Christlicher Anarchismus für absolute Anfänger

Der Politikwissenschaftler Alexandre Christoyannopoulos wurde gebeten, per Interview eine Einführung in das zu geben, was im politischen Denken „Christlicher Anarchismus“ genannt wird – und so folgt hier „Christlicher Anarchismus 101“.

Von Lars Schall

Alexandre Christoyannopoulos, PhD, lehrt Politik und Internationale Studien an der Universität Loughborough in England. Er ist u.a. der Autor von „Christian Anarchism – A Political Commentary on the Gospel“ (Imprint Academic, 2010) und „Tolstoy’s Political Thought – Christian Anarcho-Pacifist Iconoclasm Then and Now“ (Routledge, 2020). Seine Forschungs- und Lehrinteressen umfassen politische Gewalt und Pazifismus, Anarchistische Studien, Politisches Denken, Politik und Religion sowie kritische Terrorismus- und Sicherheitsstudien.

Alex, wann und wie sind Sie darauf aufmerksam geworden, dass es so etwas wie einen christlichen Anarchismus im politischen Denken gibt? Und wie haben Sie sich schließlich als Politikwissenschaftler auf diese Denkschule spezialisiert?

Ich habe meine Doktorarbeit mit dem Gedanken begonnen, mich mit dem Verhältnis von religiösen und politischen Strukturen zu beschäftigen, doch schnell merkte ich, dass ich das neu würde ausrichten müssen. Ich hatte mich bis dahin schon eine Weile für Pazifismus und Anarchismus interessiert. Auf Tolstoi war ich noch nicht gestoßen, aber ungefähr um diese Zeit herum tat ich es. Und ich war wie gebannt. Ein paar Monate später stieß ich auf einige andere: Ellul, Eller, Andrews, Catholic Workers Day, Maurin und Hennacy, Elliott, Yoder, usw. Aber ich erkannte auch schnell, dass das, was sie gemeinsam vorbrachten, insbesondere eine „christlich-anarchistische“ Exegese der Lehre und des Beispiels Jesu, noch nirgends mit ihren verschiedenen Stimmen zusammengebracht worden war, um so ein möglichst überzeugendes Argument für den christlichen Anarchismus zu formulieren. Das wurde also zum Projekt der Doktorarbeit: die verschiedenen Fäden der christlich-anarchistischen Schriften (insbesondere der Exegese) zu einer systematischeren und übergreifenden Theorie des christlichen Anarchismus zusammenzuführen. Und daraus wurde dann das Buch. Das bedeutet zwangsläufig, dass ich mich auf diese Denkschule spezialisiert habe, obwohl meine breiteren Interessen eher im Anarchismus und Pazifismus im Allgemeinen liegen.

Betrachten Sie sich als christlichen Anarchisten, und wenn ja, was bedeutet das?

Ich verdiene die Ehre nicht! Ich hege offensichtlich gewisse Sympathien dafür, aber der christliche Anarchismus ist genauso eine Lebensweise wie eine Reihe von Überzeugungen. Christliche Anarchisten haben oft große persönliche Opfer gebracht, indem sie ihr Leben dem christlichen Anarchismus Jesu gewidmet haben, indem sie Verhaftungen und Verfolgung riskierten, in Armut lebten und ihr Bestes taten, um nicht zur globalen politischen und wirtschaftlichen Maschinerie beizutragen, die institutionelle Gewalt, wirtschaftliche Ausbeutung und gefräßigen Konsumismus aufrechterhält. Ich kann nicht behaupten, dass ich etwas so Inspirierendes tue. Ich nehme an, dass sich mein Beitrag eher darauf konzentriert hat, dabei zu helfen, einen legitimen Raum für religiösen Anarchismus in der relevanten akademischen Landschaft (politische Ideologie, politische Theologie, politische Theorie usw.) zu schaffen und weitere Forschungen dazu zu ermöglichen (wie mit meiner Mitherausgabe mehrerer Bände über Religion und Anarchismus, an denen zahlreiche andere Autoren beteiligt sind).

