Was sagt eigentlich Jesus zum Geld?

Geld und Religion liegen nah beieinander – man denke nur an das Wort „Schuld“. Wie aber stand Jesus zu dem, woraus Geld gemacht wird, namentlich den „Schulden“?

Von Lars Schall

Lassen Sie uns den Anfang so gestalten, dass wir zunächst feststellen: Geld und Religion liegen nah beieinander. Ein Kritiker des Kapitalismus, Karl Marx, schrieb im Jahr 1844, Geld sei ein „wirklicher Gott“. In seinen Notizen holt er wie folgt aus:

„Das Wesen des Geldes ist zunächst nicht, dass in ihm das Eigentum entäußert wird, sondern dass die vermittelnde Tätigkeit oder Bewegung, der menschliche, gesellschaftliche Akt, wodurch sich die Produkte des Menschen wechselseitig ergänzen, entfremdet und die Eigenschaft eines materiellen Dings außer dem Menschen, des Geldes wird. Indem der Mensch diese vermittelnde Tätigkeit selbst entäußert, ist er hier nur als sich abhanden gekommener, entmenschter Mensch tätig; die Beziehung selbst der Sachen, die menschliche Operation mit denselben, wird zur Operation eines Wesens außer dem Menschen und über dem Menschen. Durch diesen fremden Mittler – statt dass der Mensch selbst der Mittler für den Menschen sein sollte – schaut der Mensch seinen Willen, seine Tätigkeit, sein Verhältnis zu anderen als eine von ihm und ihnen unabhängige Macht an. Seine Sklaverei erreicht also die Spitze. Dass dieser Mittler nun zum wirklichen Gott wird, ist klar, denn der Mittler ist die wirkliche Macht über das, womit er mich vermittelt. Sein Kultus wird zum Selbstzweck.“ (1)

Von einer „Geldwerdung Gottes“ / „Gottwerdung des Geldes“ schrieb ein Zeitgenosse von Marx, nämlich der Dichter Heinrich Heine. (2) In praktischen Verhältnissen ist darüber u.a. zu lesen: „,Das Geld ist der Gott unserer Zeit, und Rothschild ist sein Prophet‘, so trompetete Heinrich Heine…, nachdem er den Pariser Bank- und Börsenfürsten Baron James de Rothschild in seinem Privatkabinett besucht hatte. ,Schon vor der Tür seines Kabinetts ergreift viele ein Schauer der Ehrfurcht, wie ihn einst Moses auf dem Horeb empfunden, als er merkte, daß er auf heiligem Boden stand.‘“ (3)

Die These von der „Gottwerdung des Geldes“ brachte auch der Soziologe Georg Simmel vor, als er im Jahr 1900 das Buch Die Philosophie des Geldes veröffentlichte. Geld, das für Simmel in seiner modernen Form keinen Substanzwert besitzt („Nicht was das Geld ist, sondern wozu es ist, verleiht ihm seinen Wert“), wird als „die reine Form der Tauschbarkeit“ definiert. Quantität und Qualität entsprechen einander beim Geldvermögen, und Simmel meint, dass eine gesteigerte Vermögensanhäufung mit einem gesteigerten Gefühl von Potenz einhergeht. Geld sei nicht mehr „ein profanes Mittel zur Abwicklung eines ökonomischen Verkehrs“, so Simmel weiter. „In der modernen Gesellschaft ist es mehr und mehr zu Gott geworden. Geld durchdringt alles, es hat sich zum Selbstzweck aufgeschwungen.“ Den Währungsexperten Bernard Lietaer sprach ich 2012 auf Simmels These an und fragte, ob er damit richtig läge. Lietaer: „Ich fürchte, dass er Recht hat. Es ist ein Gott der Schatten. Es ist auch ein Gott, der die negativen Aspekte der Menschheit antreibt; Gier, kurzfristiges Denken, Konkurrenz. Nochmals, ich habe kein Problem damit, dass einiges davon besteht, aber es wird ein Problem, wenn es unser einziges Mittel ist, um in uns Veränderungen zu bewirken, und wenn es uns alle in dieselbe Richtung drängt, was eine Nachhaltigkeit unmöglich macht.“

Zur Gleichung „Geld – Macht“ sagte mir Lietaer: „Geld ist wahrscheinlich das Hauptwerkzeug der Macht. Geld hat die Fähigkeit, dass Menschen für Sie auf bestimmte Arten Dinge tun, Leute oder Organisationen, und wenn man das Geld kontrolliert, kann man tatsächlich fast jeden kontrollieren. Es beherrscht auf jeden Fall die Regierungen, und die wiederum kontrollieren jedermann; das ist also, was vor sich geht.“ (4)

Und zurück zu unserer Ausgangsfrage: Was sagt eigentlich Jesus zum Geld?

