SPENGLER: Europa, Japan, China und Russland stellen sich gegen die USA auf

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Der US-Ökonom David P. Goldman argumentiert, dass das Strafzoll-Regime der USA auf längere Sicht zu wichtigen Veränderungen bei den Investitionen Europas und Asiens führen wird – insbesondere zum Vorteil Chinas und dessen Ambitionen in Eurasien.

Von David P. Goldman, Übersetzung Lars Schall

Die exklusive Übersetzung des nachfolgenden Artikels ins Deutsche für LarsSchall.com erfolgt mit ausdrücklicher und persönlicher Genehmigung von David P. Goldman. Der englische Original-Artikel erschien hier am 22. August 2018.

David P. Goldman, unserer Ansicht nach weltweit einer der überragenden Essayisten unserer Zeit, war in der Vergangenheit der globale Leiter für die Research-Abteilung festverzinslicher Wertpapiere bei der Bank of America (2002-2005) und der globale Leiter für Kredit-Strategie bei Credit Suisse (1998-2002). Des Weiteren arbeitete er in leitender Funktion bei Bear Stearns, Cantor Fitzgerald und Asteri Capital.

Von 1994 bis 2001 war Goldman ferner Kolumnist des Forbes-Magazins. Darüber hinaus diente er während der 1980er Jahre Norman A. Bailey, dem damaligen Director of Plans des National Security Council der USA.

Auf Asia Times Online veröffentlicht er seit 2000 regelmäßig seine “Spengler“-Essays (so benannt nach dem deutschen Historiker und Philosophen Oswald Spengler). Goldman ist der Autor des Buches “How Civilizations Die (and why Islam is Dying, Too)”, veröffentlicht bei Regnery Press. Eine Sammlung seiner Essays, “It’s Not the End of the World – It’s Just the End of You”, erschien bei Van Praag Press.

David P. Goldman lebt in New York City, U.S.A.

Europa, Japan, China und Russland stellen sich gegen die USA auf

Die Vereinigten Staaten beginnen einen Zollkrieg mit China. Japan und Deutschland nutzen die Chance, Marktanteile in Chinas boomender Autoindustrie zu gewinnen und ihre Kapazitäten in China, dem am schnellsten wachsenden Pkw-Markt der Welt, auszubauen.

Die Vereinigten Staaten verhängen Sanktionen gegen die Türkei. Deutschland kündigt an, dass es der Türkei Wirtschaftshilfe anbieten wird, Katar verspricht 15 Milliarden Dollar an Neuinvestitionen und eine Devisen-Swap-Vereinbarung von 3 Milliarden Dollar, und die chinesischen Banken stellen den finanzschwachen Türken Milliarden von Dollar an neuen Krediten bereit. Chinesische Kommentatoren erklären, dass die Krise eine große Chance ist, die Türkei in Chinas „One Belt, One Road„-Strategie zu integrieren.

US-Präsident Donald Trump tadelt die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel für den Kauf von russischem Erdgas durch die Nord Stream II-Pipeline. Merkel führt Gipfelgespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und bestätigt die Pipeline-Vereinbarung und geht auch eine Vereinbarung ein, um den Wiederaufbau von Syrien in Zusammenarbeit mit Russland zu unterstützen.

Die Vereinigten Staaten verhängen wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran, und westliche Versicherungsunternehmen hören auf, iranische Ölladungen zu versichern. China reagierte, indem es eine iranische Versicherung für Ölimporte akzeptierte, Ölimporte aus dem Iran erhöhte und das Öl in iranischen Tankern verschiffte. Indien wurde eine iranische Versicherung für Öllieferungen angeboten, allerdings werden indische Raffinerien das Angebot laut Berichten ablehnen. Westliche Versicherungsgesellschaften haben ihnen gesagt, dass sie, wenn sie iranisches Öl importieren, die Versicherung für Raffineriebetriebe kündigen würden.