Was den „christlichen Anarchismus“ betrifft, so sehe ich ihn als eine Haltung, nach der das „Christentum“ (wie auch immer man es versteht) „Anarchismus“ (was auch immer man zum Kernpunkt dieses Anarchismus macht) impliziert oder implizieren sollte. Das schließt also alles ein, vom sehr rationalistischen “’Christentum“ Tolstois bis zum Katholizismus Dorothy Days über das protestantische Christentum vieler anderer. Und es kann ein „Anarchismus“ sein, der sich auf theoretische Kritik des Staates oder anderer Herrschaftshierarchien konzentriert, oder er kann sich auf die Verwirklichung von Gemeinschaften konzentrieren, welche Alternativen zu Staaten verkörpern, oder auf die Organisierung gegen staatlich gelenkte Ungerechtigkeiten. So oder so ist es aber ein „Anarchismus“, der im „Christentum“ verwurzelt ist.

Wenn wir über christlichen Anarchismus sprechen wollen, müssen wir über Jesus und sein Verhältnis zu Macht und Politik sprechen. Beim Studium der Literatur des christlichen Anarchismus fiel mir auf, dass wirklich entscheidend in dieser Hinsicht die dritte Versuchung in der Wüste nach dem Matthäus-Evangelium ist, die kurz vor dem Beginn von Jesu Wirken stattfindet. Könnten Sie das bitte erläutern?

Es ist sicherlich eine wichtige Passage. Elluls Interpretation ist möglicherweise die schärfste und überzeugendste in den christlich-anarchistischen Schriften. Er beginnt mit der Beachtung des Textes: der Teufel führt Jesus auf einen hohen Berg, zeigt ihm „alle Reiche der Welt“ und sagt: “Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“, worauf Jesus antwortet: „Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: ‘Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.‘“ Elluls erste Beobachtung ist also, dass dies nahelegt, dass alle politische Macht und Autorität dem Teufel gehört. Es ist auch bemerkenswert, dass Jesus nicht leugnet, dass die politische Macht dem Satan gehört. Allerdings lehnt er das Angebot der politischen Macht ab, weil es mit der Forderung einhergeht, den Teufel anzubeten. Politische Macht erfordert die Anbetung des Satans. Jesus scheint somit die verlockende Möglichkeit abzulehnen, die Welt auf politischem Wege zu verändern. Er lehnt den Staat ab, weil er nur einem Herrn dienen kann, und es ist nicht möglich, sowohl Gott als auch dem Staat zu dienen. In gewissem Sinne fängt dies einen der beiden übergreifenden Hauptkritikpunkte ein, die christliche Anarchisten am Staat haben, nämlich die Götzendienerei.

Noch wichtiger als die dritte Versuchung ist für die meisten christlichen Anarchisten jedoch die Bergpredigt, die den anderen zentralen Weg zum christlichen Anarchismus vorstellt. Es gibt mehrere Abschnitte der Bergpredigt, die christliche Anarchisten sehr mögen, aber wie ich in einem Kapitel in meinem Buch erkläre, ist der wichtigste für viele von ihnen Matthäus 5,38-42, wo Jesus seine Anhänger dazu aufruft, nicht Auge um Auge zu handeln, sondern stattdessen die andere Wange hinzuhalten (eine Passage, die von vielen immerhin als die Essenz der Morallehre Jesu angesehen wird). Für christliche Anarchisten ruft Jesus seine Jünger dazu auf, sich über die lex talionis und den damit verbundenen Kreislauf der Gewalt zu erheben und stattdessen eine kontraintuitive und unerwartete Methode anzuwenden, um sie zu überwinden. Mit Liebe und Vergebung zu reagieren, wenn man es am wenigsten erwartet, hilft, den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen. Weil der moderne Staat sich auf Gewalt stützt und angeblich das legitime Gewaltmonopol innehat, und weil er genau die Logik der Vergeltung handhabt, zu deren Überwindung Jesus seine Nachfolger aufrief, gehen christliche Anarchisten davon aus, dass die moralische Lehre, die durch diese Passage illustriert wird, logischerweise eine Ablehnung des Staates impliziert. Nach dieser Logik lehnen zahlreiche Anarchisten den Staat aufgrund ihrer vehement pazifistischen Lesart der Bergpredigt ab.

