9/11: Die Saudi-Connection

Neu veröffentlichte Dokumente des FBI legen nahe, dass eine direkte Verbindung zwischen saudischen Offiziellen und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 bestand.

Von Lars Schall

Wie Sie hier lesen können, zeigt ein kürzlich freigegebener Report des FBI zahlreiche Verbindungen auf, die zwischen saudischen Offiziellen und zwei Flugzeugentführern vom 11. September 2001 (Khalid al-Mihdhar und Nawaf al-Hazmi) bestanden. Der Report ist Teil einer bislang geheimen FBI-Untersuchung (Operation Encore) über die Rolle saudischer Staatsbürger bei den 9/11-Terroranschlägen. Aus den Aufzeichnungen des US-Justizministeriums, die zuvor als „Staatsgeheimnis“ deklariert worden waren, geht hervor, dass saudische Regierungsbeamte wissentlich ein Unterstützungsnetzwerk für die beiden Al-Qaida-Hijacker bereitgestellt haben.

In diesem Zusammenhang folgt hier ein kleiner Auszug aus dem Buch „Denken wie der Feind – Teil 1“ (S. 111-112):

…Ein streng geheimes CIA-Memo vom 2. August 2002 kam zum Schluss, die saudische Regierung habe zwei Akteuren des 11. September, Khalid al-Mihdhar und Nawaf al-Hazmi, Unterstützung geleistet. Das CIA-Memo wird zwar in einem Bericht des US-Kongresses besprochen; der Abschnitt des Berichts, der dieses Memo erwähnt, wurde allerdings nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Gleichwohl sickerten im Laufe der Jahre einige Inhalte durch. Demnach wurden al-Mihdhar und al-Hazmi, als beide im Frühjahr 2000 am Flughafen von Los Angeles landeten, „von einem anderen Saudi, Omar al-Bayoumi, abgeholt, der ihnen 1500 Dollar in bar übergab, sie in seine Wohnung mitnahm und ihnen half, sich an der Flugschule zu bewerben. Al-Bayoumi arbeitete für Dallah Avco, eine saudische Fluglinie“, die von Prinz Sultan bin Abdulaziz geleitet wurde, dem Vater von Prinz Bandar – welcher in Washington D.C. als saudischer Botschafter diente. Dallah Avco „ist ein Hauptvertragspartner des saudischen Verteidigungs- und Luftwaffenministeriums.“[i]

Bei al-Bayoumi gingen in den folgenden Monaten regelmäßig Schecks ein, die von Prinz Bandar und dessen Frau, der Prinzessin Haifa bin Faisal, kamen. Später gaben beide an, „dass das Geld für wohltätige Zwecke gespendet wurde … und dass sie keine Ahnung hatten, dass das Geld umgeleitet wurde, um die Flugzeugentführer des 11. September zu finanzieren. Nach dem 11. September befragten britische Behörden al-Bayoumi in London über den Pfad des saudischen Geldes hin zu bin Ladens Flugzeugentführern. Sie fanden geheime Unterlagen mit privaten Telefonnummern von führenden saudischen Regierungsbeamten, freigelegt unter dem Fußboden seiner Londoner Wohnung. Die Untersuchung führte zu nichts: al-Bayoumi wurde kurz darauf entlassen und verschwand in Saudi-Arabien.“[ii]

Ein weiterer Unterstützer von al-Midhar und al-Hazmi war ein Mitarbeiter des saudischen Ministeriums für islamische Angelegenheiten namens Fahad al-Thumairy, der wiederum Unterstützung durch Mussaed Ahmed al-Jarrah erhielt, einem Mitarbeiter der saudischen Botschaft in Washington, D.C.[iii]

Der ehemalige FBI-Agent John Guandolo, der im FBI-Büro in Washington, D.C. an der 9/11-Untersuchung beteiligt war, sagte später, Prinz Bandar hätte in der Ermittlung als „wichtiger Verdächtiger“ behandelt werden müssen, da er durch einen Dritten zwei der 9/11-Hijacker finanziert habe.[iv] Insgesamt sollen 130.000 US-Dollar vom Familienkonto des saudischen Prinzen nach Kalifornien überwiesen worden sein.[v]

