Der rätselhafte Aufstieg Japans zur Wirtschaftsmacht

Laut gängigen Wirtschaftstheorien vermögen nur „freie Märkte“ zum wirtschaftlichen Erfolg zu führen. Das „Wundermodell“, welches Japan zu einer führenden Industrienation werden ließ, hatte allerdings mit „freien Märkten“ nichts zu tun, sondern mit einer „Produktionsleistungs-maximierenden, mobilisierten Kriegswirtschaft“ und dem Instrument der „Kreditvergabe-Lenkung“, wie der Ökonom Richard A. Werner erklärt.

Von Lars Schall

Bei der nachfolgenden Veröffentlichung handelt es sich um eine Übersetzung des 1. Kapitels aus Richard A. Werner: “Princes of the Yen – Japan’s Central Bankers and the Transformation of the Economy”, Quantum Publishers, 2018. (Die japanisch-sprachige Originalausgabe des Buches, das in Japan zum Bestseller avancierte, erschien bereits 2001, die Übersetzung ins Englische wurde erstmals 2003 veröffentlicht.) Ergänzend sei Ihnen empfohlen: Weg von der zentralen Planung hin zur dezentralen Wirtschaft – Brauchen wir Zentralbanken?

Eine neue Ära dämmert in Japan

Grundlegende Veränderungen in Japans ökonomischem, sozialem und politischem System haben sich in der modernen japanischen Geschichte nur zweimal ereignet: während der Meiji-Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts, und während des Kriegs und der Niederlage vor sechzig Jahren. In beiden Fällen wurde der Wandel durch Krisen ausgelöst. Die Gefahr der Kolonisierung durch fremde Länder trieb die Meiji-Reformen an. Die große Depression, der Krieg im Pazifikraum und die daraus resultierende Niederlage waren die Auslöser für die zweite große Umwandlung.

Das Nachkriegswunder hohen Wachstums war, trotz aller Erfolge, größtenteils ein quantitativer Wandel, der innerhalb der unveränderten ökonomischen und politischen Institutionen stattfand, die zuvor eingerichtet worden waren. Heute steht Japan einmal mehr vor einem Scheidepunkt. Die Krise der 1990er Jahre bedeutete für das wirtschaftliche System „japanischen Stils“, wie wir es kannten, das Ende. Japan befindet sich nunmehr im Prozess, zu einer grundsätzlich anderen Form der wirtschaftlichen Organisation zu wechseln, namentlich einer freien Marktwirtschaft nach US-amerikanischer Prägung.

Zurück zur Zukunft – Vorwärts zur Vergangenheit

Die Ironie ist, dass dieses System nicht neu für Japan ist. Wenige Leute sind sich der Tatsache bewusst, dass freie Märkte vor dem Krieg beinahe die Norm in Japan waren. In den 1920er Jahren existierte das berühmte japanische Nachkriegssystem noch nicht. Damals sah Japans Wirtschaft in vielfacher Weise wie eine Durchschlagkopie der heutigen US-Wirtschaft aus – mit heftigem Wettbewerb, aggressivem Einstellen und Entlassen, Übernahmeschlachten zwischen großen Unternehmen, wenigen bürokratischen Kontrollen, starken Aktienhaltern, die hohe Dividenden verlangten, und Unternehmensfinanzierungen von den Märkten, nicht von den Banken. Während der ganzen Nachkriegszeit hindurch ist Japans Wirtschaft das Gegenteil gewesen: hoch reguliert, mit Kartellen, die den Wettbewerb minimierten, Bankfinanzierungen und Überkreuzbeteiligungen, welche die Aktionärsmacht reduzierten, keinen Übernahmen, und einem eingefrorenen Arbeitsmarkt mit lebenslanger Beschäftigung und Rentenzahlungen.

Die eigenartige Natur dieses wirtschaftlichen Nachkriegssystems hat Beobachter jahrzehntelang verwirrt. Führende Wirtschaftstheorien geben an, dass nur freie Märkte zu Erfolg führen können. Japan stieg jedoch innerhalb von Jahrzehnten vom Status eines Entwicklungslands zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf, ohne auf die „unsichtbare Hand“ der freien Märkte angewiesen gewesen zu sein. Eine Vielzahl an Theorien sind vorgelegt worden, um dieses Rätsel zu erklären.