Im Matthäus-Evangelium lesen wir, wie Jesus spricht: „Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt, 6,24)

Jacques Ellul kommt darauf in seinem Buch Money and Power zu sprechen, wenn er dort schreibt: „Das Problem des Besitzes von Geld steht nicht im Mittelpunkt der Frage. Jesus wirft die Frage in ihrer ganzen Fülle auf, wenn er das Geld Mammon nennt, ein aramäisches Wort, das für gewöhnlich ,Geld‘ bedeutet und auch ,Reichtum‘ bedeuten kann. Hier personifiziert Jesus das Geld und betrachtet es als eine Art Gott.“ Indem er dies tut, enthüllt Jesus, „dass Geld eine Macht ist. Dieser Begriff sollte nicht in seiner vagen Bedeutung ,Kraft‘ verstanden werden, sondern in dem spezifischen Sinn, in dem er im Neuen Testament verwendet wird. Macht ist etwas, das aus sich selbst heraus handelt, das in der Lage ist, andere Dinge zu bewegen, das autonom ist (oder dies für sich in Anspruch nimmt), das ein Gesetz für sich selbst ist und das sich als aktiver Akteur präsentiert. Dies ist ihr erstes Merkmal. Das zweite ist, dass Macht einen geistigen Wert hat. Sie kommt nicht nur aus der materiellen Welt, obwohl sie dort wirkt. Sie hat eine geistige Bedeutung und Richtung. Macht ist niemals neutral. Sie ist ausgerichtet, sie richtet auch die Menschen aus. Schließlich ist die Macht mehr oder weniger persönlich. Und so wie der Tod in der Bibel oft als persönliche Kraft erscheint, so ist es auch mit dem Geld. Geld ist nicht eine Macht, weil der Mensch es benutzt, weil es das Mittel zum Reichtum ist oder weil die Anhäufung von Geld Dinge möglich macht. Es ist eine Macht vor all dem, und diese äußeren Zeichen sind nur die Manifestationen dieser Macht, die eine eigene Realität hat oder zu haben vorgibt. Wir dürfen die Parallele, die Jesus zwischen Gott und dem Mammon zieht, auf keinen Fall verharmlosen. Er verwendet keine rhetorische Figur, sondern weist auf eine Realität hin. Gott als Person und der Mammon als Person befinden sich in einem Konflikt. Jesus beschreibt die Beziehung zwischen uns und dem einen oder dem anderen auf dieselbe Weise: Es ist die Beziehung zwischen Diener und Herr. Der Mammon kann genauso ein Herr sein wie Gott; das heißt, der Mammon kann ein persönlicher Herr sein.“