Für den 13. September 2001 erhielt Bandar eine Einladung ins Weiße Haus. Seinem Gespräch mit Präsident Bush, bei dem „die zwei alten Familienfreunde Zigarren auf dem Truman-Balkon tauschten“,[vi] folgte die Entscheidung, „Dutzende einflussreiche Saudis, darunter auch Angehörige von Osama bin Laden, aus den Vereinigten Staaten“ zu evakuieren, als der Flugverkehr in den USA noch weitestgehend lahmgelegt war. Für diese Entscheidung setzten sich mehrere „Top-Offizielle des Weißen Hauses persönlich“ ein, darunter der Anti-Terrorberater Richard Clarke, „der das Krisenteam des Weißen Hauses nach den Angriffen leitete“. Clarke sagte später, „er habe dem außergewöhnlichen Plan zugestimmt, da ihm vom Federal Bureau of Investigation versichert worden sei, dass die ausreisenden Saudis nicht mit Terrorismus in Verbindung stünden.“[vii] Die evakuierten Saudis wurden vom FBI nicht verhört; das FBI diente stattdessen als reine Sicherheitseskorte, um sie zu den Flugplätzen zu geleiten.[viii]

Quellen / Anmerkungen:

[i] Vgl. Nafeez M. Ahmed: The Bin Laden Death Mythology. Insurge Intelligence, 3. Juli 2015; https://medium.com/insurge-intelligence/the-bin-laden-death-mythology-9a3776a6e3c3.

[ii] Ebd. Zu früheren Untersuchungen des FBI zu Omar al-Bayoumi siehe September 1998-July 1999: FBI Conducts Inquiry of Suspected Al-Qaeda Advance Man. History Commons; https://web.archive.org/web/20140820162849/http://www.historycommons.org/context.jsp?item=a0498basnan#a0498basnan. Ende 2016 machte der investigative Journalistenverbund Florida Bulldog (bzw. BrowardBulldog.org) einen – teilweise geschwärzten – FBI-Report aus dem Jahr 2012 publik, indem es u.a. um den „Auftraggeber“ für die Unterstützung ging, welche die mutmaßlichen Al-Qaida-Hijacker Khalid al-Mihdhar und Nawaf al-Hazmi in Süd-Kalifornien erhielten. Siehe hierzu Dan Christensen: New FBI document shows active probe of support network for 9/11 hijackers in 2012. Florida Bulldog, 19. Dezember 2016; https://www.floridabulldog.org/2016/12/new-documents-show-u-s-investigated-support-network-911-hijackers-in-2012/. Seit September 2011 berichtete Florida Bulldog darüber hinaus immer wieder über eine geheime Untersuchung, die das FBI über eine saudische Familie namens al-Hijji führte, welche in Sarasota, Florida lebte, ehe sie ihren Lebensmittelpunkt etwa zwei Wochen vor den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 abrupt verließ, um nach Saudi-Arabien zu ziehen. Erkenntnissen von Florida Bulldog zufolge sollen Behörden später Aufzeichnungen gefunden haben, die das Haus von Abdulaziz und Anoud al-Hijji mit mutmaßlichen 9/11-Flugzeugentführern verbanden, einschließlich Mohamed Atta. Das FBI hielt seine Sarasota-Untersuchung ein Jahrzehnt lang strikt geheim. Vgl. Dan Christensen / Anthony Summers: Did the 9/11 hijackers have accomplices? Once secret FBI records spark push to find out. Florida Bulldog, 18. April 2013; https://www.floridabulldog.org/2013/04/did-the-911-hijackers-have-accomplices-once-secret-fbi-records-spark-push-to-find-out/.

[iii] Vgl. Mike Isikoff: FBI Goofs, Reveals Name of Saudi Official Suspected Of Supporting 9/11 Hijackers. Huffington Post, 12. Mai 2020; https://www.huffpost.com/entry/fbi-reveals-saudi-official-911_n_5ebb2dbdc5b6ae915a8bba22.

[iv] Vgl. Paul Sperry: How US covered up Saudi role in 9/11. New York Post, 17. April 2016; http://nypost.com/2016/04/17/how-us-covered-up-saudi-role-in-911/. Zur Rolle des damaligen FBI-Direktors Robert Mueller in der Untersuchung saudischer Verbindungen zum 9/11-Anschlag siehe ferner Paul Sperry: Robert Mueller helped Saudi Arabia cover up its role in 9/11 attacks: suit. New York Post, 7. Sept. 2019; https://nypost.com/2019/09/07/robert-mueller-helped-saudi-arabia-cover-up-its-role-in-9-11-attacks-suit/.