Kriegswirtschaft

Was Japan veränderte, war ein Ereignis, das oftmals in der Forschung zu Japan vernachlässigt wird, eines, welches sich zwischen der Vorkriegszeit und der Nachkriegszeit zutrug: der Krieg selbst. Das japanische Wirtschaftssystem wurde größtenteils während des Zweiten Weltkriegs geschaffen. Seine wahre Natur ist die einer Produktionsleistungs-maximierenden, mobilisierten Kriegswirtschaft.

Japanische Unternehmen haben sich seit den beginnenden 1940er Jahren im Kriegszustand befunden. In der frühen Nachkriegszeit waren die USA eifrig darum bemüht, der Welt zu demonstrieren, dass das Japan nach dem Ende der Besetzung nach ihrem Bilde umgeformt worden war. In Wahrheit hatten die USA mit Beginn des Kalten Kriegs entschieden, Japans Kriegszustand aufrechtzuhalten und seine bürokratische Elite der Kriegszeit an der Macht zu lassen.

Während Deutschlands Kriegswirtschaftsminister Albert Speer als Kriegsverbrecher im Spandauer Gefängnis blieb, wurde sein japanischer Kriegszeit-Kollege Premierminister, der Japan für zwölf entscheidende Jahre zusammen mit seinem Bruder regierte. Während dieser Zeit, von den späten Fünfziger bis zu den frühen Siebziger Jahren, schaffte es die bürokratische Elite der Kriegszeit, welche noch immer an den Kontrollhebeln saß, das System der „totalen Wirtschaft“ zu vervollständigen, das eine schnelle Ressourcenmobilisierung während des Krieges ermöglicht hatte. Da sie befähigt war, einen weitaus größeren Markt als nur die begrenzte einheimische Wirtschaft bedienen zu können, musste sie ins Ausland expandieren. Die Vereinigten Staaten, die an einer Stärkung Japans interessiert waren, ließen es zu. Es war das System einer mobilisierten Kriegswirtschaft, das Japans Eroberung der Weltmärkte in der Nachkriegszeit anführte.

Der Hauptgrund, weshalb die außergewöhnliche Natur von Japans System so lange unbekannt blieb, ist der ahistorische und für gewöhnlich kontrafaktische Ansatz vieler zeitgenössischer Wirtschaftstheorien. Die Geschichte stellt für den wissenschaftlichen Ökonom den Datensatz zum Studium bereit. Die Geschichte zu ignorieren bedeutet, die Fakten zu vernachlässigen.

Großunternehmen und Politiker hatten ebenfalls in Japans Wundermodell eine Rolle zu spielen, aber am Ende wurde die Wirtschaft nicht durch das Dreieck aus Geschäftswelt, Politik und Bürokratie kontrolliert, sondern durch das sehr viel schmalere Dreieck des Ministeriums für Finanzen (MoF), des Ministeriums für Internationalen Handel und Industrie (MITI) und der Bank von Japan (Bank of Japan, BoJ). Unter diesen drei Institutionen war die Bank von Japan die am wenigsten wahrnehmbare. Es gab einen Grund, warum sie sich so zurückhaltend gab. Obwohl ihr technisches Wissen über das mächtigste Kontrollwerkzeug sicherstellte, dass die Zentralbank in der Praxis Japan beherrschte, war sie rechtlich dem MoF untergeordnet. Deshalb hat sie stets vorgegeben, sie besäße sehr wenig Macht. Dieses Buch erzählt die Geschichte des wahren Ausmaßes des Gebrauchs und Missbrauchs ihrer Macht.

