Was meinte J.P. Morgan?

J.P. Morgan sagte 1912 vor dem US-Kongress: „Kredit ist ein Beweis des Bankgeschäfts, aber Kredit ist nicht das Geld selbst. Geld ist Gold, und sonst nichts.“ Was meinte er damit?

Von James Turk, Übersetzung Lars Schall

Der nachfolgende Text erschien im englischsprachigen Original hier bei Goldmoney. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte mit persönlicher Erlaubnis des Autors.

Am 18. Dezember 1912 fand der folgende Austausch statt, als J.P. Morgan – der einflussreichste amerikanische Finanzier und Bankier seiner Zeit – zur Aussage vor dem US-Kongress aufgerufen wurde.

Herr Untermyer: Ich möchte Ihnen einige Fragen zu dem Thema stellen, das Sie heute Morgen angesprochen haben, hinsichtlich der Kontrolle des Geldes. Die Kontrolle des Kredits beinhaltet eine Kontrolle des Geldes, nicht wahr?

Herr Morgan: Eine Kontrolle des Kredits? Nein.

Herr Untermyer: Aber die Basis des Bankgeschäfts ist der Kredit, nicht wahr?

Herr Morgan: Nicht immer. Dieser [Kredit] ist ein Beweis des Bankgeschäfts, aber er [Kredit] ist nicht das Geld selbst. Geld ist Gold, und sonst nichts.

Samuel Untermyer war der Justiziar des Pujo-Unterausschusses des Committee on Banking and Currency des US-Repräsentantenhauses, welcher gebildet wurde, um den Einfluss von Wall Street-Bankiers und Finanziers auf das Geld und den Kredit der Nation zu untersuchen. Er versuchte festzustellen, ob ein die amerikanische Geschäfts- und Finanzwelt kontrollierender „Geld-Trust“ existieren würde und ob Herr Morgan ein Teil von ihm sei.

Der oben angeführte Austausch ist nur ein kleiner Ausschnitt aus mehr als drei Stunden, in denen Herr Morgan aussagte, aber es ist der aufschlussreichste Ausschnitt ihrer Diskussion über Geld. Er trifft einen Punkt, der heutzutage nicht oft verstanden wird, nämlich wie Herr Morgan so präzise und prägnant formulierte: „Geld ist Gold, und sonst nichts“.

Es ist beachtenswert, dass er häufig falsch zitiert wird, indem er gesagt haben soll: „Gold ist Geld, und nichts anderes“, was auch wahr ist, aber den springenden Punkt verfehlt. Es ist klar, dass Herr Morgan Geld auf eine Art und Weise definierte, die für den modernen Verstand ungewohnt und daher verwirrend ist, weshalb das Zitat häufig abgeändert wird, ob willentlich oder nicht, um es in der heutigen Zeit verständlich zu machen. Zweifelsohne zusätzlich verwirrend und für den modernen Geist womöglich etwas schockierend, sagte Herr Morgan – der ein Jahrhundert später eine herausragende historische Persönlichkeit in der amerikanischen Finanzwelt ist – nicht, dass „Geld der Dollar“ ist; es ist nur Gold, und sonst nichts.

Herr Morgan ließ es auch sein, Gold zu definieren. Seine Aussage hob schlicht hervor, wie Gold verwendet wird, und nicht was es ist, was als natürliches Element mit der Nummer 79 im Periodensystem definiert werden kann.

Hinter den Worten von Herrn Morgan steckt jedoch noch weit mehr, und in der Tat hinter beiden Reaktionen auf die Fragen von Herrn Untermyer. Eine tiefere Analyse wird zeigen, was Herr Morgan und alle anderen, die seinen Aussagen zuhörten, offensichtlich über Geld und Kredit verstanden. Hätten sie dieses klare Verständnis nicht besessen, wäre Herr Morgan gebeten worden, seine Definition von Geld darzulegen. Keine solchen Fragen wurden gestellt.

Was also wussten Herr Untermyer und andere in dieser Kongress-Anhörung, das viele heutzutage nicht verstehen? Was meinte Herr Morgan? Und was war es, das sie über Geld und Kredit intuitiv erkannten, das heute weitläufig unverstanden ist?

Herr Morgan definierte mehr als nur Geld. Er enthüllte die wesentliche Natur des Prozesses, durch den die Menschen für ihre Arbeit bezahlt werden, welche wiederum das Rückgrat unserer kapitalistischen Gesellschaft ist. Geld stammt vom Marktprozess, nicht von der Regierung.