Diese beiden Exegesen – die dritte Versuchung und „Widerstehe nicht dem Bösen“ – veranschaulichen wahrscheinlich die beiden Hauptstränge der Argumente dafür, warum christliche Anarchisten behaupten, dass das Christentum sich in eine Form des Anarchismus übersetzen sollte: der eine betrifft die Götzendienerei, der andere eine vollständige Gewaltablehnung.

Könnten Sie uns weitere Beispiele für Lehren Jesu geben, die zeigen, warum christliche Anarchisten glauben, dass das Christentum nicht mit dem Staat und der politischen Macht vereinbar ist?

Was die Schrift betrifft, so wiederholt sich zum einen ein Großteil des Inhalts der Bergpredigt in den vielen Passagen, in denen Jesus, Jakobus, Petrus und Paulus von Vergebung sprechen, vom Dienen oder davon, einander nicht zu verurteilen. Der Staat tut das nicht (oder besser gesagt, wir tun das nicht durch ihn), und wenn wir es täten, dann würde der Staat ohnehin überflüssig werden. Es gibt auch die Tempelreinigung, bei der die direkte Aktion Jesu eindeutig eine Anprangerung der Konzentration und des Missbrauchs religiöser, politischer und wirtschaftlicher Macht impliziert (und die meisten christlichen Anarchisten bestehen übrigens darauf, dass die Aktion gewaltfrei war). Dann sind da all die bitteren Kritiken an den Pharisäern als Heuchlern in ihrer Anwendung des göttlichen Gesetzes, Kritiken, die auf einige kirchliche Autoritäten von heute anwendbar zu sein scheinen. Jesu Verhaftung und Prozess verdeutlichen auch seine Haltung gegenüber politischen Autoritäten, und seine Kreuzigung verkörpert sowohl seine Verurteilung staatlicher Gewalt als auch seine vergebende Alternative zu ihrer Überwindung. Dann gibt es die Apostelgeschichte, die vielen Episteln und natürlich die Offenbarung – zu denen man überzeugende christlich-anarchistische Exegesen finden kann. Mit anderen Worten: Es gibt viele Schriften, deren christlich-anarchistische Auslegung ich hier nur andeuten kann.

An diesem Punkt würden einige Leute Römer 13 einstreuen. Ich zitiere: “Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott eingesetzt.“ Wie geht der christliche Anarchismus mit dieser Aussage von Paulus um?

In der Tat ist dies eine der beiden Passagen, die am häufigsten als vermeintliche K.O.-Schläge gegen christlich-anarchistische Interpretationen vorgebracht werden – die andere ist: „Gebt dem Kaiser…“. Es sind auch die Hauptpassagen, die von religiösen und politischen Autoritäten zur Legitimation des Staates herangezogen werden. Die Art und Weise, wie christliche Anarchisten mit beiden umgehen, ist interessant und ziemlich überzeugend, und ich behandle das ausführlich in meinem Buch (es gibt auch eine frei verfügbare Version dieses Kapitels hier).

Was sie in Bezug auf Ersteres sagen, ist, dass Paulus wirklich nur seine Interpretation der Bergpredigt anbietet, von Jesu Aufruf, selbst den schlimmsten Feinden zu vergeben und sie zu lieben – was Jesus sogar tat, indem er sich dem Kreuz unterwarf. Es ist erwähnenswert, dass die Passage direkt nach Römer 12 kommt, aber die Kapiteleinteilung stammt nicht von Paulus. Sie wurde später von kirchlichen Theologen auferlegt. Zusammen gelesen zeigen Römer 12 und 13 jedoch, dass Paulus den Kreis derer, die er zu lieben Christen aufruft, erweitert, von der Familie über Fremde bis hin zu Feinden und dann zu regierenden Autoritäten – als ob letztere der am schwersten zu liebende und zu vergebende Gruppenkreis wären. Denken Sie auch daran, dass dies an die christliche Gemeinde in Rom gerichtet ist, die genau im Zentrum des Reiches verfolgt wird. Was Paulus ihnen zu sagen scheint, ist, dem Drang zum Aufstand zu widerstehen. Er predigt stattdessen, die andere Wange hinzuhalten. Das ist nicht gerade eine glorreiche Krönung des Staates.