Eingriffe der Regierung können schnelles Wachstum schaffen

Wirtschaftlicher Erfolg und freie Marktwirtschaften sind praktisch gleichbedeutend in den Augen vieler Meinungsmacher von heute. Deshalb wird Entwicklungsländern eingeredet, das Mantra der Weltbank und des IWF zu übernehmen – Liberalisierung, Privatisierung und Deregulierung –, um wirtschaftliche Entwicklung zu erzielen. Als der Eiserne Vorhang fiel und viele kommunistische Länder markt-orientierte Wirtschaftssysteme einführten, argumentierten manche Beobachter gar, dass das „Ende der Geschichte“ gekommen sei: Der Kampf zwischen rivalisierenden Wirtschaftssystemen sei vorbei und das freie Marktsystem habe obsiegt.

Allerdings benutzte Japan keine freien Märkte, um die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zu werden. Das bedeutet, dass ein rivalisierendes kapitalistisches Wirtschaftssystem existiert, welches andere Systeme hinsichtlich wirtschaftlicher Wachstumsraten über einen langanhaltenden Zeitraum ausstach.

Die japanische Erfahrung lehrt uns auch, dass Regierungseingriffe bislang unverstanden blieben, denn sie nahmen nicht die Form von Einmischungen im Mikromanagement an, wie in Planwirtschaften. Stattdessen griffen Japans Regierungsbeamte der Kriegszeit vor allem durch eine bewusste institutionelle Gestaltung sichtbar ein, die darauf abzielte, die richtigen Anreizstrukturen für schnelles Wachstum zu schaffen. Bei erfolgreichen Regierungseingriffen geht es um organisatorische Gestaltung, nicht um das Favorisieren bestimmter Wirtschaftsteilnehmer.

Institutionelle Gestaltung

Durch deutsche Denker beeinflusst, ermutigten die Anführer der Kriegswirtschaft die Schaffung von Großunternehmen. Sie verstanden, dass unter den drei großen Interessensgruppen, die in Großunternehmen involviert sind – die Geschäftsführung, Aktionäre und Beschäftigten –, die Zielsetzungen der Aktieninhaber sich am wenigsten im Einklang mit dem vorrangigen Ziel der Planner befand, schnelles Wachstum zu bewirken. Also wurden Aktienbesitzer abgeschafft, Manager hervorgehoben und Beschäftigte durch Unternehmensgewerkschaften und Arbeitsplatzsicherheit motiviert.

Das Management, durch Überkreuzbeteiligungen von Dividenden-orientierten Aktionären befreit, zahlte keine Profite aus, sondern reinvestierte sie. Dies erlaubte ihnen, ihre Unternehmen wachsen zu lassen und Marktanteile auszuweiten. Dies richtete Japans Wirtschaft hauptsächlich auf hohes Wachstum aus.

Daheim musste der folgende gnadenlose Wettbewerb um Marktanteile durch die Gründung von Kartellen eingedämmt werden. Das hieß nicht, dass der Wettbewerb endete; die Unternehmen fuhren fort, einander Konkurrenz zu bereiten, um ihre Rangfolgen innerhalb des Kartells hochzuhalten. Vor allem aber gab es keine Kartelle, die den Wettbewerb im Ausland einschränkten. Die offenen Türen der Welt und die freien Märkte bedeuteten, dass Japans Wachstumsmaschinen verheerenden Schaden anrichteten. In den 1960er und 1970er Jahren wurde eine US-Industrie nach der anderen erledigt. Die Europäer, weniger dogmatisch bei freien Märkten, schränkten die japanischen Eintrittsmöglichkeiten einfach ein. Die Japaner fügten sich – ein gelenkter Handel war, was sie gewohnt waren –, und handelspolitische Spannungen wurden nie zu einem wichtigen Problem mit Europa.

Der hohe Preis des Erfolgs

Das Kriegswirtschaftssystem war beim Erreichen des Ziels, ein schnelles Wirtschaftswachstum hervorzubringen, höchst erfolgreich. Aber es gab einen Preis dafür zu zahlen. Arbeitnehmersozialleistungen wurden von der kleinen Minderheit, die bei den großen Firmen beschäftigt waren, usurpiert. Ungefähr Zweidrittel aller Beschäftigten arbeiteten immer noch für kleine Firmen, wo sie nie die lebenslange Anstellung, Unterbringung, Wohlfahrtsunterstützung und großen Spesenkonten genossen, welche die großen Firmen boten. Eine Reihe von Mechanismen zwang die Mehrheit der Erwerbsbevölkerung zu minderem Verbrauch und dem Sparen einer Menge ihres hartverdienten Einkommens. Diese umfassten Steueranreize, hohe Kosten für Notwendigkeiten wie Nahrung und Bildung, hohe und steigende Grundstückspreise, und ein durchwachsenes Rentensystem.

Im Wettrennen um einen höheren Rang in der Welt, wurden Ziele wie Lebensqualität und die Umwelt sowie individuelle Freiheit und Entscheidungsmöglichkeit als untere Prioritäten beurteilt. Die Lebensbedingungen in Japan sind noch immer relativ dürftig – oder jedenfalls nicht dem Status des Landes als Nummer Zwei Wirtschaftsmacht der Welt entsprechend. Häuser sind klein, Pendeln in überfüllten Zügen nimmt oft zwei Stunden oder mehr in Anspruch, und Freizeit ist begrenzt. Die Konzentration in einigen wenigen städtischen Gebieten und die Konformität selbst in den Freizeitformen, schränkt die Qualität von Ferien ein.

Zugleich lieferte das japanische System eine große Einkommens- und Vermögensgleichheit und somit sozialen Zusammenhalt, Stabilität und Frieden. Japans niedrige Verbrechensrate wird weiterhin von aller Welt beneidet. Viele Entwicklungsländer würden solch einen Preis für Erfolg akzeptieren. Die Implikation für sie, ebenso wie für Volkswirtschaften, die von einem nichtkapitalistischen System zu einem kapitalistischem wechseln, ist, dass sie unter Umständen viel besser abschneiden, indem sie das mobilisierte Volkswirtschaftsmodell Japans annehmen, als durch die simple Einführung freier Märkte und das Warten darauf, dass die unsichtbare Hand Wachstum erbringt. Welches ökonomische und soziale Modell vorzuziehen ist – freie Märkte oder die mobilisierte Wirtschaft –, ist eine politische Entscheidung. Sie sollte als solche behandelt werden.

Die Implikation für Japan ist, dass sein System nicht unveränderlich ist. Es reicht nicht über zweitausend Jahre zurück. Das Nachkriegssystem der Kriegswirtschaft wurde vor kaum sechzig Jahren eingeführt. Dies beweist, dass Japan zu dramatischem Wandel fähig ist. Alles, was wir brauchen, ist eine Krise – ein Schock, der groß genug ist, um den Wandel auszulösen.

Hitlers Kontrollwerkzeug

Während ein Großteil des Eingriffs in Japans Wirtschaft eine indirekte, markt-orientierte Form annahm, gab es ein Kontrollwerkzeug, das für einen mächtigen direkten Eingriff benutzt wurde. Gleichwohl funktioniert es in einer solch subtilen Weise, dass noch heute viele Ökonomen sein Vorhandensein abstreiten würden. Das Werkzeug ist Geld. Die Kriegszeit-Bürokraten verstanden, was Geld ist, woher es kommt, und wie es genutzt werden kann, um jeden Aspekt der Wirtschaft zu kontrollieren.

In Europa wurde die Evolution der monetären Ökonomie durch die Rückständigkeit seines wirtschaftlichen Systems gehemmt. Während die chinesischen Kaiser bereits Papiergeld erfunden hatten und es benutzten, um ihr Kaiserreich im zehnten Jahrhundert n. Chr. restlos zu kontrollieren, glaubten die Regenten in Europa noch immer, dass allein Edelmetalle Geld sein könnten. Infolgedessen waren sie bei der Geldversorgung nicht federführend, und übten somit auch nicht die Kontrolle über ihre Länder aus. Der Umgang mit Gold stellte sich als umständlich heraus, weshalb es bei Goldschmieden hinterlegt wurde, welche die ersten Banker wurden. Ein falsches Verständnis ihrer Aktivitäten täuschte Generationen von Politikern und Ökonomen, da sie die weitreichenden Bedeutungen der Tatsache ignorierten, dass Banken Geld erschaffen und entscheiden, wer es bekommt. Dies erklärt auch, warum die Hebel, welche die japanische Wirtschaft manipulierten, weitestgehend unbekannt bleiben. Die Kriegs-Bürokraten dagegen verstanden die Rolle von Banken und begriffen, dass Geld das Lebenselixier einer Volkswirtschaft ist.

