Wie kam Rothschild an sein Ursprungsvermögen?

An dieser Stelle sei einmal kurz erklärt, woher das Vermögen von Mayer Amschel Rothschild ursprünglich stammte.

Von Lars Schall

Die Sache ist recht einfach geklärt:

Der Gründer Mayer Amschel, dessen Familie schließlich „zwischen 1815 und 1914 die mit Abstand größte Bank der Welt kontrollierte“, verdankte dem Landgrafen (bzw. Kurfürsten) von Hessen-Kassel raue Mengen an Geld zum Handel und zur Verwaltung des Riesenvermögens des Kasselaners. Es wäre uferlos sich hier über die Einzigartigkeit des Vermögens der hessischen Dynastie in Kassel, Darmstadt und Hanau zu verbreiten. Nur eines dazu: durch Blicke in die Biographie Der erste Rothschild: Biographie eines Frankfurter Juden von 1998 (bei der allerlei Archive aus Frankfurt und von der Familie das Wesentlich beisteuerten) erhält man zwei unerlässliche Antworten:

1) Wie kam der einst mittellose Amschel aus der Judengasse zu seinem eigenen Vermögen? – Insbesondere indem er zusammen mit Carl Friedrich Buderus von Carlshausen das pralle Vermögen des Hauses Hessen verwalten und mehren durfte.

2) Woher und wie hatte Hessen-Kassel dieses zum Teil Rothschild zur Verwertung anvertraute Vermögen angehäuft? Nota bene schon vor den Einkünften aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg? – Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika gibt darüber Aufschluss. Wiewohl das Hauptgewicht der Dokumente und Bilanzbücher dieser Untersuchung auf den Soldatenlieferungen 1775 -1783 liegt, erfahren wir doch ab dem zweiten Kapitel zwei wichtige Sachverhalte: dass im 18. Jahrhundert Ausbildung und Handel mit Soldaten in Hessen weiter und professioneller entwickelt war als selbst in Preußen; und dass die Bereicherung Hessens an den Truppenlieferungen bereits im „ersten Weltkrieg“ – nämlich dem Siebenjährigen Krieg um die Welt der Kolonien – begann und dem Haus Braunschweig / Hannover die Oberhand sicherte.

Mit andern Worten, der Landgraf war in der zweiten Jahrhunderthälfte vermutlich der reichste Dynast in Kontinental-Europa. In dessen Diensten konnte Mayer Amschel Rothschild nicht arm bleiben.

Muss es uns wundern, dass große Vermögen bisweilen auf Angelegenheiten des Krieges zurückgehen? Nicht wirklich, denn schon immer gab es Gewerbe, schrieb der deutsche Ökonom Edgar Salin im Jahr 1930, „die vom Kriege leben und die im Frieden nichts anderes sehen als die ,Zerstörung ihrer Nahrung‘ – man lasse in Gedanken ihre Schar an sich vorübergehen, angefangen mit jenen Helmschmieden und Lanzenschäftern, die Aristophanes anprangert, und endend mit Teilen der modernen Rüstungsindustrie; immer hatten Heereslieferer und Geldwechsler im Krieg ihre gute Zeit – man denke an jene Kaufleute, deren gewinnreiches Treiben der Simplicius Simplicissimus des Grimmelshausen schildert, oder an berühmte Namen des ältesten englischen Hochadels, die auf Kriegswucherer zurückführen.“ (1)

Edgar Salin war übrigens der Neffe des New Yorker Investmentbankers Jacob H. Schiff (Kuhn, Loeb & Company) – Spross jener Schiff-Familie, welche sich mit den Rothschilds zu Zeiten von Mayer Amschel ein Doppelhaus in der Frankfurter Judengasse geteilt hatte. (2)

Quellen:

(1) Edgar Salin: Die deutschen Tribute, Reimar Hobbing Verlag, 1930, S. 68. Bzgl. Soldatenlieferungen: diese machten im 18. Jahrhundert bspw. nicht nur Hessen-Kassel reich, sondern auch gewisse Familien in der Schweiz: „Organisiert war das Söldnertum von einflussreichen Militärunternehmer-Familien in der Alten Eidgenossenschaft, die damit viel Geld und Einfluss im In- und Ausland erwarben. … In der frühen Neuzeit und bis Ende des 18. Jahrhunderts gab es keine Nationalstaaten und keine Wehrpflicht. Söldner waren der Normalfall, das Militär war nicht von den Ländern selbst, sondern von privaten Anbietern organisiert. Der Handel mit Soldaten, Waffen, Munition, Uniformen und Nachschub lief länderübergreifend.“ Siehe Alexandra Bröhm: Das grosse Geschäft mit den Schweizer Söldnern. Tagesanzeiger, 1. August 2022; https://www.tagesanzeiger.ch/das-grosse-geschaeft-mit-den-schweizer-soeldnern-573486600390

(2) Vgl. Stephen Birmingham: Our Crowd – The Great Jewish Families of New York, Syracuse University Press, 1996, S. 155.

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