Und der deutsche Außenminister Heiko Maas schlägt ein neues internationales Zahlungssystem, unabhängig vom Dollar-Bereich, ein neues Interbankentransfersystem und einen Europäischen Währungsfonds vor, um „europäische Unternehmen vor Sanktionen zu schützen“. Er schlug auch eine digitale Steuer auf amerikanische Internetfirmen vor. In der deutschen Tageszeitung Handelsblatt erklärte Maas am 21. August: „[W]ir lassen nicht zu, dass [die USA] über unsere Köpfe hinweg zu unseren Lasten handelt.“ Kein Vertreter einer großen westeuropäischen Regierung hat je zuvor etwas Ähnliches in der Öffentlichkeit vorgeschlagen.

Maas‘ Handelsblatt-Manifest ist vorerst bloß Gerede. Europäische Unternehmen wollen Amerikas Entschlossenheit nicht testen, wenn es um Sanktionen gegen Iran oder Russland geht. Die Androhung von Sekundärsanktionen gegen die US-Aktivitäten internationaler Firmen, die Geschäfte mit dem Iran tätigen, hat dazu geführt, dass europäische Firmen aufhören, iranisches Öl zu kaufen und sich aus möglichen Investitionen zurückziehen. Selbst wenn die europäischen Regierungen ein Zahlungssystem schaffen, das völlig unabhängig von der Zuständigkeit der amerikanischen Regierung ist, bleiben sekundäre Sanktionen ein gewaltiges Durchsetzungsinstrument.

Auf längere Sicht dürften jedoch wichtige Veränderungen in den Investitionsmustern als Reaktion auf Amerikas neue Durchsetzungskraft die eurasischen Ambitionen Chinas stützen.

Opportunismus statt strategische Vision scheint diese subtilen und manchmal nicht so subtilen Verschiebungen in der europäischen und japanischen Politik gegenüber China zu motivieren. Offensichtlich ist China bereit, seine Märkte für die Konkurrenten Amerikas zu öffnen, um im Verlauf eines sich zusammenbrauenden Handelskriegs Hilfe zu erhalten.

Der Besuch des chinesischen Premierministers Li Keqiang in Berlin Anfang Juli scheint einen Präzedenzfall geschaffen zu haben. Deutschlands große drei Autohersteller kündigten bahnbrechende Joint Ventures mit chinesischen Firmen sowie große Expansionspläne an. Siemens, Deutschlands größter Investitionsgüteranbieter, und der Chemiekonzern BASF kündigten ebenfalls große Projekte in China an, während BMW warnte, dass die Trump-Strafzölle dazu führen könnten, dass die Kapazitäten von den Werkanlagen in South Carolina nach China verlagert würden.

Dem deutschen Beispiel folgten in dieser Woche Japans größte Automobilhersteller. Toyota kündigte Pläne an, die chinesische Kapazität um 20% zu erhöhen, und Nissan plante eine Investition in Höhe von 900 Millionen US-Dollar, um die Kapazität um 30% zu erhöhen. Japans Entscheidung, in den chinesischen Markt zu expandieren, ist ein wichtiger Indikator für Amerikas Isolation. Japan hat einen viel geringeren Anteil am chinesischen Automarkt als Deutschland, größtenteils aufgrund historischer Spannungen zwischen den beiden asiatischen Mächten. Dennoch wittern die japanischen Autohersteller eine Gelegenheit, auf Kosten der Vereinigten Staaten zu profitieren. General Motors ist der wahrscheinliche Verlierer. Es produziert ein Buick Sport Utility Vehicle in China, das einem US-Strafzoll von 25% unterliegt. GM verkaufte im vergangenen Jahr in China 4 Millionen Fahrzeuge mit einem Marktanteil von 5% und ist anfällig für chinesische Vergeltungsmaßnahmen.