Ellul meint, dass hier nicht „die besondere Situation des Geizhalses, dessen Herr das Geld ist, weil seine Seele verdorben ist“, beschrieben werde; „Jesus beschreibt nicht eine Beziehung zwischen uns und einem Objekt, sondern zwischen uns und einem aktiven Akteur. Er schlägt nicht vor, dass wir das Geld weise verwenden oder es ehrlich verdienen sollen. Er spricht von einer Macht, die versucht, wie Gott zu sein, die sich zu unserem Herrn macht und bestimmte Ziele verfolgt.“ Daraus ist zu folgern, so Ellul, dass wir „einen groben Fehler“ begehen, wenn wir sagen, „wir würden das Geld benutzen“. Denn: „Wir können, wenn wir müssen, Geld benutzen, aber in Wirklichkeit ist es das Geld, das uns benutzt und uns zu Dienern macht, indem es uns unter sein Gesetz bringt und uns seinen Zielen unterordnet. Wir sprechen nicht nur über unser Innenleben, sondern wir betrachten unsere gesamte Situation. Wir sind nicht frei, die Verwendung des Geldes in die eine oder andere Richtung zu lenken, denn wir sind in den Händen dieser kontrollierenden Macht.“ Die Liebe, von welcher die Bibel spricht, „geht vom ganzen Menschen aus; sie bezieht den ganzen Menschen ein und bindet ihn ohne Unterschied. Die Liebe dringt bis zu den Wurzeln des Menschen vor und lässt sie nicht unversehrt. Sie führt zur Identifikation und Assimilation zwischen dem Liebenden und dem Geliebten. Jesus Christus lehrt uns in aller Ausführlichkeit, dass unsere Liebe uns an die geistige Zukunft des Geliebten bindet. So müssen wir auch die Verbindung zwischen Christen und Christus verstehen, die eine Liebesbeziehung ist. Die Liebe hat Christus dazu gebracht, uns in unserem ganzen Zustand zu folgen, aber umgekehrt verbindet sie uns heute mit Christus in allem – seinem Leben, seinem Tod, seiner Auferstehung und seiner Herrlichkeit. Wo Christus ist, da ist auch derjenige, der Christus liebt. Das ist die Kraft, die Stärke dieses Bandes. Die Liebe zum Geld ist keine geringere Beziehung. Durch diese Liebe verbinden wir uns mit dem Schicksal des Geldes. ,Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein‘ (Mt 6,21). Letztlich folgen wir dem, was wir am intensivsten geliebt haben, entweder in die Ewigkeit oder in den Tod. Wer das Geld liebt, ist dazu verdammt, ihm in seine Zerstörung, sein Verschwinden, seine Vernichtung und seinen Tod zu folgen. (…) Weil die Liebe uns dazu bringt, dem Geliebten zu folgen und nichts anderem, können wir nicht zwei Dinge gleichzeitig lieben. Jesus weist mit Nachdruck auf die Notwendigkeit der Wahl hin. ,Er wird das eine hassen und das andere lieben.‘ Das eine zu lieben heißt nicht einfach, das andere nicht zu kennen oder ihm gegenüber gleichgültig zu sein; es heißt, das andere zu hassen. Glauben wir wirklich, dass Jesus so weit gegangen wäre, wenn Geld nur ein Gegenstand ohne geistige Bedeutung wäre?“ (5)

Was die Formel angeht: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist…„, so sprach ich darüber mit dem Politikwissenschaftler Alexandre Christoyannopoulos – siehe hier. Christoyannopoulos erklärte aus seiner Sicht der Analyse:
 
Die Pharisäer sind darauf aus, Jesus auszutricksen, und fragen ihn, ob Steuern gezahlt werden sollen. Seine erste Reaktion besteht darin, nach einer Münze zu fragen (er scheint keine bei sich zu haben). Sie bringen eine herbei. Er fragt, wessen Gesicht darauf ist. Sie sagen, das von Caesar. Zu dieser Zeit zeigte das Gesicht auf einem Gegenstand den Besitz an. Dann kommt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, unmittelbar gefolgt von: „und Gott, was Gottes ist“. Die Frage ist also, was Caesar gehört und was Gott gehört. Für christliche Anarchisten sind Münzen, öffentliche Denkmäler und dergleichen in der Tat des Kaisers. Aber sonst nicht viel. Sicherlich ist das Leben und damit das Geben und Nehmen von Leben Gottes Vorrecht. Münzen sind also in der Tat Caesars Eigentum, das er zurückfordern kann, aber darüber hinaus gehört nur wenig anderes „dem Kaiser“. Der Rest gehört für Jesu Zuhörerschaft ganz klar Gott. Mit anderen Worten: Jesus fordert hier seine Zuhörer auf, klar zu unterscheiden zwischen dem, was wirklich wichtig ist (und Gott gehört), und den unbeständigen Dingen (wie Münzen), die technisch gesehen dem Kaiser gehören. Es geht darum, bei allen wichtigen Entscheidungen Gott den Vorrang vor dem Kaiser zu geben, und dem Kaiser zu geben, was er verlangt, wenn es um die weniger wichtigen Dinge geht, mit denen er sich zu beschäftigen pflegt.

