Ein fortwährender Prozess einer Vielfalt von Gegensätzen

Nehmen wir an, die Welt besteht aus einer unüberschaubaren Anzahl von Ereignissen, die zueinander in mannigfaltigen und komplexen Beziehungen stehen.

Von Lars Schall

„Gott ist der große Gefährte – der Leidensgenosse, der versteht.“ (1)

Alfred North Whitehead

Alfred North Whitehead (1861-1947) war Mathematiker und Philosoph, der sich mit einer für einen modernen Philosophen eher ungewöhnlichen Frage beschäftigte: die Frage nach der Existenz Gottes.

Um uns mit dem Terrain, auf dem sich Whitehead bevorzugt bewegte, vertraut zu machen, nehmen wir einmal an, der allgemeine metaphysische Rahmen der Welt bestünde aus einer unüberschaubaren Anzahl von Ereignissen, die zueinander in mannigfaltigen und komplexen Beziehungen stehen. Wie in dieser Welt „ein bestimmtes Ereignis beschaffen ist, hängt vollständig von seiner Beziehung zu anderen Dingen ab: den vorangegangenen Ereignissen in seiner Vergangenheit und den abstrakten Arten, denen es entspricht.“ In dieser Welt entsteht ein Ereignis „nicht allmählich“, sondern es gilt: „erst ist es nicht da, dann ist es da, dann ist es wieder nicht da. Zu keinem Zeitpunkt ist es halb existent. Sein raum-zeitlicher Ort ist kein Punkt, trotz seiner physikalischen Einfachheit. Noch ist seine Genese eigenschaftslos: was und wie es ist, hängt von diesen Vorläufern ab, aber nicht notwendigerweise deterministisch. Jedes Ereignis ist etwas neues und stellt eine Auswahl aus einem einzigartigen Feld von oft konträren Möglichkeiten dar.“ Die Dinge, welche es in dieser Welt gibt, „von Teilchen über Menschen bis hin zu Galaxien, sind mehr oder weniger ausgedehnte Ketten oder Ansammlungen von Ketten solcher Ereignisse, deren Arten die erforderlichen Arten der Abfolge und Aggregation umfassen.“ Und um auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen: „Dieses Bild ist möglicherweise zwei Gruppen von Menschen weitgehend vertraut, deren Zugehörigkeit sich kaum überschneidet. Auf der einen Seite haben wir die Quantenphysiker. Auf der anderen Seite haben wir die Forscher und Gefolgsmänner von Alfred North Whitehead.“ (2)

Wie klingt dieser Rahmen der Welt bei Whitehead konkret? Beispielsweise so, wenn er formuliert:

„… Daher ist das Universum als aktiver Selbstausdruck seiner eigenen Vielfalt von Gegensätzen zu begreifen – seiner eigenen Freiheit und seiner eigenen Notwendigkeit, seiner eigenen Vielheit und seiner eigenen Einheit, seiner eigenen Unvollkommenheit und seiner eigenen Vollkommenheit. Alle ,Gegensätze‘ sind Elemente in der Natur der Dinge und sind unkorrigierbar vorhanden. Das Konzept ,Gott‘ ist die Art und Weise, wie wir diese unglaubliche Tatsache verstehen – dass das, was nicht sein kann, dennoch ist.

Die konsequente Natur Gottes setzt sich also aus einer Vielzahl von Elementen mit individueller Selbstverwirklichung zusammen. Sie ist ebenso sehr eine Vielheit wie eine Einheit; sie ist ebenso sehr eine unmittelbare Tatsache wie ein unruhiger Fortschritt über sich selbst hinaus. So muss auch die Wirklichkeit Gottes als eine Vielheit aktueller Komponenten im Schöpfungsprozess verstanden werden. Dies ist Gott in seiner Funktion des Himmelreichs.“ (3)

Oder auch so, wenn Whitehead von einem fortwährenden Schöpfungsprozess spricht:

„Gott ist im Universum oder nirgendwo, er schafft ständig in uns und um uns herum. Dieses schöpferische Prinzip ist überall, in der belebten und der sogenannten unbelebten Materie, im Äther, im Wasser, in der Erde, im menschlichen Herzen. Aber diese Schöpfung ist ein fortwährender Prozess, und ,der Prozess selbst ist die Wirklichkeit‘, denn man vermag erst anzukommen, wenn man eine neue Reise beginnt. In dem Maße, wie wir an diesem schöpferischen Prozess teilhaben, haben wir Anteil am Göttlichen, an Gott, und diese Teilhabe ist unsere Unsterblichkeit, welche die Frage, ob unsere Individualität den Tod des Körpers überlebt, auf den Stand einer Nebensächlichkeit reduziert. Unsere wahre Bestimmung als Mitschöpfer im Universum ist unsere Würde und unsere Größe.“ (4)

In der Welt der Gegensätze operiert Gott laut Whitehead „von der Wirklichkeit zur Möglichkeit“ übergehend, wohingegen die Welt umgekehrt „von der Möglichkeit zur Wirklichkeit“ schreitet. (5) Gott ist Pantokrator; er (bzw. seine primordiale Natur und beständige Gegenwart) erschafft „jedes weltliche Ereignis“ – will heißen: Gottes „Akt der Existenz“ stellt „die notwendige Bedingung dafür“ dar, „dass die weltlichen Ereignisse existieren und sich ereignen.“ (6) Whitehead erachtet Gott „als aktiv in allen Ereignissen, nicht gelegentlich, sondern an allen Orten und zu allen Zeiten, nicht als ein konkurrierender Agent unter anderen, sondern auf einer anderen Ebene wirkend und unabdingbar für das Sein der Welt.“ (7) In diesem Arrangement zwischen Gott und der Welt vermag der Pantokrator „niemals als absolute Alleinmacht [zu] handeln“, da die Verwirklichung seiner Vision „inhärent von der Selbstschöpfung der weltlichen Ereignisse abhängt. Zusammengenommen zeigen diese beiden Beobachtungen, dass für Whitehead die Selbstverursachung der Welt und die Allgegenwärtigkeit von Gottes Handeln miteinander vereinbar sind und sich gegenseitig bedingen, anstatt sich gegenseitig auszuschließen.“ (8)

Freilich ist in den vergangenen Jahrzehnten von wissenschaftlichen Theorien vorgebracht worden, dass neben unserem Universum noch viele andere Universen existieren – und vielfach wird von Philosophen angeführt, diese wissenschaftlichen Modelle würden geradezu gegen eine Existenz Gottes sprechen. Ein anderer Ansatz, der Whitehead’schen Geist atmet, bestünde in der entgegengesetzten Annahme: Wenn Gott existiert, ist ein Multiversum genau das, was wir erwarten sollten. (9)

Quellen:

(1) Alfred North Whitehead: God; https://www.harvardsquarelibrary.org/theology-philosophy/alfred-north-whitehead/

(2) Peter Simons: Processing Whitehead; https://am.booksc.org/book/8076124/6f6e51

(3) Alfred North Whitehead: Process and Reality – An Essay in Cosmology; Gifford Lectures. https://archive.org/details/AlfredNorthWhiteheadProcessAndRealityGiffordLectures1978/mode/2up

(4) Alfred North Whitehead: God.

(5) Vgl. Palmyre M.F. Oomen:  God’s Power and Almightiness in Whitehead’s Thought. Open Theology, De Gruyter, 2015.

(6) Ebd.

(7) Ebd.

(8) Ebd. Whiteheads Ablehnung der Vorstellung, dass Gott allmächtig ist, „hat ihren Grund weitgehend im Problem des Bösen: ;Wenn man an dieser Vorstellung [einer Allmacht Gottes] festhält, kann es keine andere Möglichkeit geben, als in ihm den Ursprung allen Bösen wie auch allen Guten zu erkennen. Er ist dann der oberste Urheber des Stücks, und man muss ihm daher sowohl seine Unzulänglichkeiten als auch seinen Erfolg zuschreiben“. Ebd. Zu Whitehead und dem Problem des Bösen, siehe R. Maurice Barineau: Whitehead and Genuine Evil. Process Studies, S. 181-188, Vol. 19, Number 3, 1990, Center for Process Studies; https://www.religion-online.org/article/whitehead-and-genuine-evil/. Im Zusammenhang mit der Allmacht Gottes sei daran erinnert, dass Jacques Ellul Gott wie folgt charakterisierte: „Gott ist eine selbstbegrenzte Omnipotenz, nicht aus Willkür oder Einbildung, sondern weil alles andere im Widerspruch zu seinem Wesen stünde. Denn jenseits der Macht ist die beherrschende und bestimmende Tatsache, dass das Wesen Gottes die Liebe ist.“ Vgl. Matthew Pattillo: Restraint of Beasts – Church and State in Ellul and Girard. Universität Innsbruck, 23. Juni 2003.

(9) Tatsächlich entwickelte Whitehead in den 1920er Jahren eine eigene Version der Multiversumstheorie, welche letztlich eine bemerkenswerte Affinität zu den revolutionären Ideen der zeitgenössischen kosmologischen Spekulationen aufweist. Er postulierte seine Theorie aus einigen der gleichen Gründe, wie sie heute von führenden Kosmologen und Physikern vorgebracht werden. Vgl. Leemon B. McHenry: The Event Universe – The Revisionary Metaphysics of Alfred North Whitehead, Edinburgh University Press, 2015, sowie online ders.: The Multiverse Conjecture – Whitehead’s Cosmic Epochs and Contemporary Cosmology; https://www.csun.edu/~lmchenry/documents/CosmicEpochs[1].pdf. Zu den Fragen, die sich angesichts eines Multiversums bzgl. der Existenz Gottes stellen, siehe Klaas Kraay (Hrsg.): God and the Multiverse – Scientific, Philosophical, and Theological Perspectives. Routledge, 2017. Der britische Quantencomputer-Pionier David Deutsch geht davon aus, dass es „sehr, sehr viele“ Universen gibt, und „(a)lles, was physikalisch möglich ist, geschieht in mindestens einem dieser Universen.“ Gefragt, ob es dann auch ein Universum gäbe, „in dem Saddam Hussein glücklich mit Laura Bush verheiratet ist“, antwortete Deutsch: „Wenn wir die Quantentheorie ernst nehmen, ja – wenngleich diese Ehe vermutlich nur in einer winzigen Zahl von Universen geschlossen wurde.“ Vgl. Johann Grolle / Rafaela von Bredow: „Die Welt ist bizarr“, Der Spiegel, 11/2005; https://www.spiegel.de/politik/die-welt-ist-bizarr-a-49edb0bc-0002-0001-0000-000039694676

 

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