Die Reaktion der Europäer und Chinesen auf die türkische Finanzkrise – die lange im Entstehen begriffen war, aber durch die amerikanischen Sanktionen verschärft wurde – zeigt, wie schnell sich wirtschaftliche Allianzen verschieben. Ich habe vor dem Abstieg der Türkei in den nahenden Konkurs seit 2014 gewarnt und diese Warnung wiederholt vor dem Zusammenbruch der türkischen Lira in diesem Sommer erneuert. Am 10. August, als die Krise mit voller Wucht einsetzte, argumentierte ich in dieser Zeitung, dass China die Türkei billig aufkaufen würde.

Am 21. August schrieb die chinesische Nachrichtenagentur The Asset: „Die Wirtschaftskrise in der Türkei zwingt den umfehdeten Präsidenten Recep Tayyip Erdogan dazu, sich um finanzielle Unterstützung zu bemühen, was China die Tür offenhält, um eine nicht zu verpassende Gelegenheit zur Beschleunigung seiner Belt & Road-Ambitionen in der Region zu ergreifen.“

Statt sich an den Internationalen Währungsfonds zu wenden und dessen politisches Diktat gegen Geld zu akzeptieren, sucht Erdogan laut The Asset neue Freunde. „Zuerst wurde Katar mit einem 15 Milliarden US-Dollar-Paket umschlungen, das am 15. August angekündigt wurde, nachdem der katarische Emir Tamim bin Hamad Al Thani in Ankara Erdogan getroffen hatte. Katarische Staatsmedien sagten, das Geld würde für wirtschaftliche Projekte und Investitionen verwendet werden. Aber China wird wahrscheinlich ebenso stark in den Erholungsplänen der türkischen Regierung auftauchen. Bereits im Februar hatte die Türkei angekündigt, dass sie erstmalig den Erwerb von Panda-Anleihen auf dem chinesischen RMB-Markt planen würde, und beauftragte die Bank of China, ICBC und HSBC, den Weg für ein Angebot vorzubereiten.“

Nichts davon ist überraschend: Das Gasblasen-Emirat Katars zahlt der Türkei politischen Schutz, und China betrachtet die Türkei seit längerer Zeit als den westlichen Endpunkt seiner eurasischen Logistik. Die Überraschung kam aus Berlin, wo Merkels Regierung mit der Idee der finanziellen Unterstützung für die Türkei flirtet, als Gegenleistung für die türkische Zusammenarbeit bei der Bewältigung der syrischen Flüchtlingskrise und anderen Angelegenheiten. Die Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Andrea Nahles, schlug finanzielle Hilfen vor. Obwohl die Sozialdemokraten Mitglieder der Regierungskoalition sind, ist Nahles kein Mitglied des Kabinetts. Regierungssprecher haben angedeutet, dass eine finanzielle Unterstützung für die Türkei unter bestimmten Bedingungen möglich ist.

Deutsche Regierungsquellen sagen, dass Deutschland eine Gelegenheit sieht, sich Erdogans Zusammenarbeit in Flüchtlingsproblemen billig zu erkaufen. Deutschland ist nominell ein amerikanischer Verbündeter, und Washington steht unter anderem in voller Konfrontation mit der Türkei wegen der Inhaftierung eines amerikanischen Bürgers. Nichtsdestoweniger entschied sich Berlin, die dringenden wirtschaftlichen Bedürfnisse der Türkei auszunutzen, um seine eigene Agenda auf Kosten der Vereinigten Staaten voranzutreiben.

Im Mittelpunkt des europäischen Denkens steht die Überzeugung, dass Asien der Weltwirtschaft weiterhin den größten Wachstumsspielraum bieten wird. Asien liefert etwa drei Fünftel des Weltwirtschaftswachstums. Während der Lebensstandard unter Chinas 1,4 Milliarden Menschen und den 600 Millionen Menschen in Südostasien sich weiterhin dem der westlichen Industrieländer angleicht, wird das nicht-japanische Asien nach wie vor der mit Abstand wichtigste Wachstumsmarkt der Welt bleiben.

Für europäische und japanische Hersteller bietet der chinesisch-amerikanische Handelskrieg eine Chance, eine privilegierte Position in diesem Wachstumsmarkt zu erlangen, am offensichtlichsten auf dem Automobilmarkt. Die Chinesen werden in den nächsten 20 bis 25 Jahren vielleicht eine halbe Milliarde Automobile kaufen, und die Chance, auf dem riesigen, aber hart umkämpften Automobilmarkt des Landes Marktanteile zu gewinnen, hat die großen deutschen und japanischen Autohersteller überzeugt, ihr Engagement in China zu verdoppeln.

Die weltgrößte Wachstumschance liegt in der Vereinheitlichung des übrigen Asiens – insbesondere in Südostasien, wo die Bevölkerung überwiegt. Ich schrieb 2017 in einem Essay in The Journal of American Affairs:

„Die alternden Länder versuchen, in Ländern mit jungen Bevölkerungen zu investieren, aber die einzigen Länder mit einer jungen Bevölkerung sind für den Weltmarkt unzugänglich und werden dies auf absehbare Zeit wahrscheinlich auch bleiben. In den Schwellenländern gibt es jedoch ein enormes Wachstumspotenzial für die Produktivität, was die demografische Entwicklung mehr als kompensieren kann. Die gute Nachricht ist, dass das Produktivitätswachstum – die Mobilisierung von Energie und Talenten, die jetzt in den rückständigen Gebieten der Weltwirtschaft verschwendet werden – eine Milliarde Menschen auf den Weltmarkt bringen kann, die bislang an ihren Randzonen schmachten. Die schlechte Nachricht ist, dass China den USA weit voraus ist, wenn es lernt, diesen Anstieg des Humankapitals in wirtschaftliche Allianzen und Exportmärkte umzuwandeln. Hier müssen wir aufholen und China überholen.

Die Dampfmaschine trieb die erste große wirtschaftliche Revolution an, und das Smartphone katalysiert die nächste. Talent ist die knappste Ressource in der Weltwirtschaft, und die Verbreitung von Breitbandverbindungen in den rückständigen Gebieten der Welt öffnet den globalen Markt gegenüber den talentierten Wenigen. Männer und Frauen, die in der Subsistenzwirtschaft verbleiben oder auf Passanten an Marktständen warten, können plötzlich durch E-Commerce an die ganze Welt verkaufen. Das Kapital wird durch E-Finance in die Kapillaren der Weltwirtschaft gelangen.

Die rückständigen Volkswirtschaften, in denen die meisten Menschen der Welt leben, verschwenden Zeit und zermürben den Geist. In so genannten Schwellenmärkten verbringen zwischen einem Drittel und zwei Drittel der Beschäftigten die meiste Zeit damit, wenig oder gar nichts zu tun.“

Die Türkei ist für China von besonderem Interesse, da sie bereits mit 50% eine der weltweit höchsten Smartphone-Penetrationsraten aufweist. Das türkische Finanzministerium will das Land bis 2023 in eine bargeldlose Gesellschaft umwandeln. Rund ein Drittel der Türken arbeitet heute in der so genannten informellen Wirtschaft, den Aktivitäten von Familienunternehmen und kleinen, kapitalhungrigen Unternehmern. Die Einverleibung der Türkei bedeutet eine Ausweitung der produktiven (und steuerpflichtigen) Arbeitskraft um ein Drittel bis um die Hälfte und die Offenlegung aller kommerziellen Transaktionen für die Steuerbehörden.

Es ist alles andere als klar, ob sich die Türkei nach dem chinesischen Modell wandeln wird. Das Erdogan-Regime ist eine Kleptokratie im großen Stil; einer von Erdogans Söhnen hat ein Vermögen von 80 Millionen Dollar, und Erdogans persönliches Vermögen wurde kürzlich auf 58 Millionen Dollar geschätzt. Die Türken mögen zögern, große Teile ihrer Wirtschaft an China abzugeben, womit sich die Fähigkeit, sich selbst zu bereichern, verringern würde. Wie auch immer die Türkei sich entscheidet, China und seine südostasiatischen Nachbarn werden weiterhin einen Block von 2 Milliarden Menschen mit dem größten Wachstumspotenzial der Welt bilden.

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