Mit Blick auf Jesus und eine wesentliche Facette des Geldes, nämlich den Schulden, weist der US-Ökonom Michael Hudson auf eine Predigt im 4. Kapitel des Lukas-Evangeliums hin und vertritt darauf fußend die Ansicht, dass Jesu Mission darin bestanden habe, einen allgemeinen Schuldenerlass zu bringen – oder in den Worten, die Jesus zu Beginn seiner Predigt spricht: er sei gekommen, „…um das Jahr des Herrn auszurufen.“ Er entrollt die diesbezügliche Schriftrolle des Propheten Jesaja, welche von Freiheit für Gefangene und einem „Gnadenjahr des Herrn“ erzählt (Jesaja 61, 1-2). Die Aufrechterhaltung von Schulden durch die Pharisäer (nach den Regeln der sogenannten „Prosbul-Klausel“) erklärt Jesus in seiner Predigt als Verstoß gegen das mosaische Gesetz – das Gesetz in Levitikus, Kapitel 25, welches vom „Jubeljahr“ spricht. Somit stellt sich Jesus gegen die den Gläubigern zugeneigten Pharisäer und spricht für die Klasse der Schuldner. Hudson meint ferner, dass die Parabel vom undankbaren Diener, geschildert im 18. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, zum Ausdruck bringen will, den Armen sollten „buchstäblich ihre Schulden vergeben werden“. Dies korrespondiert mit dem „Vater unser“-Gebet der Bergpredigt, wenn es in manchen Übersetzungen heißt: „Und vergib uns unsere Schulden.“ Im Lukas-Evangelium wird die Ermahnung zitiert, man solle „leihen, ohne etwas zurückzuerwarten“ – laut Hudson drückt sich darin das Gegenteil der Absichten aus, welche die „Prosbul-Klausel“ verfolgte. Alle vier Evangelien berichten, wie Jesus nach Jerusalem kommt und zum Tempel des Herrn geht, „wo Geschäftsverträge und Eide, einschließlich Schuldenvereinbarungen, auf den Herrn geschworen wurden (so wie es an den Tempeltoren Babyloniens geschehen war). Durch diesen Schwur wurde die Rückzahlung der Schulden geheiligt.“ Es kommt zur Tempelreinigung, bei der Jesus u.a. die Tische der Geldwechsler umschmeißt und sagt (dabei Jeremias 7,11 zitierend): „Steht nicht geschrieben: ‚Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker‘? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“ In Matthäus 23,16-17 heißt es schließlich aus Jesu Mund: „Wehe euch, ihr blinden Führer, die ihr sagt: Wer beim Tempel schwört, das gilt nichts; wer aber beim Gold des Tempels schwört, der ist gebunden. Ihr Narren und Blinden, was ist denn größer, das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt?“ (6)

Beim Verhältnis Schuldner-Gläubiger lässt sich die Analogie beobachten, dass wie beim religiösen Verhältnis Gott-Gläubiger als zentrales Element die Furcht obwaltet. (7) Die Autoren Tim Di Muzio und Richard H. Robbins betonen in ihrem Buch Debt as Power, dass Friedrich Nietzsche in der Genealogie der Moral (1887) die Tatsache ins Auge fasste, dass das deutsche Wort für „Schuld“ im monetären Sinne auch das Wort für „Schuld“ oder „Sünde“ im moralischen Sinne ist, und er „spekuliert, dass Gott im Christentum zum ultimativen Gläubiger der menschlichen Schuld wird und natürlich auch zum ultimativen Vergeber, indem er für die Sünden stirbt. Diese Vorstellung, dass die Schuldner-Gläubiger-Beziehung für unser Gefühl der moralischen Verpflichtung von zentraler Bedeutung ist und dass die ultimative Macht als Schuldner-Gläubiger-Beziehung begriffen werden kann, widerlegt die klassische ökonomische Vorstellung, dass Geld neutral und einfach ein Tauschmittel, eine Rechnungseinheit und ein Wertaufbewahrungsmittel ist. Wenn man die Macht hat, Geld durch das Medium der zinstragenden Schuld zu erschaffen, sobald man es verleiht, reproduziert man das, was für Nietzsche die ursprüngliche Beziehung der Macht und die Quelle der Moral und Zivilisation selbst ist.“ (8)

Nachtrag:
 