Aber was ist dann damit, dass diese Autoritäten von Gott eingesetzt sind? Hier verweisen die christlichen Anarchisten auf 1. Buch Samuel, Kapitel 8. Bis dahin sind die Israeliten glücklich damit, ab und zu „Richter“ zu ernennen, um sich mit dringenden politischen Angelegenheiten zu befassen, aber an diesem Punkt entscheiden sie, dass sie „wie andere Völker“ sein wollen, also verlangen sie nach einem König. Verärgert wendet sich der damalige Richter Samuel an Gott, der ihm zunächst versichert, dass dies keine Ablehnung Samuels ist, sondern von ihm selbst. Wie andere Völker zu sein, ist genau das, was Gott von den Israeliten nicht wollte. Er sagt Samuel, dass er sie vor den Konsequenzen warnen soll (Wehrpflicht, Steuern, Sklaverei), aber dass er ihre endgültige Entscheidung akzeptieren wird. Sie hören nicht auf die Warnung, und so errichtet Gott für sie die gleiche politische Autorität wie für andere Völker. Aber das ist eine Folge ihres Götzendienstes, ihres Versagens, ihren Glauben an ihn zu bewahren. Als sie vor die Wahl gestellt wurden: Gott oder ein König, entschieden sie sich für Letzteres. Gott gewährt ihnen ihren Wunsch, warnt aber vor den Folgen.

All das deutet darauf hin, dass Römer 13 keine Autoritäten in der Art legitimiert, wie diese politischen Autoritäten gerne denken. Vielmehr fordert es die Christen auf, sich diesen Autoritäten zu unterwerfen, um ihnen die andere Wange hinzuhalten, um ihr Böses nicht durch gewaltsamen Widerstand zu überwinden, sondern mit einer vorbildlichen Haltung, die sich um geduldiges Verstehen und Verzeihen bemüht.

Es ist besonders interessant, sich in diesem Zusammenhang dem „Gebt dem Kaiser…“ zuzuwenden. Die Pharisäer sind darauf aus, Jesus auszutricksen, und fragen ihn, ob Steuern gezahlt werden sollen. Seine erste Reaktion besteht darin, nach einer Münze zu fragen (er scheint keine bei sich zu haben). Sie bringen eine herbei. Er fragt, wessen Gesicht darauf ist. Sie sagen, das von Caesar. Zu dieser Zeit zeigte das Gesicht auf einem Gegenstand den Besitz an. Dann kommt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, unmittelbar gefolgt von: „und Gott, was Gottes ist“. Die Frage ist also, was Caesar gehört und was Gott gehört. Für christliche Anarchisten sind Münzen, öffentliche Denkmäler und dergleichen in der Tat des Kaisers. Aber sonst nicht viel. Sicherlich ist das Leben und damit das Geben und Nehmen von Leben Gottes Vorrecht. Münzen sind also in der Tat Caesars Eigentum, das er zurückfordern kann, aber darüber hinaus gehört nur wenig anderes „dem Kaiser“. Der Rest gehört für Jesu Zuhörerschaft ganz klar Gott. Mit anderen Worten: Jesus fordert hier seine Zuhörer auf, klar zu unterscheiden zwischen dem, was wirklich wichtig ist (und Gott gehört), und den unbeständigen Dingen (wie Münzen), die technisch gesehen dem Kaiser gehören. Es geht darum, bei allen wichtigen Entscheidungen Gott den Vorrang vor dem Kaiser zu geben, und dem Kaiser zu geben, was er verlangt, wenn es um die weniger wichtigen Dinge geht, mit denen er sich zu beschäftigen pflegt.

