Inflation: Verschiebung des Sozialvertrags

In einem Ausschnitt des Buchs „Notizen zur jüngeren Weltgeschichte“ wird die Inflation als eine Art Steuer definiert, bei der sich der Staat wie ein Räuber gebärdet.

Von Lars Schall

„Remota itaque iustitia quid sunt regna nisi magna latrocinia?
Nimm das Recht weg, was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande?“

— Augustinus —

Für das Buch „Notizen zur jüngeren Weltgeschichte“ habe ich einige Blicke in ein Buch der US-Ökonomin Pippa Malmgren geworfen, um erstmals in deutscher Übersetzung dies zur Inflation als räuberischer Aktion vorbringen zu können:

… Wenn in einem Geld-Rausch mehr Dollar und Anleihen in den Umlauf gelangen, indes die Kosten des Geldes, also die Zinsen, dauerhaft bei null Prozent liegen, werden Finanzanlagen in die Höhe steigen – was Sinn und Zweck der Übung ist. Aus diesem Grund rechnet man es sich bei der Federal Reserve „als Verdienst an, dass der US-Aktienmarkt anstieg, nachdem die Quantitative Lockerung eingesetzt wurde. Der Grund, um Geld zu drucken, besteht darin, die Finanzvermögenswerte steigen zu lassen und somit Investoren zurück an die Märkte zu locken. Wenn Regierungen den Preis des Geldes drücken, um es fast umsonst zu machen – zumindest für die Banken –, zwingen sie die Beteiligten in der Wirtschaft zum Spekulieren. Wenn Bargeld nicht mehr viel wert ist und beim Leihen nichts kostet, kann eine Regierung Bürger dazu bewegen, ihre Ängste vor Schulden abzulegen, und stattdessen mit dem Spekulieren zu beginnen und wieder in Vermögenswerte zu investieren.“ (1) Unter der Oberfläche betrachtet ist das von dramatischer Natur. Denn angenommen, der Zinssatz stellt „eine Art demokratisches Instrument“ dar, welches dazu dient, „die Interessen zwischen den Kreditnehmern und den Kreditgebern in einer Gesellschaft“ auszubalancieren, muss diese Balance „gerecht“ sein. Durch die inflationsschürende Politik der Federal Reserve geschieht jedoch das schiere Gegenteil: „Ungerecht wird es dann, wenn Zinsraten künstlich niedrig gehalten werden, weil sie den Kreditnehmer auf Kosten der Kreditgeber, welches die Sparer sind, bevorzugen. Dies verschiebt das Gleichgewicht der Mächte in einer Gesellschaft, weil Inflation eine Art Steuer ist, vielleicht sogar eine Enteignung, eine Konfiszierung. Es ist eine Taktik, bei welcher der Staat Geld vom Sparer und von den schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft stiehlt, um seine eigenen Interessen zu stärken. Wenn der Staat Sparern oder Kreditnehmern auf Kosten des jeweils anderen hilft, verändert er damit den Sozialvertrag, ob es den Bürgern nun gefällt oder nicht.” (2)

Zwar ist die Politik der Federal Reserve inflationsschürend; sie sorgt aber zugleich dafür, dass ein wichtiges Inflationssignal ausgeschaltet wird. Die Federal Reserve kauft in sehr großem Umfang US-Staatsanleihen, die emittiert werden, selbst auf. „Wenn Regierungen ihre eigenen Anleihen kaufen, müssen alle anderen ihrem Beispiel folgen und ebenfalls kaufen, weil die Regierungen den Preis hochtreiben. Dies bedeutet, dass der Anleihemarkt seine traditionelle Rolle als Frühwarnsystem, das jeden vor einem steigenden Inflationsrisiko warnt, nicht erfüllen kann. Die Regierungen haben die Quantitative Lockerung dazu benutzt, die Antenne zu kappen. Deshalb ist es Unfug, wenn die Zentralbanken darauf bestehen, die Anleihemärkte signalisierten keine Inflation, während ebendiese Zentralbanken durch ihre Kaufaktivitäten in Vermögenswerten sicherstellen, dass keine Inflationssignale gesendet werden können. Die Zentralbanken haben die Leitung so sicher unterbrochen, wie jemand die Verbindungsleitung der Bremsen zu den Rädern unterbrechen kann. Anders ausgedrückt: Der Punkt bei der Quantitativen Lockerung ist, die Zinsen niedrig zu halten. Das, so glauben die Regierungen, dient dem Schutz der Bürger, weil die Hypotheken- und Kreditzinssätze sehr niedrig bleiben. Es bedeutet auch, dass die Regierungen einen Anstieg der Inflation anstreben – das aber stellt einen Weg dar, Schulden gegenüber den Bürgern nicht zu bezahlen. Die Regierungen sind bereit, heute die Preise für Vermögenswerte hoch zu halten, und nehmen dabei das Risiko in Kauf, dass unser Lebensstandard in Zukunft sinkt.“ (3)

Was die „Quantitative Lockerung“ (Quantitative Easing) angeht, so siehe ferner in Sachen Theorie und Realität hier und hier. Außerdem gilt es ins Kalkül zu ziehen, dass die aufgebaute Schuldenlast im Westen durch die Inflation gesenkt zu werden vermag. „Eine erhöhte Inflation führt dazu, dass nominale Schulden billiger zu bedienen sind. Regierungen und Zentralbanken haben schon viele Male die Inflation angekurbelt, um aus der Verschuldung herauszukommen.“ (4)