Ein Wirtschaftswissenschaftler, der sich offen für einen Schuldenerlass in unserer Zeit einsetzt, ist der Australier Steve Keen – siehe z.B. dieses Interview hier. Ich habe Keen gefragt, ob er es begrüße, dass sein Konzept des Schuldenerlasses mit der Haltung Jesu gegenüber Schulden übereinstimmt. Keen antwortete: „In dem Sinne, dass der biblische Jesus auf der Seite der Schuldner stand, wie Michael Hudson dokumentiert hat, ja. Aber mein Konzept des ‚modernen Schuldenerlasses‘ sieht vor, die Fähigkeit des Staates zur Geldschöpfung zu nutzen, um kreditbasiertes Geld abzuschaffen und durch fiat-basiertes Geld zu ersetzen. Das ist etwas komplizierter, als die Tische der Geldverleiher im Tempel umzuwerfen – aber definitiv im gleichen Geiste.“

Wenn Keen „fiat-basiertes Geld“ sagt, sind wir natürlich in gewisser Weise wieder auf religiösem Gebiet, denn wie Sie sich vielleicht erinnern: „Dixitque Deus fiat lux et facta est lux…“

Quellenangaben:

(1) Zit. wie Karl Marx: Auszüge aus James Mills Buch „Élémens d’économie politique“, 1844. Für eine eingehende Analyse der dort aufgestellten These, Geld sei ein „wirklicher Gott“, siehe Ian Wright: Marx on Capital as a Real God, 3. September 2020; https://ianwrightsite.wordpress.com/2020/09/03/marx-on-capital-as-a-real-god-2/, und ders.: Dark Eucharist of the Real God, 25. November 2021; https://ianwrightsite.wordpress.com/2021/11/25/dark-eucharist-of-the-real-god/

(2) Siehe Heinrich Heine: Die romantische Schule, in: Sämtliche Schriften, Band 3. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2005, S. 472.

(3) Zit. wie EWG-Bankier Rothschild – Zweite Fortsetzung. Der Spiegel, Nr. 35, 28. August 1962; https://www.spiegel.de/politik/zweite-fortsetzung-a-a0708175-0002-0001-0000-000045141360. An anderer Stelle berichtet Heine zum Thema Geld: „Es ist alles still, wie in einer verschneiten Winternacht. Nur ein leiser, monotoner Tropfenfall. Das sind die Zinsen, die fortlaufend hinabträufeln in die Kapitalien, welche beständig anschwellen; man hört ordentlich, wie sie wachsen, die Reichtümer der Reichen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut. Manchmal auch klirrt etwas, wie ein Messer, das gewetzt wird.“ Vgl. H. Heine: Über Frankreich. Lutetia. Essays Zweiter Teil. Online: http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/lutetia52.shtml

(4) Vgl. Lars Schall: How About Money? Interview mit Bernard Lietaer, LarsSchall.com, 21. August 2012; https://www.larsschall.com/2012/08/21/how-about-money/.