Geld entsteht wie jede andere Ware und Dienstleistung. Sie alle sind das Ergebnis von Arbeit, die sorgfältig auf eine im Laufe der Zeit erledigte Aufgabe angewendet wurde, um ein nützliches Ergebnis hervorzubringen. Ein Landwirt produziert Lebensmittel, ein Baumeister ein Haus, ein Hersteller ein Auto, usw. Alle diese Sachen sind nützliche Produkte. In ähnlicher Weise werden nützliche Dienstleistungen von einem Friseur erbracht, der Haare schneidet, einem Kellner, der Speisen serviert, usw. Und um den Standpunkt von Herrn Morgan anzusprechen, wendet ein Goldminenarbeiter Mühe und Zeit auf, um ein nützliches Gut herzustellen, das wir Geld nennen.

Im krassen Gegensatz dazu erzeugen Banker Geldersatzprodukte, die Dollar, Euro, Franken, Pfund usw. heißen; aber ebenso wie künstliche Süßstoffe nicht Zucker sind, sind Geldersatzprodukte kein Geld. Diese Währungen werden durch Zahlungsmittel-Gesetzgebungen in Umlauf gebracht, die den Umlauf von Gold als Währung zwangsläufig verdrängt haben. Das unglückliche Ergebnis ist, dass die inhärenten Merkmale und Eigenschaften von Gold für viele unbekannt geworden sind, sodass sie die wahre Natur und Nützlichkeit von Gold nicht erkennen.

Nationalwährungen wie Dollar, Euro, Franken, Pfund und die Restlichen basieren auf Krediten und nicht auf aufgewandte Arbeit. Daher können sie am besten als „Schuld-Währungen“ bezeichnet werden. Ein angemessener Begriff, der bewusst gewählt wurde, um ihre wahre Natur zum Ausdruck zu bringen, indem er ihre gänzliche und vollständige Abhängigkeit von Krediten offenbart.

Ein begabter, fleißiger und ehrlicher Mensch wird mehr Kredite aufnehmen können als jemand ohne diese Qualitäten, und Kredite können nützlich sein. Mit Kredit kann man heute Waren und Dienstleistungen erwerben, was auf dem Vertrauen beruht, dass ihre künftige Bezahlung durch die Arbeitsleistung desjenigen erfolgen wird, der den Kredit verwendet.

In ähnlicher Weise gewähren Banken Kredite in der Erwartung – und Hoffnung –, dass in der Zukunft Arbeitskraft aufgewendet wird, um den Kredit zurückzuzahlen. Man kann sich also aufgrund des Vertrauens, dass er zurückgezahlt werden wird, von einer Bank eine Schuldwährung leihen. Manchmal wird dieses Vertrauen jedoch gebrochen. Nicht alle Zusagen werden eingehalten, und daher beinhalten Kredite die Unsicherheit der Rückzahlung, und dies führt eindeutig zu einer grundlegenden Risikodifferenz zwischen Geld und Schuld-Währung.

Alle Schuld-Währungen haben ein Ausfallrisiko, Gold jedoch nicht. Der Grund ist einfach. Schuld-Währungen sind ein finanzieller Vermögenswert. Sie sind weder greifbar, noch wird ihr Wert von aufgewandter Arbeit abgeleitet. Genauer gesagt handelt es sich bei ihnen um Verbindlichkeiten von Banken, und wie jeder Buchhalter weiß, sind es die Aktivposten einer Bank – und nicht ihre Verbindlichkeiten –, die einen Wert haben.

Die Schuld-Währung wird durch Kredite gedeckt, insbesondere durch die Kredite in den Bankbilanzen. Wenn diese Kredite nicht zurückgezahlt werden, wird die Fähigkeit der Bank, ihren Verbindlichkeiten nachkommen zu können – die Schuld-Währung der Bank –, eingeschränkt, was sich nachteilig auf die Schuld-Währung dieser Bank auswirkt. Wenn die Kreditausfälle ausreichend groß sind, kann dies zu Bankenanstürmen und letztendlich zu Bankenpleiten führen.

Wie Herr Morgan Herrn Untermyer erklärte, ist Kredit kein Geld. Daher sind Dollar kein Geld und zirkulieren nur als Schuld-Währung anstelle von Geld. Diese Tatsache, dass die Nationalwährungen Verbindlichkeiten von Banken sind, erklärt, warum sie ein Ausfallrisiko besitzen, und wichtiger noch, es macht deutlich, warum Geld Gold ist.