Beeinflusst durch die Methoden von Hitlers Zentralbanker, Hjalmar Schacht, münzten die Führer der japanischen Kriegswirtschaft die Kreditschöpfung zu ihrem mächtigsten Instrument für die vollständige Kontrolle um. Sie nutzten das Bankensystem bewusst und geschickt, um zielgerichteten Industrien Ressourcen bereitzustellen.

Kreditvergabe-Lenkung

Die Kreditkontrollen, welche von den Kriegs-Bürokraten verwendet wurden, überstanden die Nachkriegsära praktisch unverändert. Sie nahmen die Form der außerrechtlichen und geheimnisvollen „Kreditvergabe-Lenkung“ an, die von der Bank von Japan betrieben wurde. Diese „Lenkung“ bestand aus direkten Kreditzuteilungsquoten, die von der Zentralbank stramm durchgesetzt wurden. Sie war der Kern des japanischen Wirtschaftserfolges der Nachkriegszeit. Auch erklärt sie den Erfolg von Korea und Taiwan, wo die Japaner dasselbe während des Krieges eingesetzt hatten, und wo die Nachkriegsoberhäupter sie weiterhin nutzten.

In den 1950er und 1960er Jahren wurde die Kreditvergabe-Lenkung entscheidend beim aufkommenden Streit um die Vormachtstellung zwischen dem mächtigen Ministerium für Finanzen und der rechtlich untergeordneten Bank von Japan. Obwohl das Ministerium die erste Schlacht gewann und eine Veränderung im Gesetz zur Bank von Japan verhinderte (welches 1942 eingeführt worden war, größtenteils als eine Übersetzung von Hitlers Reichsbankgesetz von 1939), blieb allein die Bank von Japan verantwortlich für die Kreditvergabe-Lenkung. Sie wog das Ministerium in einem falschen Gefühl von Sicherheit, indem sie ihm die Kontrolle über Zinssätze gestattete und die Wichtigkeit quantitativer Kreditstrategien herunterspielte. Eine Reihe von Studien der Bank of Japan, unterstützt durch die konventionelle neoklassische Wirtschaftswissenschaft (welche bestenfalls keine Rolle für die Kreditpolitik sieht und schlimmstenfalls schlichtweg annimmt, Geld existiere nicht), „bewiesen“, dass Kreditkontrollen ineffektiv seien. Folglich verkündete die Bank of Japan, dass sie abgeschafft wären. Die Erinnerung an die machtvolle Eigenschaft der Kontrollen verblich mit den Jahren. In den 1970er Jahren waren sich wenige Beobachter der Tatsache bewusst, dass zwar das Finanzministerium regieren mochte, es aber die Bank of Japan war, die herrschte.

Testlauf: Die erste Blase

In den 1970er Jahren ließ die Bank of Japan ihre Kreditkontrollmuskeln spielen, um die Grenzen ihrer Autonomie im Bereich der Wirtschaftspolitik auf die Probe zu stellen. Unter Verwendung der Kreditvergabe-Lenkung wies sie die Banken an, ihre Kreditlinien an spekulative Immobilien-Kreditnehmer auszuweiten. Aufgrund dessen stiegen die Grundstückspreise an und Japan fand sich inmitten der ersten Wirtschaftsblase der Nachkriegszeit wieder. Die Rezession, welche unvermeidlich folgte, erschütterte die althergebrachte Elite, insbesondere das Ministerium für Finanzen. Die Rolle der Kreditkontrollen in der Kreditvergabe-Lenkung blieb kaum bekannt, so dass der Bank of Japan praktisch keine Schuld zugeschrieben wurde.