Daher bedeuten sowohl Römer 13 als auch „Gebt dem Kaiser…“ nicht unbedingt das, was man angenommen hat, dass sie bedeuten müssen, und christliche Anarchisten haben tatsächlich ziemlich ausgefeilte und wertvolle Argumente, die sie zu diesen Passagen vorbringen können.

Wie sollen Menschen Jesus zufolge mit dem Bösen umgehen? Und was folgt daraus für christliche Anarchisten?

Ich denke, das hängt zum Teil davon ab, was man unter dem Bösen versteht. Für christliche Anarchisten wie Tolstoi besteht der Weg, mit dem Bösen umzugehen, darin, sich an der Bergpredigt Jesu zu orientieren. Das heißt, wenn man ungerecht behandelt wird, soll man keine Gewalt anwenden oder Vergeltung üben, sondern mit Liebe, Vergebung und Großzügigkeit reagieren. Für christliche Anarchisten bestand die radikale politische Innovation der Botschaft Jesu darin, eine völlig andere Art der Reaktion auf alles, was als böse angesehen werden kann, vorzuschlagen. Das heißt, sich selbst angesichts ungerechter Forderungen wie ein großzügiger und liebender Diener zu verhalten, nicht zu rebellieren, nicht aggressiv zu werden und schon gar nicht in Erwägung zu ziehen, Macht einzusetzen, um die eigene Auffassung von Gerechtigkeit durchzusetzen. In den Augen christlicher Anarchisten liegen die politischen Implikationen auf der Hand: Die Antwort auf Unordnung und Unsicherheit in menschlichen Beziehungen besteht nicht darin, die Macht an einen Staat zu delegieren, sondern so zu handeln, wie Jesus gelehrt und gehandelt hat. Die Hoffnung ist, dass Liebe und Vergebung den Übeltäter schließlich durch das Herz überzeugen. Beeindruckt von solch radikaler Liebe und Vergebung, wird der Übeltäter vielleicht eines Tages umkehren. In der Zwischenzeit werden freilich weiterhin Wangen geschlagen und Mäntel weggenommen werden.

Um es klar zu sagen: Das bedeutet nicht, dass christliche Anarchisten das Problem des Bösen auf die leichte Schulter nehmen. Sie sind gerade sehr besorgt darüber. Aber ihre Sorge ist, dass die Art und Weise, wie wir es gewohnt sind, auf das Böse zu reagieren, einen Teufelskreis des Bösen nährt. Und sie sehen in der Antwort Jesu genau eine ungewöhnliche, aber potenziell vielversprechende Methode, darauf zu reagieren: durchbreche den Teufelskreis und stülpe ihm einen potenziell ebenso ansteckenden Kreislauf der Liebe und Vergebung über. Das mag nicht immer funktionieren und ziemlich utopisch erscheinen, aber sie verstehen dies als das, was die Person, welche die Christen den Sohn Gottes nennen, ganz klar von denen verlangt, die ihm folgen wollen.

Ist es von Bedeutung, dass Jesus sagte, dass sein Reich nicht von dieser Erde ist?

Ja, obwohl es darauf ankommt, wie man das versteht. Schauen Sie sich diese Passagen genau an. Was er zu sagen scheint, ist eher, dass sein Reich nicht wie die irdischen Reiche ist. Sein Reich ist tatsächlich anders. Er wies die Versuchung der politischen Macht zurück. Er wies die politischen Erwartungen zurück, die manche an ihn hatten. Die Gemeinschaft, auf die seine Lehre hinweist, ist eine der Liebe, des gegenseitigen Dienstes und der Fürsorge. Seine Lehre schreibt ein ethisches Verhalten vor, mit dem seine Nachfolger hier auf Erden miteinander und mit anderen umgehen sollen. Aber er verweist auch auf Gott als einzige ultimative Autorität, seinen „König“, wenn man so will. Das macht irdische Könige unbedeutend. Und das hassen sie. Sie wollen, dass wir uns vor ihnen verbeugen, dass wir nicht gleichgültig an ihnen vorbeischauen. Und deshalb haben sie schließlich Jesus verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Sein Reich ist nicht wie die irdischen, aber genau deshalb untergräbt sein Reich das ihre.

Wie sehen Sie christliche Politiker? Sie scheinen mit dem, was Jesus abgelehnt hat, mehr als einverstanden zu sein.

In der Tat. Für die meisten christlichen Anarchisten haben seit Konstantins „Bekehrung“ zum Christentum religiöse und politische Autoritäten im Grunde genommen zusammengearbeitet, um sich gegenseitig zu stärken (selbst wenn sie bisweilen auch miteinander um die ultimative Vorherrschaft gekämpft haben). Konstantins Bekehrung markierte nicht die Umarmung der Lehre Jesu durch das Römische Reich, sondern die Bekehrung des Christentums zu den Interessen des Reiches. Seitdem haben Mainstream-Prediger und -Theologen die Forderungen Jesu modifiziert, die eher anarchistischen heruntergespielt (ohne notwendigerweise herunterzuspielen, was er z.B. über Ehebruch gesagt hat, so wie sie das Hinhalten der anderen Wange relativieren) und seine Ethik unter dicken Schichten von mysteriöser Theologie und roboterhaften Ritualen erstickt. Das offizielle Christentum, das wir seit Konstantin gereicht bekommen, ist näher an den Pharisäern dran als an Jesus.

Dieses Mainstream-Christentum ist ein Christentum, mit dem „christliche“ Politiker arbeiten können. Als George W. Bush antwortete, sein liebster politischer Denker sei Jesus, meinte er nicht den Jesus, dessen radikale moralische Richtlinien wir alle in der Bibel nachlesen können. Er meinte nicht den Jesus, der seine Anhänger auffordert, zu vergeben, die andere Wange hinzuhalten, der Versuchung der politischen Macht zu widerstehen. Er meinte den Jesus, der diese Dinge nur scheinbar metaphorisch sagte, der Dinge wie die Liebe zu unseren Feinden womöglich als etwas meinte, das wir in uns anstreben sollten, während wir sie immer noch heftig schlagen, weil sie nicht das getan haben, was wir von ihnen wollten. Es ist ein vollkommen anderer Jesus als der, den christliche Anarchisten und in der Tat zahlreiche abweichende christliche Ableger oder andere sehen, die das Evangelium frei von den Fesseln der Mainstream-Interpretation lesen.

Ist unsere Haltung gegenüber dem Staat götzendienerisch? Und was ist mit dem Verhältnis der christlichen Kirche zum Staat?

Aus einer christlich-anarchistischen Perspektive: in beiden Punkten ja. Wir erwarten vom Staat, dass er uns rettet, wir behandeln ihn wie einen Gott, und wir wenden uns an ihn statt an Gott. Wir beten den Staat anstelle von Gott an.

Und die meisten christlichen Kirchen sind, wie ich gerade erklärt habe, auch eher wie die Pharisäer geworden, die Jesus angeprangert hat. Die meisten christlichen Anarchisten sind daher sehr kritisch gegenüber den meisten Mainstream-Kirchen. Sie bewundern radikalere christliche Ableger wie die Wiedertäufer, die Quäker, die Böhmischen Brüder, ja sogar die frühen Christen und viele andere. Aber den Mainstream-Kirchen stehen sie sehr kritisch gegenüber. Insbesondere Tolstoi wurde in seiner Kritik an der Amtskirche immer bissiger, nicht zuletzt wegen ihrer Verschwörung, mit dem etablierten politischen System zusammenzuarbeiten, um den Status quo zu erhalten.

Spricht das Buch der Offenbarung in bestimmter Weise über Politik, die für christliche Anarchisten von Interesse ist?

Ja. Christliche Anarchisten weisen im ganzen Buch auf den Gegensatz zwischen der Majestät Gottes und den Herrschaften der Erde hin. Sie sehen in den zwei Tieren und den vier Reitern verschiedene Facetten der heutigen Politik. Sie sehen das Buch als eine weitere deutliche Erinnerung an die Wahl zwischen der Treue zu Gott und der Treue zur irdischen Macht. Sie verstehen die Offenbarung als Warnung für wahre Christen vor dem schwierigen Weg der Verfolgung und des Leidens, der mit der Nachfolge Jesu einhergeht, und so weiter. Natürlich ist ein Großteil des Buches anschaulich metaphorisch, aber für christliche Anarchisten verstärkt das, was diese Metaphern bedeuten, das, was sie als die Kernbotschaft des restlichen Neuen Testaments lesen.

Was sind die Ziele christlicher Anarchisten? Wollen sie den Staat überwinden?

Irgendwie schon, oder vielmehr wollen sie ihn überflüssig machen, ihn ersetzen, eine neue Gesellschaft in der Hülle des alten aufbauen. Ihr Ziel ist es, andere dazu zu inspirieren, sich insbesondere nicht mehr an staatlicher Gewalt zu beteiligen und ihr zuzustimmen. Aber diese Frage, wie man sich zum Staat verhält, ist nur die eine Hälfte der Geschichte. In der anderen Hälfte geht es darum, an seiner Stelle eine alternative Gemeinschaft aufzubauen – eine liebevolle, fürsorgliche Gemeinschaft der gegenseitigen Hilfe und Gewaltlosigkeit –, mit anderen Worten, das, was christliche Anarchisten unter der „Kirche“ verstehen, wie sie eigentlich sein sollte.

Wir haben hier viel über Gott und Jesus gesprochen, welche weder in der Politikwissenschaft noch in der allgemeinen Wissenschaft ein alltägliches Thema sind. Würden Sie jedoch sagen, dass etwas dran ist, wenn der verstorbene John Polkinghorne schrieb, dass „die Frage nach der Existenz Gottes die wichtigste Frage ist, die sich uns über die Natur der Realität stellt“?

Das mag sein. Die Frage nach der Existenz Gottes ist allein schon deshalb wichtig, weil eine große Mehrheit der Weltbevölkerung daran glaubt und auf Menschen hört, die behaupten, einen privilegierten Zugang zu dem zu besitzen, was das für die Art und Weise bedeutet, wie sie ihr Leben zu leben haben. Es ermächtigt also bestimmte Hierarchien. Und es bedeutet, dass es für viele Menschen bereits fertige Antworten auf Fragen nach den Gründen für soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten gibt, ob und wie man nach Gerechtigkeit streben soll usw. Es ist also durchaus eine wichtige Frage, vielleicht die „wichtigste“ über „die Natur der Realität“.

Aber sehr wichtig sind auch Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens, der Macht, also des „wer bekommt was, wann und wie“. Dabei geht es nicht unbedingt um die Natur der Realität, sondern um die Verteilung von Reichtum und Macht. Und während es möglicherweise kein Ende der uralten und andauernden Spekulationen über die Natur der Realität gibt, ist die Frage, wie wir einander direkt und indirekt behandeln, die Frage der Verteilung von Reichtum und Macht – dies sind Fragen, bei denen wir hier und jetzt etwas tun können.

Die meisten religiösen und säkularen Traditionen empfehlen letztlich eine Version der Goldenen Regel: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Das ist eine praktische Empfehlung, die wir hier und jetzt umsetzen können. Und sie weist radikale Implikationen auf, wenn wir es wirklich ernst damit meinen, und wenn wir sie auch auf alle Institutionen anwenden, die wir ermächtigen und denen wir zustimmen, wenn wir miteinander interagieren. Während wir also über diese schwierigen Fragen zur Natur der Realität nachdenken, können wir uns genauso gut bemühen, nach dieser Goldenen Regel zu leben.

Danke schön für dieses Interview, Alex!

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