommen für die besten Nebendarsteller.

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One Response to “Malcolm X: Der „Hausneger“ und der „Feldneger“ (sowie die erbärmliche Wahrheit über den „Marsch auf Washington“)”

  1. Reiko sagt:

    Vielen Dank für die Übersetzung und Links.
    Eine Konstellation, die sich wohl auf so einige Bewegungen übertagen lässt. Eine gegensätzliche Mechanik zu den „gekaperten“ farbigen Revolutionen oder dem Arabischen Frühling.

    Grüße Reiko

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