Wenn der Erdölfluss vom Persischen Golf ins Stocken gerät

Um die Folgen einer Unterbrechung der Versorgung mit Erdöl vom Persischen Golf abzuschätzen, wenden wir uns einer Übung zu, die zu diesem Szenario in Peking durchgespielt wurde.

Von Lars Schall

Die immer wieder auftretenden Spannungen zwischen dem Iran, den USA, Israel und Saudi-Arabien müssen Erdölimporteure wie China und die EU mit Sorgenfalten verfolgen, denn geriete die Versorgung mit Erdöl vom Persischen Golf auf Dauer ins Stocken, stünden nie gekannte Preisentwicklungen zu erwarten. Der ehemalige hochrangige US-Militärangehörige Lawrence Wilkerson nahm 2012 an einer in Peking durchgeführten Übung teil, in der das Erdölangebot vom Persischen Golf unterbrochen wurde. „Wir postulierten zum Beispiel einen Terroranschlag gegen die Produktion in Saudi-Arabien“, erklärte Wilkerson dazu später. „Wir hatten Transporteure und Versicherer dabei – Lloyds in London und so weiter –, und der Ölpreis geriet aus den Augen. Vierhundert Dollar pro Barrel. Die Transporteure transportierten nichts und die Versicherer versicherten nichts.“ Wilkerson zeigte sich besorgt ob der fragilen Situation im Persischen Golf, insbesondere hinsichtlich des Iran. Ein Präventivschlag gegen das iranische Regime würde zu Chaos in der Region führen. „Krieg, Terrorismus, Unterbrechungen der Ölversorgung und Konflikte, die sich über Jahrzehnte ausdehnen könnten, würden den USA keine andere Möglichkeit als den Rückzug lassen. Die Weltwirtschaft geriete ins Wanken, da die Ölpreise in die Höhe schießen und die Angebotssituation unzuverlässig wird. Das könnte zu unvorhersehbaren Folgen für die globale Geopolitik führen. Wilkerson sieht sogar den Iran mit atomaren Fähigkeiten als eine bessere Option an. Dies würde wahrscheinlich dazu führen, dass Saudi-Arabien eine Atomwaffe von Pakistan erwirbt, was eine Stabilisierung in der Region ergäbe – eine Abschreckung.“ (1)

Durch das Zustandekommen eines internationalen Vertrags über Irans Atomprogramm (JCPOA) und dessen Billigung durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Jahr 2015, schien die Gefahr eines Kriegs einstweilen gebannt zu sein. Doch mit dem einseitigen Aufkündigen des Vertrags durch US-Präsident Donald Trump knapp drei Jahre später und dem Verhängen von Wirtschaftssanktionen, die sich allmählich steigerten, kippte die Lage ins Gegenteil zurück. (2) Die Zahlen sprechen im Sommer 2019, während Trumps neokonservativer Nationaler Sicherheitsberater John Bolton (Ex-PNAC) und der evangelikal-inspirierte Außenminister Mike Pompeo eifrig die Kriegstrommeln rühren, eine klare Sprache: „Der Iran exportierte 2,5 Millionen Barrel Rohöl am Tag, bevor Trump JCPOA einseitig fallen ließ. Im vergangenen Monat Juni exportierte der Iran nur 300.000 Barrel pro Tag. Die iranische Wirtschaft wuchs 2016 um 12,9%, nachdem der UN-Sicherheitsrat das Atomabkommen unterzeichnet und die Sanktionen aufgehoben hatte. In diesem Jahr wird die Wirtschaft des Iran unter US-Sanktionen um 6% schrumpfen. Die iranische Währung Rial ist im vergangenen Jahr um 60% zusammengebrochen. Die Inflation beträgt bis zu 37%. Die Kosten für Lebensmittel und Medikamente sind um bis zu 60% gestiegen. Das ist Krieg.“ (3)

Eine militärische Auseinandersetzung mit der Islamischen Republik Iran, von Trump auf dem Wege „Halb zog sie ihn, halb sank er hin…“ herbeigeführt, scheint in diesen Sommermonaten 2019 zunehmend wahrscheinlicher zu werden. Und somit auch höhere Erdölpreise (und damit einhergehende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft). Immerhin hatte die Führung des Iran für den Fall, dass die iranischen Ölexporte unterbunden werden würden, angekündigt, die Seestraße von Hormus zu schließen – wodurch überhaupt keine Ölladungen mehr den Persischen Golf per Meeresroute verlassen könnten. (4)

QUELLEN:

(1) Vgl. Rauli Partanen / Harri Paloheimo / Heikki Waris: “The World After Cheap Oil”, Routledge, London / New York, 2015, Seiten 59, 60-61. In einer privaten Auskunft vom März 2019 teilte Lawrence Wilkerson dem Autor mit, dass es sich bei der „Erdölunterbrechungsübung“ (Petroleum Disruption Exercise) um eine „zivile Übung“ gehandelt habe, die im Ritz Carlton im Finanzdistrikt Pekings durchgeführt und gemeinsam von der chinesischen Parteischule, Microsoft und Deloitte Touche (China) ausgerichtet worden sei. Siehe ferner zum Thema einer Nahost-Erdölunterbrechung Philip K. Verleger Jr. “Impact of a Middle East Oil Export Disruption“, Business Economics, Vol. 47, No. 3, Juli 2012, Seiten 197-201.

(2) Laut Auslassungen des früheren britischen Botschafters in Washington, Kim Darroch, soll sich Trump aus dem Abkommen zurückgezogen haben, „weil dieses mit seinem Vorgänger Barack Obama in Verbindung gebracht wurde.“ Vgl. „Britischer Botschafter: Trump kündigte das Atomabkommen mit Iran wegen Obama“, veröffentlicht von Neue Zürcher Zeitung am 14. Juli 2019 unter: https://www.nzz.ch/international/britischer-botschafter-trump-kuendigte-das-atomabkommen-mit-iran-wegen-obama-ld.1495830.

(3) Pepe Escobar in einer Email an den Autor vom Juli 2019.

(4) Vgl. “If Iran can’t export oil from Gulf, no other country can, Iran’s president says”, veröffentlicht von Reuters am 4. Dezember 2018 unter: https://www.reuters.com/article/us-oil-iran/if-iran-cant-export-oil-from-gulf-no-other-country-can-irans-president-says-idUSKBN1O30MI. Siehe ferner: “How Could Iran Disrupt Oil Flows in the Persian Gulf and Strait of Hormuz?“, veröffentlicht von Gcaptain am 11. Juli 2018 unter: https://gcaptain.com/how-could-iran-disrupt-oil-flows-in-the-persian-gulf-and-strait-of-hormuz/.

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