(5) Jacques Ellul: Money and Power. InterVarsity Press, 1984, S. 75–76, 83–84. Von Interesse ist auch, dass sich der Theologe Karl Barth mit dem Mammon als eine „Macht“ bzw. „Gewalt“ beschäftigte, und zwar als einer der „herrenlosen Gewalten“ in dem Buch Das christliche Leben. (Andere „herrenlose Gewalten“ sind bspw. „Imperium“, „Ideologie“, „Genuss“ und „Mode“.) Barth zufolge begreift das Neue Testament „die Menschen als Schiebende nicht nur, sondern auch als Geschobene – als Treibende nicht nur, sondern als Getriebene.“ Geld kann eine eigene Macht werden, welche die Menschen zu Getriebenen macht. Vgl. Karl Barth: Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV/4, Fragmente aus dem Nachlass, Vorlesungen 1959-1961. Zürich, 1979. An anderer Stelle können wir bei Barth lesen: „Wo nicht der Mensch, sondern das zinstragende Kapital der Gegenstand ist, dessen Erhaltung und Mehrung der Sinn und das Ziel der politischen Ordnung ist, da ist der Automatismus schon im Gang, der eines Tages die Menschen zum Töten und Getötetwerden auf die Jagd schicken wird.“ Vgl. Karl Barth: Die kirchliche Dogmatik Band III/4. Zürich, 1951, S. 525. Die „herrenlosen Gewalten“ vermögen zu „verkleideten Religionen“ zu werden – und Geld ist potentiell eine „sehr reale Gottheit“: „Es gibt ja auch als Wissenschaft, Kunst und Politik, als Technik, Sport und Mode verkleidete Religionen: unter aller zur Schau getragenen Säkularität verborgen, aber umso rüstiger vollzogene Übergriffe und Überbauten in irgendein Jenseits hinein, Verehrungen verschiedenster Götter und Götzen: Mammon, das Geld, die mächtigste dieser verborgenen, aber sehr reellen Gottheiten!“ Vgl. Karl Barth: Das Christentum und die Religion (1963). In: Barth-Lesebuch, S. 41. Anhand der „Geld-Philosophie“ von Aristoteles gibt C. Tyler DesRoches zu bedenken: „Schlimmstenfalls riskiert der Einzelne, der das Geldverdienen als Selbstzweck verfolgt, ein Sklave dessen zu werden, was William James Booth als den ,unsichtbaren Meister‘ der Pleonexie bezeichnet (Booth 1993, 49).“ Aristoteles meint, dass es jenen, die ihr Leben der Idee widmen, „dass sie ihr Geld entweder unbegrenzt vermehren oder jedenfalls nicht verlieren“, nur darum geht, zu leben, und nicht darum, gut zu leben. Ihm zufolge sind das Gute Leben und Eudaimonia („Glückseligkeit“) mit einem Leben, das dem Geldmachen gewidmet ist, unvereinbar. Vgl. C. Tyler DesRoches: On Aristotle’s Natural Limit; https://philarchive.org/archive/DESOAN. Zum Geld in der Griechischen Antike bzw. im Denken des Aritoteles siehe auch Richard Seaford: Money and the Early Greek Mind – Homer, Philosophy, Tragedy, Cambridge University Press, 2004, und Stefan Eich: The Currency of Politics – The Political Theory of Money from Aristotle to Keynes, Princeton University Press, 2022.

(6) Vgl. Michael Hudson: …And Forgive them their Debts – Lending, Foreclosure and Redemption. ISLET, 2018, S. 9-16, 224-227. Was das Erlassen / Streichen von Schulden betrifft, dem Jesus Stimme verlieh: das sumerische Wort „amargi“, welches für „Schuldenfreiheit“ verwendet wurde, ist laut dem Anthropologen und Anarchist David Graeber „der erste überlieferte Begriff für ,Freiheit‘ in einer uns bekannten Sprache“ überhaupt. Vgl. David Graeber: Schulden. Die Ersten 5000 Jahre. Klett-Cotta, 2011, S. 72. Zur Vertiefung in diesen Sachverhalt siehe Michael Hudson: The Lost Tradition of Biblical Debt Cancellations. 1992; https://hgarchives.files.wordpress.com/2015/03/hudson-the-lost-tradition-1993.pdf, und ders.: Reconstructuring the Origins of Interest-Bearing Debt and the Logic of Clean Slates, 2003; https://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.202.1247&rep=rep1&type=pdf

(7) Vgl. Bernhard Lauret: Schulderfahrung und Gottesfrage bei Nietzsche und Freud. Kaiser, 1977, S. 169.

(8) Zit. wie Tim Di Muzio / Richard H. Robbins: Debt as Power, S. 125-126. Für weitere Literatur, die eine Verbindung zwischen Geld / Schulden / Ökonomie und Religion / Theologie herstellt, siehe bspw. Robert H. Nelson: Economics as Religion – From Samuelson to Chicago and Beyond. Penn State Press, 2001. Dirk Baecker (Hrsg.): Kapitalismus als Religion. Kulturverlag Kadmos, 2003. Philip Goodchild: Theology of Money. Duke University Press, 2009. Nicholas Heron: Liturgical Power – Between Economic and Political Theology. Fordham University Press, 2017. Elettra Stimili: Debt and Guilt – A Political Philosophy. Bloomsbury Academic, 2018. Devin Singh: Divine Currency – The Theological Power of Money in the West. Stanford University Press, 2018. Adam Kotsko: Neoliberalism’s Demons – On the Political Theology of Late Capital. Stanford University Press, 2018. Benjamin M. Friedman: Religion and the Rise of Capitalism. Knopf, 2021.

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