Wenn Sie für eine Ware oder Dienstleistung mit einer Goldmünze bezahlen, wird ein greifbarer Vermögenswert, der das Produkt aufgewandter Arbeit ist – Gold –, gegen etwas anderes von Substanz und Wert getauscht, das ebenfalls das Produkt aufgewandter Arbeit ist, nämlich die Ware oder Dienstleistung, welche gekauft wird. Mit Gold wird der Tausch in dem Moment ausgelöscht, in dem die Ware und das Gold den Besitzer wechseln; vergleichen Sie dieses Ergebnis aber einmal mit dem Dollar oder einer anderen Schuld-Währung.

Wenn Dollar zum Kauf von Waren oder Dienstleistungen verwendet werden, erlischt der Umtausch nicht. Eine Sache von Substanz – die Ware oder Dienstleistung – wird umgetauscht für Kredit in Form eines Geldersatzes, der als Schuld-Währung im Umlauf ist. Die Ware wurde nicht bezahlt, da der Verkäufer, der die Dollar erhält, nun ein Ausfallrisiko besitzt. Der Umtausch wird nicht ausgelöscht, bis der Verkäufer diese Dollar an einen anderen Tauschteilnehmer weitergibt, um eine Ware oder Dienstleistung zu erwerben. Dies ist die verborgene Bedeutung von Herrn Morgans Aussage, die 1912 weithin verstanden wurde, heute jedoch weniger.

Nur Geld kann für den Kauf einer Ware oder Dienstleistung bezahlen; nur ein greifbarer Vermögenswert vermag einen Tausch auszulöschen. Gold ist seit 5.000 Jahren Geld, obwohl von Zeit zu Zeit andere greifbare Vermögenswerte verwendet wurden, im Allgemeinen aus Gründen der Zweckmäßigkeit unter außergewöhnlichen Umständen oder in Notfällen, oder im Fall von Silber, um Münzen in kleinen Stückelungen für Tauschgeschäfte von geringem Wert bereitzustellen.

Was wäre also das Ergebnis gewesen, wenn die Erde ohne Gold gebildet worden wäre? Es erscheint logisch, zu folgern, dass Geld niemals aus der Vorgeschichte hervorgekommen wäre, was bedeutet, dass auch die Marktwirtschaft niemals aus der Vorgeschichte hervorgekommen wäre.

Gold ist also etwas Besonderes. Es war von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Zivilisation. Und Gold ist einzigartig. Andere greifbare Vermögenswerte verschlechtern sich, laufen an, verfaulen, nutzen sich ab, sind erschöpft oder abgetragen oder verschwinden früher oder später, indes Gold angesammelt wird und nicht verschwindet. Abgesehen von der unbedeutenden Menge an Gold, das durch den Abrieb von Münzen oder durch Schiffwracks und vergrabene Schätze verloren ging, die noch nicht lokalisiert und geborgen wurden, existiert noch immer sämtliches Gold, das im Laufe der Geschichte gewonnen wurde, egal ob es zu Barren, Münzen oder anderen Formen verarbeitet worden ist.

Im Laufe der Geschichte wurde Gold abgebaut, weil es als Geld verwendet wird. Obwohl sich Gold heute nicht mehr so ​​sehr im Umlauf befindet wie 1912, ist es immer noch Geld.

Zur Aussage von Herrn Morgan kam es nur wenige Jahre nach der Panik von 1907 und dem Zusammenbruch der Knickerbocker Trust Company, einer der damals größeren Banken in New York City. Wir haben in den letzten Jahrzehnten Bankenanstürme gesehen, aber diese haben sich in einer Welt mit Schuld-Währungen zugetragen. In der Vergangenheit waren Anstürme auf die Banken von der Notwendigkeit zur Sicherheit angetrieben, das heißt, um das Vermögen zu erhalten, indem das Risiko eines Ausfalls vermieden wird. Sicherheit wurde erreicht, indem die flüchtigen und unbeständigen Versprechen von Schuld-Währungen in Gold umgetauscht wurden, dem ultimativen sicheren Hafen. Eine Bank schuldet Ihnen Ihre Schuld-Währung, wohingegen Gold Geld ist, das Sie besitzen.

Der letzte echte Ansturm auf die Banken in Gold hinein trug sich während der Weltwirtschaftskrise zu, welche sich beinah gänzlich außerhalb aller lebendigen Erinnerungen befindet. Das erklärt, warum so wenige Menschen auf das Risiko bei der Verwendung von Schuld-Währungen achten. Sie besaßen keine Gelegenheit, aus Erfahrung zu lernen.

Es gibt ein altes Sprichwort, dass Weisheit damit beginnt, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen. Herr Morgan wählte seine Worte in dieser Kongress-Anhörung genau und weise.

„Geld ist Gold, und sonst nichts.“

Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

Comments are closed.

Subscribe to RSS Feed Lars Schall auf Twitter folgen

Bei weiterer Nutzung dieser Webseite, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen