Bretton Woods III – eine neue (Währungs-)Weltordnung

„Wir sind Zeugen der Geburt von Bretton Woods III – einer neuen (Währungs-)Weltordnung, die sich auf rohstoffbasierte Währungen im Osten stützt und wahrscheinlich das Eurodollar-System schwächen und auch zu inflationären Kräften im Westen beitragen wird.“

Von Lars Schall

Ausgangspunkt: Im August 1971 wurde die Anbindung des US-Dollars an den US-Goldhort unter Richard Nixon gänzlich gekappt – wobei Nixon „nicht selbst mit der Idee daherkam; dies war etwas, wofür sich Walter Wriston, der Vorsitzende der National City Bank, und David Rockefeller, der Vorsitzende der Chase, sehr stark gemacht und sich durch Briefe und Korrespondenzen und andere Arten von persönlichen Gesprächen … eingesetzt hatten.“ (1) Mit der Aufkündigung der Einlösungspflicht von US-Dollar in Gold auf Zentralbankenebene und der Einführung freier Währungswechselkurse hatte Gold in den 1970er Jahren „aufgehört, letzte Referenz allen Papiergelds zu sein. Erstmals in der Menschheitsgeschichte war Papiergeld auf sich selbst gestellt. Statt einen Rückhalt in Gold zu haben, war es nun selbst letzte Instanz: die einzig verbliebene Definitionsmacht für das, was Waren kosten sollen.“ (2)

Nun hat es in der Geschichte auch Papiergeldsysteme ohne jegliche Golddeckung gegeben. Diese Papiergeldsysteme waren aber auf einzelne Länder und Regionen beschränkt; es handelte sich jeweils um kein globalisiertes Fiat-Geldsystem, wie es heute der Fall ist.

Würde man heutzutage hergehen und wünschen, die Verbindlichkeiten der U.S. Federal Reserve partiell mit Gold zu decken, müsste der Goldpreis tüchtig in die Höhe schießen. Für Anfang 2022 wurde berechnet, dass der Goldpreis auf 11.090 US-Dollar pro Unze für eine Deckung von einem Drittel und auf 18.150 US-Dollar pro Unze für eine Deckung von 54% steigen müsste. (3)

Vor wenigen Wochen wollte die Dt. Bundesbank gegenüber dem Goldanalysten Jan Nieuwenhuijs nicht ausschließen, ihre Goldbestände zukünftig aufzuwerten, um so die Höhe ihrer Schulden zu verringern. Die Regeln der Europäischen Zentralbank verbieten eine Aufwertung von Gold zur Schuldenreduzierung, schrieb Nieuwenhuijs, aber diese Regeln könnten im Handumdrehen geändert werden. (4)

Von Interesse ist hierbei, dass vor einigen Tagen erst die Diagnose gestellt wurde: „Wir sind Zeugen der Geburt von Bretton Woods III – einer neuen (Währungs-)Weltordnung, die sich auf rohstoffbasierte Währungen im Osten stützt und wahrscheinlich das Eurodollar-System schwächen und auch zu inflationären Kräften im Westen beitragen wird.“ Dem liegt eine Krise zugrunde, welche „mit nichts zu vergleichen“ ist, „was wir seit Präsident Nixon erlebt haben, der den US-Dollar 1971 vom Gold“ abkoppelte – womit „das Ende der Ära des rohstoffbasierten Geldes“ gekommen war. Nach dem Ende der Krise, „dürfte der US-Dollar viel schwächer … und im Gegenzug der Renminbi viel stärker sein“, letzterer gedeckt „durch einen Korb von Rohstoffen“. Die Bewegung läuft vom mit Goldbarren gedeckten Bretton-Woods-System der Nachkriegszeit über das durch „internes Geld“ gestützte Bretton-Woods-II-Arrangement nach 1971 hin zu „Bretton Woods III, das durch äußeres Geld (Goldbarren und andere Rohstoffe) gedeckt ist.“ (5)

Dieses Szenario dürfte den Goldpreis in den nächsten Jahren deutlich steigen lassen.

Im Übrigen sagte der Großkapitalist J.P. Morgan im Jahr 1912 vor dem US-Kongress: „Kredit ist ein Beweis des Bankgeschäfts, aber Kredit ist nicht das Geld selbst. Geld ist Gold, und sonst nichts.“  (6)

Der Kapitalismus-Kritiker Karl Marx war diesbezüglich im Grunde einer Meinung: „Obgleich Gold und Silber nicht von Natur Geld sind“, schrieb er, „ist Geld von Natur Gold und Silber.“ (7)

Der US-Dollar, wie andere Nationalwährungen auch, ist eine Schuld-Währung – und sämtliche „Schuld-Währungen haben ein Ausfallrisiko“. Kein Ausfallrisiko besitzt hingegen Gold. Der Grund, warum Schuldwährungen im Gegensatz zu Gold einem Ausfallrisiko unterliegen, „ist einfach. Schuld-Währungen sind ein finanzieller Vermögenswert. Sie sind weder greifbar, noch wird ihr Wert von aufgewandter Arbeit abgeleitet. Genauer gesagt handelt es sich bei ihnen um Verbindlichkeiten von Banken, und wie jeder Buchhalter weiß, sind es die Aktivposten einer Bank – und nicht ihre Verbindlichkeiten –, die einen Wert haben.“ (8)

Federal Reserve Notes (Dollar) stehen als Verbindlichkeiten (Liabilities) auf der Bilanz der U.S. Federal Reserve. Gold steht dagegen auf der Seite mit den Aktiva (Assets) der Fed-Bilanz. Siehe hierzu: Geld: Creatio ex nihilo?

Zum Abschluss noch eine recht aktuelle Goldpreis-Erwartung: „Wir erwarten bei Gold ein Kursziel von über 5800 US-Dollar pro Feinunze“, (9) und konstatieren, dass dies, wie Heinz Rühmann einst in einer seiner Glanzrollen sagte, „hübsch-hässlich“ wäre.

Quellen:

(1) Vgl. Lars Schall: Finanzen sind ein Machtspiel. LarsSchall.com, 22. März 2014; https://www.larsschall.com/2014/05/22/finanzen-sind-ein-machtspiel/.

(2) Christoph Türcke: Mehr! Philosophie des Geldes. C.H. Beck, 2015, S. 307-308.

(3) Vgl. Daniel Oliver: The Bubble is Bursting and Gold is Strong. Myrmikan Research, 18. Januar 2022; https://www.myrmikan.com/pub/Myrmikan_Research_2022_01_18.pdf.

(4) Vgl. Jan Nieuwenhuijs: German Central Bank Doesn’t Rule Out Gold Revaluation. Gold Observer, 15. Februar 2022; https://thegoldobserver.substack.com/p/german-central-bank-doesnt-rule-out.

(5) Zit. wie Zoltan Pozsar: Bretton Woods III. Credit Suisse, 7. März 2022; https://plus2.credit-suisse.com/shorturlpdf.html?v=4ZR9-WTBd-V. Zum Thema „internes Geld vs externes Geld“ siehe auch Zoltan Pozsar on a Turning Point for the U.S. Dollar. Bloomberg, 1. März 2022; https://www.bloomberg.com/news/audio/2022-03-01/zoltan-pozsar-on-a-turning-point-for-the-u-s-dollar-podcast. Wirklich überraschen muss das Szenario, das Pozsar ausbreitet, nicht; immerhin schrieb Robert A. Mundell bereits 1998: „Zunächst werden sich die asiatischen Länder auf den Dollar und den Euro verlassen müssen, aber in fernerer Zukunft ist es denkbar, dass Gold als dritte Kraft neben dem Dollar und dem Euro wieder ins Spiel kommt.“ Zit. wie Robert A. Mundell: What the euro means for the dollar and the international Monetary system. Atlantic Economic Journal, September 1998, 09 Vol. 28; https://ur.booksc.me/book/6913403/2d80c7.

(6) Vgl. James Turk: Was meinte J.P. Morgan? LarsSchall.com, 8. April 2019; https://www.larsschall.com/2019/04/08/was-meinte-j-p-morgan/.

(7) Zit. wie Karl Marx (Hrsg. David McLellan): Capital – An Abridged Edition. Oxford University Press, 1999, S. 126.

(8) Zit. wie James Turk: Was meinte J.P. Morgan?

(9) #9 Ronald Stöferle: Wir erwarten bei Gold ein Kursziel von über 5800 US-Dollar pro Feinunze. Die Message, https://fundview-die-message.podigee.io/9-gold

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