Diese Erfahrung legte die Grundlage für die Ereignisse der 1980er und 1990er Jahre. Sie ermutigte die Zentralbank, ihre eigenen Pläne für ein neues wirtschaftliches, soziales und politisches System in Japan zu entwickeln, um die Kriegswirtschaft zu ersetzen. Das neue System gründete auf dem Modell freier Märkte im US-Stil. Die Bank of Japan zog es vor, sich hinsichtlich der Freien-Markt-Vergangenheit Japans „zurück in die Zukunft“ zu bewegen, als Aktionäre das Sagen hatten und nicht andere Interessensgruppen wie Arbeitnehmer. Ebenso wichtig ist, dass ein Freies-Markt-System die Zentralbank häufig die unangefochtene Autorität über die Wirtschaft sein lässt. Freilich musste die gesamte Kriegswirtschaft abgebaut werden, um derart tiefgehende strukturelle Veränderungen einzuführen. Dies kam einer Revolution gleich. Und Revolutionen ergeben sich nur in Krisenzeiten.

Aufkauf der Welt

Von ungefähr 1986 bis 1990 überflutete japanisches Geld die Welt. Von Immobilien in New York, Hawaii und Australien bis hin zu Unternehmensübernahmen in den Vereinigten Staaten, Europa und Asien: japanisches Geld schien die Welt aufzukaufen. Der Umfang der Auslandsinvestitionen war beispiellos und ihre schiere Größe ließ die Experten ratlos zurück. Japan nutzte nicht nur die Dollar, welche es durch seine ziemlich großen Export- und Handelsüberschüsse erlangte; im Jahr 1987 waren die langfristigen Nettoinvestitionen im Ausland fast zweimal so groß wie der rekordhohe Leistungsbilanzüberschuss. Auslandsinvestitionen dieser Größe widersetzten sich den traditionellen Wirtschaftsmodellen. Die japanischen Geldflüsse blieben ein Mysterium. 1991 wurde die Sache noch interessanter, als Japan sich plötzlich vom größten Nettokapitalexporteur aller Zeiten zu einem Nettoimporteur von Kapital wandelte. Was war die Ursache dieser Begebenheiten?

Kreditblase und Pleite

Während des Großteils der späten 1980er Jahre kreierte Japan zu viel Geld, und einiges davon floss ins Ausland. Die Kreditschöpfung durch Banken weitete sich um ungefähr 15 Prozent aus, wohingegen das Nationaleinkommen lediglich um etwa 6 Prozent wuchs. Das neugeschaffene Geld wurde nicht produktiv verwendet. Es wanderte in den spekulativen Kauf von Grundstücken und Aktien. Enorme Mengen neuer Kaufkraft schoben die Vermögenspreise zu schwindelerregenden Höhen empor. Im Jahr 1989 besaß der kleine Flecken Land, der den Kaiserpalast in Tokio umgibt, den gleichen Marktwert wie der gesamte Staat Kalifornien. Es war eine Blase.

Die Kreditschöpfung, welche nicht produktiv verwendet wird, kann auf lange Sicht nicht zurückgezahlt werden. Die überschüssige Krediterzeugung, die über die Bedürfnisse der Wirtschaft hinausging, musste sich in faule Kredite verwandeln. Das ist, was von 1990 an geschah. Das Wachstum der Bankkredite verlangsamte sich. Indem die Vermögenspreise fielen, gingen Spekulanten bankrott und die Banken saßen in der Tinte. Kredite in der Höhe von ungefähr ¥100 Billionen, ein Fünftel des Bruttoinlandprodukts Japans, verwandelten sich in den 1990er Jahren in notleidende Kredite. Die Banken wurden gelähmt und hielten die Kreditvergabe an. Die Kreditklemme verstärkte die Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaft schlitterte in die schlimmste Rezession seit der Großen Depression.

Wen traf die Schuld? Die meisten Beobachter glaubten, das Finanzministerium habe das Sagen. Auch das Ministerium dachte so. Doch alle ihre Anstrengungen, eine Erholung zu bewirken, waren vergebens. Trotz rekordniedriger Zinssätze und beispielloser Ausgabenpakete, erholte sich die Wirtschaft nicht. Die meisten Beobachter schlossen, dass das System nicht mehr länger zu funktionieren schien. Die lange Rezession der 1990er Jahre nahm dem japanischen Nachkriegswunder den Glanz und zerstörte den Konsens, der die Kriegswirtschaft instandgehalten hatte.