In Sachen Inflation wäre des Weiteren zweierlei zu beachten: 1. Die Kreditvergabe privater Geschäftsbanken für unproduktive Transaktionen (Kredite für Konsum- oder Vermögenstransaktionen) führen zu einer nicht nachhaltigen Verbraucher- bzw. Vermögensinflation – siehe hier und hier. Und 2. bzgl. des Beispiels der USA: „Die Überstimulierung der Inlandsnachfrage im Jahr 2020 wurde durch die massive Schaffung von Bankkrediten erreicht, die letztlich für den Konsum bestimmt waren. Daher die derzeitige Inflation.“ Siehe hier. Den Anstieg der Bankkredite in den USA im Jahr 2020 können Sie wiederum hier sehen. Inwiefern das QE-Programm während der Corona-Pandemie zusätzlich zum Wachstum von neuen Bankeinlagen in den USA führte, sehen Sie abschließend hier.

Quellen:

1 Philippa Malmgren: Signals – The Breakdown of the Social Contract and the Rise of Geopolitics. Grosvenor House Publishing, 2015, S. 107.

2 Vgl. ebd., S. 107-108. Inflation ist im Grunde eine versteckte Steuer: „Inflation bewirkt genau dasselbe wie eine Steuer. Sie transferiert Ressourcen von der privaten Nutzung zur öffentlichen Nutzung. Aber im Gegensatz zu den Steuern bewirkt die Inflation einen solchen Transfer ohne den Prozess der Legitimation.“ Vgl. die Aussage von Attiat F. Ott in Impact of Inflation on the Economy – Hearings Before the Task Force on Inflation of the Committee on the Budget, U.S. House of Representatives, 1979. Zur Frage, zu welchen Einkommensumverteilungen die Inflation zwischen Arbeitnehmern und Kapitalisten und zwischen kleinen und großen Unternehmen führt, siehe Jonathan Nitzan / Shimshon Bichler: Capital As Power – A Study of Order and Creorder. Routledge, 2009, S. 370-375. Schon der spätscholastische Denker Juan de Mariana (1536-1624) kam in seiner Schrift „De monetae mutatione“ (1609) zu dem Schluss, „dass eine inflationäre Geldpolitik um jeden Preis vermieden werden muss, weil sie sowohl der Ethik als auch der wirtschaftlichen Effizienz zuwiderläuft.“ Wird eine solche Politik, wie unter den Habsburgern zur Zeit von Philip III., ohne die Zustimmung des Volkes betrieben, „dem durch die Belastung ein Teil seines Wohlstands entzogen wird, ist sie ,unerlaubt und falsch‘, und selbst wenn sie mit dessen Zustimmung betrieben wird, hielt er sie aus verschiedenen Gründen für falsch und zerstörerisch.“ Vgl. Gabriel Calzada: Facing Inflation Alone – Juan de Mariana and His Struggle against Monetary Chaos. Quarterly Journal of Austrian Economics, Nr. 2, 2018, S. 110-136; https://mises.org/library/facing-inflation-alone-juan-de-mariana-and-his-struggle-against-monetary-chaos. Marianas Buch, in dem er die Geld-Entwertung durch den König angriff, veranlasste den Königshof, den Gelehrten ins Gefängnis zu werfen und ihn des schweren Verbrechens der Majestätsbeleidigung (lèse majesté) zu beschuldigen. Für eine deutsche Übersetzung der Schrift von Juan de Mariana siehe Josef Falzberger (Hrsg.): De Monetae Mutatione (MDCIX) / Über die Münzveränderung (1609). Manutius, 1996. Laut dem Ökonom John Maynard Keynes, (der die Worte Lenin zuschrieb – basierend auf einem Bericht von einem Lenin-Interview im April 1919), besteht „der beste Weg, das kapitalistische System zu zerstören“, darin, „die Währung zu entwerten“. Vgl. Michael V. White / Kurt Schuler: Retrospectives – Who Said “Debauch the Currency”: Keynes or Lenin? Journal of Economic Perspectives, Vol. 23, Nr. 2, Frühling 2009; https://pubs.aeaweb.org/doi/pdf/10.1257/jep.23.2.213. Ernest Hemingway wiederum meinte: „Das erste Wundermittel des schlecht geführten Staates ist die Inflation der Währung, das zweite ist der Krieg. Beide führen zu zeitweiligem Wohlstand, beide führen zu permanentem Ruin. Aber beide sind die Zuflucht von politischen und wirtschaftlichen Opportunisten.“ Zit. wie Ernest Hemingway: Notes on the Next War – A Serious Topical Letter. Esquire, September 1935; https://harpers.org/2007/09/hemingway-on-the-politics-of-war/. Der Ruin stellt sich allgemein „auf zweierlei Art“ ein, wie es bei Hemingway heißt: „Erst allmählich, dann plötzlich.“ Vgl. Ernest Hemingway: Fiesta – The Sun Also Rises. Arrow Books, 1994, S. 120.

3 Philippa Malmgren: Signals, S. 163.

(4) Vgl. Lars Schall: Die Welt kehrt zum Gold zurück. Goldseiten, 29. April 2020; https://www.goldseiten.de/artikel/447916–Die-Welt-kehrt-zum-Gold-zurueck.html

 

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