[v] Vgl. ebd. Der Bericht selber ging aus einem Untersuchungsausschuss im US-Kongress hervor, (Originalbezeichnung: Joint Inquiry into Intelligence Community Activities before and after the Terrorist Attacks of September 11, 2001), die im Februar 2002 begann und von zwei Unterausschüssen des Kongresses durchgeführt wurde, dem Senate Select Committee on Intelligence und dem House Permanent Select Committee on Intelligence. Der über 800 Seiten umfassende Abschlussbericht wurde im Dezember 2002 vorgelegt. Der geschwärzte Teil des Berichts von insgesamt 28 Seiten, der bestimmte Ermittlungen von CIA und FBI behandelt, wurde erst im Juli 2016 weitestgehend veröffentlicht. Vgl. Feliks Garcia: 9/11 report – Secret 28 pages showing possible Saudi links released by US Congress. The Independent, 15. Juli 2016; http://www.independent.co.uk/news/world/americas/911-report-saudi-arabia-secret-28-pages-declassified-read-latest-a7139541.html. Die 9/11 Kommission interviewte Prinz Bandar im Oktober 2003.  Die „28 redigierten Seiten“ und die darin enthaltenen Informationen waren der 9/11 Kommission bekannt. Daher wusste die Kommission zum Zeitpunkt des Interviews, dass Prinz Bandar und seine Frau bestimmte Zahlungen von Interesse geleistet hatten. Doch die veröffentlichten Notizen des Interviews deuten darauf hin, dass Prinz Bandar dazu nicht befragt wurde. Vgl. Memorandum for the Record (MFR) des Interviews mit Prinz Bandar vom 7. Oktober 2003, online archiviert unter: https://www.floridabulldog.org/wp-content/uploads/2019/09/BandarMFR.pdf. Zum Interview der 9/11-Kommission unter Leitung von Philip Zelikow mit Prinz Bandar siehe auch Anthony Summers / Robbyn Swan. Long hidden 9/11 Commission interview with Saudi Prince Bandar released; Intel chief Prince Turki’s withheld. Florida Bulldog, 11. September 2019; https://www.floridabulldog.org/2019/09/long-hidden-9-11-commission-interview-with-saudi-prince-bandar-released/. Im Zusammenhang mit der Finanzierung von Terrorismus und Konten bei der Riggs Bank, welche Saudi-Arabien bzw. Prinz Bandar und seiner Ehefrau gehörten, sagte der damalige Botschafter des saudischen Königreichs gegenüber Tim Russert von NBC: “As far as the embassy’s accounts or my wife’s account or my account, there is not one question that we had from the U.S. government of concern of what happened to these accounts.” Vgl. Meet the Press – Transcript for April 25. NBC News, 25. April 2004; http://www.nbcnews.com/id/4829855/ns/meet_the_press/t/transcript-april/. In einem Al-Arabiya-Interview, das Ende 2007 entstand, sagte Prinz Bandar übrigens hinsichtlich der 9/11-Anschläge: “Saudi security was actively following the movement of most of the terrorists with precision. If U.S. security authorities had engaged their Saudi counterparts in a serious and credible manner, in my opinion, we would have avoided what happened.” Vgl. Ex-Saudi ambassador: Kingdom could have helped U.S. prevent 9/11. CNN, 2. Nov. 2007; http://edition.cnn.com/2007/WORLD/meast/11/01/saudiarabia.terrorism/index.html.

[vi] Ebd.

[vii] Eric Lichtblau: White House Approved Departure of Saudis After Sept. 11, Ex-Aide Says. The New York Times, 4. Sept. 2003; http://www.nytimes.com/2003/09/04/us/white-house-approved-departure-of-saudis-after-sept-11-ex-aide-says.html. Siehe hierzu auch die Angaben, die Prinz Bandar diesbezüglich gegenüber Tim Russert von NBC tätigte. Vgl. Meet the Press – Transcript for April 25.

[viii] Paul Sperry: How US covered up Saudi role in 9/11.

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