Aber das System war nicht der Grund, warum die Wirtschaft vom Boom zur Pleite überging. Weder die Senkung der Zinssätze noch die Ausgabenpolitik vermochten zu helfen. Es gab eine simple Methode, die schon 1993 oder 1994 auf einfache Weise eine Erholung hätte bewirken können. Da die Banken nicht genug Geld erzeugten, fielen die Preise, schwand die Nachfrage, stieg die Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaft benötigte schlicht neues Geld. Nichts hätte leichter sein können – die Bank von Japan hätte einfach die Druckmaschine einschalten können.

Die Schlacht um den Yen                                               

Wieviel Geld druckte die Bank von Japan also in den 1990er Jahren? Sehr wenig. Während das Finanzministerium verzweifelt versuchte, eine Erholung zu erzeugen, schien die Bank von Japan in keiner Eile zu sein. Obwohl sie die Zinssätze senkte, wie vom Ministerium in Auftrag gegeben, reduzierte sie gleichzeitig die Menge des Geldes, das sich im Umlauf befand. Zinssätze von null Prozent vermögen nicht zu helfen, wenn sich die Mehrheit aller Firmen (kleine Firmen) keine Gelder borgen können. Als das Ministerium die Ausgabenpolitik steigerte, versagte die Bank von Japan, diese mit neuer Geldschöpfung zu finanzieren. Deswegen wurde sie mit der Herausgabe von Anleihen an private Investoren finanziert, was bloß die private Nachfrage verdrängte. Im Frühjahr 1995, als das Ministerium in seiner Verzweiflung versuchte, die Exporte durch einen schwächeren Yen anzukurbeln, und deshalb eine rekordträchtige Anzahl von Eingriffen an den Devisenmärkten anordnete, sterilisierte die Zentralbank sämtliche Eingriffe still und leise. Der Yen blieb stark. Im März 1995 übersterilisierte die Zentralbank und sandte den Yen auf ein Nachkriegshoch von ¥79.75. Das versetzte der Wirtschaft und dem Ministerium einen weiteren schweren Schlag.

Zweifelsohne war die Rezession der 1990er Jahre das Resultat der Vorgehensweise der Zentralbank. Durch die Kreditmenge hätte sie diese feinabstimmen können. Eine Analyse ihrer Handlungen legt nahe, dass sie sich dafür entschied, sie zu verlängern.

Unterdessen lancierte die Zentralbank einen Frontalangriff auf die Machtbasis des Ministeriums. Zum ersten Mal seit den 1960er Jahren entfachte sie eine öffentliche Debatte über das Gesetz zur Bank von Japan und beeinflusste Politiker für ihr Anliegen. Ihr Ziel war es, rechtlich unabhängig zu werden. Da dem Ministerium die Schuld an der Rezession gegeben wurde, gewann die Zentralbank die Schlacht. Das Ministerium war besiegt und verlor alle wichtigen Machthebel. Die Zentralbank ist nunmehr unabhängig und ohne Rechenschaftspflicht. In Asien wird besiegten Feinden oft gestattet, das Gesicht zu wahren. Dem Ministerium wurde keine solche Gnade gewährt. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verlor es gar seinen großen alten Namen. Im Januar 2008 hörte das Ministerium auf, zu existieren.

Die seltsamen Vorgehensweisen der Zentralbanker

Warum verlängerte die Bank von Japan die Rezession der 1990er Jahre? Eine schlüssige Antwort vermag nur gefunden zu werden, wenn ein anderes Rätsel gelöst wird. Die Ereignisse der 1990er Jahre sind in der Blase der 1980er Jahre verwurzelt. Wie kam es überhaupt zu der Blase, der größten Fehlallokation von Ressourcen in der Geschichte zu Friedenszeiten? Wir wissen, dass sie durch die überhöhte Kreditschöpfung der Banken zustande kam. Aber warum verliehen die Banken dermaßen viel?

Wir wissen, dass die Kreditvergabe der Banken von ungefähr 1940 bis zum Ende der 1970er Jahre durch die Kreditvergabe-Lenkung der Bank von Japan festgelegt wurde. Laut offiziellen Äußerungen der Bank von Japan waren diese Kreditkontrollen jedoch abgeschafft und wurden in den entscheidenden 1980er Jahren nicht eingesetzt. Das ist bis heute die akzeptierte Ansicht. Ist sie wahr? Die Anzeichen sind, dass die Kreditvergabe-Lenkung fortdauerte. Sie ist der schlagende Beweis. Wer drückte den Abzug? Was waren die Beweggründe der Entscheidungsträger? Die Antwort wird Aufschluss darüber geben, weshalb die Bank von Japan die Rezession der 1990er Jahre verlängerte.

Japans bemerkenswerte Geschichte steht nicht beispiellos da. In den frühen 1990er Jahren ließen sich die Zentralbanken von Korea, Thailand und Indonesien auf die gleichen Methoden wie die Bank von Japan ein. Indem sie die außerrechtliche „Lenkung“ der Kreditvergabe der Banken verwendeten, bei der die Reichsbank in Deutschland wegbereitend war, zwangen sie ihre Banken dazu, übermäßig viele Kredite an Immobilienspekulanten zu gewähren. Die Blase wurde durch die Vorgehensweise der Zentralbanken, einen überbewerteten festen Wechselkurs und höhere einheimische Zinssätze als im Ausland beizubehalten, zusätzlich aufgebläht. Spekulanten wurde jeder Anreiz gegeben, sich im Ausland Gelder zu borgen. Rekordhohe Mengen an US-Dollar überfluteten die asiatische Region, was die Vermögenspreisblase weiter befeuerte und die Situation gefährlicher machte. 1997 zogen sich die Investoren zurück. Gleichzeitig zwangen die Zentralbanken die Geschäftsbanken, die Kreditschöpfung einzuschränken. Die Blasen platzten.

Statt ihre Währungen auf schnelle Weise frei schwanken zu lassen, stellten die Zentralbanken sicher, dass ihre beträchtlichen Devisenreserven beim vergeblichen Versuch, die überbewerteten Wechselkurse zu verteidigen, verschwendet wurden. Am Ende des Jahres 1997 waren alle drei Länder zahlungsunfähig. Indem die Zentralbanken die Kreditschöpfung noch weiter verringerten, verwandelte sich die Krise in eine Rezession. Warum trafen sie alle die gleichen, desaströsen Maßnahmen?

Das kommende zweite Wirtschaftswunder

Bis in die 1970er Jahre argumentierten viele Stimmen, dass Japans Kriegszeit-System nicht mehr länger hohes Wachstum liefern könne. Das alte System hatte die Produktion durch gesteigerten Materialeinsatz maximiert, wie etwa Land, Arbeitskräfte, Kapital und Technologie. Doch in den 1970er Jahren gingen Japan die Materialien aus, und infolgedessen ließ die mögliche Wachstumsrate nach. Eine ähnliche Geschichte wurde über die anderen asiatischen Volkswirtschaften in den 1990er Jahren erzählt. Eine vorgeschlagene Lösung hieß, die Produktivität durch einen Kapitalismus im US-Stil anzuheizen.

Fast sechzig Jahre nach ihrer Einführung und einem äußerst erfolgreichen Abschneiden, wurde die japanische Kriegswirtschaftsstruktur über Bord geworfen. Die historische Deregulierung, rechtlichen Änderungen und marktorientierten Reformen der 1990er Jahre zerfraßen ihre Grundlagen. Die Marktkräfte drängen nunmehr immer schneller in Richtung des Ziels von Märkten im US-Stil. Neue Branchen sind aus der Deregulierung entstanden.

Die einheimische Wirtschaft ist produktiver geworden und fähig, bis zu 4 Prozent inflationsfreies Wachstum zu liefern. Für eine fortschrittliche Wirtschaft wie der japanischen, kommt das einem zweiten Wirtschaftswunder gleich. Ist es also um Japan und seine asiatischen Nachbarn gut bestellt? Wir werden es erst wissen, sobald wir alle rätselhaften Fragen beantworten haben werden.

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